verschwinden-des-josef-mengeleEin Kriegsverbrecher, der bestialische Menschenversuche an den Opfern von Auschwitz begangen hat, reist unter falschem Namen für einen Besuch in seine bayerische Heimat. Er hat einen Verkehrsunfall, woraufhin ein Polizist bestochen wird, um jegliches Aufsehen zu vermeiden. Ein Industriekonzern, der dem Sohn – eben dieser Kriegsverbrecher – des Patriarchen finanzielle Zuwendungen macht, um diesem ein angenehmes Leben in Südamerika zu ermöglichen. Deutsche Behörden, die jahrelang keinen Eifer entwickeln, diesen Menschen seiner gerechte Strafe zuzuführen.

Diese Sätze lesen sich wie eine erdachte Geschichte und spiegeln doch das Leben des Josef Mengele wieder. Der Autor Olivier Guez hat einen lesenswerten Roman über den Todesengel von Auschwitz verfasst und taucht in „Das Verschwinden des Josef Mengele“ tief in das Innere des Mörders ein.

 

Lagerarzt in Auschwitz-Birkenau

Josef Mengele wurde am 16.03.1911 in Günzburg geboren. Sein Vater Karl hatte einen Landmaschinenbetrieb zum größten Unternehmen der Stadt aufgebaut, das beim Tod des Vaters im Jahr 1959 mehr als 2.000 Mitarbeiter hatte – noch heute dürfte der Namen „Mengele“ den meisten Menschen ein Begriff sein, obwohl es das Unternehmen unter diesem Namen nicht mehr gibt.

Obwohl ihm eine Karriere als Unternehmer bereits in die Wiege gelegt war, entschied sich Josef Mengele für ein Studium der Medizin und später auch der Anthropologie. Bereits in seiner Doktorarbeit beschäftigte sich Mengele mit der Rassenkunde, die er später teuflisch “erforschen” sollte.

Josef_Mengele1937 wurde Mengele Mitglied der NSDAP, im Jahr darauf der SS. Im Jahr 1940 absolvierte er eine militärärztliche Ausbildung bei der Waffen-SS. Mit Beginn des Überfalls auf die Sowjetunion war Mengele an der Front im Einsatz. 1943 erfolgte dann die Abordnung an das KZ Auschwitz. Dort entwickelte Mengele eine besondere Bereitschaft, am Massenmord mitzuwirken. Seuchen und Krankheiten bekämpfte er äußerst rücksichtslos. Zu seinen Hauptaufgaben als Lagerarzt gehörte die Selektion ankommender Menschen: Mengele hatte so die Macht, über Leben und Tod zu bestimmen. Dabei stach Mengele unter den Ärzten hervor, denn er sei sehr gepflegt gewesen und habe während den Selektionen Opernarien gepfiffen. Seine Todesurteile habe er mit einer Daumenbewegung gefällt.

Wegen seiner fürchterlichen Menschenversuche gelangte Mengele zu trauriger weltweiter Berühmtheit. Erkrankte Kinder ließ er umbringen, um sie zu untersuchen. Absonderungen der Mundschleimhaut von kranken Kindern wurden gesunden Kindern gespritzt. Mit der Erforschung von Zwillingen wollte Mengele zu wissenschaftlichem Ruhm und Ansehen gelangen.

„Wenn die sowieso ins Gas gehen…“

Chirurgische Eingriffe erfolgten in Ausschwitz ohne Narkose. Menschen wurden getötet, um sie sezieren und untersuchen zu können. Die Menschen durchlitten bei Mengele die wortwörtliche Hölle auf Erden.

Nach Kriegsende befand sich Josef Mengele auf der Flucht und gelangte schließlich nach Südamerika, das für die nächsten 30 Jahre seine Heimat werden sollte und wo er sich jeder juristischen Verantwortung für seine Verbrechen entziehen konnte.

 

Ein eindrücklicher Roman

Während der Überfahrt Mengeles nach Argentinien setzt der Roman an. Guez schildert, wie Mengele in Peróns Argentinien auf ein willfähriges Nazi-Helfernetzwerk trifft und auf die finanziellen Zuwendungen seiner reichen Familie zählen kann. Das Leben meint es gut mit dem Massenmörder im fernen Südamerika. Die junge Bundesrepublik ist vollauf mit sich selbst beschäftigt und es braucht erst den Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, um einen Haftbefehl gegen Mengele zu erwirken. Es ist dieses Panorama der Zeit, die Guez Roman so lesens- und empfehlenswert macht. Unter tätiger Hilfe verschiedenster Stellen gelangen Nazi-Verbrecher nach Argentinien, das diese unter der Herrschaft von Perón gerne aufnimmt. Dort bauen sie sich unbehelligt ein neues Leben auf, verehren weiter ihren Führer und versuchen aus der Ferne, in Deutschland wieder an Macht zu gelangen, bis Adenauer dies durch das Verbot der Sozialistischen Reichspartei unterbindet.

Einen Roman über den „Todesengel von Auschwitz“ zu schreiben, ist ein gewagtes Unterfangen. Schnell vergreift man sich im Ton oder mischt Fiktion und reales Geschehen zu einem ungenauen und verwirrenden Gesamtergebnis. Diese Fehler unterlaufen Guez nicht – mit Distanz ordnet er Mengeles Fluchtstationen in die größeren Zusammenhänge ein: Wie nah ihm der Mossad kommt, er aber das Glück hat, dass sich die Aktivitäten des israelischen Geheimdienstes in Richtung des stärker werdenden arabischen Konflikts verlagern. Oder dass es erst eines Fritz Bauers und einer wachsenden Medienöffentlichkeit bedarf, um die bundesdeutsche Nachkriegspolitik und -justiz zu einer entschlossenen Verfolgung nationalsozialistischer Verbrecher zu bringen. Eindrücklich sind dann wieder die (fiktionalen) Auseinandersetzungen Mengels mit seinem Leben – Reue und Schuld empfindet er nicht, vielmehr hält er es für ungerecht, dass sein Doktorvater und andere NS-Täter in der Bundesrepublik weiter in verantwortlichen Positionen sind. Es ist historisch belegt, dass Mengele in seinen letzten Jahren an seiner Isoliertheit litt und vor allem Selbstmitleid empfand. Dies greift Guez treffend auf – Dialoge und Schilderungen aus dem Inneren des Verbrechers sind – in einem moralischen Sinne – oft schwer zu ertragen. Das Leugnen der eigenen Verantwortung gipfelt in einem Gespräch Mengeles mit seinem Sohn, der ihn das erste und letzte Mal in Südamerika besucht.

Neben diesen hervorhebenswerten positiven Eindrücken des Romans ist aber auch zu erwähnen, dass der Autor teils abschweift und mit ausladenden Schilderungen beispielsweise der argentinischen politischen Situation etwas irritiert. Leser, die sich nur wenig mit der Kriegs- und Nachkriegsgeschichte beschäftigt haben, dürften die vielen Personen, Ereignisse und Namen verwirren – um die Zusammenhänge zu verstehen, bedarf es eines guten geschichtlichen Hintergrundwissens. Nichtsdestotrotz hebt sich „Das Verschwinden des Josef Mengele“ aus der Vielzahl anderer historischer Romane – egal zu welchem Thema – hervor. Sehr nah an den historischen Gegebenheiten erzählt Guez eine große Geschichte von Schuld, Versagen und Ungerechtigkeit.

 

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