Engelbert Dollfuß im Kreis einer Menschengruppe

Gefragt nach Namen von europäischen Diktatoren im 20. Jahrhundert wird sicherlich Adolf Hitler oder Benito Mussolini genannt. Dass jedoch vor dem Anschluss Österreichs an das deutsche Reich auch dieses Land einen Diktator hatte, ist den meisten Menschen unbekannt. Doch Engelbert Dollfuß regierte vor seiner Ermordung mit quasi-diktatorischen Befugnissen und nutzte, ähnlich wie in der Weimarer Republik, die Instabilität der österreichischen Parlamentarie aus.

 

Engelbert Dollfuss in Festuniform, Foto des TIME Magazine

 

Leben im strengkatholisch geprägten Umfeld

Dollfuß wurde als uneheliches Kind eines Kleibauern geboren – das begonnene Theologiestudium um katholischer Priester zu werden, brach er ab und wechselte zur Rechtswissenschaft. In seiner Studienzeit brachte er sich in die katholischen Studentenverbindungen, die im Cartellverband organisiert waren, stark ein und prägte diese mit. In diese Zeit fällt auch ein abgelehnter Antrag Dollfuß, dass Verbindungsstudenten ihre arische Abstammung bis zu ihren Großeltern nachweisen sollten. Das Netzwerk, das Dollfuß im Cartellverband knüpfte, war für ihn sehr wichtig. Während seiner späteren Kanzlerschaft besetzte er zahlreiche einflussreiche Ämter mit Verbindungsbrüdern, denen er ein besonderes Vertrauen entgegenbrachte. Als die Nationalsozialisten den Cartellverband (Deutschland und Österreich) gleichschalteten und verlangten, Dollfuß als Mitglied zu entlassen, traten die österreichischen Verbände aus dem Cartellverband aus und gründeten einen eigenen Dachverband katholischer Studentenverbindungen, den ÖCV. Aus Verbundenheit mit Dollfuß ernannten beinahe alle der beteiligten Verbindungen Dollfuß zu ihrem Ehrenmitglied. Er war politisch und persönlich somit stark in einem nationalistischen und katholischen Umfeld eingebettet.

 

Der rasante Aufstieg zum Kanzler

Die Karriere von Engelbert Dollfuß kann nicht mit der eines heutigen Politikers verglichen werden. Vor seiner Kanzlerschaft war Dollfuß niemals Abgeordneter – heute undenkbar, gereichte es ihm damals zu einem Vorteil, da eine antidemokratische Stimmung vorherrschte. Dollfuß diente sich im ersten Weltkrieg zum Oberleutnant hoch. Nach Kriegsende stieg er über Stationen zum Direktor der Landwirtschaftskammer in Niederösterreich auf. Seine ausgewiesene Expertise in Agrarfragen verschaffte ihm wachsende Reputation. Während eines Deutschlandaufenthalts, bei dem er den Grad des Doktors der Rechte erlangte, lernte er seine Frau kennen, die ihm 2 Kinder schenkte.

 

Im Jahr 1932, bereits ein Jahr nachdem er zum Landwirtschaftsminister berufen wurde, wurde Dollfuß zum Kanzler gewählt. Dabei regierte er mit einer instabilen Mehrheit von einer Stimme. Mit einem Ermächtigungsgesetz des Jahres 1917 (also aus dem ersten Weltkrieg) konnte er per Notverordnung jedoch quasi-diktatorisch regieren. Als im März 1933 die Parlamentspräsidenten zurücktraten, nutzte Dollfuß diese Gelegenheit und regierte ohne Parlament. Seine Partei die Christlich Sozialistische Partei vereinigte er mit nationalen Gruppen und der Heimwehr zur Vaterländischen Front. Als Zugeständnisse zu letzterer erlaubte er das Verbot von öffentlichen Versammlungen und verbot sowohl die Kommunistische Partei als auch die Nationalsozialistische Partei.

 

Die Unabhängigkeit Österreichs bewahren

Dollfuß Ziel war die Erhaltung der Unabhängigkeit Österreichs – dabei war Österreich nach der Niederlage im I. Weltkrieg in einer sehr schwierigen Lage. Die einstige KuK-Monarchie war vor Beginn des Weltkrieges ein sehr mächtiger Staat. In Folge der Niederlage wurde das Habsburger-Reich zerschlagen und in der österreichischen Bevölkerung mehrten sich – nach der Machtergreifung der Nazis in Deutschland – die Stimmen nach einem Anschluss an das deutsche Reich. Der österreichische Zweig der Nationalsozialisten wurde massiv durch Deutschland unterstützt, ein Aufstand am 25. Juli hatte jedoch keinen Erfolg: An diesem Tag begannen die österreichischen Nationalsozialisten (nichtmal einen Monat nach der Nacht der langen Messer) mit dem Sturm der Bürogebäude des Kanzlers – zwar konnte dieser Aufstand bereits innerhalb weniger Stunden niedergeschlagen werden, doch war Dollfuß angeschossen worden und verstarb an dieser Verletzung. Ein Attentat im Oktober 1933 hatte er noch mit Glück überlebt. Sein Ziel, die Unabhängigkeit durch eine starke Bindung an das faschistische Italien zu erhalten, konnte er nicht verwirklichen – bereits 4 Jahre später wurde Österreich durch das 3. Reich annektiert.

 

DollfussEnLaSociedadDeNaciones1933

DollfußNoch heute ist Dollfuß in Österreich als Arbeitermörder bekannt. Als im Februar 1934 Sozialisten einen Aufstand begannen, lies er Arbeiterunterkünfte durch Artillerie beschießen und verurteilte mehrere Revolutionäre zum Tode. Die Würdigung von Dollfuß in Österreich ist umstritten – es kam mehrfach zu Diskussionen. Heute wird er kritisch betrachtet – er schaffte 1934 die Demokratie ab, etablierte die Vaterländische Front als Staatspartei und schuf so eine Diktatur in Österreich.

 

Quellen

Austria’s Diminutive Dictator (History Today)

A Dictator, who stood up to Hitler (RealClearHistory)

Das Dollfuß-Schuschnigg-Regime (Amazon)

Engelbert Dollfuß – Arbeitermörder oder Heldenkanzler? (Amazon)