Soldaten in einer Seilbahn - die Front verlief in den Alpen und damit in schwierigster Umgebung für die Armeen
Soldaten in einer Seilbahn – die Front verlief in den Alpen und damit in schwierigster Umgebung für die Armeen

Im Tyrolia Verlag ist ein neues Buch zum Gebirgskrieg während des 1. Weltkriegs in den Alpen erschienen. Die militärisch nutzlosen Schlachten in den Bergen kosteten über 150.000 Soldaten das Leben und waren von besonderer Härte und großem Leid geprägt.

 

Hintergrund des Gebirgskrieges

Soldaten auf einer Stellung während des Krieges - die Stellungen konnten dank der Lage auch mit wenig Einheiten wirkungsvoll verteidigt werden
Soldaten auf einer Stellung während des Krieges – die Stellungen konnten dank der Lage auch mit wenig Einheiten wirkungsvoll verteidigt werden

 

Ursprünglich war Italien im Dreibund mit dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn verbunden. Italien weigerte sich aber, mit den Mittelmächten in den Krieg zu ziehen – vordergründig sah es keine Bündnispflicht, weil nach Begründung der Italiener Österreich-Ungarn und Deutschland den Krieg begonnen hätten und daher – aufgrund eines Defensivbündnisses – keine Bündnispflicht bestünde.

Tatsächlich hatte aber die Entente um England und Frankreich den Italienern große österreichische Gebiete im Falle eines Sieges versprochen, in denen italienische Minderheiten lebten. Im Londoner Vertrag vom 26. April 1915, der in einer Geheimkonferenz geschlossen wurde, wurde zwischen der Entente und den Italiern vereinbart, dass diese Trentino, Triest, Istrien und Teile Dalmatiens erhalten sollten, sowie das südliche bis zum Brenner reichende Tirol. Zudem war aus italienischer Sicht Österreich ein „leichterer“ Gegner. In der italienischen Bevölkerung bestand allerdings keine Kriegsbegeisterung wie etwa im Rest Europas.

 

Die österreichisch-italienische Grenze

Soldaten in einem Schützengraben auf dem Ortler - mit 3850 Meter der höchstgelegene Schützengraben im 1. Weltkrieg
Soldaten in einem Schützengraben auf dem Ortler – mit 3850 Meter der höchstgelegene Schützengraben im 1. Weltkrieg

 

Am 23. Mai 1915 erklärte Rom Österreich, dem einstigen Verbündeten, den Krieg.

Der König von Italien hat mir den Krieg erklärt. Ein Treubruch, dessengleichen die Geschichte nicht kennt, ist von dem Königreiche Italien an seinen beiden Verbündeten begangen worden.

Der österreichische Kaiser Franz Josef

 

Die Kriegserklärung traf Österreich unerwartet. Die Grenze zwischen Österreich und Italien war befestigt, allerdings kaum besetzt. Die Front zog sich vom Stilfser Joch über den Gardasee bis zum Paternkofel. Bereits aus der napoleonischen Zeit stammende Forts konnten modernem Beschuss kaum standhalten.

Da die Forts einen schnellen Vormarsch der Italiener jedoch verhinderten, der italienische Befehlshaber vor einer schnellen Offensive zurückgeschreckt hatte und zudem das bergige Gelände schnellen Truppenbewegungen entgegenstand, hatten die Österreicher auch mit Hilfe des deutschen Alpenkorps die Möglichkeit, die Grenze schnell zu sichern. Die ursprünglichen italienischen Pläne, schnell bis nach Wien vorzustoßen, wurden daher hinfällig.

 

Die Front setzte sich fest und wurde eisern verteidigt – der Auftakt zum brutalen Alpenkrieg.

 

Der italienische Befehlshaber Gardono

Das Gebirge zwang die Soldaten zum Bau von Stellungen in den Gletschern. Hier wird ein Eisgraben geschlagen.
Das Gebirge zwang die Soldaten zum Bau von Stellungen in den Gletschern. Hier wird ein Eistunnel gegraben.

 

Trotz der für die italienischen Seite günstigen Bedingungen, konnten die italienischen Streitkräfte kaum Erfolge verzeichnen. Der italienische Befehlshaber Gardono agierte zu zögerlich und erlaubte es so den Österreichern, frische kampferfahrene Truppen heranzuziehen und eine Verteidigungslinie zu errichten.

Aufgrund einer konservativen Angriffsstrategie erlitten die Italiener zudem hohe Verluste durch Maschinengewehrfeuer. Auch war die Moral der Italiener zermürbt, sodass es zu mehreren Meutereien und Fahnenflucht kam. Eine wichtige Rolle hierbei spielte auch, dass die Soldaten oft nicht wussten, wofür sie sich in Lebensgefahr begaben – sie sahen sich von Rom fremdbestimmt und in einen Kampf gezwungen, den sie nicht führen wollten.

 

Der Gebirgskrieg – eine besondere Herausforderung

Die Front verlief vom Stilfser Joch über den nördlichen Gardasee bis zum Paternkofel
Die Front verlief vom Stilfser Joch über den nördlichen Gardasee bis zum Paternkofel

 

Die Alpen stellten für die Befehlshaber eine besondere Herausforderung an die Kriegsführung dar. Jegliches Kriegsgerät und die Versorgung der Soldaten musste mühevoll transportiert werden – zuerst wurden hierfür Maultiere und Pferde verwendet, später dann Seilbahnen. Die unwegsamen Befestigungen konnten auch mit geringer Besatzung wirkungsvoll verteidigt werden.

Die Armeen machten sich die Umgebung zu Nutze. Durch gezielten Beschuss wurden Lawinen ausgelöst. Auch wurden gegnerische Stellungen untergraben und gesprengt.

 

Hier besteigen Soldaten eine Stellung in den Bergen - an manchen Tagen starben mehr Soldaten an Unfällen wie Stürzen als in tatsächlichen Kriegshandlungen
Hier besteigen Soldaten eine Stellung in den Bergen – an manchen Tagen starben mehr Soldaten an Unfällen wie Stürzen als in tatsächlichen Kriegshandlungen

 

In Höhen von bis zu 3.000 Metern kämpften die Gegner gegeneinander vom Mai 1915 bis November 1918. Schätzungsweise 150.000 bis 180.000 verloren im ersten Gebirgskrieg der Geschichte ihr Leben – davon nur 1/3 durch Waffen.

 

Die Soldaten litten enorm unter den äußeren Bedingungen. In manchen Kriegsmonaten starben mehr Soldaten durch Lawinen, Stürze und Unfälle als an tatsächlichen Kriegshandlungen.

Wesentliche Gebietsgewinne konnten die Kriegsparteien trotz der jahrelangen Kämpfe nicht erzielen.

 

Der Bildband

(c) Tyrolia Verlag
(c) Tyrolia Verlag

Der Bildband von Hans-Joachim Löwer und Udo Bernhart stellt den Krieg in den Alpen sehr anschaulich und eindrucksvoll dar. Besonders spannend ist die gewählte Erzählform. So wird in jedem Kapitel ein Bezug zur heutigen Zeit hergestellt. Die Autoren gehen so der Frage nach, wie es heute an den Orten der Kampfeshandlungen aussieht, wie die Menschen heute über diesen Krieg denken und wie sie den Gefallenen und Opfern gedenken.

Das Buch entstand aus der Auswertung von Büchern, Tagebüchern, Militärberichten und Soldatenbriefen. Die Autoren besuchten die Schauplätze des Krieges und fanden vielerorts noch Spuren der Schlachten. Die heutigen Orte stellen sie den damaligen Geschehnissen gegenüber.

 

Auch die Besonderheiten dieses Krieges werden anschaulich beschrieben: Ein Offizier ließ beispielsweise einen Bunker unter dem Eis errichten. Unter einem Gletscher wurde so eine „Eisstadt“ mit weit verzweigten Gängen, Büroräumen, Telefonen, Küche und Schlafräumen geschaffen.

 

Herausragend sind die Fotografien – die vielen Aufnahmen sind in guter Qualität erhalten und vermitteln einen Eindruck, mit welchen Widrigkeiten die Soldaten in den Alpen zu kämpfen hatten.

 

Die Autoren

Hans-Joachim Löwer, Jahrgang 1948, war 16 Jahre lang Auslandsreporter des „Stern“. Seit 1991 arbeitet er als freier Autor. Er hat Bücher über Mexiko und Südafrika, die Türkei und das besetzte Westjordanland geschrieben.
Udo Bernhart arbeitet seit 35 Jahren als freier Fotograf und Fotojournalist. Seine Aufnahmen sind in deutschen sowie internationalen Magazinen erschienen, er hat zahlreiche Fotoreportagen und mehr als 60 Bildbände veröffentlicht.

 

Das Buch ist unter der ISBN 978-3-7022-3302-0 zu einem Preis von 26,90 € erhältlich. Bei einem Kauf über diesen Link bei Amazon erhält Geschichte-Wissen eine Provision

 


Positiv

  • Das Erzählkonzept stets einen aktuellen Bezug zu den Geschehnissen des Krieges herzustellen, ist spannend
  • Die Bilder sind sehr empfehlenswert
  • Das Buch ist sehr hochwertig gestaltet

 

Negativ

  • Als Nachschlagewerk zum Gebirgskrieg ist das Buch aber nur bedingt geeignet – es handelt sich um einen Bildband