Meine spannende und fesselnde Urlaubslektüre war in diesem Sommer das Buch „Momentum“ von Peter Englund. Der Autor widmet sich dem November 1942 und erzählt die Geschehnisse dieses für den Verlauf und Ausgang des II. Weltkriegs entscheidenden Monats aus der Sicht einer Vielzahl von Zeitzeugen. Die immense Arbeit, die sich Englund mit der Recherche und Verarbeitung der verschiedenen Einzelschicksale gemacht hat, die er geschickt zu einem Panorama des weltumspannenden, alle Lebenslagen betreffenden Krieges verwebt, merkt man diesem herausragenden Buch an. Die Feststellung des Magazins DER SPIEGEL, dass Peter Englund zeige, wie aufregend Geschichtsschreibung sein könne, trifft es auf den Punkt.

Momentum von Peter Englund. (c) Rowohlt Berlin Verlag GmbH 2022

Um was geht es?

Der November 1942 war ein wechselvoller Monat in dem Krieg, der seit 1939 andauerte und den Achsenmächten Sieg um Sieg bescherte. Auch zu Beginn dieses Monats im Jahr 1942 sah es nicht so aus, als würde das Gute über das Böse siegen: In Stalingrad war es gefühlt nur eine Frage der Zeit, bis die Wehrmacht diese als Symbol aufgeladene Stadt vollends einnimmt, die Rotarmisten zahlten einen enormen Blutzoll (auf jeden gefallenen deutschen Soldaten kamen zu dieser Zeit zwanzig russische Soldaten), die Japaner hatten im Pazifik große Geländegewinne erreicht und galten aufgrund ihrer Härte und Disziplin als kaum zu bezwingende Gegner, in Afrika dominierte Erwin Rommel schon als der durch die Propaganda stilisierte Wüstenfuchs und der Atlantik wurde wegen ständiger U-Boot Angriffe zum Grab vieler alliierter Seeleute.

Doch es drehte sich etwas im Verlauf dieses Monat und das arbeitet Peter Englund hervorragend heraus: Die Militärmacht der Vereinigten Staaten begann sich zu entfalten – die größte Wirtschaftsmacht der Welt wurde auf die Kriegswirtschaft umgestellt und konnte enorme Mengen an Mensch und Material in diesem Weltkrieg aufbieten, der Ostfeldzug war ins Stocken geraten und die Rote Armee konnte erfolgreiche Gegenoffensiven durchführen. In Afrika gewannnen langsam die Alliierten die Übermacht und im Pazifik mussten die Japaner empfindliche Verluste hinnehmen.

 

Das Besondere: Eine Erzählung in Einzelschicksalen

Es gibt eine kaum zu überblickende Zahl von Büchern zum Verlauf des II. Weltkriegs. Kaum ein historisches Thema dürfte so erforscht sein. Doch Peter Englunds Werk ist anders – im positiven Sinne: Es finden sich keine abstrakten Schilderungen von Kriegsverläufen, Gründen und Ursachen. Englund schildert diese Zeit aus unterschiedlichsten Blickwinkeln.

Er verwertet Erzählungen, Tagebucheinträge und Erinnerungen von Zeitzeugen und zeichnet so ein Panorama der Ereignisse: Die amerikanische Hausfrau, die um ihre Familie bangt und mit den Entbehrungen dieser Zeit leben muss. Der deutsche Soldat an der Front in Stalingrad – noch immer beseelt von der nationalsozialistischen Ideologie. Die amerikanischen Flieger, die im Pazifik (mit einer geringen Überlebenswahrscheinlichkeit) kämpfen und damit ein wesentlicher Pfeiler des amerikanischen Sieges werden. Der Finne, der frisch an die Front geworfen wird. Die französische Jüdin, die um ihr Leben fürchtet und doch Glück in dieser Zeit sucht. Die Italiener in Afrika, die sich nur eines wünschen: Lebend nach Hause zu kommen. Der Jude in Treblinka, der im Vernichtungslager arbeiten musste und so überlebte.

Durch diese Erzählungen entwickelt sich für den Leser förmlich ein Sog der Geschehnisse. Die Ereignisse und Schicksale bekommen Gesichter und Geschichten – sie gehen einem nah. Ich denke, dass gerade für den Geschichtsunterricht diese Form der Geschichtserzählung sehr wertvoll sein dürfte. Daher kann ich das Werk von Peter Englund sehr empfehlen: Das Lesen lohn sich.

 

Klappentext

Im November 1942 kommt es gleich auf mehreren Kriegsschauplätzen zur Entscheidung: in der Schlacht von El Alamein, Ägypten; auf der Pazifikinsel Guadalcanal; in Stalingrad. Geschehnisse, die die Wende des Zweiten Weltkriegs herbeiführen und die Peter Englund so weltumspannend wie dicht und nah am Menschen erzählt, ganz aus der Sicht derjenigen, die diesen Krieg erlebt haben: darunter ein deutscher U-Boot-Kommandant im Nordatlantik, ein zwölfjähriges Mädchen in Shanghai, ein sowjetischer Infanterist in Stalingrad, ein Partisan in den belarussischen Wäldern, eine Journalistin in Berlin, eine Hausfrau auf Long Island. Dazu kommen bekannte Figuren wie Sophie Scholl, Ernst Jünger oder Albert Camus, leichthändig verwoben in die große Erzählung. So verfolgen wir, spannend wie in einem Roman, die Wende des Krieges – und erleben, was all diese Menschen antreibt, spüren ihre Ängste und Hoffnungen, Heldenmut und Verzweiflung.

 

Zum Autor

Peter Englund wurde 1957 geboren. Er arbeitete als Kriegsreporter auf dem Balkan, in Afghanistan und im Irak. Er wurde Professor für Historische Narratologie und lehrte Geschichte. In der Zeit von 299 – 2015 war er Ständiger Sekretär der Schwedischen Akademie, die den Nobelpreis vergibt. 2011 veröffentlichte er eine Geschichte über den Ersten Weltkrieg: „Schönheit und Schrecken“.

 

Empfehlung von Geschichte-Wissen


4,5 von 5 Punkten


Pro

  • Interessante und packende Erzählweise
  • Weniger Sachbuch als Roman

Contra

  • Die Endnoten hätten besser als Fußnoten in das Werk integriert werden sollen. Die sehr interessanten Informationen müssen umständlich am Ende des Buches nachgeschlagen werden.

Andere Meinungen zu dem Buch

Weitere Informationen und Kauf des Buches

Das Buch ist im Rowohlt Verlag Berlin erschienen. Es wurde aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann übersetzt. ISBN: 978-3-7371-0015-1

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