Bei einem Besuch in bayerischen Berchtesgaden am Königssee zählt ohne Frage das Kehlsteinhaus zum „Pflichtprogramm“. Von den Amerikanern „Eagle’s Nest“ (deutsch: Adlerhorst) genannt, wurde Hitlers Teehaus (eine weitere umgangssprachliche Bezeichnung) zum Touristenmagnet und zieht jährlich bis zu 300.000 Besucher an.

Anlässlich eines eigenen Besuchs möchten wir Ihnen einen Überblick zur Geschichte des Gebäudes geben und zeigen eine kleine Bildergalerie. Dabei ist uns wichtig, die historische Bedeutung dieses Ortes hervorzuheben: Dort genossen NS-Größen ihr Leben vor einer atemberaubenden Kulisse, während ganz Europa litt.

Das Kehlsteinhaus in Berchtesgaden wurde von den Nationalsozialisten zu repräsentativen Zwecken und als Erholungsort errichtet. Heute steht es als ein fast im Original erhaltenes Gebäude für Hitlers Verbindung zum Obersalzberg. © Geschichte-Wissen 2022

Das Kehlsteinhaus

Die Geschichte des Gebäudes

Berchtesgaden war eng mit dem Nationalsozialismus verwoben. Am Obersalzberg verfasste Adolf Hilter sein Traktat „Mein Kampf“, die Gegend baute er zum Führersperrgebiet aus und inszenierte sich in der Idylle der Alpen als Mensch-, Tier und Naturfreund. Sein Berghof als faktisch zweiter Regierungssitz ist nicht mehr erhalten, das Kehlsteinhaus als weiteres sehr aufwändiges und teures Bauprojekt jedoch weitgehend im Originalzustand. Es ist diese Authentizität, die das sogenannte Teehaus Hitlers zu einem solch beliebten Ausflugsziel macht.

Martin Bormann (damaliger Chef der Verwaltung Obersalzberg) beauftragte den Architekten Roderich Fick mit der Errichtung des Kehlsteinhauses. Dass es ein Geschenk zu Hitlers 50. Geburtstag werden sollte, wird zwar oft behauptet, stimmt aber nicht. Die Idee zur Errichtung ging wohl auf Hitler zurück: Das Kehlsteinhaus sollte ein der NS-Prominenz und wichtigen Gästen vorbehaltener exklusiver Ort werden. In nur 13 Monaten wurde das Mammutprojekt von 1937 – 1938 umgesetzt: Neben dem Haus wurden auch die Kehlsteinstraße und ein Aufzug zu dem Gebäude errichtet. Man hatte dem Kehlstein förmlich die Bauwerke abgerungen. Diese menschliche und architektonische Leistung mussten allerdings 12 Arbeiter aufgrund von Unfällen mit ihrem Leben bezahlen – insgesamt sind über 370 Arbeitsunfälle bekannt. Die Arbeitsbedingungen waren äußerst hart – die Fertigstellung des Projekts wurde ohne Rücksicht durch Bormann vorangetrieben. Das 30 Millionen Reichsmark teure Repräsentationsgebäude (nach heutigen Maßstäben etwa 136 Millionen €) reiht sich nahtlos in die Ideologie und den Größenwahn der Nationalsozialisten ein.

Hitler selbst besuchte das Gebäude, das zur Repräsentation, als Rückzugs- und Erholungsort und für Diplomaten-Besuche dienen sollte, lediglich einige Male (es werden Zahlen zwischen 5 und 14 Mal genannt). Allerdings war seine NS-Clique häufiger Gast auf dem Kehlsteinhaus, wo sie den Panoramablick auf das Berchtesgadener Land bis zum Königssee und die atemberaubende Natur genießen konnten. Als heutiger Besucher des Kehlsteinhauses sollte man sich aber immer bewusst sein: Dort auf dem Kehlstein genossen Parteibonzen ihr Leben, während in ganz Europa Millionen Menschen litten und starben – weil es diese Menschen der NS-Elite so wollten.

Sehr eindrücklich  kann man dies an dem folgenden Beispiel aufzeigen: Die Schwester von Eva Braun Margarete heiratete am 03.06.1944 Hermann Fegelein – einen SS-Mann, der im Film „Der Untergang“ sehr treffend als rücksichtsloser Opportunist dargestellt wurde. Die Feier in Saus und Braus fand auf dem Obersalzberg und im Kehlsteinhaus statt – zu einer Zeit, als der Krieg faktisch schon verloren war und Europa in Trümmern lag.

Wiewohl die Alliierten das Führersperrgebiet äußerst stark bombardierten, blieb das Kehlsteinhaus – trotz seiner exponierten Lage – von den Angriffen verschont. Der wahrscheinlichste Grund dürfte sein, dass die damals noch nicht sehr zielgenauen Bomben das vergleichsweise kleine Ziel nur schwer treffen konnten.

Die Bezeichnung Eagle’s Nest geht übrigens wohl auf einen französischen Diplomaten zurück – mittlerweile handelt es sich um einen feststehenden Begriff, vor allem in der englischsprachigen Welt.

Heute kann man das Kehlsteinhaus erwandern oder es mit dem Bus und Aufzug erreichen. Die sagenhafte Landschaft lädt zum Genießen ein, wie auch die Bewirtschaftung auf dem Haus. Dennoch sollte man sich der Bedeutung des Gebäudes bewusst sein: Es ist Zeichen einer dunklen Zeit in der deutschen Geschichte.

 

Impressionen zum Kehlsteinhaus

Die Aufnahmen wurden im August 2022 angefertigt.

Eine Seitenansicht auf das massive Steingebäude. Dass die Baubedingungen hart waren, liegt angesichts dieses Bildes auf der Hand. © Geschichte-Wissen 2022

Der Eingang zu dem Aufzug. © Geschichte-Wissen 2022

Heute befindet sich auf dem Kehlsteinhaus auch eine Gaststätte. © Geschichte-Wissen 2022

Der eindrucksvolle Kamin – den Marmor hat der italienische Diktator Mussolini gestiftet. © Geschichte-Wissen 2022

Das Kehlsteinhaus ist in eine wunderbare Berglandschaft eingebettet – mit enormen Kraftaufwand und ohne finanzielle Limits wurde das Haus dem Berg förmlich aufgezwungen. © Geschichte-Wissen 2022

Das Kehlsteinhaus blieb von einem Fliegerangriff verschont – es war auf der Bergspitze ein zu kleines Ziel für die damals ungenauen Bomben. Gerade die Authentizität macht den Reiz für Millionen Besucher aus, die das Haus in den letzten Jahrzehnten besucht haben. © Geschichte-Wissen 2022

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