Gilbert Jacoby

Die Esche Yggdrasil

Der „vornehmste und heiligste“ Aufenthaltsort der Götter ist die Esche Yggdrasil.

Aus der Völuspa:

„19) Eine Esche weiß ich, heißt Yggdrasil,
Den hohen Baum netzt weißer Nebel;
Davon kommt der Tau, der in die Täler fällt.
Immergrün steht er über Urds Brunnen.“

Weiter aus „Grimnismal – Das Lied von Grimnir“:

„29) Körmt und Örmt und beide Kerlaug
Watet Thor täglich,
Wenn er reitet Gericht zu halten
Bei der Esche Yggdrasil;
Denn die Asenbrücke steht all in Lohe,
Heilige Fluten flammen.

30) Gladr und Gyllir, Gler und Skeidbrimir,
Silfrintopp und Sinir,
Gisl und Falhofnir, Gulltopp und Lettfeti:
Diese Rosse reiten die Asen
Täglich, wenn sie reiten Gericht zu halten
Bei der Esche Yggdrasil.“

Über die Wurzeln der Esche Yggdrasil widersprechen sich die Quellen. So heißt es in Gylfaginning:

„…da sollen die Götter täglich Gericht halten. Diese Esche ist der größte und beste von allen Bäumen: seine Zweige breiten sich über die ganze Welt und reichen hinauf über den Himmel. Drei Wurzeln halten den Baum aufrecht, die sich weit ausdehnen: die eine zu den Asen, die andere zu den Hrimthursen, wo vormals Ginnungagap war; die dritte steht über Niflheim, und unter dieser Wurzel ist Hwergelmir und Nidhögg nagt von unten an ihr (Nidhöggr wörtlich: „der schadengierig Hauende“).“

Jedoch widerspricht Grimnismal – Das Lied von Grimnir der älteren Edda den Angaben über die drei Wurzeln in Gylfaginning, sodaß ich eher den folgenden Ausführungen folgen würde:

„31) Drei Wurzeln strecken sich nach dreien Seiten
Unter der Esche Yggdrasil:
Hel wohnt unter einer, unter der andern Hrimthursen,
Aber unter der dritten Menschen.“

Und weiter aus „Gylfaginning:

„Bei der andern Wurzel hingegen, welche sich zu den Hrimthursen erstreckt, ist Mimirs Brunnen, worin Weisheit und Verstand verborgen sind. Der Eigner des Brunnens heißt Mimir, und ist voller Weisheit, weil er täglich von dem Brunnen aus dem Giallarhorn trinkt. Einst kam Allvater dahin und verlangte einen Trunk aus dem Brunnen, erhielt ihn aber nicht eher, bis er sein Auge zum Pfand setzte. So heißt es in der Völuspa:

Alles weiß ich, Odin, wo dein Auge blieb:

In der vielbekannten Quelle Mimirs.

Met trinkt Mimir jeden Morgen

Aus Walvaters Pfand: wißt ihr was das bedeutet?

Ein Adler sitzt in den Zweigen der Esche, der viel Dinge weiß, und zwischen seinen Augen sitzt ein Habicht, Wedfölnir genannt. Ein Eichhörn­chen, das Ratatösk (Rattenzahn) heißt, springt auf und nieder an der Esche und trägt Zankworte hin und her zwischen dem Adler und Nidhögg. Und vier Hirsche laufen umher an den Zweigen der Esche, und beißen die Knospen ab. Sie heißen: Dain, Dwalin, Dunneir, Durathror. Und so viel Schlangen sind in Hwergelmir bei Nidhögg, daß es keine Zunge zählen mag. So heißt es hier:

Die Esche Yggdrasil duldet Unbill
Mehr als Menschen wissen:
Der Hirsch weidet oben, hohl wird die Seite,
Unten nagt Nidhögg.

Ferner heißt es:

Mehr Gewürm liegt unter der Esche Wurzel

Als ein unkluger Affe meint:

Goin und Moin, Grafwitnirs Söhne,

Grabak und Grafwöllud;

Ofnir und Swafnir sollen ewig

Von der Wurzel Zweigen zehren.“

So heißt es auch in Grimnismal – Das Lied von Grimnir:

„32) Ratatösk heißt das Eichhorn, das auf und ab rennt
An der Esche Yggdrasil:
Des Adlers Worte oben vernimmt es
Und bringt sie Nidhöggern nieder.

33) Der Hirsche sind vier, die mit krummem Halse
An der Esche Ausschüssen weiden:
Dain und Dwalin, Duneyr und Durathror.

34) Mehr Würmer liegen unter den Wurzeln der Esche
Als einer meint der unklugen Affen.
Goin und Moin, Grafwitnirs Söhne,
Grabak und Grafwöllud,
Ofnir und Swafnir sollen ewig
Von der Wurzeln Zweigen zehren.

35) Die Esche Yggdrasil duldet Unbill
Mehr als Menschen wissen.
Der Hirsch weidet oben, hohl wird die Seite,
Unten nagt Nidhöggr.“


Die Brücke Bifröst

Die Götter bauten eine Brücke vom Himmel zur Erde, die „Bifröst“ heißt und den Menschen als Regenbogen bekannt ist, um darauf mit ihren Pferden hinauf zu reiten. So heißt es dazu in Gylfaginning:

„Unter der dritten Wurzel der Esche, die zum Himmel geht, ist ein Brunnen, der sehr heilig ist, Urds Brunnen genannt: da haben die Götter ihre Gerichtsstätte; jeden Tag reiten die Asen dahin über Bifröst, welche auch Asenbrücke heißt.“

„Sie hat drei Farben und ist sehr stark und mit mehr Kunst und Verstand gemacht als andere Werke.“

Es brennt auch ein Feuer auf Bifröst:

„Das Rote, das du im Regenbogen siehst, ist brennendes Feuer. Die Hrimthursen und Bergriesen würden den Himmel ersteigen, wenn ein jeder über Bifröst gehen könnte, der da wollte. Viel schöne Plätze gibt es im Himmel, die alle unter dem Schutz der Götter stehen. So steht ein schönes Gebäude unter der Esche bei dem Brunnen: aus dem kommen die drei Mädchen, die Urd, Skuld und Werdani heißen. Diese Mädchen, welche aller Menschen Lebenszeit bestimmen, nennen wir Nornen…“

„Bifröst ist eine gute Brücke,…so stark sie auch ist; aber kein Ding in der Welt mag bestehen bleiben (und) so wird sie doch zerbrechen, wenn Muspels Söhne kommen, darüber zu reiten; und ihre Pferde müssen über große Ströme schwimmen….“


Die Erschaffung der Menschen und ihrer Welt Midgard (Mittelwelt)

Zur Erschaffung der Menschen gibt es zwischen der Völuspa und Gylfaginning widersprüchliche Überlieferungen:

Völuspa:

„9) Da gingen die Berater zu den Richterstühlen, Hochheilge Götter hielten Rat,
Wer schaffen sollte der Zwerge Geschlecht
Aus Brimirs Blut und blauen Gliedern.

17) Gingen da dreie aus dieser Versammlung,
Mächtige, milde Asen zumal,
Fanden am Ufer unmächtig
Ask und Embla und ohne Bestimmung.

18) Besaßen nicht Seele, und Sinn noch nicht,
Nicht Blut noch Bewegung, noch blühende Farbe.
Seele gab Odin, Hönir gab Sinn,
Blut gab Lodur und blühende Farbe.“

In Gylfginning wird dagegen beschrieben, daß Börs Söhne die Menschen erschufen:

(„…der eine hieß Odin, der andere Vili, der dritte Ve…“)

„Als Börs Söhne am Seestrand gingen, fanden sie zwei Bäume. Sie nahmen die Bäume und schufen Menschen daraus. Der erste gab Geist und Leben, der andere Verstand und Bewegung, der dritte Antlitz, Spra­che, Gehör und Gesicht. Sie gaben ihnen auch Kleider und Namen: den Mann nannten sie Ask (Esche) und die Frau Embla (Ulme), und von ihnen kommt das Menschengeschlecht, welchem Midgard (Mittelwelt) zur Wohnung verliehen ward…“

Oft wird auch von Wissenschaftlern versucht, Lodur (=Loki) als Ve [„der Heilige“] und Hönir als Vili [„Der Wille“] zu identifizieren, jedoch entgültige Beweise gibt es dafür nicht, zumal auch die Funktion bzw. Zuständigkeit (als Gottheit) des Hönir nicht eindeutig ist. Ein Erklärungsversuch erscheint jedoch einigermaßen einleuchtend:

Wenn man den Namen des Hönir als „Wolke“ deutet (aus germ. hauhnijaz –> hauhni –> dän. höine [die Höhe]), er damit also ein „Wolkengott“ ist, dann könnte man ihn als einen Bruder von Odin (als den „Sturmgott“) deuten. Ebenso verhält es sich mit Lodur („Der Feuerbringer“), der anhand seines Namens klar mit Loki zu identifizieren ist. Ein anderer Name Lokis ist Lopt („Der Blitz“) und könnte damit vom Wesen her ebenfalls als ein Bruder Odins verstanden werden.

Die Götter bestimmten, daß Midgard die Welt der Menschen sein sollte.

Aus Grimnismal – Das Lied von Grimnir:

„40) Aus Ymirs, Fleisch ward die Erde geschaffen,
Aus dem Schweiße die See,
Aus dem Gebein die Berge, die Bäume aus dem Haar,
Aus der Hirnschale der Himmel.

41) Aus den Augenbrauen schufen gütge Asen
Midgard den Menschensöhnen;
Aber aus seinem Hirn sind alle hartgemuten
Wolken erschaffen worden.“

Die Götterburg Asgard

(Nach der Erschaffung des Menschen und Midgard) „…bauten sie sich eine Burg mitten in der Welt und nannten sie Asgard (Götterwelt). Da wohnten die Götter und ihr Geschlecht und manches trug sich da zu, wovon erzählt wird auf Erden und in den Lüften.“

In der Ynglinga saga wird genau beschrieben, wo in Midgard die Götterburg Asgard liegt:

„Der Erdkreis, den die Menschen bewohnen (Midgard), ist sehr von Buchten durchschnitten. Große Meere gehen aus dem Ozean in die Länder hinein. Es ist das bekannt, dass das Meer vom Nörvasund ganz hinaus bis nach Jórsalaland geht. Vom Meer geht eine lange Meeresbucht nach Nordosten, der Schwarzes Meer heißt. Diese teilt die Welt in drei Teile. Der im Osten heißt Asien, und den im Westen nennen einige Europa, und einige Enea. Aber nördlich vom Schwarzen Meer erstreckt sich das große oder das kalte Schweden. Das große Schweden nennen einige Männer nicht kleiner als das große Sarazenenland, einige setzen es mit dem großen „Negerland“ gleich. (…) Aus dem Norden von den Bergen, die außerhalb des ganzen bewohnten Gebietes sind, fließt ein Fluss durch Schweden, dieser, der richtig Tanais heißt. Er wurde in alter Zeit Tanakvísl oder Vanakvísl genannt. Er kommt zum Meer durch das Schwarze Meer. Da beim Vanakvísl wird das Land Vanaland oder Vanaheimr genannt. Dieser Fluss teilt die Welt in drei Teile. Der im Osten heißt Asien und der im Westen Europa.

In Asien östlich vom Tanakvísl wird das Land Ásaland oder Ásaheimr genannt und die Hauptstadt, die im Land war, nannten sie Ásagarð. Und in der Stadt war der Häuptling, der Óðinn genannt wurde. Dort war eine große Opferstätte. Es war dort Brauch, dass zwölf Tempelpriester am vornehmsten waren. Sie sollten über die Opfer und die Urteile unter den Männern gebieten. Sie wurden Diar oder Dróttnar genannt. Ihnen sollte das ganze Volk Dienste und Ehrerbietung erweisen. (…)“

Und weiter aus „Gylfaginning“:

„In der Burg ist ein Ort, der Hlidskialf heißt, und wenn Odin sich da auf den Hochsitz setzt (anm.: in 2. Grimnismal – Das Lied von Grimnir tut er das auch einmal zusammen mit Frigg), so übersieht er alle Welten und aller Menschen Tun und weiß alle Dinge, die da geschehen. Seine Hausfrau heißt Frigg, Fiörgwins Tochter, und von ihrem Geschlecht ist der Stamm entsprungen, den wir das Asengeschlecht nennen, welches das alte Asgard bewohnte und die Reiche, die dazu gehören, und das ist das Geschlecht der Götter. Und darum mag er Allvater heißen, weil er der Vater ist aller Götter und Menschen und alles dessen, was er durch seine Kraft hervorgebracht hat. Jörd war seine Tochter und seine Frau und von ihr gewann er einen erstgebornen Sohn: das ist Asathor (=Thor); ihm folgen Kraft und Stärke, daß er siegt über alles Lebendige.“

Über die Burg Asgard gibt es in Gylfaginning weitere Informationen:

„Zuvörderst setzte er Richter ein, die über das Schicksal der Leute entscheiden und die Einrichtungen in der Burg bewahren sollten. Das war an dem Orte, der Idafeld* heißt, (*anm. hier versammeln sich die übrig gebliebenen Götter nach dem „Ende der Welt“) mitten in der Burg. Ihr erstes Geschäft war, einen Hof zu bauen, worin ihre Stühle standen, zwölf an der Zahl und überdies ein Hochsitz für Allvater. Es ist das beste und größte Gebäude der Welt, außen sowohl als innen von lauterem Gold. Diese Stätte nennt man Gladsheim (Welt der Wonnen).

Sie bauten noch einen anderen Saal, da war die Wohnung der Göttinnen. Dieses Haus war auch sehr schön und die Menschen nennen es Wingolf .“

(anm. Wingolf ist vermutlich mit dem Saal Volkwang der Freyja gleichzusetzen)

„Danach legten sie Schmiedeöfen an, und machten sich dazu Hammer, Zange und Amboß und hernach damit alles andere Werk­gerät. Darauf verarbeiteten sie Erz, Gestein und Holz und eine so große Menge des Erzes, das Gold genannt wird, daß sie alles Haus­gerät von Gold hatten. Und diese Zeit heißt das Goldalter: es ver­schwand aber bei der Ankunft gewisser Frauen, die aus Jötunheim kamen.“

Die Säle der Götterburg Asgard werden in Grimnismal – das Lied von Grimnir der älteren Edda aufgezählt:

„4) Heilig ist das Land, das ich liegen sehe
Den Asen nah und Alfen.
Dort in Thrudheim soll Thor wohnen
Bis die Götter vergehen.

5) Ydalir heißt es, wo Uller hat
Den Saal sich erbaut.
Alfheim gaben dem Freyr die Götter im Anfang
Der Zeiten als Zahngebinde.

6) Die dritte Halle hebt sich, wo die heitern Götter
Den Saal mit Silber deckten.
Walaskialf, heißt sie, die sich erwählte
Der As in alter Zeit.

7) Sökkwabeck heißt die vierte, kühle Flut
Überrauscht sie immer;
Odin und Saga trinken alle Tage
Da selig aus goldnen Schalen.

8) Gladsheim heißt die fünfte, wo golden schimmert
Walhalls weite Halle:
Da kiest sich Odin alle Tage
Vom Schwert erschlagne Männer.

9) Leicht erkennen können, die zu Odin kommen,
Den Saal, wenn sie ihn sehen:
Aus Schäften ist das Dach gefügt und mit Schilden bedeckt,
Mit Brünnen die Bänke bestreut.

10) Leicht erkennen können, die zu Odin kommen,
Den Saal, wenn sie ihn sehen:
Ein Wolf hängt vor dem westlichen Tor,
Über ihm dräut ein Aar (Adler).

11) Thrymheim heißt die sechste, wo Thiassi hauste,

(anm. Niörds Frau heißt Skadi und ist die Tochter des Riesen Thiassi.)

Jener mächtige Jote.
Nun bewohnt Skadi, die scheue Götterbraut
Des Vaters alte Veste.

12) Die siebente ist Breidablick: da hat Baldur sich
Die Halle erhöht
Zu jener Gegend, wo der Gräuel ich
Die wenigsten lauschen weiß.

13) Himinbiörg, ist die achte, wo Heimdall soll
Der Weihestatt walten.
Der Wächter der Götter trinkt in wonnigem Hause
Da selig den süßen Met.

14) Volkwang ist die neunte: da hat Freyja Gewalt
Die Sitze zu ordnen im Saal.
Der Walstatt Hälfte wählt sie täglich,
Odin hat die andre Hälfte.

15) Glitnir, ist die zehnte; auf goldnen Säulen ruht
Des Saales Silberdach.
Da thront Forseti den langen Tag
Und schlichtet allen Streit.

16) Noatun ist die elfte: da hat Niördr
Sich den Saal erbaut.
Ohne Mein (Fehl) und Makel der Männerfürst
Waltet hohen Hauses.

17) Mit Gesträuch begrünt sich und hohem Grase
Widars Land Widi.
Da steigt der Sohn auf den Satell der Mähre
Den Vater zu rächen bereit.

18) Andhrimnir läßt in Eldhrimnir
Sährimnir sieden,
Das beste Fleisch; doch erfahren wenige,
Was die Einherjer essen.

19) Geri und Freki füttert der krieggewohnte
Herrliche Heervater,
Da nur von Wein der waffenhehre
Odin ewig lebe.

20) Hugin und Munin müssen jeden Tag
Über die Erde fliegen.
Ich fürchte, daß Hugin nicht nach Hause kehrt;
Doch sorg ich mehr um Munin.

21) Thundr ertönt, wo Thiodwitnirs
Fisch in der Flut spielt;
Des Stromes Ungestüm dünkt zu stark
Durch Walglaumir zu waten.

22) Walgrind heißt das Gitter, das auf dem Grunde steht
Heilig vor heilgen Türen.
Alt ist das Gitter; doch ahnen wenige
Wie sein Schloß sich schließt.

23) Fünfhundert Türen und viermal zehn
Wähn ich in Walhall.
Achthundert Einherier ziehn aus je einer,
Wenn es dem Wolf zu wehren gilt.

24) Fünfhundert Stockwerke und viermal
zehn Weiß ich in Bilskirnirs Bau.
Von allen Häusern, die Dächer haben,
Glaub ich meines Sohns das größte.

25) Heidrun heißt die Ziege vor Heervaters Saal,
Die an Lärads Laube zehrt.
Die Schale soll sie füllen mit schäumendem Met;
Der Milch ermangelt sie nie.

26) Eikthyrnir heißt der Hirsch vor Heervaters Saal,
Der an Lärads Laube zehrt.
Von seinem Horngeweih tropft es nach Hwergelmir:
Davon stammen alle Ströme.

27) Sid und Wid, Sökin und Eikin, Swöll und Gunthro,
Fiörm und Fimbultul,
Rin und Rennandi, Gipul und Göpul,
Gömul und Geirwimul.
Um die Götterwelt wälzen sich Thyn und Win,
Thöll und Höll, Grad und Gunthorin.

28) Wina heißt einer, ein anderer Wegswinn,
Ein dritter Diotnuma.
Nyt und Nöt, Nönn und Hrönn,
Slid und Hrid, Sylgr und YIgr,
Wid und Wan, Wönd und Strönd,
Giöll und Leiptr: diese laufen den Menschen näher
Und von hier zur Hel hinab.

29) Körmt und Örmt und beide Kerlaug
Watet Thor täglich,
Wenn er reitet Gericht zu halten
Bei der Esche Yggdrasil;
Denn die Asenbrücke steht all in Lohe,
Heilige Fluten flammen.

30) Gladr und Gyllir, Gler und Skeidbrimir,
Silfrintopp und Sinir,
Gisl und Falhofnir, Gulltopp und Lettfeti:
Diese Rosse reiten die Asen
Täglich, wenn sie reiten Gericht zu halten
Bei der Esche Yggdrasil.“


Der Asen-Wanen-Krieg

In der nordischen Mythologie wird in verschiedenen Quellen ein Krieg zwischen den Asen und Wanen erwähnt. Als mögliches (tatsächliches) Szenario für den Ausbruch dieses Krieges wird die Ausbreitung des Wodan/Odin-Kultes vermutet, der eine Verdrängung des Gottes Tiwaz (Tyr) durch Wotan/Odin als obersten Kriegsgott zur Folge hatte. Die Ynglinga saga beschreibt diese Ausbreitung sehr ausführlich. Obwohl diese saga relativ jung ist und eigens erdacht wurde, um die Abstammung des schwedischen Königsgeschlechtes von den Göttern herzuleiten, wird wegen der vielen Übereinstimmungen mit älteren Sagen ein wahrer Kern angenommen.

Aus der Ynglinga saga:

„Eine große Gebirgskette erstreckt sich vom Nordosten bis zum Südwesten. Sie trennt das große Schweden und die anderen Reiche. Südlich des Berges ist es nicht weit bis zum Türkenland. Dort hatte Óðinn große Besitzungen. In dieser Zeit zogen die Römerhäuptlinge weit herum durch die Welt und unterwarfen mit Gewalt alle Völker und viele Häuptlinge flohen vor dem Krieg von ihren Besitzungen. Und weil Óðinn zukunftskundig und zauberkundig war, da wusste er, dass sich seine Nachkommenschaft im nördlichen Teil der Welt ansiedeln würde. Da setzte er seine Brüder, Vé und Víli, über Ásgarð, und er ging und alle Goden (Priester) mit ihm und viele andere Leute. Er ging zuerst nach Westen nach Garða ríki (heutiges Russland) und dann nach Süden nach Saxland. Er hatte viele Söhne. Er eignete sich Reiche mancherorts im Saxland an und setzte dort seine Söhne zum Schutz des Landes ein. Dann ging er nach Norden zum Meer und nahm sich einen Wohnsitz auf einer Insel. Dort heißt es jetzt Óðinsey in Fjónr. Dann schickte er Gefjun nach Norden über den Sund, um Land zu suchen. Da kam sie zu Gylfi und er gab ihr ein Stück Ackerland. Dann ging sie in das Riesenland und bekam vier Söhne von irgendeinem Riesen. Sie verwandelte sie in die Gestalt von Ochsen und spannte sie vor den Pflug und zog das Land auf das Meer hinaus und nach Westen gegenüber von Óðinsey und das wird Selund genannt. Dort wohnte sie von da an. Skjöldr, der Sohn Óðins, bekam sie zur Frau. Sie wohnten in Hleiðr. Dort ist ein Binnensee oder ein Meer dahinter. Das wird Lörinn genannt. Die Fjorde liegen so im Lögrinn wie die Landzunge in Seland. So sprach Bragi inn gamli:

Gefjon zog von Gylfi
froh über das Eigentum,
so dass es von den rennenden Ochsen dampfte,
Dänemark zu vergrößern.
Die Ochsen trugen vier Köpfe und acht Augen,
als sie vor der großen, grasigen Insel gingen,
die gewonnen war.

Aber als Óðinn erfuhr, dass östlich bei Gylfi gute Ländereien waren, ging er dorthin und er und Gylfi schlossen ihren Frieden, weil Gylfi glaubte keine Kraft zum Widerstand gegen die Ásen zu haben. Óðinn und Gylfi taten miteinander viel Sinnestäuschungen und Tricks und die Ásen wurden fortwährend mächtiger. Óðinn nahm seinen Wohnsitz am Löginn, dort wo es jetzt alt Sigtunír genannt wird und baute dort einen großen Tempel und opfert nach Sitte der Ásen. Er eignete sich da so weit Land an, das er Sigtúnir nennen ließ…“

Aus der Völuspa:

„28) Gebrochen war der Burgwall den Asen,
Schlachtkundge Wanen stampften das Feld.
Odin schleuderte über das Volk den Spieß:
Da wurde Mord in der Welt zuerst.“

Auch, wie der Friedensschluß zustande kam, ist überliefert:

Aus der Völuspa:

„29) Da gingen die Berater zu den Richterstühlen,
Hochheilge Götter hielten Rat,
Wer mit Frevel hätte die Luft erfüllt,
Oder dem Riesenvolk Odhurs Braut gegeben?“

Weiter aus „Bragaroedur – Bragis Gespräche mit Ögir“:

„Nun aber traten sie zusammen, Frieden zu schließen, und der kam nun so zustande, daß sie von beiden Seiten zu einem Gefäß gingen und ihren Speichel hineinspuckten. Als sie nun schieden, wollten die Asen dieses Friedenszeichen nicht untergehen lassen. Sie nahmen es und schufen einen Mann daraus, der Kwasir heißt. Der ist so weise, daß ihn niemand um ein Ding fragen mag, worauf er nicht Bescheid zu geben weiß.“

Und aus Gylfaginning:

(Njörd) „…wurde in Wanaheim erzogen, und die Wanen gaben ihn den Göttern zum Geisel und nahmen dafür von den Asen zum Geisel den Hönir: so verglichen sich durch ihn die Götter mit den Wanen.“

Weiter aus der Ynglinga saga:

„Er (Odin) gab den Goden Wohnstätten. Njörðr wohnte in Nóatún und Freyr in Uppsala, Heimdallr in Himinbjörg, Þórr in Þrúðvangr, Baldr in Breiðablíkr. Er gab ihnen allen gute Wohnstätten.“


Das Ende der Welt

Der Begriff „Ragna rök“:

– in der Edda auch oft als „der Asen Untergang“ bezeichnet,

– oder wörtlich: der Götter Untergang – Weltende,

– seltener auch als Finsternis bzw. Dunkel der Götter = „Götterdämmerung“

Es wird in der Wissenschaft vermutet, dass gerade beim Ragna rök christliche Einflüsse enthalten sind, da es hier einige sehr auffällige Übereinstimmungen bis in Einzelheiten hinein gibt, so z. B. der Weltbrand und die darauf folgende Erneuerung, oder auch Heimdall, der mit seinem Gjallarhor die Götter für den letzten Kampf weckt, ähnelt dem Engel der christlichen Religion, der mit seiner Posaune die Toten zum Gericht weckt.

Es nicht einmal geklärt, wie alt die Vorstellung, es gebe ein Ende der Welt, bei den germanischen Stämmen überhaupt ist. In der Edda jedoch – um 1200 n. Chr. niedergeschrieben – ist diese Vorstellung präsent. Aber nun zu den Quellen selbst:

Aus Gylfaginning:

„Davon sind viele und wichtige Dinge zu sagen. Zum er­sten, daß ein Winter kommen wird, Fimbulwinter genannt. Da stö­bert Schnee von allen Seiten, da ist der Frost groß und sind die Winde scharf, und die Sonne hat ihre Kraft verloren. Dieser Winter kommt dreimal nacheinander und kein Sommer dazwischen. Zuvor aber kommen drei andere Jahre, da die Welt mit schweren Kriegen erfüllt sein wird. Da werden sich Brüder aus Habgier ums Leben bringen und der Sohn des Vaters, der Vater des Sohnes nicht scho­nen. So heißt es in der Völuspa:

Brüder befehden sich und fällen einander,

Geschwisterte sieht man die Sippe brechen.

Unerhörtes ereignet sich, großer Ehbruch.

Beilalter, Schwertalter, wo Schilde klaffen,

Windzeit, Wolfszeit eh die Welt zerstürzt.

Der eine achtet des andern nicht mehr.

 

zu Teil 2: Die Nordische Mythologie Teil 2