Buchcover, (c) 2019 be.bra verlag GmbH, Militärhistorisches Museum der Bundeswehr, Dresden
Buchcover, (c) 2019 be.bra Verlag GmbH, Militärhistorisches Museum der Bundeswehr, Dresden

Mit dem Satz „Der Führer Adolf Hitler ist tot“ begann am 20. Juli 1944 das Fernschreiben der Widerstandskämpfer um Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg an die untergeordneten Wehrkreise nach dem (gescheiterten) Attentat auf den Diktator mit dem Befehl zur Übernahme der vollziehenden Gewalt. Dieser Satz ist der Titel einer Sonderausstellung des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden vom 04. Juli bis 03. Dezember 2019, wobei den Kern der Ausstellung 22 Plakate mit wesentlichen Fakten zum zivil-militärischen Widerstand im Nationalsozialismus bilden.

Begleitend zur Ausstellung wurde ein Buch veröffentlicht, das neben dem Katalog der Ausstellung mehrere lesenswerte Aufsätze beinhaltet, auf die im weiteren Verlauf dieses Artikels eingegangen wird. Herausgeber des Begleitbands sind Dr. Magnus Pahl und Dr. Armin Wagner.

 

Die Bundeswehr und der 20. Juli 1944

In seinem Essay „Der 20. Juli 1944: Persönliche Annäherung – historische Aufarbeitung und Tradition“ arbeitet Oberst Dr. Armin Wagner den Stellenwert des Attentats und des Staatsstreichversuchs für die Bundeswehr heraus. Denn die Einstellung der Soldaten zu den Attentätern war lange Zeit ablehnend. Noch 1952 glaubte ⅓ aller Westdeutschen, dass der Krieg ohne den Widerstand gewonnen worden wäre. Gerade ehemalige Wehrmachtssoldaten sahen einen Verrat am Vaterland und an der Rolle des unpolitischen Soldaten. Der Widerstreit zwischen Eidesbindung und Eidesüberwindung war für die Bundeswehr jedoch von enormer Bedeutung. Die Armee der neuen Bundesrepublik sollte gerade nicht in der Tradition der Wehrmacht, die sich im Zweiten Weltkrieg an Verbrechen äußerster Brutalität und Unmenschlichkeit schuldig gemacht hatte, stehen, sondern dem Schutz der Demokratie dienen. Eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte war deshalb unumgänglich und wurde in Form der Traditionserlasse vorgenommen. Mit dem 2018 von der damaligen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen gezeichneten Traditionserlass („Die Tradition der Bundeswehr. Richtlinien zum Traditionsverständnis und zur Traditionspflege“) wurde sehr deutlich festgestellt, dass die Wehrmacht für die Bundeswehr nicht traditionswürdig sein kann, die Haltung einzelner Angehöriger der Wehrmacht jedoch schon. Zu diesen zählen insbesondere die Attentäter vom 20. Juli 1944.

Der Autor Dr. Wagner arbeitet in seinem Essay die Bedeutung des Widerstands klug heraus. Er macht sich nicht die pauschale Kritik zu eigen, dass die Widerständler gerade nicht Demokraten im heutigen Sinne waren und erst spät, als der Krieg bereits verloren war, eingriffen. Vielmehr weist er – zutreffend und reflektierend – auf die persönliche Entwicklung und den Reifungsprozess hin, den diese Menschen erlebten. Es mag ein menschliches Bedürfnis sein, reine Helden zu haben – die Wirklichkeit ist jedoch vielschichtiger und schwieriger.

Dr. Armin Wagner, der von 2003 bis 2006 Dozent für Militärgeschichte an der Offiziersschule des Heeres in Dresden war, geht in seinen Ausführungen nicht nur auf den medial strahlenden Stauffenberg ein, sondern zeigt anhand von Friedrich Karl Klausing, dass auch junge Soldaten sich ihrem Gewissen stellten und für sich eine Entscheidung trafen. Klausing war Adjutant Stauffenbergs und wurde nur 24 Jahre – er wurde als Angehöriger des Widerstands vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und hingerichtet. Welche innere Stärke dieser Mensch hatte, kann man erahnen, wenn man sich vor Augen führt, dass sein Vater ein überzeugter Nationalsozialist war und er in seinem Abschiedsbrief an seine Eltern die folgenden Worte fand:

Sondern fragt nicht mehr nach mir, sondern lasst mich damit ausgelöscht sein.

Das Netzwerk des zivil-militärischen Widerstands

In dem sehr lesenswerten Aufsatz von Dr. Linda von Keyserlingk-Rehbein werden die persönlichen Netzwerke der Beteiligten im Gesamtnetzwerk des 20. Juli 1944 betrachtet. Die Autorin hat die Netzwerke der Widerständler analysiert und stellt diese den Erkenntnissen der NS-Ermittler gegenüber. So wurde durch die Nationalsozialisten die Legende der „ganz kleinen Clique“ verbreitet, obwohl im Zuge der umfangreichen Ermittlungen (400 Gestapo-Beamte bildeten eine Sonderkommission) nach dem Attentat festgestellt wurde, dass 132 (teils sehr einflussreiche) Personen an den Umsturzplänen beteiligt waren. Weiter arbeitet die Autorin heraus, dass beispielsweise die Rollen von Generalmajor Henning von Tresckow und Generalmajor Hans Oster für die Nationalsozialisten unbekannt waren oder diese durch die NS-Ermittler bewusst verschleiert wurden.

 

Menschenverachtung und Brutalität werden durch Originaldokumente eindrücklich dargestellt

Der Begleitband zur Ausstellung – wie auch die Ausstellung selbst – sind sehr zu empfehlen. Die Plakatausstellung bildet sehr viele Originaldokumente ab, die der Grausamkeit und Menschenverachtung dieser Zeit ein Gesicht geben. So ist es verstörend, wenn die bürokratische Mitteilung des Oberreichsanwalts beim Volksgerichtshof an Ursula Freifrau von Roenne abgedruckt wird, in der dieser mitgeteilt wird, dass ihr Ehemann hingerichtet wurde:

Der ehemalige Oberst i. G. [im Generalstab] Alexis Freiherr von Roenne ist vom Volksgerichtshof des Großdeutschen Reichs wegen Hoch- und Landesverrats zum Tode verurteilt worden. Das Urteil ist vollstreckt. Die Veröffentlichung einer Todesanzeige ist unzulässig.

Der Aufbau der Ausstellung

Die Ausstellung beinhaltet 22 Plakate und 50 Exponate, darunter die Lagerbaracke aus dem Kinofilm Operation Walküre. Die Ausstellung soll, so Dr. Jörg Hillmann (Kommandeur des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr) im Vorwort, den 20. Juli 1944 in das öffentliche Bewusstsein rücken und zur Diskussion über das für die Bundeswehr wichtige und traditionsbildende Thema beitragen.

Die Plakate stellen erste Planungen, den Verlauf und die Folgen des Attentats dar. Zudem werden ausgewählte Akteure des 20. Juli vorgestellt.

 

Weitere Informationen zur Ausstellung und dem Begleitband

Die Ausstellung findet vom 04. Juli bis 03. Dezember 2019 im militärhistorischen Museum in Dresden statt. Es werden Führungen angeboten. Weitere Informationen sind auf der Webseite des Museums abrufbar:

 

Der Begleitband ist im be.bra Verlag erschienen, ISBN 978-3-89809-168-8. Er umfasst 176 Seiten und ist im Buchhandel für 26,00 € erhältlich. Sie können das Buch hier bei Amazon kaufen (durch einen Kauf über diese Verlinkung erhält Geschichte-Wissen eine anteilige Provision, ohne dass sich am Kaufpreis für Sie etwas ändert).

 

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