Nerthus-Nehalennia

Nach den Kultfahrzeugen gibt es zwei miteinander verwandte Göttinnen, die jeweils einen Typ verkörpern; zur einen gehört ein Prozessionswagen, zur anderen ein Kultschiff.

Die Nerthus gehörte zum ersten Typ. Es gibt mehrere etymologisch annehmbare Deutungen ihres Namens, die entweder auf ihre vegetativen Kräfte oder auf ihre Verbindungen mit der Unterwelt hinweisen. Wichtig ist dabei, daß ihr Name mit dem im Norden verehrten männlichen Fruchtbarkeitsgott Njördr sprachlich übereinstimmt und beide aus der altgermanischen Form Nerþuz entstanden sind.

Tacitus hat uns keinen Partner der Nerthus überliefert, keinen Himmelsgott, der sie befruchtet, aber archäologische Funde aus den ersten Jahrhunderten n. Chr. beweisen, daß es ihn gegeben haben muß. Inzwischen wird jedoch angenommen, daß Ingwaz der Partner der Nethus war.

Nerthus war bei einer Reihe von germanischen Stämmen Göttin der Fruchtbarkeit und des Wachstums, Urgöttin und Erdmutter. Sie steht für das Bewahrende, die Tradition und Erdverbundenheit. Nerthus wirkt in der Gesamtheit der heimischen Fauna und Flora. Stellvertretend für diese Natur steht in diesem Zusammenhang die Birke. Deshalb ist der Erdmutter die Birken-Rune „Berkano bzw. „Berkanan (=Birkenreis) zugeordnet.

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Zu Nerthus schrieb Tacitus:

…Dagegen macht die Langobarden ihre geringe Zahl berühmt: umgeben von zahlreichen sehr starken Völkern sind sie doch nicht durch Gehorsam, sondern durch Kämpfe und Wagnisse sicher. Von den Reudignern, Avionen, Anghern, Varinern, Eudosen, Suardonen und Nuitonen sind sie durch Flüsse und Wälder getrennt. Im Einzelnen ist von ihnen nichts bemerkenswertes, außer dass sie gemeinsam die Nerthus, die Mutter Erde, verehren und glauben, dass sie sich um die Angelegenheiten der Menschen kümmert, und sie meinen, dass sie zum Volk auf einem Wagen daher gefahren kommt. Auf einer Insel im Weltmeer ist ein heiliger Hain und auf diesem ein Wagen, der mit einem Tuch überdeckt ist; nur einem Priester ist es erlaubt, ihn zu berühren. Dieser erkennt, wenn die Göttin im Inneren ist, und begleitet sie, deren Wagen von Kühen gezogen wird, mit großer Ehrfurcht. Dann sind frohe Tage, alle Stätten sind festlicht geschmückt, die Göttin mit ihrer Ankunft und ihrer Einkehr würdigt.

Für für diese von Tacitus angedeuteten frohen Tage ist sogar der genaue Ablauf überliefert:

Für diese Terra Mater verlief das Kultfest in mehreren Etappen. Zu Ehren des Festes schloß man die Waffen ein. Diese Symbolhandlung ist kennzeichnend für den Kult einer Wanengöttin, die den Frieden hütet.

Im heiligen Hein stand der mit einem Tuch bedeckte Prozessionswagen. Durch Anzeichen, wohl mit dem Wetter und der Vegetation zusammenhängend, kündigte sich dem Priester das Nahen der Göttin an, woraufhin die dem Kult geweihten Rinder vor den Kultwagen gespannt wurden. Nun begletete der Priester als Diener den Kultwagen mit dem Idol der Göttin. Die Prozession berührte bestimmte Orte, die die Göttin ihrer Ankunft und ihres Besuches würdigt. Da zum germanischen Sakralfest auch heilige Mahlzeiten und Umtrünke gehörten, wurden an den Haltepunkten der Prozession sicherlich solche Kulthandlungen abgehalten. Die Feierlichkeiten dürften also mehrere Tage gedauert haben. Da Kultgefährt und Idol nach der Fahrt zu einem heiligen See gebracht und von den Sklaven gewaschen wurden, dürfte der See somit zum Heiligtum gehört haben. Der Brauch, das göttliche Bild zeremoniell in einen Fluß oder in eine Quelle zu tauchen, ist auch aus anderen Religionen überliefert. Nach der lavatio verschlang der See die Sklaven.

Die Schimmel, die vor ein anderes, zum Orakeln benutztes Gefährt gespannt wurden, hielt man in heiligen Hainen und Wäldern.

Zum äquivalenten Kreise der Nerthus gehörte wahscheinlich auch die Sandraudiga (J. de Vries – 1957), sie bescherte Fülle und Reichtum und die Tamfana der zwischen Lippe und Ruhr siedenden Marser.

Bei den nordischen Stämmen entwickelte sich aus der Nerthus der Meeres- und Fruchtbarkeitsgott Njördr.

Zur Isis = Nehalennia überliefert uns Tacitus:

Ein Teil der Sueben opfert auch der Isis: Woher der fremde Kult seine Ursachen und seinen Ursprung hat, ist zu wenig bekannt, außer dass das Zeichen, das nach der Art der Liburnerschiffe gestaltet ist, über die Herkunft der Religion Auskunft gibt.

F. Kaufmann (1892) sieht in der Göttin Nehalennia die >Isis< des Tacitus. In ihrem Kult waren anscheinend germanische und römische Vorstellungen zusammengeflossen.

Auf der Halbinsel Walcheren, in der niederländischen Provinz Zeeland, hatte man ihr 22 Altäre errichtet. Zu ihrem Emblemen gehörten außer einem Schiff auch andere aus dem Isis-Kult bekannte Symbole wie Früchte, Ruder und der Hund…Archäologische Untersuchungen des Kultplatzes von Oberdorla (Thüringen) haben ebenfalls ein

„Schiffsheiligtum nachgewiesen. Der Name „Nehalennia wird verschieden gedeutet: freundliche Geberin, Totengöttin, Göttin der Schifffahrt, Beistandsgewährende, Totenbringerin.