Heilige Haine

Vielfach spielte sich die Beschwörung der Götter in Heiligen Hainen ab.

Zu jeder germanischen Ansiedlung gehörte sehr wahrscheinlich ein Heiligtum, in dem sich ein oder mehrere Opferplätze befinden konnten. Die miteinander verwandten Bewohner benachbarter Siedlungen könnten in einem Bezirksheiligtum zu gemeinsamen Opferhandlungen zusammengekommen sein, um nach ihrem Glauben die Götter gütig zu stimmen.

Größere Feiern wurden in Gauheiligtümern und schließlich in den Stammesheiligtümern abgehalten. Die obzwar junge Gutasaga beschreibt für Gotland eine solche, sicherlich auf eine lange Tradition zurückgehende Staffelung, die sicherlich nicht nur für diese Insel Gültigkeit hatte. Das höchste Opfer war dort das Landesopfer – in jedem Drittel der Insel gab es eine Stätte für das Gauopfer, sowie viele kleine Plätze für Bezirksopfer und Dorfopfer. Die großen Kultfeiern in den Stammesheiligtümern mußten so anberaumt sein, daß sie die landwirtschaftliche Arbeit und die Dorfopferfeste nicht beeinträchtigten.

Stammesversammlungen berief man für die Zeit des zunehmenden Mondes oder des Vollmondes ein, weil diese Tage angeblich für wichtige Entscheidungen die günstigsten waren. Daß ein Priester das Ding bzw Thing eröffnete und den Beratungen beiwohnte, unterstreicht den sakralen Charakter einer solchen Zusammenkunft.

Im Hain wurde das Idol der Gottheit aufgestellt, es wurden hier Altäre errichtet, Menschen- oder Tieropfer dargebracht, heilige Gegenstände als Kriegsbeute aufbewahrt. Er war eine Versammlungsstätte, wo wichtige Stammesangelegenheiten beraten und durch Eid beschlossen wurden, und es fanden dort Feste sakraler Bedeutung statt. Auch hängten die Germanen beispielsweise erbeutete römische Feldzeichen zu Ehren der dort verehrten Götter auf.

In der Schilderung des Bataver-Aufstandes der Jahre 69/70 u. Z. heißt es, die Germanen hätten vor dem Kampf Nachbildungen wilder Tiere aus ihren Hainen geholt. In der Germania erwähnt Tacitus Bilder und Zeichen, die in den Hainen aufbewahrt würden und die Krieger in die Schlacht begleiteten. Es handelte sich dabei um Standarten. Von römischen Darstellungen kennen wir Eber- und Schlangenstandarten.

Weiterin berichtet Tacitus, daß die Feinde durch die Zerstörung ihres Heiligtums zur Aufgabe des Kampfes gezwungen werden sollten. So wurde das Heiligtum der Göttin Tamfana z. B. ohne Gegenwehr zerstört, beim Hain der Göttin Baduhenna fielen dagegen 900 Römer.<

Den Arbeitsrhythmus und auch die Termine für die Opferfeste (Säeopfer, Ernteopfer, Dreschopfer) bestimmte die Natur. Solche Feste konnten für den Norden nachgewiesen und sogar rekonstruiert werden. Auch diese Feiern richteten sich anscheinend nach den Mondphasen, die von alters her den Lunarkalender, insbesondere aber alle kultischen Zusammenkünfte bestimmten. Über die entsprechenden Feiern der Festlandsgermanen wissen wir dagegen weniger. Sicher ist, daß die Nerthusfeier im Frühling stattfand und daß die Römer im Spätsommer in die Festlichkeiten zu Ehren der Göttin Tamfana einbrachen.

Für die Fruchtbarkeitsgöttin Nerthus ist sogar der genaue Ablauf eines solchen Kultfestes überliefert: ( Siehe dazu bei  Nerthus-Nehalennia)

Offenbar hatten auch Quellen und Flüsse eine große sakrale Bedeutung, denn es wird berichtet, daß Hermunduren und Chatten im Jahre 54 u. Z. einen besonders harten Kampf um einen salzhaltigen heiligen Grenzfluß führten. Salzquellen, welche die Huld der Götter offenbarten, waren dem Himmel nahe. Gerade dort würden die Götter die Gebete der Menschen aus nächster Nähe hören.

Auf der Insel Walcheren hatte man der Göttin Nehalennia 22 Altäre errichtet. Zu ihrem Emblemen gehörten außer einem Schiff auch andere aus dem Isis-Kult bekannte Symbole wie Früchte, Ruder und der Hund….Archäologische Untersuchungen des Kultplatzes von Oberdorla haben ein >Schiffsheiligtum< nachgewiesen. F. Kaufmann (1892) sieht in ihr die >Isis< des Tacitus. In ihrem Kult waren anscheinend germanische und römische Vorstellungen zusammengeflossen.

Folgendermaßen könnte sich eine solche Zusammenkunft abgespielt haben:

>>Die Stammesmitglieder sind zur Opferzeremonie versammelt. In gebührendem Abstand vom Heiligtum haben sie sich auf dem Kultplatz am Ufer des Sees im Halbkreis aufgestellt. Ein Opferdiener hält eine Fackel; vor einigen Stammesmitgliedern stehen Schalen, Körbe und Tröge. Ehrfürchtig blicken alle auf den Priester, der am Altar steht und das abgerundete Ende eines von der Rinde befreiten Haselnussstocks über den Kopf des Opfertieres hält. Dieser Stab ist das Zeichen der Würde und Macht des Priesters – nur er darf ihn verwenden, um damit die Verbindung zwischen dem Opfertier und den höheren Mächten herzustellen. Der Höhepunkt der Opferhandlung steht jetzt unmittelbar bevor: das „heilige Mahl“.
Diese Zeremonie fand üblicherweise außerhalb des Heiligtums auf dem umliegenden Kultplatz statt: Ein Teil des Fleisches wurde auf Feuerstellen gebraten; aus dem anderen Teil kochte man in einem Behälter Opferbrühe. Mit dem gemeinsamen kultischen Verzehren des Tieres verbanden die Germanen tiefe religiöse Überzeugungen. Sie glaubten, dass dadurch die besonderen Kräfte des geweihten Opfertieres auch auf sie übergingen – und damit die göttliche Kraft. Gleichzeitig wurde aber auch die Gottheit durch dieses gemeinsame Essen gestärkt. Denn in der Vorstellung der Germanen – so, wie wir sie aus den antiken Überlieferungen kennen – brauchten ihre Götter ständig neue Nahrung, um ihre Kraft zu bewahren und zu steigern.
Was die Wissenschaftler heute über die Tieropferzeremonien und das heilige Mahl der Germanen, wie z. B. in Thüringen um Christi Geburt aussagen, ist keine Spekulation, sondern das Ergebnis der Auswertung historischer Quellen und der Ausgrabungen.<<

Auch andere Orte für ganz ähnliche Opferseremonien wären noch zu erwähnen:

– das Opferfest von Uppsala und

– der Ritus im Semnonenhain.

http://www.mythenweg-thale.de/myorte.htm

http://www.schloss-gottorf.de/alm/nydam.php

Das Grab von Seddin:

http://www2.informatik.hu-berlin.de/~iwas/ufg/seddin.pdf

Wie bereits erwähnt, wurden den Göttern auch Menschen geopfert, um sie milde zu stimmen. So sagte C. Valerius Procillus, ein Vertrauter Cäsars, nachdem er nach der Niederlage des Ariovist aus dessen Gefangenschaft befreit wurde, aus, dreimal sei das Los befragt worden, ob er sofort den Feuertod erleiden solle.

Eine Vielzahl von schriftlichen Quellen besagen auch, daß Kriegsgefangene durch sogenannte Hängeopfer (Töten der Kriegsgefangenen durch Erhängen an Bäumen) dem Kriegsgott geopfert wurden.

>Vor der Schlacht um den Salzfluß im Jahre 54 u. Z. hatten die beiden Stämme der Chatten und Hermunduren geschworen, die Gefangenen des unterlegenen Heeres dem Mars (=Wodan) und dem Merkur (=Tîwaz) zu weihen, wobei es Historiker gibt, die in Erwägung ziehen, daß die Chatten die Kriegsbeute dem Wodan, die Hermunduren hingegen dem Tîwaz weihten.<

(mehr dazu bei Priester, Priesterinnen und Seherinnen – spirituelle Praktiken)

Zu Beginn u. Z. ist eine Häufung von Mooropfern in Deutschland und Nordeuropa zu verzeichnen. Über die Gründe dieser Häufung wird noch diskutiert.

Moore waren den Menschen über Jahrtausende unheimlich. Gerade hier vermutete man wohl eine besonders starke Präsenz von überirdischen Machten oder Göttern.

Da die Leichname jedoch in Mooren gut erhalten blieben, sind inzwischen viele Einzelheiten über die Mooropfer bekannt geworden. So weiß man heute, daß die Mooropfer getötet wurden, bevor sie ins Moor geworfen wurden, da sie oft Spuren von Gewaltanwendung aufweisen: durchgeschnittene oder/und strangulierte Hälse, eingeschlagene Schädel, zerschmetterte Gliedmaßen oder Messerstiche im Brustbereich. Bei einigen gab es sogar ein besonders grausames Szenario: So wurde z. B. in England der Lindow-Man nicht nur stranguliert, erstochen und erschlagen, ihm wurde auch noch die Kehle durchgeschnitten.

Weiterhin gibt es Hinweise, daß auch Sklaven geopfert wurden. So wurden Normannische Krieger manchmal mit Sklavinnen begraben in dem Glauben, dass diese in Walhalla ihre Frau werden würden.

Aber auch wertvolle Gegenstände, die keinerlei Gebrauchsspuren aufwiesen, wurden in solchen Mooren gefunden: Keramikgefäße, sogenannte Luren – bronzene Blasinstrumente, Dolchklingen und Fibeln. Zu welchem Zweck diese Menschen- und Sachopfer in den Mooren dienten, darüber kann man nach zwei Jahrtausenden nur mutmaßen.

Einigermaßen sicher weiß man nur: Totenverehrung und Hinwendung zu den Mächten, bei denen die Toten vermeintlich weilten, waren zusammengehörige Teile der Glaubensvorstellung. Man glaubte, in den Nachkommen könnten die Ahnen der Familie zurückkehren. Deshalb erhielten die Kinder auch die Namen der Vorfahren. Von den Mächten nahm man an, sie herrschten über Leben und Tod, Werden und Vergehen und seien daher für die Fruchtbarkeit in der Natur, bei Menschen und Tieren verantwortlich. Gemeinsame Glaubensvorstellungen und gemeinschaftliche Kultveranstaltungen selbständiger gesellschaftlicher Einheiten festigten auch das Stammesbewußtsein. Dieses Bewußtsein war so stark ausgeprägt, daß man bei einer Abspaltung eines Teilstammes vom Mutterstamm das Gemeinschaftsgefühl in einer traditionellen Kultfeier bewahrte.