Sie haben noch nie von Emmett Till gehört? Damit sind Sie hierzulande wohl leider nicht allein. Denn obwohl sein Name häufig im gleichen Atemzug wie Rosa Parks oder gar Martin Luther King Jr. genannt wird, ist seine Geschichte und die große Relevanz für die Schwarze Bürgerbewegung der Vereinigten Staaten international deutlich weniger bekannt als es bei den Vorgenannten der Fall ist. Dies könnte sich jedoch bald ändern, denn mit dem am 26. Januar erscheinenden Film „Till – Kampf um die Wahrheit“, wird die Geschichte von Emmett Till und seiner Mutter Mamie Till Mobley erstmals als internationaler Spielfilm auf die große Leinwand gebracht.

Die Fotographie wurde an der Beerdigung von Emmett Till aufgenommen und zeigt die Verzweiflung der Angehörigen nach dem schrecklichen und brutalen Mord. Das Bild stammt aus der Sammlung des Smithosnian und wurde unter der Lizenz Public Domain veröffentlicht.

Die Ermordung eines schwarzen Jungen

Emmett Louis Till war ein 14-jähriger afroamerikanischer Junge aus Chicago, der im Sommer 1955 zu Besuch bei seinem Onkel in Money, Mississippi war. Vor seiner Abreise warnte ihn seine Mutter Mamie, dass Chicago und Mississippi unterschiedliche Welten seien und er sich in Anwesenheit von Weißen im Süden gut benehmen und – sollte es notwendig werden – sogar auf den Knien um Vergebung bitten solle. Die späteren Geschehnisse sollten leider nur zu deutlich zeigen, wie angebracht ihre Warnung war.

Am 24. August 1955 war Emmett in Money mit seinem Cousin und einigen anderen Jungen aus dem Ort unterwegs und ging in Bryant’s Grocery and Meat Market, um Süßigkeiten zu kaufen. Das Lebensmittelgeschäft gehörte dem 24-jährigen Roy Bryant und seiner 21-jährigen Frau Carolyn, welche an diesem Tag allein im vorderen Teil des Ladens war.

Das Bild zeigt die Überreste des Ladens, in dem das Verhängnis seinen Anfang nahm. Am 24.08.1955 betrat Emmett den Laden der Bryants. Carolyn Byrant gab 2017 zu, dass ihre Aussage, Emmett hätte sie ergriffen und verbal belästigt, gelogen war. Das Bild wurde unter der Lizenz Public Domain veröffentlicht.

Es ist bis heute umstritten, welche Tatsachen sich genau in dem Laden zutrugen. Till wurde jedenfalls beschuldigt, mit Carolyn Bryant geflirtet, sie berührt oder ihr nachgepfiffen zu haben und damit – womöglich unwissentlich – gegen den ungeschriebenen Verhaltenskodex zwischen Schwarzen und Weißen im Süden der USA verstoßen zu haben. Doch selbst wenn die drastischste Darstellung seiner Annäherung den Tatsachen entsprochen hätte, wäre dies in keiner Weise eine Rechtfertigung gewesen für das, was Emmett Till infolgedessen angetan wurde.

Einige Tage später, in den frühen Morgenstunden des 28. August 1955, fuhren Carolyns Ehemann Roy Bryant und dessen Halbbruder John William Milam zum Haus von Emmetts Onkel. Mit einer Pistole und Taschenlampe bewaffnet, verschleppten sie Emmett aus dem Haus seiner Verwandten. Sie schlugen und verstümmelten den 14-Jährigen, schossen ihm mit einer Kugel in den Kopf und versenkten seine Leiche im Tallahatchie River, wo sie drei Tage später entdeckt und geborgen wurde.

Emmett Tills Mord und seine Bedeutung für die Bürgerrechtsbewegung

Tills Leiche wurde zu seiner Mutter nach Chicago überführt. Man kann sich wohl kaum vorstellen, was Mamie Till Mobley beim Anblick des angeschwollenen und völlig entstellten Körpers ihres Sohnes empfunden haben mag. Doch die bemerkenswerte Frau traf die Entscheidung, ihren Sohn in einem offenen Sarg bestatten zu lassen, damit alle Welt sehen konnte, was mit ihm geschehen war.

Emmetts Fall hatte bereits zu seinem Verschwinden erste Aufmerksamkeit in der Presse erhalten. So kamen tatsächlich Zehntausende zur Leichenhalle, um ihn zu sehen und auch an seiner Beerdigungszeremonie nahmen tausende Menschen teil. Fotos seines verstümmelten Leichnams erschienen in Zeitungen im ganzen Land, so dass die Öffentlichkeit nicht länger die Augen vor den brutalen Auswirkungen des verbreiteten Rassismus verschließen konnte. Der Schwarzen Bevölkerung insbesondere wurde dadurch deutlich wie noch nie: Nicht einmal ihre Kinder sind sicher.

Das Versagen der Justiz

Roy Bryant und John William Milam wurden des Mordes an Emmett Till angeklagt. Der Prozess fand im September 1955 und dauerte fünf Tage. Doch trotz belastender Beweise und Aussagen z.B. von Tills Onkel (er identifizierte einen der weißen Mörder mit Fingerzeig, was für einen Schwarzen in jener Zeit außerordentlichen Mut erforderte), wurden Bryant und Milan von der weiß-männlichen Jury für nicht schuldig befunden. Dadurch geschützt vor doppelter Strafverfolgung, gaben die beiden Mörder in einem Interview 1956 sogar öffentlich zu, den Jungen gefoltert und ermordet zu haben.

Die Brutalität von Emmett Tills Lynchmord, sein junges Alter und die Tatsache, dass seine Mörder davongekommen waren, sorgte für besondere Empörung und Aufruhr unter der Schwarzen US-Bevölkerung. Tills Mord wurde nicht zuletzt durch den mutigen Aktionismus seiner Mutter so zu einem Katalysator für die Bürgerrechtsbewegung in den USA. Einige Monate nach der Ermordung nahm Rosa Parks an einer Kundgebung für Till teil, die von Martin Luther King Jr. angeführt wurde. Nur kurz darauf ereignete sich ihre legendär gewordene Weigerung, ihren Sitzplatz im segregierten Bus zu verlassen. Parks sagte später, sie habe dabei an Emmett Till gedacht.

Emmett Tills Wirkung bis zum heutigen Tag

Die Ereignisse um Tills Leben und Tod sind untrennbar mit der Geschichte der Afroamerikanerinnen und -amerikaner in den Vereinigten Staaten verbunden und zeigen bis heute Wirkung. So trug sein Mord zur Verabschiedung des „Civil Rights Act of 1957“ bei, welcher das Justizministerium zum Eingreifen in örtliche Strafverfolgung berechtigt, wenn Bürgerrechte des Einzelnen gefährdet sind. Und erst im März des vorigen Jahres 2022 unterzeichnete Präsident Joe Biden den wegweisenden „Emmett Till Antilynching Act“, der Lynchjustiz zu einem Hassverbrechen erklärte.

Dass Emmett Tills Geschichte bis heute noch keinen Abschluss gefunden hat, sieht man auch bei aktuellen Morden an Schwarzen in den USA. So fühlten sich die Familien von George Floyd und Emmett Till trotz der unterschiedlichen Zeiten und Umstände der Fälle stark verbunden – in ihrer Trauer und dem, was danach kam.

Der Film „TILL – KAMPF UM DIE WAHRHEIT“ zeigt somit nicht nur ein Stück US-amerikanischer Geschichte, sondern den bis in die heutige Zeit fortwährenden Kampf der schwarzen US-Amerikanerinnen und -Amerikaner nach Gerechtigkeit und Gleichberechtigung. Und den besonderen Mut einer Mutter, die für diesen Kampf über ihre persönliche Trauer hinauswuchs.

Kinostart des Films ist der 26. Januar 2022.

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