Für mich war das einer der Tage, die man im Leben nie vergisst. Ich hatte damals Nachtschicht und so habe ich alles live miterlebt.

Gilbert Jacoby in einem Trabi
Überhaupt war die Wendezeit für mich eine der schönsten, interessantesten, ja, spannendsten Zeiten in meinem Leben

Bevor ich zur Arbeit musste, habe ich zuerst im ZDF die „Heute-Nachrichten“ gesehen und anschließend im Osten die „Aktuelle Kamera“ (das habe ich in der Wendezeit täglich gemacht, um die Meldungen zu vergleichen). Dort habe ich auch die Pressekonferenz gesehen, in der Günter Schabowski das legendäre neue Ausreisegesetz vorlas. Ich selbst habe das, was er da vorlas zu diesem Zeitpunkt zwar zur Kenntnis genommen, habe es aber nicht auf mich selbst bezogen – ich dachte, dass damit diejenigen gemeint waren, die teilweise seit Jahren einen Ausreiseantrag zu laufen hatten. Es war ja schließlich meist von „ständiger Ausreise“. Für die Leute freute ich mich zu dem Zeitpunkt.

Ich ging dann zur Arbeit. Was dann die ARD-Nachrichtensendung um 20.00 Uhr daraus machte – nämlich die Supermeldung des Tages, nein des Jahres – das sah ich nicht mehr.

Ich war also arbeiten. Als ich mit der Arbeit fast fertig war – kurz nach Mitternacht – kam ein älterer Kollege in der Werkstatt angelaufen und meinte:

„Du, ich hör gerade Radio – die rennen alle auf dem Ku´damm rum!“
Ich fragte noch: „Wer läuft da rum?“
Der Kollege: „Na – unsere Leute!“

Völlig fassungslos und ungläubig ging ich mit ihm mit und wir hörten die restliche Nacht Radio.

Als ich nach Hause kam, wussten natürlich auch meine Eltern auch schon davon. Ich ging erst mal ein paar Stunden schlafen und meine Mutter besorgte die Visa für uns alle. Mein Onkel, der Bruder meiner Mutter, wohnte seit 1986 in Westberlin (er ist damals freigekauft worden), ihn besuchten wir und ich blieb das ganze Wochenende dort (der 10. November ’89 war ein Freitag). Er zeigte mir vieles in Westberlin, was ich sonst nur aus dem Fernsehen kannte. Die Emotionen die wir alle hatten, kann man eigentlich kaum beschreiben, man muss ja dabei berücksichtigen, dass wir bis dahin damit nicht gerechnet hatten und dachten, dass wir erst als Rentner in den Westen kommen würden. Selbst das neue, erst kurz davor erlassene Reisegesetz brachte kaum Verbesserungen. So lief ich durch Westberlin teils immer noch fassungslos, neugierig, glücklich – also euphorisch, aber einmal auch verärgert über eine Frau mittleren Alters, die sich bereits am 10. 11. 89 über die vollen S-Bahnen aufregte und meinte, sie hoffe, die Mauer wird bald wieder zu gemacht (typische „Insulaner-Mentalität“ – scheint es bis heute dort zu geben, sind aber nicht alle so).

In den folgenden Monaten fuhr ich noch oft nach Westberlin, Ausweis und Reisepass waren bald voll mit Visa. Überhaupt war die Wendezeit für mich eine der schönsten, interessantesten, ja, spannendsten Zeiten in meinem Leben, in der ich (als damals 22-jähriger) auch politisch aktiv wurde und im Februar 1990 in den Demokratischen Aufbruch eintrat.

 

Ein Rückblick

Rückblickend kann ich sagen, dass meine Verwunderung über die dann so plötzliche Maueröffnung nicht unbegründet war. Ich weiß gar nicht mehr, ob ich das damals irgendjemandem gegenüber geäußert habe, aber schon an diesem unvergesslichen Wochenende schoss mir ein Gedanke durch den Kopf: Denn schon vor dem Mauerfall war mir völlig klar, dass diese Mauer mit Todesstreifen das einzige war, was die DDR seit 1961 vor dem Ausbluten und damit vor dem Untergang bewahrte. Nun war diese „Lebensversicherung“ für diesen Staat weg. Das musste das Ende für die DDR bedeuten. So dachte ich schon an diesem ersten Wochenende nach dem Mauerfall. Wie recht ich hatte, zeigte sich dann. Und es ging sogar noch viel schneller, als ich dachte. Nicht einmal ein Jahr danach gab es keine DDR mehr.

 

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