Fachbereich: Geschichte und Soziologie
Hauptseminar: Die siebziger Jahre – Aspekte einer Geschichte der BRD
Sommersemester 2004
Dozent: —–
Referentin: Ch. St.                                       


Gab es in der DDR einen Wertewandel?

Über die Frage, ob es in der DDR einen Wertewandel gegeben hat, wird in der Werteforschung gestritten.

„Werte“:
Unter einem Wert wird eine Konzeption des Wünschenswerten verstanden. Gesellschaftspolitische Werte sind dementsprechend „Konzeptionen der wünschenswerten Gesellschaft“ (Parsons 1980: 185).

„Wertewandel“:
Prozess, der seit  den 60er Jahre im Westen zu einer stärkeren Individualisierung und zu einer Zunahme sog. nicht-materieller Werte geführt hat.
Meulemann: Wertewandel = spontane Wandlungen des Denkens und Handelns vieler Einzelner und das laute Nachdenken der Öffentlichkeit über den resultierenden Wandel
-> „Was auch immer der „Wertwandel“ in der DDR gewesen sein mag, er entspricht einer anderen sozialen Dynamik als der Wertwandel in der alten Bundesrepublik.“

Datenlage:

  • In der DDR gab es keine Öffentlichkeit, die über den „Wertwandel“ diskutieren konnte
  • Die DDR hatte keine öffentliche, nicht parteikontrollierte Meinungsforschung

Probleme der empirischen Wert- und Mentalitätsforschung zur DDR-Geschichte:

  • Die Fragen waren in den 60er Jahren z. T. noch stark ideologisch  geprägt.
  • Die Ergebnisse wurden oft verschönt.
  • Die Geheimhaltungspraxis seit den 60er Jahren hatte den Vorteil, dass die erhobenen Daten deswegen nicht manipuliert wurden.
  • Die Befragten stellten oft keinen Querschnitt der Bevölkerung dar.

-> Man ist bei der Deutung der Werteentwicklung auf  Modelle angewiesen, welche zu sehr differenten und widersprüchlichen Ergebnissen kommen.

I.) In der DDR gab es keine Möglichkeit des Wertewandels (Meulemann)

  • In der DDR waren Werte Gegenstand der Politik. „Sobald der Staat versucht, den Freiraum der Gesellschaft einzuschränken und Werte zu diktieren, erstickt er zugleich die Möglichkeit des Wertwandels.“


II.) Wandel durch Modernisierung und Systembeeinflussung (Klages, Gensicke)

1.) Strukturellen Modernisierungseinwirkungen kam ein erhebliches Gewicht zu

  • Analyse von Grundindikatoren (Wirtschaftsstruktur, Berufsstruktur, Siedlungsstruktur,    Massenwohlstand und Freizeit) erbringen Belege für Modernisierungsteilnahme des Ostens

-> Voraussetzung für Individualisierung der Gesellschaft war gegeben

2.) Systemtypische Einwirkungen welche die Entwicklung der Wertorientierungen in der Bevölkerung der DDR mitbestimmten

1. Phase: (Schwerpunkt in den 50er Jahren, erste Hälfte 60er)

  • Durch Umstrukturierung der Gesellschaft wurde im Osten so etwas wie eine „nivellierte Arbeitergesellschaft“ geschaffen.

-> Mit dem Aufstieg von Unterschichten und der Förderung von Frauen und Jugend kam es zu einer Ausweitung der Selbstentfaltungsmöglichkeiten und der Erhöhung des Lebensniveaus.

  • Aufgrund einer Säkularisierung kam eine hohe Dynamik in die ostdeutschen Familienverhältnisse (Scheidungsquoten, uneheliche Lebensgemeinschaften, unehelich geborener Kinder nahmen zu)

-> Mentalitätswandlung in Richtung eines Wertwandels zu Selbstentfaltungswerten

  • Zudem Aufwertung von Pflicht- und Akzeptanzwerten

These: Der Wertewandel im Osten fand vor dem (westlichen) Wertewandel statt.

2. Phase: (Zweite Hälfte 60er und 70er)

  • Idee des Sozialismus erfährt eine Aufwertung (Erhöhung des Lebensstandards, Hoffnung auf weitere Verbesserung der Lebensqualität, gesellschaftliche Liberalisierung)
  • Kritik an der westlichen Zivilisation wurde laut
  • Mitte der 70er hat die Loyalität dem System gegenüber einen Höhepunkt erreicht
  • Es herrschte Vertrauen in die Lösung von Problemen

3. Phase (Ende 70er, 80er Jahre)

  • Durch das Westfernsehen dringt die Modernisierungseinwirkung im Westen in das ostdeutsche Wertesystem ein
  • Hedonistische und materialistische Werte expandieren, v.a. unter der jüngeren Generation
  • Verstärkenden Perspektivlosigkeit
  • Bewusstsein der Verschärfung der gesellschaftlichen Probleme vom Umweltschutz über die Infrastruktur bis hin zum mangelhaften Warenangebot nahm zu
  • das Vertrauen, dass die Regierung in der Lage sei, diese Probleme zu lösen sank

Folge:

  • Zunehmende Unzufriedenheit, Perspektivlosigkeit und Abwendung vom System
  • Abnabelung wachsender Teile der Gesellschaft vom System (Entstehen einer „Nischengesellschaft“)

-> Heftiger Wertewandel weg von den Werten des offiziellen Sozialismus und hin zu Werten einer westlichen Konsumgesellschaft.

4. Phase (1989 in der Zeit der Wende):

  • Aktualisierung noch vorhandener Reserven an konventionalistischen Werten

3.) In der DDR gab es vor allem in der Jugend einen Wertewandel

  • Stärkerer Individualisierungsprozess der Jugend
  • Materialistische und hedonistische Werte  nehmen deutlich zu
  • Idealistische und konventionelle Werte stagnierten seit 1975 und 1985 oder gingen stark zurück
  • Bildungsstreben und Arbeitsethos sanken ab (stark von Generationsunterschieden geprägt)
  • Konventionalismus bei den Älteren besonders stark ausgeprägt
  • Materialismus, Selbstentfaltung und Hedonismus eher bei Jüngeren ausgeprägt

-> in den 80ern findet in der Jugend ein Wertwandel statt. Der Kern dieses Wandels liegt in einem erheblichen Zuwachs auf der hedonistischen-materialistischen Wertdimension, der sich um 1989 zugunsten konventioneller Werte abschwächt.

Ergebnis:

Es hat wie in den westlichen Industrieländern auch im Osten einen Wertewandel in Richtung von Selbstentfaltungswerten gegeben, allerdings in einer spezifischeren Form und von anderen Voraussetzungen her.
-> Ende der 80er Jahre traten Individualismus, Materialismus und Hedonismus als neue Werte in den Vordergrund. Diese löschten aber Pflicht- und Akzeptanzwerten nicht aus.
-> Die Ausreiser im Sommer 1989 kamen aus dem Kreis der materialistisch-hedonistisch orientieren jungen Generation, die mit ihrer Durchsetzung privater Interessen ungewollt kollektive Effekte auslösten.
-> Insgesamt erscheint der Wertewandel, der in der zweiten Hälfte der 60er und der ersten Hälfte der 70er für den Westen typisch war, für den Osten um etwa 10 – 15 Jahre verschoben. Das ist ein Beleg für systemspezifische Besonderheiten der Werteentwicklung in der DDR.


Literatur:

Gensicke, Thomas: Mentalitätsentwicklungen im Osten Deutschlands seit den 70er Jahren, Speyer 1992.
Gensicke, Thomas: Modernisierung, Wertewandel und Mentalitätsentwicklung in der DDR. In: Bertram, Hradil, Kleinhenz (Hg.): Sozialer und demographischer Wandel in den neuen Bundesländern, Opladen 1996, S. 101-140.
Gensicke, Thomas: Werte und Wertwandel im Osten Deutschlands, In: Klages, Helmut: Werte und Wandel, Frankfurt/Main 1992, S. 672-694.
Klages, Helmut: Traditionsbruch als Herausforderung: Perspektiven der Wertewandelsgesellschaft, Frankfurt a.M. 1993.
Meulemann, Heiner: Werte und Wertewandel. Zur Identität einer geteilten und wieder vereinten Nation, Weinheim/ München 1996.
Niemann, Heinz: Meinungsforschung in der DDR: Die geheimen Berichte des Instituts für Meinungsforschung an das Politbüro der SED, Köln 1993.
Pollack, Detlef. Wertwandel und religiöser Wandel in Ostdeutschland. In: Berliner Debatte 4, Berlin 1993.