Diese Ostern wurde in der ARD der Zweiteiler „Der Überläufer“ nach dem Roman von Siegfried Lenz ausgestrahlt. Der Film kann nunmehr auch im Handel erworben werden und ich habe ein Ansichtsexemplar der DVD zur Verfügung gestellt bekommen. Parallel hierzu habe ich den Roman von Lenz gelesen, sodass ich in diesem Artikel die wesentliche Handlung des Buchs beschreiben, die interessante Geschichte der langen „Nicht-Veröffentlichung“ des Werks und die Person des Autors vorstellen möchte, wobei ich abschließend den Film mit der Romanvorlage vergleichen werde.

 

"Der Überläufer" behandelt zentrale Themen des II. Weltkriegs und überzeugt sowohl als Roman wie auch in seiner filmischen Umsetzung.
„Der Überläufer“ behandelt zentrale Themen des II. Weltkriegs und überzeugt sowohl als Roman wie auch in seiner filmischen Umsetzung. Buch: 2017 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München (c) 2016 by Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, Umschlaggestaltung: Wildes Blut, Atelier für Gestaltung, Stephanie Weischer unter Verwendung eines Fotos von akg-images/picture alliance/ZB; DVD: (c) 2020 DasErste.de / Dreamtool Entertainment GmbH (c) 2020 Pandastorm Pictures GmbH, Fanny-Zobel-Straße 9, 12435 Berlin

Inhaltsverzeichnis

  1. Das Buch „Der Überläufer“
  2. Warum wurde das Buch so lange nicht veröffentlicht?
  3. Eine kurze Biographie des Autors Siegfried Lenz
  4. Der Film im Vergleich zur Romanvorlage
  5. Das Buch und den Film kaufen

1. Das Buch „Der Überläufer“

Osteuropa zum Ende des II. Weltkrieg: Die Ostfront bricht ein, in den besetzten Gebieten werden die deutschen Besatzer von Partisanen blutig bekämpft und der Endsieg ist nicht viel mehr als ein Hirngespinst brutaler Mörder. In dieser Zeit macht sich der junge Soldat Walter Proska, der in den Masuren aufgewachsen ist (ein Gebiet, das früher im Süden Ostpreußens lag, in dem der Autor Siegfried Lenz geboren ist – die Region gehört heute zum Staatsgebiet Polens), mit dem Zug auf den Weg in die Ukraine, um nach einem Urlaub in seiner Heimat zur Ostfront zurückzukehren. Dem Zug steigt die junge und schöne „Walda“ – eine Partisanin – bei, die in Proska sofort tiefe Zuneigung weckt. Obwohl er einen Anschlag von Walda vereiteln kann, wird der Zug von einer Mine getroffen. Proska findet sich in der Einöde der osteuropäischen Sümpfe wieder. Dort muss er sich einer Einheit der Wehrmacht anschließen, die von einem menschenverachtenden Unteroffizier geführt wird und in der die verschiedensten Menschen zusammengewürfelt sind, um gegen die Partisanen zu kämpfen – dieser Kampf ist ein zentrales Thema von Lenz Werk.

Die unsichtbare Gefahr durch Partisanen, die in den Sümpfen und Wäldern überall lauern könnten, setzt den Soldaten zu – ebenso das Hadern mit dem eigenen Schicksal. Es ist eine kraftvolle und bildhafte Sprache, die den Stil von Lenz auszeichnet und auch seine Erzählung so eindrücklich macht. Wenn der einfache, oberschlesische Soldat Zwiczosbirski vor Angst, dass sein unerlaubtes Entfernen von der Truppe und der Verlust seines Gewehrs gemeldet werden, im Dialekt zu Walter Proska sagt „Ich weiß, daß er diesmal wird telefonieren. Haus gehört nicht nur den Menschen, sondern auch den Wanzen. Und Leben von Zwiczosbirski gehört ihm nicht ganz allein, sondern auch dem Herrn Unteroffizier. Was war ich dumm, daß ich hab vermietet mein Leben. Was krieg ich?“, dann fasst dieser in einfachsten und dennoch starken Worten zusammen, was damals viele Menschen erlebten und traumatisierte: Das eigene Leben lag in den Händen anderer und man war Leid und Tod schutzlos ausgesetzt. Gerade die Einfachheit und Natürlichkeit der Sprache vermittelt ein Gefühl der Authentizität, die eine dokumentarische Schilderung der damaligen Ereignisse nicht erreichen kann.

Dem einfachen „Zwiczos“ steht der nachdenkliche und intellektuelle Soldat Wolfgang gegenüber. Wolfgang hadert mit dem Krieg und plant zu desertieren. Den inneren Kampf, den die Soldaten mit sich selbst ausfechten mussten, wird dabei an vielen Stellen des Buchs offenbar und deutlich: „Warum sitz ich hier? Warum bin ich hergegangen, ohne mich zu sträuben? Warum denn? Weil sie mich erschossen hätten?“

Wolfgang wie auch Walter werden später zur Sowjetarmee überlaufen. Dieses titelgebende Thema prägt das Buch und gab ihm in der frühen Adenauerzeit eine Brisanz, die zur späten Veröffentlichung der Erzählung führte: Freund und Feind verschwimmen für den einfachen Soldaten, der an seine Befehle gebunden und Teil einer todesbringenden Maschinerie ist. Wenn Proska, der im Sumpf die geheimnisvolle Walda wiedertrifft und mit ihr intim wird, Momente später – ohne dies zu wissen – deren Bruder erschießen muss, weil dieser ihm zu nahe kommt und es den grausamen Regeln des Krieges entspricht, dass nur einer der beiden die Begegnung überleben kann, dann hebt die Erzählung auch die Zufälligkeit und Schicksalshaftigkeit hervor, die die Menschen im Krieg ertragen mussten. Denn gleichsam – nun auf der anderen Seite kämpfend und ebenfalls unwissend – erschießt Proska später seinen eigenen Schwager im vergeblichen Versuch, seinen Wegbegleiter Wolfgang zu retten.

Ein weiteres zentrales Thema greift das Werk von Lenz mit dem Ende des Krieges auf: Den Terror in der sozialistische Besatzungszone. Proska, der sich den sowjetischen Machthabern verdient gemacht hat, erhält Amt und Unterkunft, muss aber täglich beobachten, wie andere „abgeholt“ werden und nicht mehr wiederkommen.

 

2. Warum wurde das Buch so lange Zeit nicht veröffentlicht?

Manfred Papst schrieb für die NZZ am Sonntag, dass das Buch so spannend sei, wie die Geschichte seiner langjährigen Nicht-Publikation. Doch warum kam es zu dieser? Lenz begann die Arbeit an „Der Überläufer“ im Jahr 1951; also zu einer Zeit, als die Schrecken des Krieges noch allgegenwärtig waren, die junge Bundesrepublik unter Konrad Adenauer sich den Westmächten zuwandte und der Kalte Krieg begann. In dieser Zeit war es politisch und gesellschaftlich nicht gewollt, ein Buch über einen deutschen Soldaten zu veröffentlichen, der zur Sowjetarmee überlief. Der für den Roman zuständige Lektor empfahl Lenz deshalb, zu dem jungen Walter Proska noch einen „positiven“ Gegenspieler aufzunehmen, sodass die Tat (die Desertion und das Kämpfen für die Rote Armee) mehr als Einzelfall erscheinen würde. Dieser Vorschlag hätte allerdings eine komplette Änderung des Romans zur Folge gehabt und so antwortete Lenz seinem Lektor, dass er „diesen Roman nicht schreiben werde“. Um zu verdeutlichen, warum der Roman ein gesellschaftliches Tabu aufgriff, sei darauf hingewiesen, dass der Bundestag erst im Jahr 1998 ein Gesetz zur Rehabilitierung der Deserteure beschloss – nach hitzigen Debatten.

Aus heutiger Sicht ist festzustellen, dass Siegfried Lenz sich sehr nachdenklich und überlegt der Thematik der „Überläufer“ gewidmet hat. Für die damalige Zeit war die Erzählung wohl zu früh. „Der Überläufer“ wurde statt 1952 erst im Jahr 2016 posthum veröffentlicht.

 

3. Eine kurze Biographie des Autors Siegfried Lenz

Siegfried Lenz wurde 1926 in der Region Masuren (Ostpreußen) geboren und ist 2014 in Hamburg verstorben. Als Schriftsteller wurde er vor allem mit seinem Roman „Deutschstunde“ bekannt. Er war im Krieg bei der Kriegsmarine eingesetzt, desertierte kurz vor Ende des Krieges und geriet in britische Gefangenschaft. Ein nach dem Krieg begonnenes Studium der Philosophie, Anglistik und Literaturwissenschaft an der Universität Hamburg brach er ab, um für „Die Welt“ zu arbeiten, die auch seinen ersten Roman „Es waren Habichte in der Luft“ als Fortsetzungsroman (sogenannter Feuilletonroman – regelmäßige Veröffentlichung eines Teils) vorab abdruckte. Als politischer Schriftsteller engagierte er sich in der jungen Bundesrepublik in der SPD mit Günter Grass und unterstützte insbesondere die in Deutschland höchst umstrittene Ostpolitik von Willy Brandt. Sein Hauptwerk stellen 15 Romane und zahlreiche Kurzgeschichten dar.

 

4. Der Film im Vergleich zur Romanvorlage

(c) 2020 DasErste.de / Dreamtool Entertainment GmbH (c) 2020 Pandastorm Pictures GmbH, Fanny-Zobel-Straße 9, 12435 Berlin
(c) 2020 DasErste.de / Dreamtool Entertainment GmbH (c) 2020 Pandastorm Pictures GmbH, Fanny-Zobel-Straße 9, 12435 Berlin

Der Roman ist als Erinnerung Walter Proskas gestaltet, der den Mut gefunden hat, seiner Schwester zu offenbaren, dass er deren Mann erschossen hat. Dahingegen wird auf dieses erzählerische Stilmittel im Film verzichtet, der auch mehrere kleine Erzählstränge ausnimmt und vor allem das Ende der Erzählung sehr frei erzählt. Zwiczos vergeblicher Kampf mit dem Hecht, der ihn in den Wahnsinn treibt, wird der Straffung der Erzählung geopfert. Dahingegen nimmt die Tätigkeit Walters in der SBZ einen weitaus größeren Rahmen als im Buch ein. Auch der Unteroffizier und Wolfgang sind im Film wesentlich präsenter. Das verwundert aber nicht weiter und nimmt der Erzählung auch nicht seine Eindrücklichkeit, denn durch diese Protagonisten erhält der Film starke Charaktere: Der brutale und menschenverachtende Unteroffizier, der seine Macht in der „Festung“ ausspielt und einen unschuldige Dorfpfarrer ohne Skrupel erschießt, nimmt im Film nach Kriegsende stellvertretend die Rolle Zigtausender ein, die sich im Krieg schuldig gemacht haben und nun ein „normales“ Leben weiterführen und ihre Verantwortung vergessen möchten. Wolfgang wiederum nähert sich – ausgestattet mit Macht und einem unermüdlichen Hass – genau den Tätern an, die er im Krieg verachtet hat.

Siegfried Lenz erzählt eine zeitlose Geschichte, die auch in ihrer filmischen Umsetzung sehr empfehlenswert ist. Historische Filme sind beliebt, weil sie das Geschehene – das 75 Jahre nach Kriegsende für die heutigen Generationen sehr fern scheint – erleb- und fühlbar macht. Das gelingt auch in „Der Überläufer“. Die Schauspieler stellen die inneren Zwänge ihrer Protagonisten überzeugend und gekonnt dar. Es ist eindrücklich, wie Zwiczos nach dem Tod seines Kameraden in den Wahnsinn verfällt und Walda mit ihren Gefühlen kämpft, weil der Mann, in den sie sich verliebt hat, ein Feind ist und ihren Bruder erschossen hat.

 

5. Das Buch und den Film kaufen

Das sehr lesens- und empfehlenswerte Buch und der Film sind im Fachhandel erhältlich. Mit den Kauf über die nachfolgenden Links unterstützen Sie Geschichte-Wissen, ohne dass Ihnen hierdurch Mehrkosten entstehen: