Vor 30 Jahren am 09. November 1989 fiel die deutsche Mauer und eine in der Geschichte einmalige Teilung eines Staates näherte sich seinem Ende. Auf Geschichte-Wissen berichtete unser Autor Gilbert Jacoby über seine Erinnerungen an dieses prägende Ereignis und diese wichtige biographiebildende Zeit.

Das ZDF sendete anlässlich des Mauerfall-Jubiläums den TV-Dreiteiler „Preis der Freiheit“, der jetzt auf DVD erhältlich ist und den wir gerne hier vorstellen möchten.

DVD-Cover
© ZDF / W&B Television / Mathias Bothor / Edel Motion

Eine DDR-Familiengeschichte

Trotz der 30 Jahre, die die Mauer nun Geschichte ist – die deutschen Staaten wurden im Jahr 1990 wiedervereinigt – prägte die Teilung Deutschlands die Biographien von Millionen Bundesbürgern.

Gerade deshalb dürften Familiengeschichten auf dieses besondere Interesse stoßen, denn so können die Konflikte, Meinungen und Probleme der DDR im „Kleinen“ anschaulich erzählt werden. Die großartige Serie „Weissensee“ hat vorgemacht, wie man Geschichte spannend und lebensnah darstellt und dabei doch die großen Botschaften betonen kann. „Preis der Freiheit“ braucht sich diesbezüglich nicht zu verstecken, denn erzählerisch bildet die Arbeit der Kommerziellen Koordinierung um Alexander Schalck-Golodkowski den Rahmen des Films, in dem die unterschiedlichen Lebensvorstellungen dreier Töchter einer „dunkelroten“ Bonzen-Familie aufeinandertreffen.

Besonders interessant ist die Darstellung der Arbeit der Kommerziellen Koordinierung, die im Staatsapparat des sozialistischen Staates eine bedeutende Stellung einnahm, obschon sie mit Sozialismus nicht das geringste zu tun hatte.

 

Die Arbeit der Kommerziellen Koordinierung in der DDR als Rahmenhandlung

Das DDR-Wirtschaftssystem war nicht wettbewerbsfähig und bereits in den 1980er Jahren drohte die internationale Zahlungsunfähigkeit. Durch die vielfältigen Aktivitäten der Kommerziellen Koordinierung konnte der Fortbestand des Systems jedoch gesichert werden.

In anderen bekannten Filmen und Serien wie „Weissensee“ und „Deutschland 83“ standen das Militär und das Ministerium für Staatssicherheit im Fokus. Die KoKo wurde dagegen kaum thematisiert, obwohl die Bedeutung der Devisenbeschaffer immens war.

 

Szenebild von Alexander Schalck-Golodkowski
Alexander Schalck-Golodkowski (Thomas Thieme) ist Leiter der Kommerziellen Koordination, kurz: KoKo, die als kapitalistische Devisen-Beschaffungsmaschine die DDR finanziell stabilisiert. © ZDF / W&B Television / Mathias Bothor / Edel Motion

 

Fakten zur Kommerziellen Koordinierung

  • Ziel: Beschaffung von Devisen mit allen legalen und illegalen Methoden Die KoKo erwirtschafte über 25 Milliarden Westgeld und deckte damit akuten Kreditbedarf kurzfristig.
  • Die KoKo hatte über 3.000 Beschäftigte und mehr als 150 Firmen und Gesellschaften.
  • Ein Teil der Geschäfte umfasste die Beschaffung von Embargoware, den Import von Sondermüll aus der Bundesrepublik und Häftlingsfreikäufe.
  • Der schillernde Leiter der KoKo war Alexander Schalck-Golodkowski.

 

Die drei Schwestern Margot, Lotte und Silvia

Anhand der drei Schwestern Margot, Lotte und Silvia werden die verschiedenen Themen, die die Menschen am Ende der DDR bewegten, vorgestellt. Es gelingt dem Film dabei glücklicherweise, sich nicht in der Vielfalt der verschiedenen Probleme zu verlieren: Margot, die in der KoKo Karriere gemacht hat, ordnet ihrem Beruf und dem Sozialismus ihr gesamtes Leben unter: Ihre Ehe genauso wie ihre zwei Ziehkinder. Dabei ist es gerade die Rücksichtslosigkeit in ihrem Denken und Handeln, mit der sie ihre Familie vor den Kopf stößt und diese letztlich entzweit. Lotte dagegen lebt als alleinerziehende Mutter eines Heranwachsenden in einer kleinen Wohnung und betreibt einen Buchhandel. Geprägt durch ein starkes Gewissen und einen aufrechten Charakter hinterfragt sie die bestehende Ordnung und engagiert sich immer stärker in der Umwelt- und Freiheitsbewegung. Derweil verliert sie aber ihren Sohn aus den Augen, der – völlig vom System desillusioniert – sich rechten Skindheads zuwendet. Derweil ist die dritte Schwester Silvia, die die DDR verlassen und ihre Kinder bei Margot zurücklassen musste, im Westen mit immensen Ehrgeiz darum bemüht, das verhasste System zu Fall zu bringen.

 

Ein großes gesellschaftliches Panorama

Die Besetzung von Preis der Freiheit
Vlnr: Aaron Hilmer (Rolle: Roland), Nicolette Krebitz (Rolle: Ina Winter), Nadja Uhl (Rolle: Lotte Bohla), Angela Winkler (Rolle: Else Bohla), Barbara Auer (Rolle: Margot Spindler), Joachim Krol (Rolle: Paul Spindler), Janina Fautz (Rolle: Christa), Jonathan Berlin (Rolle: Markus Welsch) © ZDF / W&B Television / Mathias Bothor / Edel Motion

 

Exemplarisch werden die großen Themen der sich im Niedergang befindlichen DDR offengelegt: Auf staatlicher Seite befand sich die DDR vor dem wirtschaftlichen Ruin. Die Planwirtschaft konnte im Vergleich zum Kapitalismus des Westens nicht bestehen – die Betriebe der DDR waren veraltet und hatten kaum Innovationskraft. Demgegenüber wuchs die Zahl der Menschen, die das System hinterfragten: Die offensichtliche Zerstörung der Natur legte all die Fehler des Systems offen dar und der westliche Lebensstil zog große Bevölkerungsteile an, die gleichzeitig die allgegenwärtige Macht der Partei nicht mehr hinnehmen wollten. Dass in Gestalt von Lottes Sohn auch eine verlorene junge Generation zu Wort kommt, die sich in Protest zum Sozialismus dem Nationalsozialismus zuwandte (Man denke nur an die schrecklichen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen im Jahr 1992 kurz nach der Wiedervereinigung), erzeugt insgesamt ein großes gesellschaftliches Panorama. Gerade das macht den TV-Dreiteiler so sehenswert.

 

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