Blick über den Bosporus nach Europa, koloriertes Photo, um 1895:
Blick über den Bosporus nach Europa, koloriertes Photo, um 1895 – Bild: Gemeinfrei

Das 19. Jahrhundert ist in Europa das Zeitalter des Nationalismus. Allerorts auf dem Kontinent formten sich in dieser Zeit neue Nationalstaaten und traten an die Stelle der alten Königreiche. Die meisten von uns denken dabei wohl zuerst an Länder wie Frankreich, später dann an Deutschland oder Italien. Mit diesem Blick übersehen wir aber etwas Grundlegendes. Denn einer der allerersten neuen Nationalstaaten dieser Zeit entstand ganz woanders: in Griechenland! Am Rand eines islamischen Imperiums in einer tiefen Krise.

Das Zeitalter des Nationalismus

Nationalismus: Das war im späten 18. Jahrhundert eine sehr neumodische Idee. Es war die für die Zeit radikale Vorstellung, dass ein Staat ein Volk repräsentieren und abbilden soll, anstatt einfach die Hausmacht eines Herrschers widerzuspiegeln.

Ab der Französischen Revolution setzte sich genau diese radikale Vorstellung aber immer stärker durch und an die Stelle der monarchischen, letztendlich auf der Idee des Gottesgnadentums basierenden Staaten Europas, traten neue Nationen. Aus Untertanen und Untertaninnen wurden Bürger und Bürgerinnen. Erst in Frankreich, doch mit den napoleonischen Kriegen kamen diese Ideen auch schnell in andere Teile Europas – nicht zuletzt in die deutschen Länder. Wer diese Grundlagen noch einmal nachlesen will, findet hier eine kompakte Übersicht: Nationalstaaten in Europa.

Diese historische Entwicklung ist heute einigermaßen bekannt (auch wenn die Erfindung der Nation und die Nicht-Zwangsläufigkeit dieser Entwicklung zu oft übersehen werden). Sie wird aber gleichzeitig nur allzu gern aus einer rein westlichen Perspektive erzählt. Die Welle des Nationalismus startet in Frankreich und weitet sich von dort in Richtung Osten aus. Nach Deutschland, nach Italien, schließlich ins Habsburgerreich.

Diese Beschreibung ist zwar an sich nicht falsch, aber eine Sache übersehen wir dabei eben: dass mit Griechenland bereits 1830 ein unabhängiger Nationalstaat im tiefsten Südosten Europas entstanden ist. Über dreißig Jahre vor der Einigung Italiens, vierzig Jahre vor der Reichsgründung in Deutschland. Und um diesen Weg Südosteuropas zu verstehen, müssen wir jetzt erst einmal einen Schritt zurück machen.

Ein anderer Ausgangspunkt: Vier Jahrhunderte osmanischer Herrschaft

Wir müssen sogar einen ziemlich großen Schritt zurück machen: Ins Jahr 1354. Da setzt ein osmanisches Heer über die Dardanellen nach Gallipoli und fasst damit Fuß am europäischen Kontinent. Und danach geht es unglaublich schnell.

In den folgenden Jahrzehnten kommt es zu einer ganzen Serie an für die Osmanen erfolgreichen Schlachten gegen die diversen Balkanfürstentümer der Zeit – am berühmtesten sicher die Schlacht am Amselfeld von 1389. Nach einer Verschnaufpause fällt dann 1453 schließlich Konstantinopel und kurz darauf gerät auch schon nahezu die gesamte Balkanhalbinsel unter die Herrschaft des osmanischen Sultans.

Historische Karte des Osmanischen Reiches auf dem Balkan und in Südosteuropa von Abraham Ortelius aus dem 16. Jahrhundert.
Karte des Osmanischen Reiches in Europa aus dem Atlas Theatrum Orbis Terrarum von Abraham Ortelius (um 1600). Über Jahrhunderte standen große Teile Südosteuropas unter osmanischer Herrschaft. Bild: Gemeinfrei

Für die nächsten 400 Jahre blieb das so. Entscheidend für unser Thema ist aber nicht, dass die Osmanen nun über die ehemaligen Fürstentümer des Balkans herrschten, sondern wie sie das taten.

Das Osmanische Reich ordnete seine Untertanen dort nämlich nicht nach Klasse oder Stand ein, sondern zuerst nach Religion. Muslime standen in der sozialen und rechtlichen Ordnung ganz oben (hier durchaus mit internen Standesunterschieden). Dann folgten die anderen beiden Buchreligionen, das Christentum und Judentum. Sie galten als Schutzbefohlene des Sultans, durften ihren Glauben im Osmanischen Reich weiter ausüben, mussten dafür aber steuerliche und rechtliche Nachteile in Kauf nehmen. Dazu kam in den ersten Jahrhunderten die berüchtigte Knabenlese, in der christliche Jungen für den Dienst bei den Janitscharen ausgehoben wurden.

Ihre inneren Angelegenheiten regelten die Glaubensgemeinschaften aber als Resultat weitgehend selbst. Das wird oft unter dem Begriff „Millet-System“ zusammengefasst und dieses System tat dabei mehr, als nur rechtliche Zuständigkeiten zu klären.

Einerseits erhob es die religiöse Zugehörigkeit zu einem zentralen Identitätsmarker. Es führte dazu, dass sich beispielsweise ein Bauer im Hinterland von Belgrad oder Tarnowo im 17. Jahrhundert in erster Linie als orthodoxer Christ sah, nicht als „Serbe“ oder „Bulgare“. Andererseits blieb auch die lokale Kirchen- und Dorfstruktur intakt und in diesen Strukturen wurde auch die Erinnerung an frühere Zeiten und die mittelalterlichen Reiche weitergetragen. Südlich der Donau würden genau diese Strukturen wichtig werden, wenn dann die neuen Nationsideen ins Osmanische Reich schwappten.

In osmanisch dominierten Gebieten nördlich der Donau kommt eine weitere Besonderheit dazu. Die Fürstentümer Walachei und Moldau wurden nämlich nie direkt ins Osmanische Reich eingegliedert, sondern blieben tributpflichtige Vasallen. Anders als südlich der Donau blieb dort somit auch der alte Adel erhalten, auch wenn der ab dem 18. Jahrhundert immer mehr entmachtet wurde.

Neue Ideen und ein wankendes Reich

An der Wende zum 19. Jahrhundert kamen in Südosteuropa dann zwei explosive Entwicklungen zusammen.

Die eine war eine interne. Das Osmanische Reich war um 1800 nämlich lange nicht mehr das, was es noch dreihundert Jahre früher gewesen war. Nach der gescheiterten Belagerung Wiens 1683 und zahlreichen demütigenden Niederlagen im 18. Jahrhundert gegen die Habsburger und Russland befand sich das Reich des Sultans in einer tiefen Krise. Dieser sollte das Reich auch nicht mehr entkommen und ein paar Jahrzehnte später war im restlichen Europa schon von einem „kranken Mann am Bosporus“ die Rede.

Die zweite Entwicklung kam aus dem Westen – eben die neumodische Idee des Nationalismus. Auch die schaffte es um 1800 mittels Kaufleuten, Diplomaten und der allgemein zugenommenen Mobilität in den Balkanraum. In der Region selbst wie in der Diaspora beschäftigten sich schon bald serbische, griechische und andere Intellektuelle mit diesen Ideen und das Ziel war bald überall dasselbe: Die Bildung von Nationalstaaten auf dem Balkan. In einem Imperium, das diesen Entwicklungen mit jedem Tag weniger entgegenzusetzen hatte.

Vier Wege zum Nationalstaat

Wie genau sah dieser Prozess der Nationalstaatsbildung im 19. Jahrhundert dann also aus?

LandAutonomieVolle UnabhängigkeitErster Monarch
Griechenland—1830 (Londoner Protokoll)Otto von Bayern (1832)
Serbien18301878 (Berliner Kongress)Miloš Obrenović (Fürst); Königreich ab 1882
RumänienUnion 1859/18621877/78 (Berliner Kongress)Carol von Hohenzollern-Sigmaringen (1866); Königreich ab 1881
Bulgarien1878 (Berliner Kongress)1908Alexander von Battenberg (1879); Zarentitel ab 1908

Serbien

Als Erstes rumorte es in Serbien. Den Anfang machte dort aber keine nationale Revolution, sondern ein Bauernaufstand.

In Belgrad hatten meuternde Janitscharen die Macht an sich gerissen und 1804 mehrere serbische Dorfvorsteher ermorden lassen. Dagegen richtete sich ein Aufstand unter dem Viehhändler Đorđe Petrović, genannt Karađorđe, und schon bald zielte er auf die osmanische Herrschaft an sich. Nach fast zehn Jahren brach der Aufstand dann 1813 zusammen.

Es sollte aber nicht lange ruhig bleiben. Schon 1815 kam es zum nächsten Aufstand, diesmal unter Miloš Obrenović. Der suchte allerdings weniger die gewaltsame Auseinandersetzung mit der osmanischen Herrschaft, sondern drängte mit russischer Unterstützung auf Verhandlungen.

1830 war das erfolgreich. Die Hohe Pforte in Konstantinopel erkannte Serbien als autonomes Fürstentum an. Die volle Selbständigkeit folgte schließlich knapp fünfzig Jahre später auf dem Berliner Kongress von 1878.

Griechenland

Der griechische Weg in die Unabhängigkeit begann anders als in Serbien nicht in Griechenland selbst, sondern in der Diaspora. Griechische Intellektuelle in Mittel- und Westeuropa erarbeiteten Ideen für einen griechischen Nationalstaat. 1821 folgte ein Aufstand auf der Peloponnes, der schnell zum offenen Krieg gegen die osmanische Herrschaft mutierte.

Was der griechischen Sache in diesem an sich ungleichen Kampf so nah am Zentrum der osmanischen Macht half, war eine wahre Welle der Unterstützung und Begeisterung in Westeuropa. Unter dem Banner des Philhellenismus sprachen sich Menschen überall auf dem Kontinent für die griechische Sache aus oder reisten sogar selbst auf den Balkan, um für sie zu kämpfen. Der berühmteste dieser Kämpfer ist sicher Lord Byron, der 1824 in Griechenland seinen Tod fand.

Am Ende griffen dann Großbritannien, Frankreich und Russland direkt in den Krieg ein und zwangen das Osmanische Reich zum Friedensschluss. Im Londoner Protokoll von 1830 wurde Griechenland unabhängig. Zwei Jahre später bekam es einen König aus dem Haus Wittelsbach.

Rumänien

In den Donaufürstentümern verlief nochmal alles anders.

Auch in der Walachei und Moldau kam es ab den 1820ern zu Aufständen. Diese richteten sich aber nicht gegen das Osmanische Reich und den Sultan selbst (immerhin waren die zwei Fürstentümer bereits autonom – ein Status, für den die Aufständischen in Serbien gerade erst kämpften). Sie richteten sich stattdessen gegen die sogenannten Phanarioten – vom Sultan eingesetzte, griechischsprachige Verwalter, die anstelle des alten Adels die Herrschaft über Walachei und Moldau ausübten.

Die Phanariotenherrschaft endete daraufhin auch tatsächlich und nach dem Russisch-Türkischen Krieg von 1828/29 wanderten Walachei und Moldau in ein faktisches russisches Protektorat.

Gemälde des Berliner Kongresses 1878 mit den Vertretern der europäischen Großmächte zur Neuordnung des Balkans.
Delegierte der europäischen Großmächte auf dem Berliner Kongress von 1878. Die Konferenz regelte nach dem Russisch-Türkischen Krieg die politische Neuordnung Südosteuropas und bestätigte die Unabhängigkeit beziehungsweise Autonomie mehrerer Balkanstaaten. Lizenz: Gemeinfrei

Der für das spätere Rumänien entscheidende Moment kam aber erst nach dem Krimkrieg in den 1850ern. Die Großmächte legten an dessen Ende nämlich fest, dass die beiden Fürstentümer autonom aber getrennt bleiben sollten – jedes mit eigenem Fürsten. 1859 wählten Moldau und Walachei dann kurzerhand denselben Mann zu ihrem Fürsten: Alexandru Ioan Cuza. De facto entstand damit der Nationalstaat Rumänien, der dann ebenfalls auf dem Berliner Kongress von 1878 die volle Unabhängigkeit gewann.

Bulgarien

Am langsamsten war die Entwicklung in Bulgarien (zumindest wenn wir von noch späteren Nationalbewegungen wie in Albanien oder den Entwicklungen innerhalb des Habsburgerreichs absehen). Das lag zum einen sicher an der geografischen Nähe zum Zentrum des Osmanischen Reichs in Konstantinopel.

Die junge bulgarische Nationalbewegung kämpfte zum anderen aber auch an zwei Fronten. Neben der osmanischen Herrschaft versuchte sie sich auch gegen die griechisch dominierte Hierarchie des Patriarchats in Konstantinopel durchzusetzen.

Der erste Erfolg kam somit auch nicht auf dem Schlachtfeld, sondern im kirchlichen Bereich. 1870 gestand der Sultan den Bulgaren mit einem sogenannten „Exarchat“ eine eigene Kirchenorganisation zu – gegen den Willen des orthodoxen Patriarchen in Konstantinopel, der mit Exkommunikation antwortete. 1876 kam es dann zum offenen Aufstand in Bulgarien, worauf sich Russland dann aufseiten der, wie sie genannt wurden, „Balkanslawen“ einschaltete. Nach einigem Hin und Her gewann Bulgarien 1878 auf dem Berliner Kongress eine erste Autonomie und erklärte sich dann 1908 zum unabhängigen Staat.

Eine trennende wie verbindende Geschichte

Das Zeitalter des Nationalismus ging also auch am osmanisch kontrollierten Balkanraum nicht spurlos vorbei – ganz im Gegenteil. Gleich zu Beginn des 19. Jahrhunderts und damit zur selben Zeit wie anderswo in Europa vertraten Intellektuelle dort neue, nationale Ideen, die sich vielerorts auch schnell zu Aufständen entwickelten. Die Unabhängigkeit kam dann in einer Kombination aus diesen Aufständen, internationaler Unterstützung und schlussendlich von den Großmächten oktroyierten Friedensverträgen.

Das Osmanische Reich hatte dem offensichtlich nichts mehr entgegenzusetzen. Gleichzeitig standen die verschiedenen nationalen Visionen der Balkanstaaten aber auch im Widerspruch. Die endlosen gegenseitigen Gebietsansprüche mündeten im frühen 20. Jahrhundert in zwei Balkankriegen, dem Ersten Weltkrieg, dem griechisch-türkischen Krieg und dann dem Zweiten Weltkrieg.

Der Balkan hat als Resultat bis heute den Ruf von Gewalt und Rückständigkeit. Und die Reputation, dass „die da unten“ sich gegenseitig hassen und man da auch nichts machen kann.

Und doch trennen der hier beschriebene Prozess und die widersprüchlichen Nationalvorstellungen die Staaten der Region nicht nur. Diese Geschichte der osmanischen Herrschaft und dem Kampf gegen sie verbindet auch. Wer heute in Belgrad, Sofia oder Thessaloniki Kaffee trinkt und zu Mittag isst, bemerkt das sofort. Man nennt es vielleicht anders, der Kaffee, die gefüllte Blätterteigware und die Krautrouladen sind aber doch überall ziemlich dieselben. Das „hajde“, mit dem man den Sitznachbarn zum Austrinken seines Rakija auffordert, genauso.

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