Heinz Lippmann (c) Privat
Heinz Lippmann (c) Privat

Heinz Lippmann war Stellvertreter von Erich Honecker bei der Freien Deutschen Jugend bis er 300.000 Mark aus der Parteikasse stahl und in den Westen floh. Wer war dieser Mann? Selbst für seine Enkelin Karoline Kleinert war Heinz Lippmann ein Phantom: Ihr Großvater war für ihre Großmutter nur „das Schwein“, in ihrer Familie wurden Gespräche über das Familienmitglied gemieden und sie selbst lernte den Mann nie kennen.

Die freiberufliche Journalistin machte sich auf eine Spurensuche: Sie lernte Weggefährten und Bekannte ihres Großvaters kennen, wertete Berichte und Akten aus und kam so dem Menschen Heinz Lippmann näher. Ihre Erfahrungen hat sie filmisch und in einem Buch verarbeitet: „Sie nannten ihn Verräter“ ist im Buchhandel erhältlich.

 

Ein Jude, der zum Kommunisten wird

In Heinz Lippmanns Leben spiegelt sich die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts wider. Er wächst in einer wohlhabenden jüdischen Fabrikantenfamilie in Berlin auf und erlebt eine behütete und glückliche Kindheit in der Weimarer Republik. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten bedeutet auch für ihn einen tiefen Einschnitt. Die Ausgrenzung in allen Bereichen seines Lebens belastet ihn schwer und ist ihm unverständlich: In seiner Familie spielte das Judentum keine herausgehobene Rolle – seine Mutter ist Nichtjüdin. Dennoch wird er diskriminiert, vorgeführt und aller Zukunftshoffnungen beraubt.

Der Mut und die Waghalsigkeit, die sein gesamtes Leben prägen wird, zeigen sich aber bereits im heranwachsenden Alter: Er plant mit Freunden – darunter seiner Freundin – aus dem Hitlerreich zu fliehen. Fatalerweise scheitert die Flucht und die Gestapo wird auf die jungen Menschen aufmerksam. Wie naiv und unbedarft Mutter und Sohn reagieren, zeigt sich, als sich Heinz Lippmann selbst der Gestapo stellt und daraufhin die Hölle auf Erden in den Konzentrationslagern erleben muss.

 

In der Zeit seiner Inhaftierung wendet er sich dem Kommunismus zu. In der Todesfabrik Ausschwitz angekommen, ist er bereits auf der Todesliste, als sich andere Mithäftlinge – Sozialisten und Kommunisten – für ihn einsetzen und ihn retten. Er erlebt trotz der furchtbaren und unmenschlichen Zustände Zusammenhalt und hat eine Aufgabe. Die Sozialisten retten nicht nur sein Leben, sondern geben ihm auch wieder Lebenswillen und ein Ziel. Es ist zutiefst nachvollziehbar, dass sich dieser junge Mensch dem Kommunismus völlig verschreibt – ist es doch das einzige, das ihm in einer furchtbaren Zeit Halt und Stärke gibt.

Es ist dem Buch anzumerken, dass die Autorin möchte, dass die Leser sich damit auseinandersetzen, warum Heinz Lippmann so wurde wie er wurde: Welche Ereignisse, Menschen und Erlebnisse haben sein Handeln geprägt? Warum hat er sich so und nicht anders entschieden? Wie konnte aus einem überzeugten Kommunisten ein Dieb und Flüchtender werden?

 

Die perfiden Auswüchse der Rassen-Ideologie der Nationalsozialisten werden in dem Buch an einem Beispiel besonders deutlich: Um ihren Sohn aus der Hölle des Konzentrationslagers zu retten, behauptet seine Mutter in ihrer Verzweiflung, dass dieser nicht aus der Ehe mit ihrem Ehemann stammt, sondern einen deutschen Vater hat. Eine solche Behauptung veranlasste eine Untersuchung durch Ärzte, die die Abstammung (in Zeiten als es noch keine DNA-Tests gab) klären sollten. Der Sohn wurde deshalb aus dem Konzentrationslager in eine Klinik gebracht. Die Ärzte schenkten jedoch den Angaben der Mutter keinen Glauben. Die Rettung misslang.

 

Der Traum von einem neuen Deutschland

Heinz Lippmann überlebt das Konzentrationslager Ausschwitz und macht sich nach dem Ende des II. Weltkriegs auf, ein neues Leben aufzubauen: Mit Überzeugung und Eifer macht er sich daran, Deutschland nach sozialistischer Vorstellung umzubauen. Schnell steigt er in der Hierarchie der sich bildenden DDR auf und wird in der Freien Deutschen Jugend (FDJ), die er mit aufbaut, deren stellvertretender Vorsitzer neben dem späteren DDR-Führer Erich Honecker.

 

Heinz Lippmann ist auch für den Aufbau der West-FDJ zuständig, mit der er die westdeutsche Jugend indoktrinieren soll. Diese Bemühungen scheitern trotz waghalsiger Aktionen des Genossen Lippmann, der sich dabei den Ruf eines Draufgängers erwirbt.

 

Zeitungsbericht über Heinz Lippmann - Die Presse versuchte ihn als Lebemann zu zeichnen.
Zeitungsbericht über Heinz Lippmann – Die Presse versuchte ihn als Lebemann darzustellen. (c) Privat

Doch der Aufstieg endet hart: Warum gegen ihn Vorwürfe der Spionage und des Verrats laut werden, ist kaum mehr zu klären. Anlass gibt wohl auch, dass er am Anfang seiner Kaderlaufbahn über die Umstände seiner Gestapo-Verhaftung log: Er wollte verschweigen, dass er sich selbst der Gestapo gestellt hat. Dazu gesellt sich der Antisemitismus im stalinistischen Sowjetreich und die katastrophale Entwicklung der West-FDJ, für die man in Lippmann einen Sündenbock findet.

Kleinerts Großvater reagiert panisch: Er flieht nach Westdeutschland. Um sich ein Startkapital für sein neues Leben zu sichern, stiehlt er Gelder der FDJ, arbeitet mit dem westdeutschen Geheimdienst zusammen und lebt zeitweise völlig enthemmt in Saus und Braus. Sein Leben gleicht einem Spionagefilm aus dem Kino.

 

Warum floh und stahl er?

Trieb allein die drohende Entmachtung und politische Verfolgung in der DDR den Großvater zur Flucht? Hatten auch die zahlreichen West-Aufenthalte einen Einfluss auf die Entscheidung? Der Luxus und der westliche Lebensstil? Oder war Heinz Lippmann von der bitteren Realität im Arbeiter- und Bauernstaat enttäuscht?

 

Karoline Kleinert kann auf diese Fragen keine Antworten geben – sie versucht aber aufgrund ihrer Recherchen mögliche Beweggründe des Großvaters aufzuzeigen. Dabei nutzt die Autorin als Stilmittel – und dies irritiert an der ein oder anderen Stelle durchaus – Eindrücke und Gefühle aus Sicht von Heinz Lippmann. Anders als viele Biographien sucht sie gerade die Nähe zur Person. Das Buch ist damit auch eine verarbeitete Familiengeschichte.

 

 

(c) Rowohlt Verlag
(c) Rowohlt Verlag

Das Buch ist im Rohwolt Verlag erschienen. Wir können das Werk sehr empfehlen.

 

Karoline Kleinert: Sie nannten ihn Verräter – Auf den Spuren meines Großvaters zwischen Ost und West

ISBN: 978-3-498-03418-4

320 Seiten

€ (D) 22,00 / € (AT) 22,70

 

Das Buch ist auch auf Amazon erhältlich. Mit dem Kauf über diesen Link erhält Geschichte-Wissen als Werbepartner eine anteilige Provision.