Lebensdaten

 

18.10.1777 Geburt in Frankfurt

Vater Kommandant im Regiment des Herzog Leopolds von Braunschweig

Mutter Juliane geb. von Pannwitz

 

Kleist wird bis zu seinem 11. Lebensjahr abgesondert von seinen bürgerlichen Altersgenossen von einem Privatlehrer erzogen und unterrichtet.

 

1781 Tod des Vaters. Kleist kommt zur weiteren Erziehung nach Berlin.

Er lernt in Berlin das Ideengut der europäischen Aufklärung kennen und wird, da er in eine Soldatenfamilie geboren wurde, streng protestantisch und preußisch erzogen.

 

1792 Eintritt in das Garderegiment zu Potsdam.

1793 Heimaturlaub. Seine Mutter stirbt.

1797 Beförderung zum Leutnant. Studium der Mathematik, Philosophie und verschiedener Sprachen.

 

Der Gedanke, dauerhaft im Militärdienst bleiben zu sollen, steigert sich ins Unerträgliche. Der Soldatenstand wird ihm verhasst, da er sich mit ihm nicht identifizieren konnte („lebendiges Monument der Tyrannei“). Auch war er der Meinung lebhaft zu fühlen, was der Militärdienst an seinem Charakter negativ veränderte. Die Pflichten als Mensch und als Offizier zu vereinen schienen ihm unmöglich („entgegengesetzte Prinzipien“). Er kann sich nicht mit der Konstellation im preußischen Staat identifizieren.

 

1799 Austritt aus dem Militärdienst

Studium von Jura, Volkswirtschaft und Naturwissenschaften

 

Von diesem Studium erhofft sich Kleist Orientierung und Sinngebung. Er liest viel z.B. die Werke des Kants, Schillers „Don Carlos“ und Goethes Bildungsroman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“.

 

Das Glück kann nicht, wie ein mathematischer Lehrsatz bewiesen werden, es muss empfunden werden, wenn es da sein soll. Daher ist es wohl gut, es zuweilen durch den Genuss sinnlicher Freuden von neuem zu beleben.“

 

1801 Verlobung mit Wilhelmine von Zenge.

 

Er befindet sich in seiner ersten Lebenskrise, die auch Kantkrise genannt wird. Sie wurde durch sein Kant- Studium ausgelöst. Er ist verzweifelt über die Einsicht, dass die Wissenschaft und vernünftiges Handeln keinen Zugang zur objektiven Erkenntnis und absoluten Wahrheit haben. Daraufhin wendet er sich endgültig der Literatur zu. Um die Krise zu bewältigen unternimmt er mehrere kurze Reisen, die er zu Fuß bewältigt und die seine Ruhelosigkeit bezeugen. Außerdem beschäftigt er sich mit der Literatur philosophischer und literarischer Werke.

 

Es scheint, als ob ich eines von den Opfern der Torheit werden würde, deren die Kantische Philosophie so viele auf das Gewissen hat. Mich ekelt vor dieser Gesellschaft, und doch kann ich mich nicht losringen aus ihren Banden. Der Gedanken, dass wir hienieden von der Wahrheit nichts, gar nichts, wissen, dass das, was wir hier Wahrheit nennen, nach dem Tode ganz anders heißt, und dass folglich das Bestreben, sich ein Eigentum zu erwerben, das uns auch in das Grab folgt, ganz vergeblich furchtlos ist, dieser Gedanke hat mich in dem Heiligtum meiner Seele erschüttert – Mein einziges und höchstes Ziel ist gesunken, ich habe keines mehr.“

 

1802 Buchherausgabe der „Familie Schroffenstein“ (spiegelt seine Kantkrise wider, stark von „Romeo und Julia“ beeinflusste Familientragödie)

Lösung der Verlobung. Erkrankung.

1803 Zweite große Krise, die auch Schaffenskrise genannt wird. Er versucht sich der napoleonischen Invasionsarmee gegen England anzuschließen um eventuell getötet zu werden („Ich stürze mich in den Tod…“).

 

Kleist erkennt, in welchem Maße die optimistischen Reformvorstellungen im Widerspruch zu den realen Ereignissen stehen. Er beginnt sich literarisch mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit auseinander zu setzen.

 

1804 Erste Fassung von „Michael Kohlhaas“

Entstehung der Novelle „Das Erdbeben von Chili“

 

Preußen bricht zusammen. Kleist wendet sich endgültig der schriftstellerischen Tätigkeit zu.

 

1807 Er reist nach Berlin und kommt wegen Spionageverdacht in französische Gefangenschaft. Nach dem Friedensschluss von Tilsit reist er zurück nach Berlin und von dort weiter nach Dresden.

Er vollendet das Werk „Penthesilea“ (extreme Leidenschaft, die Sprache ist unmittelbarer Ausdruck des Gefühls)

Er gründet die Zeitschrift „Phöbus“

„Amphitryon“ (Lustspiel basierend auf antikem Stoff)

Er erhält literarische Anerkennung und verkehrt in Literatur- und Künstlerkreisen in Dresden.

1810 Erweiterte Fassung des „Michael Kohlhaas“

„Käthchen von Heilbronn“ (romantische Züge, Märchenähnlich, Gegenteil von „Amphitryon“) kommt ins Theater

1811 „Der zerbrochene Krug“ (Zentrales Thema: Rechtsstreit)

zunehmende Einsamkeit

 

Das gute Verhältnis zwischen ihm und seiner Schwester Ulrike wird gestört.

Er versucht verzweifelt, eine Anstellung im preußischen Staatsdienst zu finden. Sein

persönliches Scheitern, was besonders das Drama „Prinz Friedrich von Homburg“

betraf sowie die politische Lage und der Niedergang Preußens

trieben den Patrioten im Alter von 34 Jahren mit seiner krebskranken, engen

Freundin Henriette Vogel in den Freitod am Wannsee bei Berlin. Er erschoss erst sie

und dann sich selbst („…die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war.“).

 

Die eigentliche Entdeckung Kleists erfolgte erst im 20. Jh. während des

Expressionismus.

 

 

 

Zitate Kleists und über ihn

 

Thomas Mann (1945):

 

Er war einer der größten, kühnsten, höchstgreifenden Dichter deutscher Sprache,

ein Dramatiker sondergleiche – überhaupt sondergleichen, […] als Erzähler – völlig

einmalig aus aller Hergebrachtheit und Ordnung fallend, radikal in der Hingabe an

seine exzentrischen Stoffe bis zur Tollheit, bis zur Hysterie, allerdings tief

unglücklich, mit Ansprüchen an sich selbst, die ihn zermürbten, um das Unmögliche

ringend, von psychogenen Krankheiten niedergeworfen alle Augenblicke und zu

frühem Tod bestimmt.“

 

 

Kleist:

 

Und doch, wer wendet sein Herz nicht gern der Zukunft zu, wie die Blumen ihre

Kelche der Sonne?

 

Sind wir da, die Höhe der Sonne zu ermessen oder uns an ihren Strahlen zu

wärmen?

 

Ein frei denkender Mensch bleibt nicht da stehen, wo der Zufall ihn hinstößt.

 

Jede Minute, jeder Mensch, jede Begebenheit kann dir eine nützliche Lehre sein,

wenn du sie nur zu verstehen versuchst.

 

Autorin: Anja H.