Vorlesungsprotokoll

Zur Veranstaltung:

Der Dreißigjährige Krieg

Vorgelegt von: Ch. St.


Aufbau der Vorlesung

Der erste Teil der Vorlesung, welcher sich über drei Sitzungen ziehen wird, beschäftigt sich mit der Charakterisierung der Forschungspositionen. Im Weiteren soll die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges bis zum Westfälischen Frieden dargestellt werden. Der Blick richtet sich hierbei auf die politische und militärische Geschichte, sowie die Ereignisgeschichte.
Im dritten Vorlesungsteil wird auf die Strukturgeschichte des Dreißigjährigen Krieges eingegangen. An dieser Stelle wird die Sozialgeschichte und Erfahrungsgeschichte des Dreißigjährigen Krieges miteinbezogen und nach Krieg und Staatlichkeit gefragt. Weiterhin soll geklärt werden ob der Dreißigjährige Krieg als „Krise des Siebzehnten Jahrhunderts“ angesehen werden kann.


Forschungsposition und Forschungsgegenstand


Geschichtsschreibung zum Dreißigjährigen Krieg

Historiker müssen sich nicht nur die Frage stellen, wie historische Ereignisse entstehen, sondern auch was sie berechtigt, einen Gegenstand, beispielweise den Dreißigjährigen Krieg, als Thema zu wählen. Der Gegenstand, welcher untersucht werden soll, muss zuerst definiert werden und Überlegungen angestellt werden, wie eine Gesamtheit zu erreichen ist. Jedem Historiker, der sich mit dem Dreißigjährige Krieg beschäftigt, muss also von vornherein klar sein, was sein Forschungsgegenstand ist und ob man vom Dreißigjährigen Krieg als Einheit sprechen kann.

Die Frage nach der Einheit

Die Frage, ob der Dreißigjährige Krieg eine Einheit darstellt oder nicht, ist in der Forschung strittig. Manche Historiker beziehen in ihre Forschungen um den Dreißigjährigen Krieg auch die Geschichte der Jahre von 1600 bis 1750 mitein. Andere sehen selbst die Jahre von 1618 bis 1648 nicht als eine Einheit, denn sie sind der Auffassung man müsse den Dreißigjährigen Krieg in vier Einzelkriege des Kaisers zerlegen. Zahlreiche Historiker stellen sich die Frage, seit wann die Menschen den Dreißigjährigen Krieg bewusst als eine Einheit auffassten.

Konrad Repgen, eine zentrale Figur in der Geschichtsschreibung zum Dreißigjährigen Krieg, stellt folgende Forschungsfrage: Ist der Dreißigjährige Krieg als Einheit gerechtfertigt? Ab wann wurde das Kriegsgeschehen als Einheit wahrgenommen?        
Repgen beobachtete, dass man schon in den letzten Kriegsjahren den Terminus „Dreißigjähriger Krieg“ gebrauchte, also schon während des Verlaufs des Ereignisses vom Dreißigjährigen Krieg gesprochen wurde. Die Vorstellung vom Dreißigjährigen Krieg als Einheit findet in mehreren Quellen ihre Bestätigung. Voraussetzung hierfür ist die humanistische Rhetorik, welche besondere Ereignisse und Kriege auszeichnet. Damals wurden Ereignissen charakterisiert, indem die Dauer dieser Ereignisses festgehalten wurde. Ab 1620/1622 sind erste Belege dafür zu finden, dass die Kriegstage mitgezählt wurden – somit wurde Kontinuität geschaffen. Zudem waren konkurrierende Bezeichnungen, wie „Teutscher Krieg“, „Protestantischer Religionskrieg“ und „Böhmischer Krieg“ im Umlauf. Seit 1640 wurde die Bezeichnung „Dreißigjähriger Krieg“ fest etabliert. Eine konkrete Bezeichnung individualisierte diesen Krieg. Somit wurde auch die Einheit eines Ereignisses geschaffen und eine Handlungskette herausgestellt.

Eine weitere Frage, welche die Historiker beschäftigt, ist die Frage nach dem inneren Zusammenhalt des Ereignisses. Weist der Dreißigjährige Krieg neben dem reinen zeitlichen Rahmen eine narrative Struktur auf? Der Dreißigjährigen Krieg zeichnete von Anfang an ein katastrophales Bild des Leidens, Sterbens und unzähliger Grausamkeiten. Im Volksmund wurde von einem „Heimsuchen Gottes“ gesprochen. Seit dem 17. Jahrhundert wurden in Erzählungen organologische Metaphern verwendet. Man sprach vom „Jungen Vaterland“, von Aufstieg, Krankheit und Tod.

Forschungsüberblick

Im Folgenden werden drei Forschungsgruppen, die sich mit dem Dreißigjährigen Krieg beschäftigen, vorgestellt.
Die größte Gruppe fasst den Dreißigjährigen Krieg als Geschichte der Staatenwelten, als Geschichte der politisch und militärisch Handelnden auf. Der Krieg wird als Ereignis der Kriegs- und Staatenpolitik beschrieben.
Eine weitere Gruppe hält die politischen Zusammenhänge zwar für wichtig, stellt sie aber nicht in den Vordergrund. Diese Forschungsgruppe reintegriert eine soziale Geschichtsschreibung. Es wird versucht den Dreißigjährigen Krieg aus gesellschaftlicher Sicht zu betrachten. Daher liegt der Interessenschwerpunkt dieser Gruppe stärker auf den strukturellen und sozialen Voraussetzungen und Folgen des Krieges für die Bevölkerung und Gesellschaft.
Eine neue und kleinere Gruppe versucht den Dreißigjährigen Krieg als Perspektive individueller Erfahrungen zu analysieren. Zur Rekonstruktion des Krieges werden individuelle Erfahrungen herangezogen.
Prof. Dr. Schlögl erwägt, ob die Frage nach den individuellen Erfahrungen nicht eher in die vorige Gruppe eingebettet werden müsste. Weiterhin weist er darauf hin, dass durch die ausschließliche Betrachtung der Erfahrungsgeschichte keine Einheit herzustellen sei.

Einheitsargumentation

Im Folgenden werden Forscher vorgestellt, die an der Einheit des Dreißigjährigen Krieges fest halten.
K. Repgen ist durch die bisherigen Einheitsargumenten nicht zu überzeugen. Er spricht von einem „mitteleuropäischen Krieg mit nationaler Komponente“ mit der Begründung, dass sich der Krieg nicht auf österreichische und habsburgische Interessen beschränken ließe. Das Kriegsgeschehen könne nicht mit Motiven und Ideen der Herrschenden erklärt werden, sondern solle aus der öffentlichen Propaganda und der diskursiven Auseinandersetzung abgeleitet werden. Repgen stellt schließlich fest, dass die Einheit des Ereignisses nicht in strukturellen Zusammenhängen oder in den Motiven und Ideen der Herrschenden zu suchen sei, sondern als diskursives Phänomen erfassbar werde. Die Zeitgenossen sprachen über diesen Krieg und fassten diesen als Ereignis auf.

Der Dreißigjährige Krieg als Religionskrieg

Fällt es leichter, den Dreißigjährigen Krieg als eine Einheit zu begreifen, wenn man diesen als einen Religionskrieg auffasst?
Einige Frühbeispiele zeigen, dass der Dreißigjährige Krieg schon Ende des 17. Jahrhunderts relevant war. Historiker, die sich früh mit dem Dreißigjährigen Krieg beschäftigten, sind Pufendorf, Schiller und Hegel.
Bereits 1667 verwies Pufendorf auf die möglichen Folgen der Kirchenspaltung auf die staatliche Ordnung. Die Kirchenspaltung und die Reformation seien demnach eine Voraussetzung für den Krieg.
Im 18. Jahrhundert beschäftigte sich auch Friedrich Schiller als Historiker und Dramatiker mit dem Dreißigjährigen Krieg. 1792 veröffentlichte er eine in weiten Teilen noch heute gültige „Geschichte des Dreißigjährigen Krieges“. Sieben Jahre später vollendete er sein dreiteiliges Drama „Wallenstein“. In Schillers Text werden folgende Thesen vertreten:
1.    Der Dreißigjährige Krieg ist die Fortsetzung und die Vollendung der Reformation
2.    Aus einem anarchistischen „Staatenchaos“, welches durch die Reformation hervorgerufen wurde, entstand durch den Krieg eine Staatengemeinschaft in Europa
3.    Der Dreißigjährige Krieg ist trotz allem kein Religionskrieg im ursprünglichen, engeren Sinne. Im Vordergrund steht die Staatsräson.

1821-1823 legte Georg Wilhelm Friedrich Hegel seine Sichtweise zum Dreißigjährigen Krieg in seinen „Vorlesungen zur Philosophie der Geschichte“ dar und knüpfte damit an Schiller an. Für Hegel stellt der Dreißigjährige Krieg jedoch ein katastrophales Ereignis dar, da dieser die Herausbildung Deutschlands zu einer starken, souveränen staatlichen Einheit behindert habe.

Die Argumentation Schillers und Hegels haben gemeinsam, dass beide den Dreißigjährigen Krieg als eine Fortsetzung der Reformation, also als einen „Religionskrieg“ sahen. Der Dreißigjährige Krieg habe jedoch im Kern mehr mit der Entwicklung von Staatlichkeit als mit Religion zu tun.
Schiller sieht außerdem eine europäische Perspektive des Krieges. Der Krieg habe ein Gefüge gebracht, aus dem sich eine starke Staatengemeinschaft als internationales Gefüge und System herausgebildet habe.
Hegel betrachtet den Dreißigjährigen Krieg aus der Perspektive der Staatlichkeit des Reiches. Er ist der Auffassung, dass sich  aus dem Krieg nur fatale Konsequenzen ziehen ließen, denn dadurch sei das Staatswerden des Reiches verzögert worden.

Politische Geschichte des Dreißigjährigen Krieges

In der gegenwärtigen  Forschung sind die Ergebnisse von Johannes Burkardt, Martin Heckel und Georg Schmidt von Bedeutung.
J. Burkhardt, ein Ordinarius für Neuere Geschichte an der Universität Augsburg, spricht im Rahmen des Dreißigjährigen Krieges von einem „Prototyp der frühneuzeitlichen Kriegsverdichtung“. Er sieht den Dreißigjährigen Krieg zwar als eine Einheit, welche aber wiederum aus einer Vielzahl von Einzelereignissen bestehe. Die Tatsache, dass seit dem Mittelalter der Sorokin-Index – welcher die Gewichtung kriegerischer Ereignisse darstellt – zunahm, liefert für diese These einen Nachweis. Vom 15. bis zum 17. Jahrhundert kam es zu einer Erhöhung des Index von 100 auf 500 Punkte. Die Intensität des Krieges stieg demnach um das Fünffache. Die Zahl der Kriege nahm seit dem 15. Jahrhundert ständig zu. Man befand sich in dieser Zeit in einer Situation, in welcher der Krieg vom Ausnahmezustand zum Normalzustand wurde. Der Krieg war in der Gesellschaft deutlich präsent.
Weiterhin hält Burkardt fest, dass das Thema „Krieg“ in der Gesellschaft des 17. Jahrhunderts in anderer Art und Weise präsent war als in der Gesellschaft des 15. Jahrhunderts. Seit dem 17. Jahrhundert verdichteten sich kriegerische Einzelereignisse so sehr, dass die Zeitgenossen sie als einen Krieg, d.h. zusammenhängend als Einheit, wahrnahmen (vgl. Repgen). Trotzdem seien eine Vielzahl von Konflikttypen feststellbar. Der Krieg sei also eine Kumulierung verschiedener Kriege. Laut Burkhardt stellt der entscheidende Grund für die Kriegsverdichtung der Staat dar.
Zum einen stellte der Frieden das Ideal der Gesellschaft dar, jedoch wurden Frieden und Recht sehr dezentral, d.h. an unterschiedlichen Orten geschaffen. Zum anderen bildete die Unfertigkeit des Staates einen Nährboden für Konflikt.
Burchardt bezeichnet den Dreißigjährigen Krieg letztlich als einen „Staatsbildungskrieg“. In diesem Staatenbildungskrieg ging es um die Frage, auf welcher Ebene sich die Staatsbildung vollziehen sollte. Auf der Ebene der Territorien, des Reiches oder auf nationaler Ebene?

Zusammenfassung

Bereits die Zeitgenossen nahmen einzelne Kriege als eine Einheit wahr. Sie zählten die Kriegsjahre mit, fassten viele Kriegsschauplätze zusammen und teilten von Anfang an  katastrophale Kriegserfahrungen miteinander. So kam man zu der Auffassung, der Dreißigjährige Krieg stelle eine Einheit dar.
Während Schiller der Ansicht war, Europa sei zu einer Staatengemeinschaft geworden, betonte Hegel die institutionelle Festschreibung des Protestantismus – das Ergebnis der Reformation – im Westfälischen Frieden. Burkardt sprach im Rahmen des Dreißigjährigen Krieges von einem „Staatenbildungskrieg“. Seine Verdichtungsthese des 17. Jahrhunderts findet im Sorokin-Index Bestätigung, da die Kriegsverdichtung in dieser Phase erheblich anstieg.
Insgesamt darf man sich nicht nur auf eine reine Politikgeschichte konzentrieren, sondern muss nach den Zusammenhängen der Dinge fragen. Es ist sinnvoll, auch soziale, ökonomische, gesellschaftliche und kulturelle Dimensionen in die Betrachtung miteinzubeziehen.