Das Buch „Die Totengräber – Der letzte Winter der Weimarer Republik“ von Rüdiger Barth und Hauke Friederichs ist eine Dokumentation über die letzten Tage der ersten deutschen Republik, die einen nachdenklich stimmt. Es stellt kaum bekannte Hintergründe dar und ermöglicht Einblicke in die Mechanismen der Macht und ihrer maßgeblichen Akteure.

Versammlung der NSDAP im Bürgerbräukeller, München etwa 1923 - Bild von Bundesarchiv, Bild 146-1978-004-12A / Hoffmann, Heinrich / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons
Versammlung der NSDAP im Bürgerbräukeller, München etwa 1923 – Bild von Bundesarchiv, Bild 146-1978-004-12A / Hoffmann, Heinrich / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons

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Die erste Demokratie in Deutschland hatte zahllose Feinde

Die Weimarer Republik war im vierzehnten Jahr ihres Bestehens in der Hand radikaler, demokratiefeindlicher Kräfte – der Kampf dieser Extremen spielte sich in beispielloser Weise vor allem auf der Straße ab: Kommunisten und Nationalsozialisten lieferten sich blutige Kämpfe, die zahlreiche Todesopfer forderten. Die Polizei schlug derweil mit brachialer Gewalt zurück und war zunehmend „auf dem rechten Auge blind“. Todesopfer wurden von den Parteien als Märtyrer verehrt und instrumentalisiert.

Dass sich die gesellschaftliche Stimmung derart vergiftet hatte, lag vor allem an der wachsenden Arbeitslosigkeit und Armut. Im Jahr 1932 waren etwa 5 Millionen Menschen arbeitslos – dabei wurden die meisten Familien allein vom Vater ernährt, sodass der Verlust der Arbeitsstelle die gesamte Familie ins Mark traf.

Die Wut auf die etablierten Parteien nahm deshalb in der Bevölkerung zu. Den Politikern fiel es zunehmend schwer, stabile Bündnisse und Regierungen zu bilden: Das Parlament war zersplittert und die politischen Parteien standen sich unversöhnlich gegenüber – eine stringentes politisches Programm konnte so nicht durchgesetzt werden. Auch dass die politische Klasse weitestgehend die Demokratie ablehnte, trug erheblich zur Krise im Jahr 1932 bei.

Franz von Papen und Kurt von Schleicher - einst enge Verbündete, die später um die Macht rangen.
Franz von Papen und Kurt von Schleicher – einst enge Verbündete, die später um die Macht rangen.

In den entscheidenden Monaten vor Hitlers Machtergreifung war die Instabilität des Parlaments enorm. Franz von Papen, der nur von Juni bis Dezember 1932 Reichskanzler war, agierte glücklos und hatte keine parlamentarische Mehrheit hinter sich. Als er plante, das Parlament zu entmachten und dabei auf die Reichswehr als Stütze zurückzugreifen, stürzte ihn Kurt von Schleicher. Franz von Papen, geschasster Reichskanzler, sann jedoch auf Rache.

Die NSDAP, die entscheidend zur Entmachtung von Papens beigetragen hatte, stellte im Parlament mit Hermann Göring den Reichstagspräsidenten und war im Herbst 1932 auf dem Zenit ihrer Macht. Noch bei den Reichstagswahlen am 31. Juli 1932 konnte die Hitler-Partei 37,4 % aller Wählerstimmen erreichen, in der Wahl am 06. November 1932 sank das Ergebnis jedoch auf 33,1 %. Da sie ihre Stellung erodieren sahen, wollten Adolf Hitler und seine Schergen so schnell wie möglich an die Macht gelangen.

Politischer Fixpunkt dieser Zeit war Reichspräsident Paul von Hindenburg. Der Weltkriegsheld war im Volk außerordentlich beliebt und konnte dank seiner starken verfassungsrechtlichen Stellung entscheidenden Einfluss auf die Regierung nehmen. Da aufgrund seines fortgeschrittenen Lebensalters seine Kräfte nachließen, kam seinen Beratern, seinem Sohn Oskar von Hindenburg und dem Staatssekretär Otto Meissner, eine entscheidende Rolle zu.

Diese konträren Interessen und Personen entwickelten in den wenigen Wochen vor dem 31. Januar 1933 eine Dynamik, aus der Adolf Hitler – entgegen aller Erwartungen – als Reichskanzler hervorging und die das Land in eine Katastrophe führte, die Millionen Menschen das Leben kostete und die zu einem beispiellosen Verbrechen der Menschheit führte: Dem Holocaust.

 

Eine Chronologie fataler Entwicklungen

Als Chronik stellen die Autoren Rüdiger Barth und Hauke Friederichs vom 17. November 1932 bis zum 30. Januar 1933 jeden Tag in der Berliner Machtzentrale dar. In eindrucksvoller Weise zeichnen sie ein Bild der Zeit.

Sie stellen dabei jedem Tagesbericht die aktuellen Schlagzeilen der großen Zeitungen, die damals eine enorme Wirkung entfalteten, voran: Die hasserfüllte Propaganda von Völkischem Beobachter, Angriff und der Roten Fahne und die sorgenvollen Berichte der großen, neutralen Tageszeitungen, wie der Vossischen Zeitung, bilden die öffentliche Meinung und die Verrohung der politischen Kultur ab.

Geschickt weisen die Historiker auf die krassen Gegensätze der damaligen Zeit hin: Auf der einen Seite eine liberale und engagierte Kulturlandschaft, auf der anderen Seite Straßenkämpfe und Hass gegenüber Juden und Andersdenkenden. Dazu die Sorgen und Nöte der Bevölkerung, die sich zu diesem unheilvollen Weg verdichteten.

 

Die Kommunisten demonstrierten ihre Stärke auf der Straße öffentlichkeitswirksam - Bild von Bundesarchiv, Bild 183-Z0127-305 / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons
Die Kommunisten demonstrierten ihre Stärke auf der Straße öffentlichkeitswirksam – Bild von Bundesarchiv, Bild 183-Z0127-305 / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons
Die Menschen hungerten und angestoßene Arbeitsmarktreformen unter von Papen und von Schleicher zeigten noch keine Wirkung. Selbsttötungen verzweifelter Menschen nahmen überhand. Immer mehr schlossen sich den Radikalen an. Die Reichswehr entwickelte bereits Szenarien eines Bürgerkriegs, der drohte. Denn die KPD verfolgte – gesteuert aus Moskau – offensiv ihr Ziel der Revolution. Im Januar konnte die KPD allein in Berlin 130.000 Teilnehmer zu einer Demonstration mobilisieren.

 

Franz von Papen ebnet Adolf Hitler den Weg

Dennoch schien trotz dieser widrigen Umstände noch im Dezember 1932 ein Kanzler Adolf Hitler fast ausgeschlossen. Paul von Hindenburg, wie auch die meisten anderen führenden Politiker, hielten wenig vom Führer der Nationalsozialisten und sprachen ihm die nötigen Fähigkeiten und Qualifikationen ab.

Eindrucksvoll wird dies im Buch durch eine Antwort des Staatssekretärs Otto Meissner auf ein Schreiben Hitlers, in dem dieser den Auftrag einer Regierungsbildung ablehnte und dem Reichspräsidenten vorschlug, ein inhaltliches Programm und eine Ministerliste vorzulegen, dargestellt:

Der Herr Reichspräsident hat diesen Vorschlag abgelehnt, da er glaubte, es vor dem deutschen Volke nicht vertreten zu können, dem Führer einer Partei, die immer erneut ihre Ausschließlichkeit betont hat, seine präsidialen Vollmachten zu geben, und dass er befürchten müssen, dass ein von Herrn Hitler geführtes Präsidialkabinett sich zwangsläufig zu einer Parteidiktatur mit all ihren Folgen für eine außerordentliche Verschärfung der Gegensätze im deutschen Volke entwickeln würde, die herbeigeführt zu haben der Herr Reichspräsident vor seinem Eid und seinem Gewissen nicht verantworten könnte.

Zudem war die Situation der Nationalsozialisten Ende des Jahres 1932 verheerend. Aufgeschreckt durch erhebliche Stimmverluste, rebellierten in ganz Deutschland Parteifunktionäre. Mit Gregor Strasser, dem einzigen Gegenspieler Hitlers in der NSDAP, kam es zum Bruch. Zudem steckte die Partei in erheblichen finanziellen Nöten und Stimmen wurden laut, die eine Regierungsbeteiligung auch ohne eine Kanzlerschaft Hitlers befürworteten.

Dieser jedoch wollte unter keinen Umständen auf eine Kanzlerschaft verzichten. Dass Hitler dann tatsächlich sein Ziel erreichte, ist weniger Ergebnis der Wahlen und des Volkswillens als eine Kungelei in den Hinterzimmern der Macht. Im Haus von Joachim von Ribbentrop, später Reichsaußenminister, kam es zu den entscheidenden Treffen zwischen Hitler, von Papen und Hugenberg – einem mächtigen Verleger und Vorsitzendem der Deutschnationalen Volkspartei.

Die meisten Beteiligten, die Hitler zur Kanzlerschaft verhalfen, handelten dabei weniger aus Überzeugung, denn aus Kalkül und der falschen Einschätzung, ihn und die Nationalsozialisten eindämmen zu können – viel sprach auch dafür. Indes erwies sich dies als fatale Fehleinschätzung und führte Deutschland in eine Diktatur.

 

Ein Sachbuch, das sich wie ein Thriller liest

Die Autoren arbeiten in ihrem Buch mit dem Stilmittel der dokumentarischen Montage. Sie lassen die Menschen – die Hauptakteure – selbst zu Wort kommen. Hauke Friederichs und Rüdiger Barth wollten ein Drama erschaffen, das ohne Kommentar und das Wissen der Nachwelt auskommt. Das ist ihnen vortrefflich gelungen. Diese Buchform macht Geschichte besonders erleb- und nahbar. Es ist außerordentlich zu empfehlen.

 

Die Autoren

(c) S. Fischer Verlag 2018
(c) S. Fischer Verlag 2018

Hauke Friederichs ist 1980 in Hamburg geboren und hat Kriminologie, Politologie und Journalistik studiert. An der Universität Hamburg hat er in Sozial und Wirtschaftsgeschichte promoviert. Hauke Friederichs schreibt unter anderem für „Die Zeit“ und „Geo Epoche“.

Rüdiger Barth ist 1972 in Saarbrücken geboren und hat in Tübingen Zeitgeschichte und Allgemeine Rhetorik studiert. Er arbeitete 15 Jahre lang für das Magazin „Stern“.

 

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