Karte des Deutschen Reiches 1871–1918

 

Der Gründung des deutschen Kaiserreiches im Jahr 1871 folgten außenpolitische Probleme. Den vorläufigen Höhepunkt bildete die sogenannte „Krieg-in-Sicht“-Krise von 1875.
Die europäischen Herrscher nahmen dem neuen Deutschland seine friedfertigen Absichten nicht ab. Immerhin galt Bismarck bereits als Kriegstreiber, denn drei Kriege gingen der Einheit der Deutschen unter einer Flagge voraus:

  • 1864 der deutsch-dänische Krieg
  • 1866 der deutsch-deutsche Krieg und
  • 1870/71der deutsch-französische Krieg

Zu groß erschien den europäischen Nachbarn das neue Staatengebilde im Herzen Europas. Die Folgen waren gravierend. Vorher gab es viele unterschiedlich große Fürstentümer, jedes mit eigener Außenpolitik, eigener Bevölkerung und eigener Armee. Jetzt befand sich all das unter einer zentralen Führung. Für Zeitgenossen mag dies durchaus erschreckend gewesen sein. England, Frankreich, Österreich und Russland bildeten die Riege der bisherigen Großmächte. Das deutsche Kaiserreich warf eine Bündnisplanung über den Haufen, so dass die Karten neu gemischt werden konnten. Die Deutschen erlebten einen zuvor nie gekannten, wirtschaftlichen Aufschwung, denn Frankreich musste Entschädigungsleistungen zahlen. Das Geld floss teilweise in Rüstungsausgaben, wie den Bau neuer Festungsanlagen an der Grenze zu Frankreich. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung war es bereits 1873 wieder vorbei. Die Euphorie der Gründerzeit wurde zu einer Gründerkrise. Bankenpleiten und wirtschaftliche Schwierigkeiten verunsicherten die Menschen. Aufkommender Antisemitismus und der sogenannte Kulturkampf zeigten Reichskanzler Bismarck die Schwächen seines Staates auf. Damit das Kaiserreich sich weiterhin behaupten konnte und sicherlich auch, um von den innenpolitischen Problemen abzulenken, konzentrierte Bismarck seine Aufmerksamkeit auf die Außenpolitik. Ein äußerer Feind sollte das Volk zusammenhalten lassen.

Beginn und Verlauf der Krise

Die Gefahr eines erneuten Krieges gegen Frankreich existierte seit der Gründung des Reiches. Das deutlichste Anzeichen bildeten die französischen Rüstungsbemühungen, zumindest augenscheinlich. Denn was als Aufrüstung Frankreichs gemeinhin bezeichnet wird, war eine längst notwendige Reform ihrer Armee. Den Abschluss dieser Bemühungen bildete ein so genanntes Cadre-Gesetz vom 12. März 1875. Dies war das letzte von vielen kleineren Rahmengesetzen, dabei allerdings das Schwerwiegendste. Hinzu kamen massive Pferdeankäufe für die Armee. Der namensgebende Zeitungsartikel „Ist der Krieg in Sicht?“ erschien am 8. April in der Berliner Zeitung „Post“. Die Einleitung des Artikels malt ein düsteres Bild von Europa. Es scheint so, als werfe Frankreich seinen, den Frieden bedrohenden, Schatten über das sonst so friedliche Deutsche Reich. Dass Bismarck alles andere als friedlich gesinnt war, zeigen die drei Kriege der 1860er und 1870er Jahre. Zwar war er nun soweit, dass er versuchte das Reich in seiner Großmachtstellung zu festigen, dennoch traute man dem Gedanken von einem friedlichen Deutschland noch nicht. Bismarck war ein geschickter Politiker und wusste um seine Mittel, die ihm zur Verfügung standen. Die „Post“ beschreibt anfangs immense Pferdekäufe durch die französische Regierung und auch, dass das Reich ein Exportverbot für Pferde nach Frankreich herausgab. Zudem wurde der Republik unterstellt, dass sie ihre „Cadres“ möglichst versteckt vor der Öffentlichkeit beschlossen. Bismarck muss klar gewesen sein, dass Frankreich keinen schnellen Revanchekrieg führen konnte. Einerseits waren keine festen Bündnisse vorhanden, andererseits war die Republik finanziell noch nicht wieder gefestigt. Die Rückzahlung der Kriegsentschädigungen und die starken Pferdeankäufe mussten an der Wirtschaft ihre Spuren hinterlassen haben. Ein neuer Krieg hätte Frankreich wirtschaftlich völlig ruinieren können.
Bismarck zog alle Register seiner diplomatischen Möglichkeiten. Erstmals wurde sogar die regierungsnahe Presse mit eingebunden. Frankreich sollte als die größte Gefahr für den europäischen Frieden gelten. Eine Mischung aus Droh- und Besänftigungspolitik sollte den gewünschten Effekt bringen.

Nachwirkungen

Der Plan des Reichskanzlers scheiterte. Je verbissener Bismarck sich gab, desto einschneidender waren die Konsequenzen seines Handelns. So war die Reichseinigung sein Verdienst, ebenso wie die Kriege, die zur Einigung führten, dennoch begann sein Fall mit eben jener Reichseinigung. So nutzte er Pressekampagnen für seine Zwecke und gegen seine politischen Gegner geschickt aus, musste aber oft genug erkennen, dass er an seine Grenzen gestoßen war. Innenpolitisch konnte er den Aufstieg des Zentrums nicht verhindern, sondern entfesselte mit dem Kulturkampf ein nicht einschätzbares Risiko für seine Politik. Wachsender innenpolitischer Druck und drohende außenpolitische Isolation ließen ihn waghalsiger als zuvor agieren. So sah er in einer außenpolitischen Eskalation vielleicht seine einzige Möglichkeit, das Deutsche Reich in seinen Grenzen wieder zu einen. Im gleichen Zuge wollte er Frankreich außenpolitisch isolieren, um zu zeigen, dass man zwar die Herrschaft als Großmacht anstrebte, dennoch keinen Landgewinn im Auge hatte. Das Deutsche Reich sollte in den Reihen der anderen Großmächte etabliert und gefestigt werden. Bei all diesen Vorgängen wird es ganz besonders deutlich, dass die Reichseinigung von den Nachbarn des Deutschen Reiches noch immer als Fehler gewertet wurde. Betrachtet man die Großstaaten für sich, so ist England neutral eingestellt. Solange auf dem Kontinent Frieden herrscht, sahen sie ihre Interessen gewahrt, da die Kolonialpolitik im Vordergrund stand. Österreich-Ungarn hielt sich eng an das Deutsche Reich. Man erhoffte sich nach dem verlorenen Krieg vor fast zehn Jahren Stabilität an den gemeinsamen Grenzen, so dass die Aufmerksamkeit auf den Balkan und in Richtung Italiens gerichtet werden konnte.
Das russische Zarenreich sah sich selbst, als Verlierer gegenüber dem Deutschen Reich. Russland, vormals fast übermächtig auf dem Kontinent, sah nun einen Teil seiner Macht gefährdet. So wurde das Deutsche Reich stets als Juniorpartner in allen politischen Fragen angesehen, während sich die deutsche Regierung als Partner auf Augenhöhe ansah. War es vor der Reichsgründung möglich mit einzelnen deutschen Staaten ein Bündnis einzugehen, hatte man jetzt einen geballten Machtblock vor sich. Zudem konnte das Zarenreich, trotz der zahlreichen Friedensbekundungen von deutscher Seite, nie sicher sein, ob Bismarck seine Politik der Friedenserhaltung fortsetzen würde. Für Frankreich hingegen wog der Verlust von Elsaß-Lothringen noch immer schwer. An eine friedliche Koexistenz neben dem Deutschen Reich war schwer zu denken.

 

Bild: By ziegelbrenner [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) or CC-BY-SA-2.5-2.0-1.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5-2.0-1.0)], via Wikimedia Commons

Autor: Oliver Jäger (Google+)