Federico Gravina

Historiker beschäftigen sich gerne mit Siegern; Verlierer stehen meist im Schatten. Die Seeschlacht von Trafalgar ist untrennbar verbunden mit dem Namen des britischen Oberbefehlshabers, Lord Horatio Nelson. Zweifellos war Nelson der fähigste Flottenkommandeur seiner Zeit und errang am 21. Oktober 1805 einen triumphalen Erfolg.

Weniger bekannt ist heute Federico Carlos Gravina y Nápoli, zuletzt Admiral und Befehlshaber des spanischen Geschwaders, das an der Seite der französischen Verbündeten bei Trafalgar kämpfte. Der spanische Schriftsteller Arturo Pérez-Reverte, der 2004 einen preisgekrönten Roman über die Schlacht veröffentlichte, meinte im Januar 2014 in einem Interview, dass Offiziere wie Dionisio Alcalá Galiano oder Cosme Damián Churruca, den Ruf der Armada Española gerettet hätten: Gravina gehört für ihn nicht dazu. Der spanische Historiker Pelayo Alcalá Galiano legte 1909 eine Studie über die Schlacht vor, die zu den Standardwerken über Trafalgar zählt. Er beurteilte Gravina sehr negativ. Der Admiral hätte seine außerordentlich schnelle Karriere nur seinen Verbindungen zum Hof, nicht aber seinen Fähigkeiten zu verdanken. Vor allem aber hätte er nicht zulassen dürfen, dass die spanischen Schiffe an der Seite ihrer Verbündeten in eine Schlacht zogen, die sie nicht gewinnen konnten. Suchte der Historiker nur einen Sündenbock für ein militärisches Desaster, das 100 Jahre später noch in Spanien als Schande empfunden wurde? Sein britischer Kollege Jullian S. Corbett hingegen bewertete 1910 die Führung von Gravina bei Trafalgar positiv: Der Vizeadmiral hätte sich in den frühen Nachmittagsstunden tapfer und geschickt geschlagen.

Die Reformpolitik der spanischen Bourbonen und die spanische Marine

Der Aufbau einer starken Marine gehörte zu den Reformen, mit denen die Regierung das Land modernisieren wollte. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde im Kriegs-, Finanz- und Indienministerium (dieses Ressort war für die überseeischen Gebiete zuständig) der Zustand des Landes sorgfältig analysiert. Spanien hatte im Laufe des 17. Jahrhunderts seinen Status als Großmacht verloren. Militärische Niederlagen, eine unfähige Oberschicht, ein überschuldeter Staat, ein rückständiges Gewerbe und eine Landwirtschaft, die die eigene Bevölkerung nicht ernähren konnte, waren Anzeichen für den Abstieg. Die Krone versuchte, die Verwaltung nach französischem Vorbild zu zentralisieren. Brachliegendes Land im Landesinneren sollte erschlossen werden. Nach dem Willen der Reformer sollten alle Teile der Monarchie – also die Iberische Halbinsel und die Kolonien in Südamerika und im Pazifik – als Wirtschaftsraum zusammenarbeiten. Hispanoamerika hatte Rohstoffe zu liefern, die im Mutterland verarbeitet werden sollten. Dazu waren umfangreiche Verwaltungsreformen in allen Teilen des spanischen Herrschaftsgebietes erforderlich. Das Konzept beruhte darauf, dass die Seewege gesichert werden konnten. Die in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bedeutungslos gewordenen Seestreitkräfte mussten neu aufgebaut werden. Es kam zu einer maritimen Aufrüstung, die erst 1797 endete.

Die spanische Marine des 18. Jahrhunderts wird von Historikern meist kritisch beurteilt, weil sie in den wichtigen Seeschlachten oft Niederlagen einstecken musste. John Lynch macht in seinem Standardwerk „Bourbon Spain“ unfähige Admirale für die Misserfolge verantwortlich. Die Ausbildung der Seeoffiziere in der Armada Española wäre zu theoretisch gewesen; die Praxis sei vernachlässigt worden. Hellmut Diwald meint gar, die Admirale hätten ihren Ehrgeiz darin gesetzt, „die überzeugendsten Beispiele des Unvermögens zur Flottenführung zu liefern.“ Der Kanadier John D. Harbron kommt in seiner Studie mit dem Titel „Trafalgar and the Spanish Navy“ zu einem differenzierteren Urteil. Er weist darauf hin, dass die Royal Navy seit dem 16. Jahrhundert auf eine erfolgreiche Tradition zurückblicken konnte, während die spanischen Seestreitkräfte das Ergebnis der Reformpolitik der bourbonischen Monarchie im 18. Jahrhundert waren und sehr schnell aufgebaut worden sind. Die spanischen Schiffbauer gehörten zu den Besten ihrer Zunft und auch das Offizierkorps – so Harbron – konnte sich im Vergleich zu anderen Seemächten sehen lassen. Kapitän Alejandro Malaspina – um nur ein Beispiel für die Leistungsfähigkeit der spanischen Marine zu nennen – unternahm mit zwei kleinen Schiffen zwischen 1789 und 1794 eine Weltumseglung und betrieb dabei wissenschaftliche Studien, deren Ergebnisse sich mit denen eines James Cook absolut vergleichen konnten. Was die Einführung und Weiterentwicklung von Navigationstechniken, das Erstellen von Seekarten oder technischen Neuerungen anging, lag Spanien mit England gleichauf. Im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg zwischen 1779 und 1783 gewannen die Spanier zwar keine Seeschlacht; ihre Kriegsschiffe aber fügten der britischen Handelsschifffahrt schwere Verluste zu. 1781 griff ein spanisches Geschwader im Kanal während eines Sturms einen Konvoi an und enterte 24 britische Kauffahrer, ohne dass die Royal Navy eingreifen konnte. 1782 lieferte eine französisch-spanische Flotte bei Kap Spartel unter einem spanischen Oberbefehlshaber den Briten eine unentschiedene Schlacht und 1782 eroberten spanische Streitkräfte die Insel Menorca zurück.

Der schwerfälligen und ineffizienten Marineverwaltung in Madrid gelang es allerdings nicht, dss größte Problem der Armada Española zu lösen: den Mangel an erfahrenen Matrosen. Die Regierung führte 1737 eine „Matricula di Mar“ ein, ein Rekrutierungsverzeichnis, in das Angehörige seemännischer Berufe eingetragen wurden.1759 umfasste sie 50 000 Dienstpflichtige, aber nur 26 000 Seeleute standen der Kriegsmarine zur Verfügung. Nicht selten wurden die erfahrenen Hochseematrosen den Konvois zugeteilt, die zwischen dem Mutterland und den Kolonien verkehrten und deren Transporte für die spanische Wirtschaft lebensnotwendig waren. Auf vielen Linienschiffen bestand die Mehrheit der Besatzungen aus Soldaten des Heeres oder aus Küstenbewohnern, die als Seeleute in der Matricula geführt wurden, obwohl sie nur Fischer waren und ein Segelboot in Küstennähe bedienen konnten. Da es zu wenig Matrosen mit Erfahrungen in der Hochseeschifffahrt gab, benötigte ein spanisches Kriegsschiff mehr Zeit für ein Segelmanöver als ein britisches. Die Heeresartilleristen hatten noch nie auf hoher See ein Geschütz abgefeuert; sie kannten nicht die Auswirkungen des Seegangs oder den eingeschränkten Blickwinkel eines Kanonenluks. Die britische Artillerie brauchte eine Minute, um alle Geschütze nachzuladen und wieder zu abzufeuern; bei den Spaniern dauerte diese Übung fünf Minuten.

In den achtziger Jahren ordnete der spanische König die Gründung eines Übungsgeschwaders an. Zweimal konnte ein Verband, bestehend aus mehreren Linienschiffen und Fregatten, mehrere Monate auf See Manöver abhalten, doch dann fehlte das Geld für weitere Trainingsfahrten. Insofern ist die Geschichte der Armada Española typisch für die Reformbemühungen der spanischen Bourbonen im 18. Jahrhundert. Innerhalb weniger Jahrzehnte wurden großartige Aufbauleistungen vollbracht. Im Gegensatz zum 17. Jahrhundert zeigten die Spanier wieder Flagge auf den Weltmeeren. Doch während die Royal Navy in allen Dienstgraden über gut ausgebildetes Personal verfügte, waren die Leistungsunterschiede bei ihren spanischen Gegnern größer. Spanien verfügte über hervorragende Admiräle wie José de Mazarredo Salazar, Juan de Langara oder Carlos Federico Gravina oder ausgezeicnete Kapitäne wie Dionisio Alcalá Galiano oder Cosme Damián Churruca. Galiano und Churruca hatten durch nautische Forschungsreisen auf sich aufmerksam gemacht, erwiesen sich aber auch als fähige Seeoffiziere. Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts setzte sich in der spanischen Flotte allmählich das Leistungsprinzip durch. Zwar musste man weiterhin wenigstens dem niederen Adel angehören, um als Seekadett angenommen zu werden, doch bei weiteren Beförderungen – insbesondere in hohe Kommandopositionen – sollten in erster Linie die dienstlichen Leistungen zählen. Die meisten führenden Offiziere der Armada Española an der Wende zum 19. Jahrhundert wie Mazzaredo, Langara, Gravina, Churucca oder Galiano wurden auch von ihren englischen Gegnern geschätzt; hier entspricht die Feststellung von Hellmut Diwald oder das harsche Urteil von John Lynch nicht den Tatsachen.

Als Gravina 1775 seine Karriere begann, erhielt die Flotte jedes Jahr moderne Kriegsschiffe: Die Rüstungsanstrengungen erreichten ihren Höhepunkt. Doch das seemännische Personal fehlte. Spanien hätte ca. 42 000 Seeleute gebraucht, aber nur etwas mehr als die Hälfte stand zur Verfügung. Am Ende des Jahrhunderts geriet der spanische Staat in eine Krise und konnte seine ehrgeizigen Rüstungs- und Reformprogramme nicht mehr finanzieren. Karl IV. (1788 bis 1808) war ein Herrscher, der nicht annähernd die Qualitäten seines Vorgängers besaß. 1797 wurde das ambitionierte Rüstungsprogramm eingestellt.

Stationen einer Karriere

Federico Carlos Gravina y Nápoli wurde 1756 in Palermo geboren und entstammt einer Familie des sizilianischen Adels. Dynastische Verbindungen zwischen dem spanischen Zweig der Bourbonen und den Königen von Neapel und Sizilien eröffneten jungen Adligen aus Süditalien gute Karrierechancen auf der Iberischen Halbinsel. Der Bruder von Gravina wurde – um nur ein Beispiel zu nennen – Bischof in Spanien. Federico Carlos besuchte das Collegio Clementino in Rom, eine Eliteschule für junge Männer aus hohen Adelsfamilien. Im Gegensatz zu anderen Flaggoffizieren seiner Zeit genoss Gravina eine sehr gute Schulausbildung. Nelson beispielsweise, sein Gegner in der Seeschlacht von Trafalgar, wuchs in einem britischen Pfarrhaus auf und heuerte mit 12 als Seekadett in der Royal Navy an. Gravina trat erst mit 19 in die spanische Marine ein – für die damalige Zeit ein recht hohes Alter für einen Offiziersanwärter.

Der junge Herzog machte schnell durch seine seemännischen Fähigkeiten und seine Tapferkeit auf sich aufmerksam. Er nahm mit einer spanischen Flotte am spanisch-portugiesischen Krieg 1776/77 teil und erlebte an der südamerikanischen Küste vor dem Rio de la Plata seine Feuertaufe. Nach dem Abschluss seiner Offizierausbildung zeichnete er sich 1782 bei der Belagerung von Gibraltar aus. Im selben Jahr hatte er ein Kommando an Bord des spanischen Linienschiffs „Santissima Trinidad“ inne, das in der Seeschlacht von Kap Spartel gegen die Engländer kämpfte. Ein Jahr später übernahm er die Fregatte Juno. Danach folgten weitere selbsständige Kommandos. Mit der Fregatte Paz überquerte er auf einer schwierigen Route in einer außergewöhnlich schnellen Zeit den Atlantik. Zwei Jahre später, mit 34 Jahren, befehligte er ein Linienschiff. 1789 erfolgte die Beförderung zum Kommodore. 1791 wurde er Konteradmiral, 1797 Vizeadmiral.

Nachdem er in den achtziger Jahren seine Qualifikation als Schiffsführer unter Beweis gestellt hatte, übernahm er nun größere Führungsaufgaben. 1790 drohte ein Krieg zwischen England und Spanien. Gravina erhielt den Auftrag, im südspanischen Cádiz eine Flotte zu organisieren. Es war die stärkste Konzentration von spanischen Kriegsschiffen seit der Armada von 1588. Die Krise wurde schließlich mit diplomatischen Mitteln beigelegt. Zwischen 1793 und 1795 kam es zu einer vorübergehenden Zusammenarbeit zwischen London und Madrid. Am 01. Februar 1793 hatte Frankreich England den Krieg erklärt. London entsandte eine Flotte in das Mittelmeer, die vor der strategisch wichtigen Hafenstadt Toulon erschien. Dort herrschten chaotische Zustände. Die Gegner der Revolution schickten sich an, die Kontrolle zu übernehmen. Am 28. August 1793 stieß eine spanische Flotte unter Vizeadmiral Juan Langara y Huarte zum britischen Blockadegeschwader. Am selben Tag landeten die Alliierten in der Stadt; die dort stationierten französischen Kriegsschiffe leisteten keinen Widerstand. Gravina nahm als Stellvertreter des spanischen Oberbefehlshabers an der Operation teil. Bis zum 18. Dezember 1793 hielten die Verbündeten Toulon und zerstörten bei ihrem Rückzug viele Schiffe des Gegners und sprengten einen Teil der Magazine. 15 000 Menschen konnten evakuiert werden. Gravina wurde schwer verwundet und erwarb sich durch seine Tapferkeit und besonnene Führung den Respekt britischer Offiziere. Im selben Jahr besuchte er auch Portsmouth. Gravina interessierte sich für die Taktik und die Führungsmethoden der besten Flotte der Welt und verstand sich gut mit den englischen Offizieren.

Die englisch-spanische Allianz sollte ein kurzes Zwischenspiel bleiben. In Madrid musste man einsehen, dass mit einer Rückkehr der französischen Bourbonen auf den Thron nicht zu rechnen war. In der spanischen Diplomatie setzte sich wieder die traditionell antibritische Linie durch. Madrid erklärte London den Krieg, obwohl die Marine nur bedingt einsatzbereit war. Deutlich wurde dies, als 1797 bei St. Vincent eine spanische Flotte gegen einen britischen Verband eine demütigende Niederlage erlitt. Die schlecht ausgebildeten Besatzungen konnten sich nicht annähernd mit einem Gegner messen, der zahlenmäßig wesentlich schwächer war. Die Seeschlacht ging in die Kriegsgeschichte ein, weil ein junger Kommodore namens Horatio Nelson ein neues taktisches Prinzip angewandt hatte. Bis dahin segelten die Flotten in Kiellinie (ein Schiff folgte dem Vorgänger in einer Linie) auf Parallelkurs oder Gegenkurs und lieferten sich ein Artillerieduell, das meistens mit einem Unentschieden endete. Nelson scherte bei St. Vincent eigenmächtig aus dem eigenen Verband aus, durchtrennte mit seinem Angriff die spanische Schlachtlinie und entschied mit seiner mutigen und kühnen Tat das Gefecht. Die Idee zu dieser Form der Seekriegsführung stammte nicht von einem Seeoffizier, sondern von John Clerk, einem schottischen Kaufmann, der sich für Fragen der Seekriegsführung interessierte. Ihm ging es darum, die meist ergebnislosen Artillerieduelle zu beenden. Er fand heraus, dass man eine Seeschlacht für sich entscheiden kann, wenn eine Flotte angreift, sich dabei aber auf einen Abschnitt der gegnerischen Linie konzentriert und diese durchbricht. Der Gegner müsste dann den anderen Teil seiner Schiffe wenden lassen, ein Manöver, das viel Zeit in Anspruch nahm. Die Angreifer hatten sich einen kurzfristigen Vorteil erkämpft, denn die gegnerische Flotte wurde geteilt und befand sich in Unterzahl. Den Briten kam diese Taktik entgegen, denn hier konnten sie ihre Vorteile ausspielen: ihr hervorragendes seemännisches Können und ihr schnelles und präzises Artilleriefeuer. Clerk veröffentlichte seine Ansichten unter dem Titel „An Essay on Naval Tactics“ 1779. Die Publikation machte schon bald im Offizierkorps der Royal Navy die Runde.

Gravina nahm an der Seeschlacht von St. Vincent nicht teil. Auch er hätte nichts an dem Ergebnis ändern können. Zusammen mit Vizeadmiral Mazzaredo verteidigte er 1797 erfolgreich Cádiz gegen die Blockade durch die englische Flotte. Seinen taktischen Fähigkeiten, vor allem seinem effektiven Einsatz von Kanonenbooten war es zu verdanken, dass die Angriffe der Briten unter Nelson scheiterten. Mazzaredo hatte das Konzept entwickelt und sein Stellvertreter Gravina setzte es mit Erfolg in die Praxis um. In den nächsten Jahren befehligte Gravina mehrfach kleinere Flottenverbände. 1803 übernahm er das Amt des spanischen Botschafters in Paris. Der Vizeadmiral befürwortete ein Bündnis zwischen Frankreich und Spanien. Die Regierung in Madrid hatte ihm für den Fall eines Krieges zugesichert, dass er wieder ein Flottenkommando erhalten würde. Als Botschafter machte Gravina keine gute Figur; auf dem schwankenden Deck eines Schiffes bewegte er sich sicherer als auf diplomatischem Parkett.

Im Dezember 1804 war es so weit: Der Krieg brach aus. Dem britischen Botschafter wurden in Paris und Madrid die Pässe ausgehändigt. Gravina kehrte in sein Heimatland zurück und erhielt das Kommando über die Marinebasis in Cádiz. In wenigen Wochen sorgte er dafür, dass mehr als 20 Linienschiffe am Krieg teilnehmen konnten. Gravina setzte sich persönlich dafür ein, dass fähige Offiziere zu Schiffskommandanten bestellt wurden. Das größte Problem der Seestreitkräfte konnte er jedoch nicht lösen. Auch 1805 wurden die Schiffe mit Dienstpflichtigen bemannt, die nur unzureichend ausgebildet waren. Als Beispiel mögen die Zahlen dienen, die Gravina am Vorabend der Schlacht von Trafalgar für sein Flaggschiff, die ‚Principe de Asturias‘ notierte. Die 1163 Mann Besatzung setzten sich aus 609 Offizieren und Matrosen, 172 Marineartilleristen, 382 Heeresinfanteristen zusammen. Fast die Hälfte der Besatzung bestand nicht aus Seeleuten.

Die vereinte Flotte sollte 1805 die Briten in der Karibik binden und dann so schnell wie möglich nach Europa zurückkehren. Die Schiffe hatten Befehl, die Kanalküste ansteuern, wo sich unter Napoleons Befehl ein Heer versammelt hatte, das nach England übergesetzt werden sollte. Der Plan scheiterte: Villeneuve konnte zwar die Royal Navy nach Westindien locken, aber der Gegner folgte ihm unverzüglich. Am 22. Juli 1805 kam es bei Kap Finisterre zu einer Seeschlacht zwischen der vereinten Flotte und den Briten unter Vizeadmiral Robert Calder. Dank der Führung von Gravina, der mit seinen sechs Schiffen die Vorhut bildete und sofort Gefechtsberührung hatte, konnten die Briten ausmanövriert werden. Zwei spanische Schiffe mussten jedoch die Segel streichen. In der Seekriegsgeschichte wird das Treffen als britischer Sieg gewertet, aber unbestritten ist, dass die Spanier mit ihrem entschiedenen Vorgehen viel dazu beigetragen haben, dass Calder keinen entscheidenden Sieg erreichen konnte. Napoleon würdigte denn auch die Verdienste des spanischen Flaggoffiziers: „Gravina ist genial und entscheidungsfreudig im Kampf. Wenn Villeneuve diese Qualitäten gehabt hätte, wäre die Schlacht von Finisterre ein vollständiger Sieg geworden.“

Napoleon musste sein strategisches Hauptziel, die Ausschaltung Englands, aufgeben. Der Korse befahl dem an der Kanalküste versammelten Heer, nach Süddeutschland zu marschieren, denn ein Krieg mit Österreich und Russland drohte. Die französisch-spanischen Seestreitkräfte gingen in Cádiz vor Anker, wo sie wie 1797 von den Engländern blockiert wurden. Doch diesmal wagten die Briten keinen Angriff, sondern konzentrierten ihre Flotte auf See. Nur die Mastpsitzen der Aufklärungsfregatten konnte man von der südspanischen Hafenstadt aus beobachten.

„Morgen auf See …“

In Cádiz entluden sich derweil die Spannungen zwischen den Verbündeten. Die spanischen Offiziere waren darüber empört, dass die Franzosen den Ausgang der Schlacht von Finisterre vor allem als ihren Erfolg werteten, obwohl nur spanische Schiffe im Feuer gestanden hatten. In den Kneipen kam es zu Schlägereien zwischen französischen und spanischen Matrosen. Die spanische Verwaltung lieferte den Franzosen Lebensmittel und Munition nur gegen Vorkasse. Gravina wollte von seinem Amt zurücktreten, aber Godoy, der leitende Minister Spaniens, konnte ihn dazu überreden, das Kommando als stellvertretender Oberbefehlshaber zu behalten.

Die Frage war nun, wie man auf die Anwesenheit der Royal Navy vor Cádiz reagieren sollte. Der Invasionsplan war gescheitert. Ein stürmischer Herbst drohte, der für die Blockadeflotte mehr Probleme aufwarf als für Franzosen und Spanier. Napoleon hatte jedoch neue Befehle für die Seestreitkräfte: Sie sollten durch die Straße von Gibraltar ins Mittelmeer segeln und dort die habsburgische Machtposition in Süditalien angreifen. Auch einen Ersatz für Villeneuve hatte der Kaiser bestimmt: Admiral Rosily. Der neue Kommandeur war auf dem Weg nach Südspanien, aber die Gerüchte eilten ihm voraus. Villeneuve, um seinen Ruf besorgt, zeigte auf einmal eine Entschlusskraft, die er in den Wochen zuvor vermissen ließ. Am 01. Oktober 1805 begann Villeneuve mit den Vorbereitungen für das neue Unternehmen. Er nahm Truppen an Bord, die in Neapel ausgeschifft werden sollten. Am Nachmittag des 02. Oktober 1805 informierte ihn Gravina über eine Agentenmeldung, die aus Lissabon eingetroffen war. Vizeadmiral Nelson sei mit vier weiteren Linienschiffen nach Cádiz unterwegs, um das Kommando über die Blockadeflotte zu übernehmen. Nelson hatte sich seit der Seeschlacht von St. Vincent mit weiteren Erfolgen einen Namen gemacht und galt als der fähigste Admiral seiner Zeit. Bei Finisterre führte noch Vizeadmiral Robert Calder das Kommando – ein fähiger Offizier, der es aber am 23. Juli 1805 unterließ, die vereinte Flotte noch einmal anzugreifen. Nelson hingegen war ein aggressiver Befehlshaber, der jede Möglichkeit zum Angriff nutzte.

Am 08. Oktober 1805 fand an Bord des französischen Flaggschiffes „Bucentaure“ ein Kriegsrat statt, zu dem Villeneuve nicht nur seinen Stellvertreter, sondern mehrere hohe französische und spanische Offiziere lud. Der französische Oberbefehlshaber eröffnete das Treffen und erläuterte die neusten Anweisungen, die er aus Paris bekommen hatte. Villeneuve gab seine Entscheidung bekannt, mit der Flotte in den nächsten Tagen auszulaufen. Die spanische Seite erhob Einwände und verwies darauf, dass einige ihrer Schiffe noch nicht einsatzfähig wären. Ein französischer Offizier – Admiral Magon – machte eine abfällige Bemerkung über die Kampfmoral der Verbündeten. Commodore Galiano, ein Spanier, konnte nur mit Mühe davon abgebracht werden, Magon zum Duell zu fordern. Villeneuve tat nichts, um die Spannungen abzubauen. Da ergriff Gravina das Wort und nahm entschieden Partei gegen ein voreiliges Auslaufen. Nur ein Verrückter würde bei diesem Wetter den Hafen verlassen; das Barometer fiele seit Tagen und kündige neue Stürme an. Nicht das Glas fiele, sondern der Mut verschiedener Personen, entgegnete Villeneuve. Für den spanischen Vizeadmiral war das zu viel: „Herr Admiral“, erwiderte er, „wann immer die spanische Flotte in die Schlacht gezogen ist an der Seite ihrer Verbündeten, bildete sie die Vorhut gebildet und stellte sich dem Gegner. Sie müssen zugeben, dass wir das zuletzt bei Finisterre getan haben.“ Und als wäre er und nicht Villeneuve Oberbefehlshaber, schloss er seine Erklärung mit den Worten: „Morgen – auf See“.

Doch der Kriegsrat war noch nicht beendet: Commodore Churruca, ein Offizier, der auch von den Franzosen geschätzt wurde, legte noch einmal dar, warum es falsch wäre, in den nächsten Tagen auszulaufen. Die Herbststürme würden die britische Blockadeflotte auseinandertreiben. Dann wurde er lauter und kritisierte das Verhalten der Franzosen in der Schlacht von Finisterre. Die Verbündeten wären den Spaniern nicht zur Hilfe geeilt und hätten wie die Zuschauer den Kampf der beiden verloren gegangenen spanischen Schiffe, der ‚San Rafael‘ und der ‚Firme‘, beobachtet. Churruca machte unmissverständlich klar, dass er gegen eine neue Operation an der Seite der Franzosen sei. Diese deutlichen Worte riefen wütende Reaktionen hervor und Villeneuve griff jetzt ein, um wieder Ruhe herzustellen. Churruca erhielt Gelegenheit, seinen Kriegsplan vorzutragen: Die vereinte Flotte solle im Hafen bleiben und warten, bis die Royal Navy, die auf mehreren Kriegsschauplätzen operierte, die Blockade aufgeben und ihr Geschwader vor der südspanischen Küste verringern müsse. Der spanische Offizier hatte den Schwachpunkt des Gegners erkannt: Die Zeit würde den Franzosen und Spaniern in die Hände spielen. Sie könnten weiterhin die Schäden an ihren Schiffen beseitigen, während wenige Seemeilen vor dem Hafen Nelson gegen das Wetter zu kämpfen hätte. Diese Strategie mochte auf den ersten Blick feige wirken, berücksichtigte aber die Stärken der Engländer, die eigenen Schwächen und machte sich das Wetter zum Verbündeten. Villeneuve hätte allerdings den Mut haben müssen, diesen Plan Napoleon zu unterbreiten.

Das Treffen endete mit einem Kompromiss. Villeneuve verzichtete darauf, den Befehl zum sofortigen Auslaufen zu geben, aber die Schiffe sollten ihre Liegeplätze im Inneren des Hafens verlassen und nahe der Ausfahrt vor Anker gehen. Dort könne man mit Aufklärungsbooten leichter feststellen, wie stark der Gegner sei. Außerdem hoben die Spanier noch einmal hervor, dass die meisten ihrer Schiffe mit unerfahrenen Besatzungen bemannt wären und sie keine Chance sähen, den Engländern erfolgreich eine Schlacht zu liefern. Am 09. Oktober 1805 verholte die Flotte auf die Außenreede von Cádiz. Der Wind frischte einen Tag später auf; die Herbststürme hatten begonnen.

Kritiker Gravinas – vor allem Pelayo Alcalá Galiano – kreideten dem Admiral immer wieder sein Verhalten am 08. Oktober 1805 an. Doch Villeneuve führte den Oberbefehl. Gravina war seinen Vorwürfen entgegengetreten, aber er konnte sich den Anweisungen Villeneuves nicht widersetzen. Die aktuelle spanische Forschung kommt zu einem anderen Urteil. Der Historiker Agustín Guimerá bewertete das Verhalten des Vizeadmirals 2005 als angemessen – gemessen an den Normen, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts für einen hohen Offizier galten: „Gravina only fulfilles his militäry duty and followed his code of Honour by accepting orders from the goverment, supporting Villeneuve in that flight forward, toward a sure unequal battle. The fact is that the Spanish admiral was under heavy pressure from Nelson, Decrès and Godoy through the campaign. He was tied hand and foot.“ (Gravina erfüllte seine militärische Pflicht und folgte seinem Ehrenkodex, als er die Befehle seiner Regierung befolgte, Villeneuve in dieser ungleichen Schlacht zu unterstützen. Tatsache ist, dass der spanische Admiral während des ganzen Feldzuges unter großem Druck von Nelson, Decrès und Godoy stand. Ihm waren Hände und Füße gebunden.)

Welche Motive den ansonsten entscheidungsschwachen Villeneuve in jenen Oktobertagen umtrieben, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Zu einen erhielt er seine Anweisungen aus Paris, war also ebenfalls nicht frei in seinen Entschlüssen, und er wollte sich nicht dem Vorwurf der Feigheit aussetzen. Die Einsatzbefehle kamen von Napoleon, der wenig Verständnis für die Besonderheiten maritimer Kriegsführung zeigte. Eine Armee marschierte von A nach B, und der französische Kaiser hatte mehrmals bewiesen, wie wichtig persönliche Führung bei solchen Operationen war. Eine Flotte jedoch musste mit Bedingungen zurechtkommen wie Wind oder Seegang, auf die ein Kommandeur keinen Einfluss besaß.

Am 19. Oktober ging die vereinte Flotte Anker auf. Schon am ersten Tag zeigte sich, wie schwierig es war, den Hafen von Cádiz zu verlassen. Nur 12 Schiffe konnten auslaufen; der Rest folgte am nächsten Tag. 15 französische und 18 spanische Linienschiffe nahmen Kurs auf die Meerenge von Gibraltar. Am 21. Oktober 1805 zeichnete sich am Horizont die Royal Navy ab. Um 8.00 Uhr morgens gab Villeneuve das Signal zur Wende, das heißt, seine Flotte segelte wieder in Richtung Cádiz. Gegen zehn Uhr standen seine Schiffe in einer gekrümmten Linie in Lee-Stellung, das heißt, sie befanden sich auf der dem Wind abgewandten Seite. Die Briten hatten den Vorteil der Luv-Stellung; ihre Schiffe konnten die frische Brise voll nutzen und besser manövrieren. Der britische Vizeadmiral Collingwood, nach dem Tode Nelsons Oberbefehlshaber der Flotte, wunderte sich in seinem Schlachtbericht an die Admiralität über die Aufstellung des Gegners. Hier machte sich der schlechte Ausbildungsstand vieler Schiffe bemerkbar; während einige Segler schneller wenden konnten, gelang anderen das Manöver langsamer, sodass die französisch-spanische Flotte in einer bogenförmigen Schlachtformation in das Gefecht ging. Einige Schiffe segelten nicht im Kielwasser ihrer Vorgänger, sondern beinahe parallel. Die Briten griffen – wie erwartet – in zwei unabhängigen Kolonnen an, die in einem Winkel von 90 Grad auf ihre Gegner zusegelten mit dem Ziel, die französisch-spanische Linie zu durchbrechen. Gegen 12.00 mittags begann die Schlacht. Drei Stunden später war alles entschieden. Nelson lag im Sterben, Villeneuve musste sich in Gefangenschaft begeben und Gravina zog sich mit 11 Schiffen in Richtung Cádiz zurück. Franzosen und Spanier hatten sich tapfer gewehrt, aber gegen die Segel- und Schießkünste der Briten besaßen sie keine Chance. Die Royal Navy konnte den glänzendsten Sieg ihrer Geschichte feiern. Das Schiff von Gravina hielt zeitweilig dem Feuer mehrerer Gegner stand. Der Vizeadmiral war schwer verwundet, eine Kugel hatte einen Arm zerschmettert. In der Nacht noch erreichten die Reste der geschlagenen Flotte den Hafen von Cádiz. Gravina wurde sofort an Land gebracht. Die Ärzte diskutierten über eine Amputation des Arms und rieten schließlich ab – eine fatale Fehlentscheidung, wie sich bald zeigen sollte. Gravina, der im November wegen seiner Tapferkeit zum Admiral befördert worden war (dieser Rang stand eigentlich nur dem König zu), erlag am 09. März 1806 dem Wundfieber.

Im Schatten Nelsons

Im März 1806 veröffentlichte die „Gibraltar-Chronicle“, eine englischsprachige Zeitung für die Angehörigen der dort stationierten Garnison, einen Nachruf auf Gravina. „Spain loses in Gravina the most distinguished officer in her navy; one under whose command her fleets, though sometimes beaten, always fought in such a manner as to merit the encomiums of their conquerors.“ (Spanien verliert den wohl besten Offizier seiner Marine; unter dessen Kommando ihre Flotten, obwohl manchmal geschlagen, auf eine Art und Weise fochten, als wollten sie ihre Bezwinger ehren). Eine Würdigung wie diese war auch in einer Zeit nicht selbstverständlich, in der gegnerische Offiziere mit Respekt behandelt wurden. Gleichzeitig sagt dieser Satz sehr viel aus über das Lebenswerk von Gravina. Hohe militärische Führer wurden und werden nach ihren Erfolgen beurteilt, aber im Falle des Admirals gab es kaum Siege. Bei Kap Finisterre hatte er am 22. Juli 1805 eine Niederlage verhindert. Vor Toulon 1793 deckten die ihm unterstellten britischen und spanischen Soldaten den Rückzug. Als Schiffsführer konnte er es mit jedem Kommandanten in der Royal Navy aufnehmen. In Spanien erhielt er ein Staatsbegräbnis, aber sein Name geriet schnell in Vergessenheit. Die Niederlage von Trafalgar bedeutete eine Zäsur in der spanischen Geschichte. Als Flottenmacht spielte das Land keine Rolle mehr.

Die Schlacht ging nicht durch Führungsfehler des Vizeadmirals verloren. Die Mängel der Flotte gehörten zu den Konsequenzen, die sich aus dem Niedergang der spanischen Monarchie seit 1790 ergaben. Der einzige Vorwurf, den man Gravina und den anderen spanischen Admiralen machen kann, besteht darin, dass sie die Möglichkeiten der neuen, von John Clerk inspirierten Taktik nicht erkannten. Die Auflösung der Kiellinie eröffnete neue Varianten. Aber diese Manöver hätten einen höheren Ausbildungsstand erfordert, als ihn die spanische Flotte besaß.

Der englische Historiker Corelli Barnett hat seinen Landsmann, den britischen Oberbefehlshaber in der Seeschlacht im Skagerrak, Admiral John Jellicoe, einmal als den „Seemann mit dem schartigen Degen“ bezeichnet. England im Jahr 1916 kann nicht mit Spanien im Jahr 1805 verglichen werden. Die Royal Navy zog mit strukturellen Problemen in den Ersten Weltkrieg. Die spanische Marine war 1805 kaum einsatzfähig. Doch eines haben beide Flaggoffiziere gemeinsam: Sie wurden mit Aufgaben betraut, die auch ein Genie nicht hätte lösen können. Beide waren fähige Admirale, und beide scheiterten daran, dass die Politik ihnen nicht die Werkzeuge in die Hand gab, die sie benötigt hätten.

Zur Autorin:

Dr. Katharina Kellmann, Studium der Geschichte mit den Nebenfächern Jura und Soziologie. Promotion mit einer Arbeit zum Sozialliberalismus im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Veröffentlichungen und Rezensionen in Fachzeitschriften. Homepage: http://www.katharinakellmann-historikerin.de/