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Dem folgenden Thema möchte ich mich etwas ausführlicher widmen, weil es für mich besonders anschaulich aufzeigt, wie SED-Führung in der Spätphase der DDR zunehmend versuchte, die Bevölkerung einschließlich der Jugend zu militarisieren. Dies stieß jedoch in der Bevölkerung nicht auf Popularität – ja z. T. sogar auf Widerstände.

Wie schon im Artikel über die GST erläutert, wurde die sogenannte „vormilitärische Ausbildung“ im Rahmen des Fachs „Wehrerziehung“ der DDR 1978 auch in den 9. und 10. Klassen der POS eingeführt und war Teil des Lehrplans der Schulen, unterstand also der DDR-Bildungsministerin Margot Honecker.

Von der 9. Klasse an, fand diese Art der Ausbildung jedes Schuljahr sowie später auch jedes Lehrjahr statt. Es gab einen theoretischen und einen praktischen Teil.

Der theoretische Teil fand im Anschluss an die normalen Unterrichtsstunden statt und vermittelte verschiedene Informationen über die NVA, wie etwa Waffengattungen oder Dienstgrade usw.

Beim praktischen Teil fuhren wir Jungen im ersten Jahr in ein Wehrlager nach Prebelow.

Die Mädchen blieben dagegen zu Hause und hatten statt dessen Zivilverteidigung.

Ich erinnere mich noch, dass der Theorieunterricht bei uns in der Schule genau vom jenem Hauptmann J. (ein Hauptmann der Reserve) gegeben wurde, der später auch das Wehrlager in Prebelow kommandierte. Hinterher machten wir uns über ihn lustig, weil er beim Antreten den Befehl „Stillgestanden!“ nicht richtig aussprechen konnte, sondern statt dessen immer rief: „Still…st…!“ oder auch einfach nur: „Still…!“ Er erklärte uns auch, dass die Teilnahme an der Vormilitärischen Ausbildung, insbesondere am praktischen Teil im Lager, grundsätzlich „freiwillig“ sei, aber er meinte auch, wenn kein ärztlicher Attest vorläge, dann gäbe es eigentlich gar keinen Grund, daran nicht teilzunehmen. Soviel zur Freiwilligkeit. Tatsächlich gab es in unserer Klasse einen Jungen, der ein Attest hatte und der machte zusammen mit den Mädchen Zivilverteidigung.
Das erste Wehrlager in Prebelow dauerte zwei Wochen, während die Lehrgänge in den Folgejahren jeweils eine Woche dauerten. In diesen Wehrlagern wurde mit uns eine militärische Grundausbildung durchgeführt, genau wie in der NVA, nur im Schnelldurchgang. Dazu erhielten wir gleich am ersten Tag eine Uniform der GST (Gesellschaft für Sport und Technik).

Das Verhältnis der GST zu den Wehrlagern der Schulen handle ich in einem gesonderten Beitrag ab.

Das Tragen der Uniform während der Ausbildung im Lager war obligatorisch. Lediglich beim Frühsport nach dem Wecken um 6.00 Uhr trugen wir einen Trainingsanzug. Und damit begann der Tag auch. Danach waschen und Frühstück, wobei bei jedem gemeinschaftlichen Gang stets marschiert wurde – „links, zwo, drei, vier“.

Wie schon erwähnt, erhielten wir eine Grundausbildung, wie in der NVA, im Schnelldurchgang. So erteilte man uns Übungen, wie Sturmbahn, Gelände- und Nahkampfübungen, Exerzieren, Schießübungen mit einer scharfen Kleinkaliberwaffe oder auch Objektwache.

Exerzieren mussten wir üben, bis es fehlerlos klappte, denn am nächsten Tag gab es einen großen Appell, zu dem uns alle Schuldirektoren des Kreises besuchten und zuschauten, was wir gelernt hatten. Auch meine Schuldirektorin war da und anschließend sprach sie mit uns noch auf unserem Zimmer und sie hatte sogar Kuchen mitgebracht.

Unsere Ausbilder waren Offiziersschüler der NVA, die also an uns ihre Fähigkeiten als Kommandant testen sollten. Und auch sie erklärten uns, dass sie uns grundsätzlich zu nichts zwingen könnten, doch sollte jemand von uns die Befehle verweigern, dann ginge das an ihre Ehre und sie müssten sich mit demjenigen schlagen.
Genau das kam tatsächlich auch einmal vor und es kam zu einem solchen ungleichen Zweikampf. Nicht erwähnen muss ich wohl, wer da den Kürzeren zog, beim Kampf eines etwa 20-Jährigen gegen einen 15-Jährigen mit bloßen Fäusten. Es ging auch sehr schnell und der Schüler stand mit einer blutenden Nase da.
Das hatte jedoch Konsequenzen, von denen ich erst sehr viel später erfuhr.

Zunächst war ich wenige Jahre später, gleich nach meiner Lehre, mehr als erstaunt darüber, als ein neuer Lehrling, auf meiner Schicht auf der Arbeit grinsend über das Wehrlager erzählte, sein Jahrgang hätte im Wehrlager überhaupt nichts mitgemacht und sie hätten über die ganze vormilitärische Ausbildung nur gelacht. Ich konnte das kaum glauben, denn das war das genaue Gegenteil zu meinen Erlebnissen. Erst viel später – so um das Jahr 2010 herum – erfuhr ich den Hintergrund, der zu dieser Diskrepanz geführt hatte. Es hatte genau mit dem geschilderten Vorfall zu tun, nach dem es noch richtig Ärger gegeben hatte und der offensichtlich auch Konsequenzen hatte. Und allem Anschein nach hatten die Ausbilder danach bei Befehlsverweigerungen keinerlei Möglichkeiten mehr, sich wirksam durchzusetzen.

Am Ende der zwei Wochen wurde bereits im Lager die Stimmung immer schlechter. In der letzten Nacht hatten wir noch Objektwache mit einem Dienst in mehreren Gruppen von jeweils vier Stunden abwechselnd Wache, Bereitschaft und Nachtruhe. Während dessen wurde die Stimmung bei einigen der Schüler so schlecht und aggressiv, dass ich von Tumulten im Lager hörte. Ich selbst war nicht dabei und weiß das nur vom Hörensagen.
Auf der Heimfahrt mit dem Sonderzug weiß ich aber sicher, dass es aufgrund der aggressiven Stimmung auch zu Sachbeschädigungen kam – ich hörte sogar, dass während der Fahrt Scheiben zerbarsten. Und wir alle sangen:

„Nie wieder Prebelow!
Wer hat das gesagt?
Nie wieder Prebelow!
Der hat Recht gehabt!“

Die zweite Woche war überdies auch die härtere von beiden. Denn neben der beschriebenen Objektwache hatten wir zuvor noch einen – schätzungsweise mindestens – 20 km-Marsch zu absolvieren, bei dem wir den Umgang mit Geländekarte und Kompass üben sollten. Wir waren den ganzen Tag unterwegs. Lustigerweise stellte sich dabei allerdings heraus, dass selbst die Offiziersschüler damit nicht zurecht kamen und irgendwann anfingen, Leute auf der Straße nach dem Weg zu fragen.

Ein weiteres Erlebnis ist in diesem Zusammenhang auch noch interessant:
Es gab auch den sogenannten Politunterricht, der ähnlich wie der Staatsbürgerkundeunterricht in der Schule, politisch-ideologisch indoktrinierend auf uns wirken sollte. Eines fiel mir in einem späteren Jahr auf:

Gleich zu Beginn des ersten Tages der neuen Ausbildungswoche war die Stimmung bei uns allen sehr schlecht, weil wir natürlich genau wussten, was mal wieder auf uns zukam – nämlich nichts, was uns begeisterte.
Die schlechte und teilweise sogar auch aggressive Stimmung bemerkten wohl auch die Ausbilder und legten die Politunterrichtsstunde gleich an den Anfang des ersten Tages. In dieser Stunde schaffte es der Ausbilder tatsächlich, die schlechte Stimmung etwas zu dämpfen. Also nicht, dass wir plötzlich alle mit einem fröhlichen Lied auf den Lippen den Unterricht verließen, aber die Aggressivität hatte spürbar nachgelassen. Jedenfalls spürte ich das so. Allem Anschein nach waren die Ausbilder auch psychologisch geschult, so mein Fazit.

Eine lustige Geschichte in diesem Zusammenhang habe ich dann doch noch:
Auch in einer Ausbildungswoche eines der späteren Jahre in meiner Lehrzeit waren die Mädchen mit uns zusammen in einem Lager – zwar von uns getrennt und sie machten auch eine andere Ausbildung, als wir Jungs. Wir waren auch in zwei verschieden Kasernengebäuden untergebracht, in denen wir schliefen. Diese Gebäude standen längsseitig genau gegenüber. Eines Abends konnten wir sehen, wie die Mädchen im Waschraum sich ganz auszogen, um zu duschen. Wir alle hingen am Fenster und guckten – aber was taten diese Dummköpfe, die meine Kameraden waren? Sie gaben laute Töne von sich – etwa so:
Oooooh! Boah! Uuuuiiiih! und ha ha ha ha! Das ganze war so laut, dass es die Ausbilder bis draußen hören mussten. Es dauerte auch nicht lange und sie kamen herein gestürmt und brüllten:

„Sofort weg vom Fenster und Vorhänge zu!“

Etwas später guckten wir noch einmal, aber waren die Scheiben drüben dann auch so beschlagen, dass sowieso nichts mehr zu sehen war.

Die „vormilitärische Ausbildung“ war durchaus umstritten und wurde insbesondere von der Evangelischen Kirche nicht kritiklos hingenommen. Vor allem die evangelischen Kirchengemeinden begannen ab 1982 mit den sogenannten „Montagsgebeten“ einen friedlichen, aber politisch thematisierten Widerstand zu etablieren. Die evangelischen Pfarrer öffneten die Kirchen vielfach dafür. Die Montagsgebete waren der Keim der Friedlichen Revolution in der DDR und mündeten vor allem in Dresden, Leipzig sowie in Berlin und schließlich auch in vielen weiteren größeren und kleineren Städten in der Wendezeit der Jahre 1989/90 in den Montagsdemonstrationen.