Autor: silesia

Entstehung des Sichelschnitt-Plans 1939/40

 

Teil I

Bereits im Rahmen der Weisung Nr. 6 vom 9.10.1939 ordnete Hitler für den Westfeldzug die Angriffsoperation durch den luxemburgisch-belgischen-niederländischen Raum verbindlich an. (1) Zu diesem Zeitpunkt war als erster möglicher Angriffstermin der 12.11.1939 denkbar, zu dem die Wehrmacht ihre Offensivbereitschaft herzustellen hatte und für den bereits seit zwei Wochen der Aufmarsch der Truppeneinheiten im Westen mit höchstmöglichen Transportleistungen durchgeführt wurde. (2) Gegen die Weisung verfassten insbesondere die Oberbefehlshaber von Leeb und Bock Lagebeurteilungen, nach denen die Verletzung der belgischen Neutralität schwerste Folgen haben werde, ein Sieg über Frankreich und England sei nicht möglich. Unterdessen erreichte die deutsche Westfront am 11.10.1939 die Befehlausgabe, mit der Masse des Heeres einen Angriff durch Holland-Belgien-Luxemburg vorzubereiten. (3)

Am 17.10.1939 trug Hitler anlässlich der Lagebesprechung vor, er habe jede Hoffnung aufgegeben, mit den Westmächten zu einer Verständigung zu kommen. Sein Entschluss sei daher, die Westmächte militärisch zu besiegen. Mittelbar kommt diesem Entschluss aufgrund der im Vorfeld geäußerten operativen Überlegungen im Hinblick auf die neutralen Staaten daher auch die Bedeutung zu, dass sich Hitler an diesem Tag zugleich endgültig auf den Angriff gegen Belgien und die Nichtbeachtung jeglicher Neutralität im Westen festgelegt hatte. (4)

Darauf deutet einmal die am Folgetag, dem 18.10.1939 unterzeichnete Weisung Nr. 7 hin, die bereits den Durchmarsch durch neutrales luxemburgisches Gebiet für den Fall vorsieht, dass einem französisch-englischen Vormarsch nach Belgien hinein „entgegengetreten“ werden muss, was zugleich die Drohung eines solchen Einmarsches abdeckt. Zudem äußerte er konsequent am 21.10.1939 vor den Gau- und Reichsleitern, dass er Belgien an Deutschland anschließen werde, was auch auf den Entschluss zur Offensive im Westen vor Beendigung des Krieges hindeutet.(5) Diese Entwicklung macht deutlich, dass der Entschluss zum Angriff über belgisches Territorium ausschließlich mit operativen Überlegungen zum Feldzug gegen die Westmächte in Zusammenhang stand, zumal bis zu diesem Zeitpunkt keine nachweisbaren Neutralitätsverletzungen Belgiens verzeichnet worden sind.

Parallel zur Weisung Nr. 7 erging am 19.10.1939 die erste Aufmarschanweisung des Heeres für Fall Gelb, der Offensive im Westen. Als Zielsetzung der Offensive wurde herausgestellt, möglichst starke Truppen der Westmächte zu schlagen und möglichst viel holländischen, belgischen und nordfranzösischen Raum als Basis für eine ausreichende Luft- und Seekriegsführung gegen England und als weites Vorfeld des Ruhrgebietes zu gewinnen. (6)

Am 22.10.1939, auf Grundlage des Planungsvortrages für Westoffensive, (7) wurde zugleich der 22.11.1939 als Angriffsdatum festgelegt. Ein Angriff direkt durch Belgien und den Südteil der Niederlande erschien als die beste Lösung. In den Anweisungsentwürfen vom 19. Oktober 1939 lag daher der Schwerpunkt des Panzerangriffs noch unmittelbar nördlich der belgischen Festungsstadt Lüttich, ausgeführt von den Heeresgruppen A und B, während HGr C sich gegenüber der Maginot-Linie abwartend verhalten sollte. Ein Blick auf die Landkarte macht klar, dass dies nur dann entsprechend den Vorgaben Hitlers zu verwirklichen war, wenn dabei die Grenzen der bis fast an Lüttich heranragenden niederländischen Provinz Limburg überschritten wurden, auch diese Planung kalkulierte demnach eine Neutralitätsverletzung ein. Dagegen wurde die erste Planung der Aufmarschanweisung vom 19.10., nämlich ganz Holland zu besetzen, wieder aufgegeben.

Die streitigen Fragen der ersten Aufmarschanweisungen wurden dann erneut am 25.10.1939, diesmal zwischen OKH und Hitler erörtert. Dieser nahm die Gelegenheit zum Anlass, erneut und eingehend die Notwendigkeit der Offensive im Westen unter Verletzung der Neutralität Belgiens zu begründen. Es sei „unverantwortlich, in dieser für Deutschland so günstigen Stunde aktionslos zu bleiben. Ein Abwarten bedeute, eines Tages aufzuwachen und die Westmächte an der eigenen Grenze stehen zu haben“. Die Besprechung behandelte dann im Weiteren die ungeklärten operativen Fragen des Kräfteansatzes. (8)
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(1) IMT, XXXIV, S. 266. Das ergänzende Schreiben Keitels lässt Rückfragen erkennen, die sich wohl auf die Notwendigkeit der Besetzung eines möglichst großen niederländischen Gebietes bezogen haben. Hierfür wird auf das Erfordernis zum Schutz des Ruhrgebietes sowie auf erforderliche Luftwaffenstützpunkte auf den Inseln verwiesen. Siehe auch den Tagebucheintrag bei Leeb vom 9.10.1939, wonach alle Nachrichten darauf hindeuten würden, dass Hitler „diesen Wahnsinnsangriff unter Verletzung der Neutralität Hollands, Belgiens und Luxemburgs wirklich machen will,“ Leeb, S. 188. Am 11.10.1939 arbeite Leeb eine neue Denkschrift aus über „Unsinns eines (deutschen) Angriffs“, ebenda, S. 188. Die Denkschrift ist wiedergegeben bei Jacobsen, Dokumente Vorgeschichte Westfeldzug, S. 79 ff.
(2) Kosthorst, Militärische Opposition, S. 31 verweist auf Gespräche zwischen Fromm und Halder, nach denen bis zum 10.11.1939 nur 5 Panzerdivisionen, 2 leichte Divisionen und 3 motorisierte Divisionen voll verwendungsbereit gemacht werden können.
(3) Nach einer Besprechung mit Brauchitsch sollte Bock am 10.10.1939 den Oberbefehl über die nördliche Heeresgruppe der Westfront übernehmen (somit gegenüber Belgien und den Niederlanden) und sich sobald wie möglich über die Möglichkeiten einer Offensive aus seinem Abschnitt äußern, vgl. Bock, Tagebuch vom 9.10.1939, S. 64. Auf Grundlage von Hitlers Denkschrift vom gleichen Tag spielt bei dieser Vorgabe die Notwendigkeit einer stärkeren Sicherung des Ruhrgebietes gegen Luftangriffe eine Rolle, „man wolle mehr Tiefe gewinnen“. Schließlich wolle man durch eine Offensive nach Belgien hinein die alliierten Truppen zu einer offenen Feldschlacht zwingen. Brauchitsch gibt hier die Argumentation Hitlers an Bock weiter. Kluge und Reichenau als Armeeoberbefehlshaber verneinen am 11.10. Bocks Frage, ob man vorrücken solle, wenn die alliierten Truppen Belgien besetzen, vgl. ebenda, S. 65. Vgl. die Zusammenstellung bei Müller, Heer, S. 476-478 sowie Leeb, Tagebuch vom 11.10.1939, S. 188.
(4) Halder, Tagebuch vom 17.10.1939, Band 1, S. 107 und die Ausführung bei Müller, Heer, S. 482
(5) Zitat nach BA-MA H 08-104/2.
(6) Jacobsen, Fall Gelb, S. 28.
(7) Der Planungsvortrag fand am 21.10.1939 durch Keitel statt; dass ihn überraschend nicht der OBdH Brauchitsch übernahm, signalisiert die Ablehnung der Offensivstrategie durch das Heer, vgl. Warlimont, Wehrmacht, S. 66. Halder, Tagebuch vom 22.10.1939, Band 1, S. 111.
(8) Jacobsen, Fall Gelb, S. 39. Nach Bock, Tagebuch vom 25.10.1939, S. 67, wurde den Oberbefehlshabern von Hitler persönlich die Notwendigkeit des Angriffs erläutert, begründet durch die Möglichkeit eines alliierten Vormarsches durch die neutralen Länder und einer dann gegebenen Bedrohung des Ruhr- und Rheingebiets. Inzwischen waren 7 Armeen der aus Polen eintreffenden Heerestruppen im Westen aktiv, so Westphal, Heer, S. 120.

 

Teil II

Brauchitsch versuchte noch am 27.10.1939 anlässlich einer Ordensverleihung, Hitler vom Angriffstermin 12.11. abzubringen, indem er auf die fehlende Verwendungsbereitschaft des Heeres vor dem 26.11.1939 verwies. Die ablehnende Haltung Hitlers machte den an diesem Tag versammelten Generälen klar, dass er die Offensive auf jeden Fall noch im November 1939 durchführen wollte. (1) Einen Tag später, am 28.10.1939, fiel auch der bisher noch ausstehende Entschluss über den doppelten Schwerpunktansatz der motorisierten und Panzerkräfte über belgisches Gebiet. (2)

Die so geänderte zweite Aufmarschanweisung für Fall Gelb erging dann am 29.10.1939. Sie erreichte die Kommandeure der Westfront am 31.10.1939, nunmehr mit erheblich weiter gesteckten Zielen. Neben dem Schlagen der französischen und englischen Truppen wurde der Vormarsch bis zur Somme auf Vorschlag Hitlers angeordnet, während der Generalstab dieses für unmöglich hielt. Wie die Vorfassung enthielt sie die Vorgabe, den entscheidenden Schlag gegen die alliierten Truppen auf belgischem Boden zu führen, um dann an die Kanalküste vorzustoßen. Eine Besetzung Hollands war nicht mehr vorgesehen. Die Bereitstellung für den Angriff sollte am 5.11. vorbereitet und bis zum 11.11. abgeschlossen sein.

Am 5.11.1939 machte Brauchitsch nochmals den Versuch, Hitler vom Angriff im Westen am festgesetzten Datum 12.11.1939 abzubringen. (3) In der Besprechung kam es zu einem massiven Zusammenstoß beider über die Ablehnung der Offensive im Westen durch das Oberkommando des Heeres, welche Brauchitsch mit dem schlechten Zustand der Truppeneinheiten begründete. Hitler äußerte, er werde in Zossen (d. h. beim Generalstab) im richtigen Moment zugreifen und diesen „Geist“ vernichten, die Schädlinge in der Armee ausmerzen.
Hitler erkannte klar die eigentliche Absicht des OKH, ihn vom Angriff im Westen abzubringen und zu einer anderen Lösung für die Beendigung des Krieges umzustimmen. Kurz danach traf auch beim OKH das Stichwort für den Angriff am 12.11.1939 ein, wurde aber nach den bis zum 8.11.1939 eintreffenden Nachrichten auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Diesen Termin, wie auch nach seiner Verschiebung die folgenden, verriet jeweils Oberst Oster an den mit ihm langjährig befreundeten niederländischen Militärattache Sas. Der Verrat erfolgte aus seiner Ablehnung des Regimes und der aus nächster Nähe beobachteten Vorbereitung eines aus seiner Sicht grundlosen Überfalls auf neutrale Länder. (4)

Währenddessen überdachte auch das Oberkommando der Luftwaffe – parallel zu ähnlichen Überlegungen bei der Heeresgruppe B – den Widerspruch zwischen der Verletzung von Hollands strikter Neutralität in einem kleineren Abschnitt des geplanten Feldzuges und der Vermeidung eines Konfliktes mit dem ganzen Land. Auch wenn nur ein winziger Teil holländischen Hoheitsgebietes von deutschen Truppen betreten würde, wären die politischen Folgen nach Auffassung Görings schwerwiegend. Es war zweifellos davon auszugehen, dass die Niederlande in den Krieg eintreten und umgehend britischen Bombern Stützpunkte bei Den Haag und Rotterdam zur Verfügung stellen würden. Damit entstünde den deutschen Bodentruppen, aber auch den Industriezentren im Ruhrgebiet nach Auffassung Görings eine große Gefahr. Um dem zu begegnen, schlug Göring als Oberbefehlshaber der Luftwaffe vor, aus diesen Überlegungen heraus die niederländischen Flugplätze selbst sofort einzunehmen und ganz Holland zu besetzen. Im Übrigen müsse Holland und Belgien besetzt werden, um eine günstige Ausgangslage für den Luft- und U-Boot-Krieg gegen England zu schaffen. (5)

Dem stimmte Hitler zu, so dass der “Fall Gelb” am 20. November 1939 nochmals überarbeitet wurde und als Weisung Nr. 8 des OKW verbindlich für die Wehrmacht wurde. Damit war zugleich über das Schicksal der neutralen Niederlande entschieden. Die neue Weisung gab nun entgegen der früher erteilten Weisung des OKH „alle gegen Holland beabsichtigten Maßnahmen ohne besonderen Befehl mit dem allgemeinen Angriffsbeginn“ frei. Die Kriegsmarine wurde nunmehr auch gegen holländische Häfen angesetzt. (6)

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(1) Den Angriffsbeschluss bestätigt auch das Gespräch von Leeb mit Oberst Müller, der aus Berlin eintraf, wonach Hitler den Angriff wolle, vgl. Leeb, Tagebuch vom 28.10.1939, S. 193. Der Angriff sei gegenwärtig „lediglich wegen des schlechten Wetters“ in Frage gestellt. Am 30.10.1939 notiert Leeb, der Angriff scheint von Hitler endgültig beschlossen zu sein, Hitlers ließe sich nichts einreden, Brauchitsch komme kaum zu Wort, ebenda, S. 194. Nach Bock, Tagebuch vom 28.10.1939, S. 70, hat ihm Brauchitsch an diesem Tage mitgeteilt, dass die endgültige Entscheidung über den Angriff gefallen sei.
(2) Jacobsen, Vorgeschichte Westfeldzug, S. 41. Bis zum 30.10.1939 waren rund 75 % der schnellen Kräfte aus dem Polenfeldzug verwendungsbereit gemacht, vgl. Kosthorst, Opposition. S. 31 mit Verweis auf das Jodl – Tagebuch vom 30.10.1939
(3) Bei der Westfront einen Tag später, vgl. Leeb, Tagebuch vom 6.11.1939, S. 198, allerdings wird der Termin nur wenig später wieder verschoben, vgl. ebenda, Tagebuch vom 8.11.1939, S. 199. Bock erhält den Angriffsbefehl noch abends, vgl. Bock, Tagebuch vom 5.11.1939, S. 72.
(4) Müller, Heer, S. 521 ff und S. 569ff.; Ritter, Goerdeler, S. 263
(5) Diese Änderung in den Planungen kann allerdings nicht nur auf Göring zurückzuführen sein, da Bock schon am 15.11.1939 die Vorgabe hielt, den Angriff bis in den Nordteil Hollands auszudehnen, vgl. Bock, Tagebuch vom 15.11.1939, S. 75. Der Plan wird auch berichtet in SKL KTB III, S. 103. Die neue Anweisung Hitlers vom 14.11.1939 hatte zum Inhalt, auf die Möglichkeit hinzuweisen, dass im Verlauf der „Unternehmung West“ mit der Nichtbeachtung der holländischen Neutralität durch die Alliierten zu rechnen ist (Überflüge, Festsetzen im holländischen Raum). In diesem Fall müsse möglichst viel holländisches Gebiet als Vorfeld für die Luftverteidigung gewonnen werden. Dazu habe die Kriegsmarine das Heer bei der Besetzung der holländischen Inseln zu unterstützen. Der Chef SKL ordnet ergänzend für den weiteren Kriegsverlauf „unter bestimmten Voraussetzungen“ an, die gegebenen Möglichkeiten für eine Invasion Englands zu prüfen.
(6) Die Bereitschaft für Fall „Gelb“ wurde weiter aufrecht erhalten, um eine günstige Wetterlage für den Angriff jederzeit ausnutzen zu können. Die Planung war so anzulegen, dass die Operation noch um 23.00 Uhr am Vortag des Angriffsbeginns angehalten werden konnte, vgl. SKL KTB III, S. 164 vom 21.11.1939. Maßnahmen gegen Holland waren in diesem Rahmen freigegeben, da mit einer feinseligen Haltung nach Auffassung Hitlers gerechnet werden musste. Zur Entstehung von Weisung Nr. 8 vgl. Warlimont, Wehrmacht, S. 66.
Entsprechend ordnete die SKL die Vorbereitung von Transportmitteln im Wattenmeer an, SKL KTB III, S. 118 vom 16.11.1939. Dabei wird noch (den Neutralitätsbruch verschleiernd) auf die Möglichkeit hingewiesen, dass diese Maßnahmen im Falle einer Besetzung durch alliierte Truppen unvermeidlich wird, obwohl der deutsche Angriff bereits für den 12.11.1939 erstmals beschlossen war.
Vgl. Jacobsen, Fall Gelb, S. 58.

 

Teil III:

Die Veranstaltung am 23.11.1939 mit 180-200 Personen nutzte dann Hitler, der obersten militärischen Führungsschicht mit größter Deutlichkeit seine Auffassung von der Lage darzulegen und sie von der Notwendigkeit der Offensive im Westen zu überzeugen. Von der Rede gibt es keine offizielle Protokollfassung, wohl aber eine Reihe von Nachschriften, die sich in den wesentlichen Passagen inhaltlich decken.
Demnach wollte Hitler zunächst seine operativen Ansichten darlegen und dann in sehr massiver Form die Angriffsfreudigkeit der Wehrmacht zu „fanatischer Entschlossenheit“ heben. (1) Die Veranstaltung stand im direkten Bezug zu dem vorausgegangenen Disput mit dem Oberkommando des Heeres und Teilen der führenden Generalität. (2) Insoweit konsequent hob Hitler einerseits die Leistungen von Luftwaffe und Marine hervor, deren Verdienste dazu geführt hätten, „die Nordsee von den Briten frei zu fegen“; anderseits – mit Blick auf das Heer brachte er seine Entschlossenheit zum Ausdruck, „brutale Entschlüsse zu fassen“ und „jeden zu vernichten, der gegen ihn“ sei.

Die Reaktion hierauf war zweigeteilt. Während die belobigten Wehrmachtsteile dieses genossen und das gerügte Heer bedauerten, sowie Teile der Heeresgeneralität begeisterte Zustimmung zeigten, herrschte bei der oppositionellen Heeresgeneralität teilweise Empörung über die Rede Hitlers. Noch am Abend wiederholte Hitler seine Vorwürfe gegen den Generalstab des Heeres im Gespräch mit Brauchitsch und Halder. Brauchitsch und Halder blieben trotz der geradezu kränkenden Ausfälle Hitlers im Amt und trugen nunmehr nach dem Eindruck der versammelten Generalität die beschlossene Westoffensive mit. (3)

In diesen Tagen beschäftigte auch die Kriegsmarine die Frage, ob ein deutsches Vorgehen gegen die Niederlande durch Großbritannien an anderer Stelle ausgenutzt werden könne. Dabei stammt die Frage im Mittelpunkt, ob es in Folge einer deutschen Westoffensive zu einer Besetzung der norwegischen Häfen durch britische Truppen kommen könne. Parallel dazu werden in der Kriegsmarine Planungen vorgebracht, welche notwendigen Befestigungen an der belgisch-niederländischen Küste nach der Inbesitznahme vorzusehen sind. Diese Aufgabe soll im Wesentlichen der Luftwaffe überlassen werden. Das Ergebnis einer erfolgreichen Westoffensive vorwegnehmend, stellen Heer und Kriegsmarine erste Überlegungen zu einer Landungs- bzw. Landoperation gegen England an. (4)

Am 6.12.1939 wurde erneut im Oberkommando diskutiert, wo der Schwerpunkt der bevorstehenden Westoffensive zu legen sei, Hitler, für den die Planungen nicht schnell genug voranschreiten, äußert nochmals die Vermutung, dass seitens des OKH seine Überlegungen für die rasche Offensive im Westen sabotiert werden. Am 18.12.1940 legte Manstein – basierend auf seiner Denkschrift vom 30.10.1939 und dem zwischenzeitlichen Schriftwechsel mit Halder und dem OKH – einen nunmehr umfassend ausgearbeiteten Operationsplan für die Führung der Westoffensive vor, der Rundstedt als Grundlage für einen Vortrag beim OKH dienen sollte. Für die Überarbeitung der Pläne kam das allerdings aufgrund des nächsten angesetzten Angriffstermines zu spät. (5)

Am 11.1.1940 erteilte das OKH nach mehreren Verschiebungen nunmehr den Befehl zum Angriff im Westen am 17.1.1940 und ließ damit die ersten Transportbewegungen der Divisionen auf Grundlage der alten Aufmarschanweisung und der Weisung Nr. 8 des OKW zu Fall Gelb anlaufen. Der Angriff sollte aufgrund der günstigen Wetterprognosen bereits am 12.1., 13.1., später auf Anweisung Hitlers am 14.1.1940 durch massive Bombenangriffe auf französische Flughäfen an der Nordgrenze vorbereitet werden. Auch dieser Angriffstermin wurde wieder – aufgrund Befürchtungen hinsichtlich der am 10.1.1940 in belgische Hände gefallenen Teile der Operationsunterlagen, sowie wegen eines vorausgesagten Witterungsumschwunges – letztlich am 16.1.1940 gestoppt. Unterdessen waren die belgischen und niederländischen Streitkräfte in höchste Alarmbereitschaft versetzt worden. Der Angriff wurde von Hitler daraufhin bis zum Frühjahr verschoben. Allerdings ordnete er am 17.1.1940 nunmehr ausdrücklich die Besetzung der gesamten Niederlande an. (6)

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(1) So Bock, Tagebuch vom 23.11.1939, S. 79.
Vgl. die Zusammenfassung und Auswertung bei Jacobsen, Fall Gelb, S. 58 ff. und IMT, XXVI, S. 327 ff. sowie XLI, S. 16 ff. Zur Absicht des „zweiten Teils der Ansprache in kleinerem Kreis“, vgl. Leeb, Tagebuch vom 23.11.1939, S. 203.

(2) Noch die Vortragsnotiz der Heeresgruppe A vom 19.1.1940 spricht offen davon, dass die Aufmarschanweisung vom 29.10.1939 offensichtlich den „bekannten“ Eindruck bestätigt, dass seitens des OKH eine „ablehnende Einstellung“ zur Westoffensive besteht, vgl. die Wiedergabe bei Jacobsen, Dokumente Vorgeschichte, S. 146.

(3) Vgl. die simplifizierte Übernahme der Rede Hitlers durch Hoth (Kriegstagbuch XV. AK) für den Zweck, den Inhalt an die Offiziere weiterzuleiten, vgl. Kosthorst, Opposition, 38, Müller, Heer, S. 548-549, Halder, Tagebuch vom 23.11.1939, Band 1, S. 132 sowie Bock, Tagebuch vom 23.11.1939

(4) Am 27.11. wird die Entscheidung über den Angriff erneut auf den 4.12.1939 verschoben, vgl. Leeb, Tagebuch vom 27.11.1939, S. 204. Eine weitere Verschiebung der Entscheidung erfolgte dann auf den 12.12.1939, vgl. Leeb, Tagebuch vom 6.12.1939, S. 204.
Am 19.11.1939 wurde befohlen, dass in Zusammenarbeit von Heer und Kriegsmarine die Besetzung holländischer Inseln vorzubereiten sei, vgl. Bock, Tagebuch vom 19.11.1939, S. 77. Siehe SKL KTB III, S. 205 vom 25.11.1939
und SKL KTB III, S. 239-240 vom 28.11.1940 sowie Warlimont, Wehrmacht, S. 70

(5) Engel-Tagebuch, S. 69 vom 6.12.1939,
Wiedergegeben auch bei Jacobsen, Dokumente Vorgeschichte, S. 131 ff., sowie Jacobsen, Fall Gelb, S. 79.

(6) Inzwischen war die Angriffsentscheidung zunächst auf den 9.1.1940 verschoben worden, vgl. Leeb, Tagebuch vom 28.12.1939, S. 206. Am 19.1.1940 vermerkt Leeb dann, dass der Angriff für „länger“ verschoben ist, vgl. Tagebuch, S. 209. Vgl. Jacobsen, Fall Gelb, S. 80, 89, 92 und 93 sowie Halder, Tagebuch vom 17.1.1940, Band 1, S. 159 f.

 

Teil IV

Am 30.1.1940 erging dann die dritte Aufmarschanweisung des OKH für das Heer im „Fall Gelb“, in Auswertung zwischenzeitlicher Stabsbesprechungen vom 22.1.1940 in Zossen. Der Angriffsplan wies weitere Schwerpunktverschiebungen auf, auch in Auswertung der Besprechungen vom Dezember 1940. Seit dem 25.1.1940 war den Befehlshabern der Westfront bekannt, dass die Angriffsbereitschaft nunmehr innerhalb eines Tages herzustellen war. (1)

Am 4.2.1940 befand sich Schmundt in Koblenz und sprach mit Manstein und Rundstedt über den Operationsplan für die Westoffensive anlässlich der dort stattfindenden Kriegsspiele zu den Operationsplänen. Die Kriegsspiele zeigten die Probleme der bisherigen Feldzugplanung, zugleich ergab sich die Durchführbarkeit der Manstein-Überlegungen. Schmundt vermerkte, bei Manstein dieselben Auffassungen über den Schwerpunkt der Operation wie bei Hitler festgestellt. (2)

Am 17.2.1940 findet die Unterredung zwischen Hitler und Manstein statt, Hitler fordert danach die Änderung des bisherigen Operationsplanes unter Berücksichtigung der neuen Schwerpunktbildung der motorisierten und Panzerkräfte bei der Heeresgruppe A (Rundstedt). Parallel hatte auch das OKH die Konsequenzen aus den Koblenzer Kriegsspielen gezogen. Die am folgenden Tag stattfindende Aussprache Hitlers mit dem OKH brachte die endgültige Veränderung der bisherigen Operationspläne, auf deren Grundlage sich das OKH umgehend mit der Überarbeitung der Aufmarschanweisung beschäftigte. Unmittelbar darauf, am 24.2.1940 erging die vierte, geänderte Aufmarschanweisung im „Fall Gelb“. Danach wurde nun ein neuer Schwerpunkt bei der (in der Mitte eingesetzten) Heeresgruppe A gesetzt. Der deutsche Durchbruch sollte mit der Masse aller Panzer- und motorisierten Kräfte über die Maas nördlich Namur erfolgen. Die Kräftezuweisungen für diese neue Angriffsplanung wurde vom OKH genehmigt, sie gingen über die Manstein-Planungen noch hinaus. (3)

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(1) Jacobsen, Fall Gelb, S. 102-106. Die erste Aufmarschanweisung stammte vom 19.10.1939, die zweite geänderte Aufmarschanweisung vom 29.10.1939.
Warlimont, Wehrmacht, S. 66, Leeb, Tagebuch vom 25.1.1940, S. 210.

(2) Engel-Tagebuch, S. 74 vom 4.2.1940. Am folgenden Tag unterrichtet Schmundt Hitler über seine Eindrücke.

(3) Jacobsen, Fall Gelb, S. 116-118. Brauchitsch begründet diese Änderung insbesondere mit den Unterlagen, die Belgien bezüglich der bisherigen Aufmarschanweisungen im Januar in die Hände gefallen seine, vgl. Bock, Tagebuch vom 24.2.1940, S. 101. Die neuen Aufmarschanweisungen wurden bereits – fertiggestellt (!) -während der Besprechung weiter gegeben. Leeb, Tagebuch vom 24.2.1940, S. 214.