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Vielfältig und tödlich: Kriegswaffen im Mittelalter

Waffentechnische Neuerungen, gesellschaftliche Strukturen und Veränderungen in der Militärtaktik haben im europäischen Jahrtausend zwischen 500 und 1500 das Kriegswaffenwesen wesentlich bestimmt. Die waffenhistorische Entwicklung im Mittelalter ist überaus facettenreich, doch ist ein allgemeiner Überblich durchaus möglich.
Diese Entwicklung stand in enger Verbindung mit der politisch-sozialen Bedeutung und dem Selbstverständnis des Adels in der damaligen Zeit als privilegierter Kriegerstand. In den ersten Jahrhunderten des Zeitalters zwischen Antike und Neuzeit hatten sich gepanzerte Ritter und ihre Hilfstruppen auf den Schlachtfeldern als überlegen erwiesen und waren als schwere Reiterei zum Kern der militärischen Kraft geworden. Am Ende des 15. Jahrhunderts erlebte die Dominanz der Ritter durch die zunehmende Bedeutung von Distanzwaffen und neuer, insbesondere von Schweizer Konfliktparteien erfolgreich eingeführter infanteristischer Taktiken den Anfang ihres Niedergangs.

 

Schwert und Schild

Allgemein gängig ist die Vorstellung vom mittelalterlichen Krieger als Schwert-und Schildträger. Das ist nicht verkehrt, da das Schwert als Blankwaffe und die Schutzwaffe Schild zu den wichtigsten Waffenarten des Mittelalters gehörten. Daneben ist aber eine Vielzahl von weiteren Waffen für das mittelalterliche Kriegswesen von Bedeutung gewesen. Diese Waffen können in drei verschiedene Kategorien unterteilt werden: Schutzwaffen sowie die zusammengefasst als „Trutzwaffen“ bezeichneten Nahkampfwaffen und Distanzwaffen.

 

In Harnisch gebracht

Zu den Schutzwaffen zählten neben den vielförmigen Schilden vor allem Helm und Rüstung. Wie auch bei den anderen Waffen unterlag diese Bewaffnung regionalen Unterschieden. Vor allem aber waren finanzielle Aspekte wesentlich ausschlaggebend für die Qualität des am („Harnisch“) oder vor („Schild“) dem Körper getragenen Schutzes vor feindlicher Waffeneinwirkung. Im Laufe der Zeit wurde die Entwicklung von Waffen- und Rüstungen immer aufwendiger und damit auch schwerer und teurer.
Am Anfang des Mittelalters bestand eine Ritterrüstung in der Regel aus ledernen Oberbekleidungstücken, auf die metallene Ringe angebracht waren (“Ringpanzer“). Im 12. Jahrhundert wurden die ganzmetallenen Kettenpanzer modern. Die flexibleren Kettenpanzer sorgten für eine bessere Beweglichkeit ihrer Nutzer, boten aber nur bedingt Schutz vor massiver Einwirkung. Um wirksamer gegen Schwerthiebe und Pfeilschüsse geschützt zu sein, wurde im Spätmittelalter die schmiedetechnische Innovation genutzt, größere Metallteile herstellen zu können. So entstanden eiserne Schutzröhren für Arme und Beine sowie Brustharnische, die schließlich durch lederne oder metallene Zwischenteile miteinander verbunden und mit einem Helm kombiniert zu Ganzkörperrüstungen wurden.
Die Form der anfangs meist topfförmigen Helme wurde laufend verändert. Neben der offenen, oft mit Kettenpanzerteilen im Halsbereich versehenen Beckenhaube entstanden zahlreiche Spezialmodelle wie Sturm- oder Schützenhaube. Schließlich wurden die Helme durch das Anbringen von Visieren geschlossen. Eine nur von wenigen Wohlhabenden finanzierbare Vollrüstung konnte bis 50 kg und mehr schwer sein. Folge war eine zunehmende Unbeweglichkeit der so gerüsteten Krieger. Ein Kampf zu Fuß kam für einen Vollgerüsteten nicht mehr in Frage. Mit dem Aufkommen immer durchschlagskräftigerer Distanzwaffen wie Langbogen, Armbrust und Feuerwaffen sowie durch die Einführung wirksamer Infanterie-Taktiken gegen Reiterangriffe wurde die massive Panzerung militärisch zunehmend bedeutungslos. Im 17. Jahrhundert waren die Panzerreiter vom Schlachtfeld weitgehend verschwunden.

 

Handgemein werden mit Hieb, Stich und Schlag

Das Kampfgeschehen im Mittelalter war, abgesehen von Belagerungen, vor allem durch offene Feldschlachten mit aufeinanderprallenden Reitern oder Fußsoldaten gekennzeichnet. Das Gefecht löste sich dabei in der Regel in blutige Handgemenge mit einer Vielzahl von Einzelkämpfen zu Fuß oder zu Pferde auf. Dementsprechend kam den Nahkampfwaffen besondere Bedeutung zu. Die in ihrer Detailvielfältigkeit nahezu unübersehbare Menge von Waffenarten kann grob in die Kategorien Griff-, Stangen- und Schlagwaffen unterteilt werden. Klassische Griffwaffe des Mittelalters war das Schwert. Zu den Varianten dieser entweder für Hieb, Stich oder auch beides ausgelegten Waffe gehörten 30 bis 80 cm lange Kurzschwerter, bis 110 cm lange, einhändig geführte Ritterschwerter sowie die überlangen Bihänder, die im Fußkampf von Spezialisten gegen Reiter und geschlossene Formationen verwendet wurden. Unter anderem dem Zerschlagen von Harnischen und Helmen dienten Schlagwaffen wie Streitkolben, Äxte und Kriegshämmer. Zu den Stangenwaffen zählten die sowohl im Reiter- wie im Fußkampf einsetzbare Lanze. Weitere Langwaffen mit Schaft waren der bis zu fünf Meter lange Spieß (“Pike“) und die sich daraus entwickelnde Hieb-Stichwaffen-Kombination der Hellebarde.

 

Pfeil und Bogen, Pulver und Blei

Heute werden Kriege fast ausschließlich mit Distanzwaffen wie Sturmgewehr, Geschützen und Raketen geführt. Aber auch das Mittelalter kannte „Fernewaffen“. Die ältesten Distanzwaffen waren Schleuder sowie Pfeil und Bogen. Insbesondere von Bogenschützen abgeschossene Hagel von schweren Pfeilen konnten – wie bei Azincourt 1415 – mitentscheidend für den Ausgang einer Schlacht sein. Mit den Bolzen der insbesondere in bürgerlichen Aufgeboten beliebten Armbrust konnten selbst dicke Brustpanzer durchschlagen werden. Nachteil der Armbrust war ihre wegen des langwierigen Spannvorgangs im Vergleich zum Bogen geringere Schussfolge. Durch die Verbesserung der auf Schießpulver basierenden Feuerwaffen wurde das Waffenwesen am Ende des Mittelalters radikal verändert. Schießpulver war wahrscheinlich bereits im Hochmittelalter in Europa bekannt. Die ersten, Steinkugeln verschießenden Geschütze sind für das 14. Jahrhundert belegt. Daraus entstanden erste, bald auch Bleikugeln abfeuernde Handbüchsen. Aus diesen zunächst nur durch ihren Knall beeindruckenden, unzuverlässigen Waffen wurden innerhalb weniger Jahrzehnte präzise und tödlich effiziente Distanzwaffen, die Artillerie und Infanterie zu den wichtigsten Waffengattungen werden ließen