Von der Außenwelt völlig abgeschlossene Wirtschaftsräume hat es fast nie gegeben. Schon in der Stein- und Bronzezeit tauschten sich Dörfer aus, trafen sich Händler aus verschiedenen Gegenden mit verschiedenen Waren. Die damalige Form des Tauschhandels ließ sich noch bis in die Neuzeit beobachten bei den Ayllus, den traditionellen, demokratisch aufgebauten Dorfgemeinschaften der Anden (kurzer Überblick bei Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Ayllu): Immer zwei Ayllus gehörten zusammen, das eine im Tal, das andere im Hochland. Zweimal im Jahr trafen sich die Bewohner der beiden Dörfern in der Mitte zwischen ihren beiden Siedlungen, um dort die Waren auszutauschen. Dieses Konzept funktionierte sehr gut und bot eine relative Vielfalt an Waren auch in nicht sehr vielseitigen Gegenden.

Zurück nach Europa: Auch dort gab es in der vorgeschichtlichen Zeit Händler, die mehrmals im Jahr aus ihrem Dorf in eine immer gleiche andere Region wanderten, um dort die speziellen Produkte ihrer Heimat gegen Produkte aus der Fremde auszutauschen. Freilich, Geld gab es noch nicht, und der Handel beschränkte sich auf das Allernotwendigste: Fisch gegen Getreide, zum Beispiel, oder Fleisch gegen Waffen. Dies war aber auch der Beginn der Professionalisierung, der Aufteilung der Menschen in Berufsgruppen:

Nun gab es Landwirte, Jäger, Schmiede etc. – und Händler. Im Laufe der Zeit bildete sich ein Berufsstand heraus, dessen Aufgabe es war, die Erzeugnisse der anderen in die Region zu verteilen. Im gleichen Maße, wie sich auch größere politische Einheiten – bei den Germanen also Volksstämme und später stammübergreifende regelmäßige Zusammenkünfte – bildeten, wuchs auch der Handel und erlaubte eine größere Vielfalt an Produkten, sowohl an Lebensmitteln, aber auch an Luxusgütern. Mancher Stamm bemerkte, dass seine Erzeugnisse besonders begehrt waren, und baute ein immer größeres Exportnetz auf. Die Bewohner der Bernsteinküste zum Beispiel waren die einzigen, die Gallier, Latiner, Griechen, Perser und Ägypter mit einem der begehrtesten Rohstoffe der Zeit versorgen konnten. Die „Bernsteinstraße“ war ein regelmäßig benutzter Handelsweg vom nördlichen Polen bis an die italienische Küste und weiter in mediterranere Gefilde. Mit solchen immer besser begehbaren Wegen wuchsen Industrie und Handwerk.

Natürlich bildeten sich diese Wirtschaftzweige überall anders aus. Es gab überall gewisse Eigenarten, zumal die Völker in ihrem Wesen schon immer sehr verschieden waren. Aber die Grundlagen waren doch meistens die gleichen hier geschilderten.

Die Antike war ein erster Höhepunkt im internationalen Handelswesen. Es gab intensive Kontakte zwischen China und Persien, zwischen Persien und Ägypten sowie Griechenland, zwischen Griechenland und Italien, zwischen Ägypten und Nordgermanien… Die griechischen Städte wie Athen oder Korinth wurden zu den führenden Handelsmächten und beherrschten, später zusammen mit den Phöniziern, den ganzen Handel des Mittelmeers. In Gallien, Spanien, Afrika, Italien und Ägypten – überall entstanden Handelsniederlassungen, die sogenannten Kolonien.

Die Errichtung des tausendjährigen römischen Weltreiches verstärkte diesen Prozess. In allen Provinzen des Imperiums, von Schottland bis Ägypten, von der Donaumündung bis Mauretanien – und darüber hinaus – gab es einen regen Handel mit Gold, Silber und Edelsteinen, mit Gewürzen und kostbaren Gewändern, aber auch mit Sklaven und gefangenen Tieren. Rom war das Zentrum, in dem alle Fäden zusammenliefen. Nicht alle Wege führten nach Rom, aber von überall führte ein Weg nach Rom, und zwar ein viel benutzter. Besonders die verwöhnte und anspruchsvolle stadtrömische Aristokratie, aber auch jeder etwas höher gestellte aus den Provinzen, war völlig vom Fernhandel abhängig, sodass die Geschichtsschreiber wahre Hymnen auf die wagemutigen und weltgewandten Seefahrer überlieferten. Der Kleinhandel hingegen wurde verachtet, es sei ein Berufszweig aus faulen gierigen Menschen, die jede Menge Geld verdienten, ohne zu arbeiten.

Doch das römische Reich verfiel. Schon hunderte Gründe wurden dafür verantwortlich gemacht, und keiner allgemein anerkannt. Doch klar ist, dass es ein großer kultureller Abstieg war. Während im Südosten Europas, in Syrien und Ägypten das oströmische (byzantinische) Reich das Erbe der Antike übernahm und damit auch das geregelte Straßennetz noch eine ganze Zeit bewahrte – es sollte erst fast tausend Jahre nach seinem Partnerreich untergehen –, verfielen in Westeuropa, in Gallien, Germanien, Spanien, Italien und besonders in Britannien die Straßen zusehends. Mancherorts bewahrte die Kirche die Straßen mehr schlecht als recht, aber Räuberunwesen und technische Rückschritte machten Transporte immer schwieriger. Der Flusshandel gewann durch diese Schwierigkeiten des Landhandels an Bedeutung, aber im Allgemeinen gingen Exporte und Importe eigentlich jedes Reiches immer weiter zurück. In Gallien beispielsweise fehlten einfach Güter, die man exportieren konnte, sodass das dortige Frankenreich irgendwann auch fast nichts mehr einführen konnte.

Doch richten wir unseren Blick auf die Gegenden, die sich das römische Reich nicht einverleibt hatte: Dort war lange Zeit die gleiche Entwicklung verlaufen, doch die rasante Beschleunigung des überregionalen Handels blieb aus. Es gab sicher viele Händler, die Luxusgüter aus aller Welt über den Limes gegen Erzeugnisse der germanisch-keltischen Bevölkerung Nord-, Mittel- und Osteuropas tauschte, doch geregelter Handel und organisierte Straßennetze waren unbekannt. Schließlich glichen sich diese Regionen den ehemals römischen an, was bei ersteren ein Aufstieg, bei letzteren ein Abstieg war.

Im Laufe des Mittelalters erholte sich der Handel jedoch wieder: Es wurden langsam Kontakte geknüpft, Wikinger gelangten bis an den Bosporus (Waräger-Garde des byzantinischen Kaisers), die Seidenstraße war ein viel benutzter Handelsweg. Als sich Europa wieder von seiner Lähmung aufrichtete und langsam geordnete Nationalstaaten entstanden, ging es auch mit der Wirtschaft wieder aufwärts. Dadurch gab es wiederum genügend Exportgüter, um Waren aus Afrika und Asien einzuführen, aber natürlich auch, um innerhalb Europas intensive Handelskontakte zu knüpfen. Das Heilige Römische Reich ging bei dieser Entwicklung einen Sonderweg: Dort kurbelte nicht die Entwicklung zum Nationalstaat, sondern gerade die Unabhängigkeit und Handelsfreiheit vieler Städte die Wirtschaft an. Die Hanse wurde gegründet, die Nord- und Ostsee zu wichtigen Handelswegen machte. Orte wie Lübeck, Rostock oder Hamburg wurden zu großen Wirtschaftsmächten, ebenso wie ausländische Städte in Skandinavien, in Großbritannien und Frankreich, oder im Baltikum.

Die frühmittelalterliche Krise der Wirtschaft war überwunden. Das Spätmittelalter – mochte es auf gesellschaftlicher Ebene mit Pest und Hexenverbrennung noch so dunkel sein – war vielerorts eine glanzvolle Zeit, in der Scharen von Kaufleuten den Adel und das aufstrebende Bürgertum mit den kostbarsten Stoffen aus der ganzen bekannten Welt versorgten. Und auch der kleine Mann profitierte von dem größeren Angebot, als Kaufmann konnte man zu Geld kommen, der Bergwerksbetrieb und die Salzgewinnung blühten durch die erweiterten Absatzmöglichkeiten. Auch der Sklavenhandel wurde im Übrigen weiter betrieben.

Doch im 15. und 16. Jahrhundert begann eine Zeit großer Entwicklungen. Die Lebensart der Menschen änderte sich mit der Reformation, die die Autorität des übermächtigen Papstes anzweifelte und deren Vorkämpfer Martin Luther die Bibel ins Deutsche übersetze. Der Handel wurde währenddessen revolutioniert durch eine ganz andere, sicher nicht minder bahnbrechende Neuerung: Die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus und die Erforschung der Welt in den kommenden Jahrhunderten. Europäische Entdecker wie Magellan durchforschten die Weltmeere und was an ihren Ufern lag, ihnen folgten Unterdrücker und Eroberer wie Hernán Cortés und dann die Händler. Die Globalisierung begann sich langsam anzubahnen.

Das Zentrum des Handels war Europa, das auch am meisten von den Neuerungen profitierte. Spanier und Portugiesen waren die ersten Kolonialmächte der Neuzeit, es folgten Frankreich, die Niederlanden und England. Die Bewohner dieser Länder konnten nun an relativ günstige exotische Produkte kommen, wobei die Ureinwohner der Kolonien meist bedenkenlos unterdrückt, ausgebeutet und scheinheilig zwangsmissioniert wurden. Während in Europa der Rückgang der Städte einsetzte (verbunden mit dem Verschwinden der Hanse), wurden die Staaten immer mächtiger (sieht man von Heiligen Römischen Reich ab, dessen Kaiser eigentlich nur in seinen Stammlanden wirkliche Macht hatte). Der Absolutismus setzte sich von Frankreich ausgehend immer mehr durch, der durch den (wohl fiktiven) Ausspruch Ludwigs XIV. treffend charakterisiert wird: L’etat, c’est moi. Der Staat, das bin ich.

Die Regierungen nahmen damit immer mehr Einfluss auf die Händler ihres Landes und setzten vielerorts eine einheitliche Politik durch. Der in England, Frankreich, Spanien und Preußen im 17. und 18. Jahrhundert vorherrschende Merkantilismus – wie der Absolutismus aus Frankreich von Ludwig XIV. stammend bzw. von seinem Wirtschaftsminister Colbert entwickelt – sollte den Reichtum eines Landes vermehren. Das Prinzip: Möglichst wenig importieren, möglichst viel exportieren und damit Goldreserven im Land anhäufen.

Doch dieser Plan ging nicht ganz auf: Denn wie erwähnt, nahmen viele Länder Europas das Konzept auf, so dass es in fast ganz Europa an „volkswirtschaftlichem Kreislaufdenken“ (Fritz Franzmeyer) mangelte. Da die Nachbarn eines merkantilistischen Landes ebenfalls dieses Konzept umsetzten, wollten diese nicht viel importieren und ersteres Land konnte nicht viel exportieren. Kein einziges Land profitierte besonders. Lediglich der Handel mit den Kolonien entwickelte sich in dieser Zeit sehr gut. Daher versuchte jede Kolonialmacht, an möglichst vielen Stellen der Welt Kolonien zu bekommen – denn Erzeugnisse aus fremden Kolonien zu kaufen hätte ja dem merkantilistischen Grundprinzip widersprochen.

Erst im Verlauf des 18. Jahrhunderts stieg der Handel wieder an, die isolationistische Politik der Länder wurde nach und nach aufgegeben. Grundlage dafür war die Theorie des Wirtschaftsliberalismus, die besagt, dass ein reger Welthandel und Arbeitsteilung zwischen den Ländern für jedes Land von Vorteil sind, wenn es sich besonders auf jene Produkte spezialisiert, die es günstiger als andere herstellen kann. Dieses von Adam Smith (1732-1790) und David Ricardo (1772-1823) entwickelte Prinzip ist im Wesentlichen bis heute gültig und war nach der Erschließung der Erdkugel im 16. Jahrhundert die zweite Grundvoraussetzung für die Globalisierung. Eine Einschränkung war das „Schutzzollargument“, von dem Deutschen Friedrich List (1789-1846) entwickelt. Es beinhaltet das Argument, dass der Nutzen für die Staaten in dem Konzept des Wirtschaftsliberalismus unterschiedlich hoch ist, und man die schwächeren Länder zu Beginn unterstützen und nicht gleich dem harten Wettbewerb aussetzen sollte.

Mit dem Wirtschaftsliberalismus begann im 19. Jahrhundert die Globalisierung des Handels. Auch die deutschen Kleinstaaten fanden stärker zusammen durch die Gründung des Deutschen Zollvereins, der die häufigen Zollkontrollen beim Übergang von einem winzigen Kleinstaat in den nächsten noch winzigeren Kleinstaat beendete. Das „lange 19. Jahrhundert“ war die Zeit der industriellen Revolutionen, die den heutigen Industriestaat schufen. Die Bedeutung der Landwirtschaft ging zurück, es bildeten sich Fabriken und der Stand der Arbeiter. Neue Techniken beschleunigten die Produktion, vermehrten die Erzeugnisse und trieben den Handel an. Dies nicht nur im übertragenen, sondern auch im wörtlichen Sinn: Eisenbahn und andere neuen Transportmethoden waren ein wichtiger Grundstein des länderübergreifenden und interkontinentalen Handels. Aber Europa war trotz alledem noch immer als Kolonialmacht und als vorherrschender Kontinent das Zentrum der Entwicklungen.

Das 20. Jahrhundert möchte ich nur kurz anschneiden. Weltkriege, Wirtschaftskrisen und Diktaturen verlangsamten den Aufschwung des Welthandels. Doch schon vor 1945 wurde die Globalisierung quasi beschlossen: Die letzten Hindernisse für den Welthandel sollten abgebaut, die Schrecken des zweiten Weltkrieges rasch beseitigt (Marshall-Plan) und internationale Organisationen gegründet (Internationale Währungsfonds, Vereinte Nationen etc.) werden. Auch innerhalb Europas wurde langsam, aber sicher, mit der Europäischen Gemeinschaft (EG, später Europäische Union, EU) eine neue Einheit geschaffen, in der der Handel blüht. Das Zeitalter des Welthandels ist angebrochen.

Der Welthandel hat eine lange Entwicklung durchgemacht. Doch er verlief niemals überall gleich. Eine gesamte Weltgeschichte des Handels auf so knappem Raum zu verfassen, ist so gut wie unmöglich, und wäre auch viel zu unübersichtlich. Ich habe mich deshalb darauf beschränkt, den Handel in und von Europa zu skizzieren. Doch es gibt natürlich jede Menge Parallelen zwischen den Handelssystemen aus aller Welt: Neben den schon erwähnten Ayllus zum Beispiel den Isolationismus Japans in der Neuzeit, das große Handelsnetz des chinesischen Reiches – und natürlich die Globalisierung, die die Regionen der Welt immer mehr aneinander angleicht.