Sie können mit einer Aussage ihr ganzes bisheriges Leben verändern und setzen freiwillig beziehungsweise aktiv ihre Freiheit aufs Spiel: Whistleblower. Whistleblower sind Personen, die für die Allgemeinheit relevante Informationen aus einem geheimen oder geschützten Zusammenhang an die Öffentlichkeit bringen. In den letzten Jahren sind immer wieder Persönlichkeiten an die Öffentlichkeit gegangen und haben bedeutende Informationen beispielsweise zum Irakkrieg und zum NSA-Skandal veröffentlicht.

 

Der Film OFFICIAL SECRETS: Die Geschichte der Katharine Gun

Katharine Gun
Katharine Gun wollte die Irakinvasion verhindern – der Film OFFICIAL SECRETS zeigt ihre Geschichte. Das Bild wurde auf dem Filmfest Hamburg aufgenommen. (c) Filmfest Hamburg Martin Kunze und Michael Kottmeier 2019

Viele dieser Whistleblower werden nicht nur wie Helden gefeiert, sondern ihre Geschichten sind auch Inhalt zahlreicher Dokumentationen und Filme. Der neueste Kinofilm, der eine Whistleblower-Geschichte thematisiert, ist OFFICIAL SECRETS (Kinostart am 21.11.2019). Der Film erzählt die Geschichte der Übersetzerin Katharine Gun, die vor 16 Jahren alles riskierte, um die Irak-Invasion abzuwenden. Unter größtmöglichen Risiken und Konsequenzen für sich und ihr engstes Umfeld brachte sie die Wahrheit ans Licht.

Die der internationalen Öffentlichkeit nur wenig bekannte Katharine Gun konnte die Invasion in den Irak nicht verhindern – und doch hat sie der britischen und weltweiten Öffentlichkeit einen großen Dienst erwiesen: Sie ermöglichte einen schlaglichtartigen Einblick in die US-amerikanische und britische Politik vor Ausbruch des Irakkriegs. Whistleblower wie sie bringen skandalöse Missstände in Regierungen, Behörden und Unternehmen ans Licht. Einige Leaks erschüttern die Öffentlichkeit, andere haben noch weiterreichende, mitunter sogar historische Folgen. Katharine Gun steht mit ihrem Handeln in einer Reihe mit den wichtigen Whistleblowern der jüngeren Vergangenheit.

 

Daniel Ellsberg und die „Pentagon-Papers“

Daniel Ellsberg etwa. Er arbeitete für die RAND Corporation, die die US-Streitkräfte beriet, und hatte so Zugang zu streng geheimen Militär-Dokumenten. Diese spielte er, 7000 Seiten stark, der „New York Times“ und der „Washington Post“ zu (Empfehlung: Der Kampf der freien Presse gegen die Regierung wegen der Veröffentlichung dieser Dokumente wird glänzend in dem Film „Die Verlegerin“ erzählt). Die „Pentagon Papers“ belegten: Richard Nixons Regierung und die drei vorangegangenen Regierungen hatten die Öffentlichkeit systematisch über den Vietnamkrieg belogen. Ellsberg und einem Helfer drohten wegen Spionage 115 Jahre Haft, doch das Verfahren wurde nach einem weiteren Skandal eingestellt: Nixon hatte Geheimdienstmitarbeiter beauftragt, Ellsberg auszuspionieren, und diese waren sogar in die Praxis seines Psychiaters eingebrochen.

 

Der Watergate-Skandal: Ein Whistleblower stürzt den Präsidenten der USA

Das hatte Methode, wie man seit dem Watergate-Skandal weiß: 1972 wurde im Watergate-Komplex, dem Hauptquartier der Demokratischen Partei eingebrochen. William Mark Felt, der stellvertretende FBI-Direktor, gab Informationen über die Ermittlungen an die „Washington Post“-Journalisten Bob Woodward und Carl Bernstein weiter – und diese konnten belegen, dass der Einbruch aus Nixons direktem Umfeld gesteuert wurde. Der trat 1974 zurück, als bislang einziger Präsident der Geschichte der USA. Für Felt hatte der Skandal keine Konsequenzen: Er gab sich der Öffentlichkeit nämlich erst 2005 in hohem Alter als Whistleblower zu erkennen. Bis dahin wusste niemand, wer die Quelle war, die die ganze Welt nur als „Deep Throat“ kannte.

 

Wikileaks und Chelsea Manning

Im Zeitalter des Internet wurde die Veröffentlichung geheimer Unterlagen einfacher. Bradley Manning hatte als US-Soldat im Irak Zugang zu einem Computernetzwerk des Militärs. Er kopierte hunderttausende vertrauliche Unterlagen und übergab sie 2009 der Enthüllungsplattform Wikileaks. Darunter war auch ein Video, das zeigte, wie US-Soldaten aus einem Hubschrauber Zivilisten töteten. Manning wurde 2010 enttarnt und 2013 zu 35 Jahren Haft verurteilt. Nach dem Urteil erklärte er, transsexuell zu sein und künftig als Frau unter dem Namen Chelsea leben zu wollen. 2016 versuchte Chelsea Manning im Gefängnis zweimal, sich das Leben zu nehmen. Barack Obama begnadigte sie, seit 2017 ist sie frei.

 

Edward Snowden – der bekannteste Whistleblower

Der bekannteste Whistleblower ist Edward Snowden. Der IT-Spezialist arbeitete für eine externe Sicherheitsfirma, die für den Geheimdienst NSA tätig war. 2013 setzte er sich mit geheimen Daten nach Hongkong ab und veröffentlichte diese mithilfe des „Guardian“-Journalisten Glenn Greenwald und der „Washington Post“. Sie belegten: Die NSA und der britische Geheimdienst GCHQ überwachten mit dem Programm „Prism“ die digitale Kommunikation von Menschen auf der ganzen Welt. Betroffen waren auch Politiker wie Angela Merkel. Snowden lebt seit 2013 in Russland, wo ihm Asyl gewährt wurde. Bei einer Rückkehr in die USA droht ihm eine lange Haftstrafe wegen Geheimnisverrats und Spionage.

 

„Swiss Leaks“

Andere Whistleblower deckten Skandale in ihren Unternehmen auf: Der IT-Spezialist Hervé Falciani („Swiss Leaks“) kopierte um 2006/2007 herum tausende Kundendatensätze der Genfer HSBC Private Bank, einer Tochter der britischen HSBC. Sie zeigten, wie die Bank ihren Kunden half, Schwarzgeld zu verschleiern und Steuern zu hinterziehen. Und mehr noch: Die Bank machte auch dubiose Geschäfte mit Schwerkriminellen. Ermittler aus Deutschland und elf weiteren Ländern konnten hunderte Steuerbetrüger entlarven und über eine Milliarde Euro an Nachzahlungen und Strafgeldern eintreiben.

 

Die Machenschaften der Reichen und Mächtigen: „Panama Papers“

Viele Menschen, die Journalisten mit Informationen versorgen, schaffen es, geheim zu bleiben. Darunter ist auch einer der bedeutendsten Whistleblower: Nach wie vor ist unbekannt, wer die „Panama Papers“ lancierte, die Dokumente über die panamaische Kanzlei Mossack Fonseca: Diese richtete für Politiker, Stars und reiche Privatpersonen Briefkastenfirmen ein, mit denen sie schmutzige Geschäfte verschleiern konnten. Die Panama Papers sind der quantitativ größte Leak bisher: Die Datensätze umfassten 11,5 Millionen Dokumente, sie entlarvten 214 000 Briefkastenfirmen. Das „International Consortium of Investigative Journalists“, darunter Redakteure der „Süddeutschen Zeitung“, wertete die Dokumente aus und erhielt dafür den Pulitzer-Preis. In der Folge trat der schwer belastete Ministerpräsident Islands zurück, gegen tausende mutmaßliche Betrüger wurden Prozesse begonnen.

 

Mehr Informationen zum Film OFFICIAL SECRETS unter anderem mit Keira Knightley und Ralph Fiennes.