Von Schwertern geht eine ganz besondere Faszination aus. Eine Faszination, die sich über viele historische Epochen hinweg erhalten hat. Bis in unsere heutige Zeit. Woher diese Faszination kommt und was sie für uns moderne Menschen bedeutet, darauf möchte ich in diesem Artikel genauer eingehen.

 

Abbildung aus dem Fechtbuch von Hans Talhoffer, 1467
Abbildung aus dem Fechtbuch von Hans Talhoffer, 1467 – Scan des Münchner Digitalisierungszentrums der Bayerischen Staatsbibliothek, Lizenz: Gemeinfrei

 

Die Faszination der Klingen

Von Klingen geht seit jeher eine besondere Ausstrahlung aus. Das ist kein Zufall. Die Herstellung von qualitativ hochwertigen Schneiden war und ist ein handwerklich äußerst komplexer Vorgang. Durch das mehrfache Falten des Stahls wurden nach und nach die natürlichen Verunreinigungen aus dem Material entfernt. Das anschließende Schmieden, Härten und Schleifen der neugeborenen Waffe erforderte allerhöchste Präzision. Nur eine winzige Schwäche in der Klinge, nur ein kleiner Fehler bei der Produktion konnte die Waffe entweder direkt unbrauchbar machen oder später im Kampf brechen lassen.

Doch waren es genau diese minderwertigen Schwerter, die letztlich die großen Mythen um Superschwerter begründeten. Excalibur, Arondight, Balmung oder Durendal sind nur einige Beispiele für die legendären Schneiden legendärer Helden, die mit ihrer Hilfe unglaubliche Heldentaten vollbrachten. Ihre realen Vorbilder waren qualitativ sehr hochwertige Waffen, die ihren Gegenstücken in Kämpfen derart überlegen waren, dass diese im Kampf brachen. Passierte dies mehrfach, war der Weg hin zu Gerüchten über ein unbesiegbares Schwert nicht mehr weit. Ein Schwert, eines Königs würdig.

 

Die Herrin vom See – ein Ritual der Herrschaftsübergabe

Sie war es, die König Artus das berühmte Excalibur überreichte. Eine geheimnisvolle Frau, Nimue genannt, einem See entstiegen. Ziehmutter des Lancelot und Geliebte des Zauberers und Artur-Mentors Merlin. Anscheinend ein Wesen aus einer anderen Welt. Und doch hat sie ganz reale Vorbilder.

Wasser gilt in der keltischen und nordischen Mythologie als ein Übergang zwischen Diesseits und Jenseits. Archäologische Funde haben bewiesen, dass in Mooren und Seen regelmäßig Opfer dargebracht wurden. An mehreren Stellen wurden Waffenopfer gefunden – allesamt vor dem Hinablassen in ihr wässriges Grab zerstört. Dies musste unbedingt geschehen, bevor sie als Opfergabe dargebracht werden konnten. Denn man ging von einer jeder Waffen eigenen Seele aus. Diese Zeremonien wurden stets von Priestern und Priesterinnen geleitet. Doch auch eine umgekehrte Zeremonie war denkbar. So konnte ein neuer Herrscher eine der geopferten Waffen von einer Priesterin aus dem Wasser, dem Jenseits, heraus erhalten. Somit war seine Legitimation als Herrscher gesichert.

 

Klingenwaffen als Zeichen der Herrschaft

Das Schwert legitimierte den Herrscher nicht nur. Es zeichnete ihn aus. Kein Wunder, dass Treueeide hierauf abgelegt wurden. Diese zeremoniellen Schwerter waren im Frühmittelalter in vielen Fällen mit einem Ring versehen. Denn: Ringe waren ebenso wichtige Herrschaftszeichen. Es ist kein Zufall, dass in J.R.R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“ sowohl Ringe als auch Schwerter wichtige Rollen spielen. Im Hochmittelalter sollte die Zwei-Schwerter-Lehre, die Trennung von päpstlicher und geistlicher Macht, eine wichtige Rolle spielen. Und selbst in den Händen von Heiligenfiguren lassen sich heute noch Schwerter ausmachen.

 

Die Waffe eines Gentleman

Im Mittelalter war das Tragen von zweischneidigen Schwertern dem Adel vorbehalten. Kein Wunder, dass die Waffen auch in ihren neuen Formen in den späteren Jahrhunderten ihre besondere Bedeutung behielten. Mythen über die Schwerter der Vergangenheit und die großen Taten ihrer Träger waren längst in aller Munde. Die Klinge wurde zu einem Teil der Mode. Ihre praktische Bedeutung als Selbstverteidigungswaffe verlor sie dennoch nicht. Besonders wichtig wurden die Schwerter in den Duellen, die sich seit dem Spätmittelalter etabliert hatten. Was zunächst als Gottesurteil begann, entwickelte sich nach und nach zu einer Frage der Ehre. Selbst Gesetze gegen diese ganz besondere soziale Umgangsform hatten erst nach und nach Erfolg. Selbst in einer Zeit, in der Duelle im Wilden Westen bereits mit Revolvern ausgetragen wurden, fanden sich in der Alten Welt noch zahlreiche Klingenwaffen. Hier wurden Säbel noch bis in den ersten Weltkrieg hinein eingesetzt. Zum Vergleich: Am Vorabend der Schlacht am Little Bighorn, bei dem die 7. US-Kavallerie unter George Armstrong Custer 1876 von miteinander verbündeten Indianerstämmen vernichtend geschlagen wurde, verfügte eben dieser am Vorabend, dass alle Säbel im Lager zurückgelassen werden sollten.

Wie der Waffenexperte Mike Loades es formulierte:

The great cavalier, the beau sabreur of the Union army, had realized that the days of the sword were over

(cf. Loads, Mike. Swords and Swordsmen. Barnsley, 2010, 2012. S. 457).

Ob die Säbel den Kavalleristen geholfen hätten? Dieses zeitgenössische Gemälde gibt uns eine Ahnung davon, wie eine solche Begegnung möglicherweise ausgesehen hätte:

 

Tomahawk_and_sabre
Tomahawk und Säbel – ein Gemälde von Charles Schreyvogel (1861 – 1912). Tatsächlich kam es nie zu diesem Zusammentreffen an der Schlacht vom Little Bighorn, Lizenz: Gemeinfrei

 

Klingen in der Moderne

Sie mögen an praktischer Bedeutung eingebüßt haben. Dennoch ist die Faszination für Klingenwaffen ungebrochen. Die alten Techniken der Historical European Martial Arts erleben seit einiger Zeit ein gewaltiges Comeback. Sammler, Händler und Auktionäre beschäftigen sich professionell mit historischen Klingen. Und selbst interessierte Laien finden immer mehr Gefallen am Sammeln von (und dem Training mit) Schwertern, Säbeln, Speeren und vielem mehr.

Vielleicht ist es gerade dieses anachronistische und mythische, dass den Waffen vergangener Zeiten anhaftet, dass die ungebrochene Faszination ausmacht. Das Gefühl, ein Stück der eigenen Geschichte in der Hand zu haben. Etwas, dass allen Veränderungen der Zeit wiederstanden hat. Gerade in unserer schnelllebigen Zeit eine Erfahrung, die längst nicht mehr alltäglich ist.

 

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