Heute ist das Grundausbildungskompaniegebäude relativ leer, nur ein Teil der zur Verfügung stehenden Stuben ist besetzt. Denn seit diesem Jahr werden hier nur noch länger Dienende ausgebildet. Das war vor einem Jahr während meiner AGA (Allgemeine Grundausbildung) noch ganz anders! Ich war einer der letzten, die noch ihren Wehrpflicht abgeleistet haben. Nach dem Abi wollte ich erst einmal was komplett anderes machen, weshalb ich über den Einberufungsbescheid zum 1. Juli 2010 nicht wirklich traurig war. Bereits nach wenigen Minuten merkte ich allerdings, dass die Bundeswehr eine komplett andere Welt und auch ein Schock für einen sein kann! Nachdem ich die Wache passiert und endlich den Weg zu dem Gebäude gefunden hatte, in dem ich mich melden sollte, bekam ich einen kleinen Vorgeschmack auf mein „zukünftiges Leben“! Denn einige andere neue Rekruten und ich warteten mit den Händen in den Taschen, manche auch an die Wand gelehnt darauf, Informationen zu bekommen, als die erste Ermahnung kam: „Die Wand steht auch von alleine!“ – ein Spruch den wir noch häufiger zu hören bekommen sollten! Als ich darauf mit „okay“ antwortete gleich die nächste Ermahnung: „Bei der Bundeswehr heißt das Jawohl!“ Nachdem dies auch klar war, begann ein scheinbar endloser Kampf mit Formularen, die alle von uns ausgefüllt werden mussten. Gleichzeitig bemerkte ich auch, das niemanden der eigene Name interessierte, sondern man überall nur noch nach der PK (Personenkennziffer) gefragt wurde! Toll dachte ich, nur noch eine Nummer unter vielen! Kurz nach dem Papierkrieg handelte ich mir gleich den nächsten Ärger ein, denn ich lief einem Stabsunteroffizier, der eine Gruppe von Soldaten hatte antreten lassen durch die Front! Somit bekam ich gleich die dritte Lektion in Sachen „Verhalten bei der Bundeswehr“, denn so erklärte der Stuffz mir, müsse man entweder fragen, ob man durchtreten darf oder hinter ihm vorbeilaufen! Ich war zu diesem Zeitpunkt vielleicht gerade mal eine Stunde in der Kaserne, und wollte eigentlich nur wieder nach Hause! Doch es ging natürlich weiter und so empfingen wir noch Bettwäsche, einen Bundeswehrsportanzug und bekamen unsere Stuben gezeigt! Hier bekamen einige den nächsten Schock, denn die Stuben waren mit jeweils sechs Rekruten besetzt und die Einrichtung war wahrscheinlich älter als wir selbst!

Die nächsten Tage lernten wir grundlegende Dinge wie das Antreten im Gang und liefen bereits in einer Art Uniform herum, denn jeder von uns hatte ja den gleichen blauen Sportanzug empfangen! Gleichzeitig gewöhnten wir uns langsam an den Befehlston der Ausbilder!
Da der 1. Juli auf einen Donnerstag fiel, durften wir Samstag wieder nach Hause, um sich dann Sonntag Abend beim UvD (Unteroffizier vom Dienst) zurückzumelden! Meine Motivation war Sonntag Nachmittag absolut im Keller, denn Bundeswehr hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt. In den darauffolgenden Wochen folgte viel Unterricht über grundlegende Dinge der Bundeswehr. Beispielsweise wurden „Was ist ein Befehl?“ und die Dienstgrade jeden Tag abgefragt. Dann fuhren wir nach Ulm in die Bekleidungskammer um gefühlte tausend Dinge, die zu unserer Ausrüstung gehörten, zu empfangen und den Wandel vom Zivilisten zum Soldaten perfekt zu machen! Nun da wir ja unsere Ausrüstung besaßen, zeigte man uns wie man seinen Spind einzurichten hat, was dann auch bei regelmäßigen Stuben- und Spindkontrollen überprüft wurde! Mittlerweile machte es mir nichts mehr aus bei der Bundeswehr zu sein, ich hatte mich eingelebt und eingewöhnt! Die Tage verliefen jetzt mehr oder weniger alle nach einem gleichen Muster: Wir standen zwischen halb und dreiviertel Fünf auf, wuschen und rasierten uns, traten um kurz nach Fünf im Gang an, wo dann eine Vollzähligkeitsprüfung gemacht wurde, der Anzug und die Rasur kontrolliert und zu guter Letzt Liegestützen und andere sportliche Übungen gemacht wurden! Danach ging es in die Truppenküche zum Verpflegen, hier mussten wir auch lernen, dass es mit Essen dann vorbei ist, wenn der Ausbilder fertig ist! Anschließend reinigten wir unsere Stuben und eingeteilten Reviere, bis dann meistens so kurz nach halb Sieben die Ausbildungen begannen! Wir bekamen eine Sanitätsausbildung, ABC-Ausbildung, man bildete uns an den verschiedenen Waffen aus, wir hatten Drillausbildungen und mehr oder weniger jede Woche marschierten wir entweder auf die Schießbahn oder zum Übungsplatz um dort die Geländeausbildungen zu bekommen! Abends gab es dann – wenn den Tag über alles gut lief – ab halb sechs Dienstunterbrechung und um 23:00 Uhr Zapfenstreich!

Ein Höhepunkt jeder Grundausbildung, so auch bei uns ist da mehrtägige Biwak im Wald. Hier konnten wir unser neu erworbenes Wissen über Tarnen und Täuschen, Aufbau der „Dackelgarage“ (Zweimannzelt) und dem Stellungsbau anwenden und bekamen weitere Dinge, die für das Leben im Felde wichtig sind, beigebracht! Auf der einen Seite machte es richtig Spaß, auf der anderen Seite setzte der wenige Schlaf uns extrem zu, was den Rückmarsch mit dem schweren Gepäck zur Hölle machte! In der Kaserne angekommen, wollte jeder eigentlich nur noch ins Bett, denn wir schliefen fast im Stehen ein, aber erst Abends nachdem die Waffen und die Ausrüstung gereinigt waren, konnten wir uns endlich nach 4 Tagen wieder duschen, uns die Tarnschminke abwaschen und schlafen gehen!

Den Abschluss der Grundausbildung bildete die zweitägige Rekrutenbesichtigung, in der wir zeigen mussten, was wir alle gelernt hatten! Hier wurde noch einmal alles abverlangt   –  so wurden wir bereits um vier Uhr Nachts mit einer Fliegersirene geweckt, mussten unser Marschgepäck anlegen, die Gesichter mit Tarnschminke bemalen und zum Standortübungsplatz marschieren, wo ein Teil der Überprüfung stattfand! Nachdem wir am nächsten Tag völlig erschöpft vom langen Marsch ankamen, waren wir alle glücklich und stolz den größten Teil der AGA geschafft zu haben!

Eine Woche später kamen wir dann zu unseren Stammeinheiten, in denen wir unserer restliche Dienstzeit verbringen sollten!
Ich fühlte mich mittlerweile so wohl bei der Bundeswehr, dass ich beschloss noch freiwillig länger zu dienen! Den Schritt die Wehrpflicht abzuleisten und nicht zu verweigern habe ich außer in den ersten zwei Wochen nie bereut!

Autor: Jan Markus