Das Leben im Augenblick gehört nicht gerade zu den Dingen, die in unserer modernen Zeit selbstverständlich sind. Wir leben entweder dauerhaft in der Vergangenheit, grübeln darüber nach, was wir anders hätten machen können. Oder wir denken ständig darüber nach, was wir in der Zukunft noch alles zu erledigen haben und machen uns dementsprechende Sorgen.

So ärgerlich diese Vorgehensweise für uns heute auch sein mag (immerhin verpassen wir beständig unser Leben, wenn wir nicht den Moment geniessen können), so unmöglich war sie für die Menschen des Mittelalters. Zwar mussten durchaus Planungen getroffen werden. Ob in der Landwirtschaft, dem Handwerk, der Kirche oder der Politik, überall war es wichtig, planvoll vorzugehen. Dennoch war es weit üblicher, im Moment zu leben. Der Tod war sehr viel allgegenwärtiger als heute. Theoretisch konnte man jeden Tag oder jede Nacht sterben und das an den unterschiedlichsten Ursachen. Auch die Religiosität und das damit verbundene Vertrauen in das Urteil Gottes spielte hier eine wichtige Rolle.

In den Quellen finden sich häufiger Stellen, in denen beispielsweise Heerführer zu Verhaltensweisen neigen, die heute nur noch schwer nachvollziehbar sind. So wird der Adlige Simon von Montfort unter anderem dadurch zum Anführer der Kreuzfahrer, indem er sich bei mehreren Gelegenheiten als furchtloser Kämpfer beweist, der auch nicht davor zurückschreckt, als erster die Bresche bei einer Belagerung zu erstürmen. Und das, obwohl sich noch kein verbündeter Krieger in seiner Nähe befindet. Die Schlacht von Beziers ist sogar noch interessanter. Peter von Aragon, der nach Südfrankreich gekommen war, um gegen die Kreuzfahrer zu kämpfen, stellte sich mit seinem Schlachtross in einer ungekennzeichneten Rüstung in eine der vorderen Schlachtreihen. Die Kreuzfahrer, belagert und in der Unterzahl, wagten einen Ausfall. 1.000 Ritter schafften es tatsächlich, in einem geschlossenen Sturmangriff das Heer von Peter von Aragon zu schlagen. Unter anderem deshalb, weil der König in der ersten Angriffswelle getötet wurde, was den Großteil seiner Truppen in die Flucht schlug. Auf der einen Seite haben wir also einen Herrscher, der in vollkommenem Vertrauen auf Gott und seine eigenen Fähigkeiten rasch den Tod findet, auf der anderen Seite die eigentlich hoffnungslos unterlegenen Belagerten, die trotz allem das feindliche Heer frontal angreifen. In allen diesen Fällen sind die Beteiligten nicht durch Zukunftsängste gehemmt, sondern handeln sofort. Entweder die Aktionen sind erfolgreich, oder nicht. Sind sie es nicht, so war es eben auch Gottes Wille und nicht zu ändern.

Auch die Emotionalität war eine ganz andere. Es ist beispielsweise mehrfach überliefert, dass Herrscher öffentlich weinten, wenn es einen entsprechenden Anlass gab. Dies lässt sich nicht mit den Tränen moderner Politiker vergleichen, die sich dadurch Stimmen sichern wollen. Vielmehr galt ein offenes Ausleben der Emotionen als vollkommen natürlich.

Wir sollten uns dies vielleicht das ein oder andere Mal vor Augen führen, wenn wir uns einen Mittelalterfilm anschauen. Gerade Hollywood will uns oft Glauben machen, dass sich das Denken der damaligen Menschen von unserem nicht unterschied. Das Gegenteil ist der Fall. Um es einfach zu sagen, ein mittelalterlicher Ritter wird sich kaum Gedanken über sein Leben im Alter gemacht haben. Und dies galt auch für andere Menschen dieser Zeit. Sie konnten innerhalb der nächsten Stunden bereits den Tod finden. Auch sehen wir in den Filmen sehr häufig in sich gekehrte Menschen, die ihre Emotionen verbergen. Auch hier war genau das Gegenteil der Fall. Meistens lebten die Menschen in Gemeinschaften, die auch ihre Gefühle offen untereinander mitteilten. Das gesamte Gemeinschaftsleben spielte sich ganz anders ab als dargestellt. Alles in allem haben wir hier eine sehr viel natürlichere und ursprünglichere Gesellschaft vor uns, als sie in unserer modernen Welt existiert. Das bedeutete auch, dass die Menschen impulsiver und in manchen Fällen naiver handelten, als wir das heute tun würden. Ob es eine Reflektion über das eigene Leben gab, ist uns leider nicht überliefert.

Blog: http://dasmittelalter.wordpress.com/2012/11/12/das-mittelalter-der-moment-und-emotionalitat/