UNIVERSITÄT

Fachbereich Geschichte und Soziologie

 

Seminar:

Die siebziger Jahre – Aspekte einer Geschichte der BRD

SS 2004

Gab es in der DDR einen Wertewandel?

Vorgelegt von:

 

Ch. St.

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Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

1.    Einleitung
1.1.    Vorgehen
2.    Wertewandelsforschung
2.1.    Begriffsbestimmung
2.2.    Forschungsstand
2.3.    Forschungsproblematik
3.    Wertentwicklung in der DDR – Ansätze und Deutungsmodelle
3.1.    Heiner Meulemann: Kein Wertewandel
3.2.    Helmut Klages, Thomas Gensicke: Wandel durch Modernisierung  und Systembeeinflussung
4.    Grundvoraussetzungen für einen Wandel
4.1.    In der DDR gab es keine Möglichkeit des Wertewandels
4.2.    Wandel durch Modernisierung
4.3.    Wandel durch Systembeeinflussung
4.3.1.    Teilhabe in der Politik
4.3.2.    Egalitarismus im Privatleben
4.3.3.    Entstehen einer Nischengesellschaft
5.    Mentalitäts- und Werteentwicklung in der DDR
5.1.    Phasen der Mentalitätsentwicklung in der DDR
6.    Wertewandel in der Jugend der DDR
7.    Trug ein Wertewandel kurz vor der Wende zum Zusammenbruch der DDR bei?
8.    Zusammenfassung und Ergebnis

Anhang/Tabellen
Literaturverzeichnis

1.    Einleitung

Zwischen 1965 und 1975 fand in der BRD, wie in anderen westlichen Industrieländern, ein beschleunigter Wertewandel statt. Es kam zu einer gewissen Abwertung von Leistung, Religiosität und Akzeptanz. Dagegen erfuhren Mit- und Selbstbestimmung, begleitet von der Expansion weiterführender Bildung und der Ausbreitung des Fernsehens, eine Aufwertung.
In der Wertewandelsdiskussion sind die Arbeiten von  R. Inglehart und H. Klages von ganz besonderer Bedeutung. Inglehart konnte anhand seiner Untersuchungen einen Nachweis dafür erbringen, dass in den westlichen Industrieländern ein Wertewandel von Materialismus zu Postmaterialismus stattfand.  Das Modell R. Ingleharts ergänzend, wurden einige andere Ansätze zur Erklärung von Wertewandel entwickelt. H. Klages charakterisiert den Wertewandel als einen Wandel von Pflicht- und Akzeptanzwerten hin zu Selbstentfaltungswerten.

Über die Frage ob es auch in der DDR einen Wertewandel gegeben hat, wird in der Werteforschung gestritten. Die uneinstimmigen Forschungsergebnisse gründen zum einen im unterschiedlichen Verständnis des Begriffs „Wertewandel“, zum anderen in  verschiedenen Deutungsmodellen. Daher möchte ich zu Beginn eine Begriffsbestimmung von „Werte“ und „Wertewandel“ vornehmen. Des Weiteren wird auf den aktuellen Forschungsstand und die Probleme, die sich hierbei ergeben, eingegangen. Abschnitt 3 setzt sich mit unterschiedlichen Deutungsmodellen, welche zu sehr differenten Ergebnissen kommen, auseinander. Gliederungspunkt 4 versucht zu klären, ob die Bedingungen für einen Wertewandel in der DDR gegeben waren. Im Anschluss wird die Entwicklung des Wertesystems von den Anfangsjahren der DDR bis zu ihrem Zerfall anhand eines Phasenmodells skizziert. Dem Wandel von Werten unter den Jugendlichen der DDR wird ein eigenes Kapitel gewidmet. Der letzte Gliederungspunkt geht auf die Entwicklung kurz vor der Wende ein. Die leitende Fragestellung ist dabei die folgende: Fand ein Wertewandel kurz vor der Wende statt und trug dieser Wandel sogar zum Zusammenbruch der DDR bei?
Diese Hausarbeit soll einen Einblick in die Wertentwicklung in der DDR geben. Ziel der Arbeit ist es, Antworten auf folgende Fragen zu geben:
Fand in der DDR ein Wertewandel statt? Wenn ja, wie sah dieser Wertewandel aus? Trug dieser Wandel sogar zum Sturz des SED-Regimes bei?
Ein Vergleich mit der BRD steht nicht im Mittelpunkt der Arbeit, deshalb wird nur am Rande darauf eingegangen.
Der Hausarbeit zugrunde liegende Literatur spiegelt grundlegende Arbeiten wieder, die sich mit dem Thema Wertewandel beschäftigen. Hauptsächlich greife ich dabei auf die Veröffentlichungen von H. Klages und Th. Gensicke zurück. Nicht erwartet werden darf eine Diskussion von Wertetheorien oder eine detaillierte Darstellung und Gegenüberstellung von Klages’ „Wertesynthese“ und der Inglehartschen Wertwandelsthese.

1.1.    Vorgehen

Um der Frage eines Wertewandels nachzuspüren, greift die Werteforschung vor allem auf Umfragen und statistische Erhebungen zurück. Zur Bearbeitung des Themas ziehe ich zahlreiche Statistiken heran. Da kaum Quellen vorliegen, ist lediglich der Rückgriff auf bereits ausgewertete Daten möglich. Hauptsächlich wird mit den Studien von Thomas Gensicke, der selbst Ostdeutscher ist, gearbeitet. Er hat versucht anhand von noch in der ehemaligen DDR erhobenen Daten zu Werten und Einstellungen, die subjektive Ausgangssituation in der DDR vor der deutschen Einigung zu skizzieren. Gensickes Untersuchungen  bewegen sich in einem Zeitraum von 1977/78 bis 1989, von einem Zeitpunkt der höchsten Akzeptanz des sozialistischen DDR-Regimes von der Bevölkerung bis hin zur revolutionären Opposition im unmittelbaren Vorfeld der Wende. Die Studie „Mentalitätsentwicklungen im Osten Deutschlands seit den 70er Jahren“ hat jedoch einen Schwachpunkt: Der Autor versucht die ihm vorliegende Daten auszuwerten, ohne auf mögliche Ursachen eines Wandels oder die spezifische Sozialverfassung der DDR näher einzugehen. Es ist daher fraglich, ob seinen Ergebnissen ohne weiteres zugestimmt werden kann. Um dies zu beurteilen, ziehe ich neben den Ergebnissen von Gensicke Studien von Heiner Meulemann heran.

2.    Wertewandelsforschung

2.1.    Begriffsbestimmung

Das „Lexikon zur Soziologie“ definiert Werte als „bewusste oder unbewusste Vorstellungen des Gewünschten, die sich als Präferenz bei der Wahl zwischen Handlungsalternativen niederschlagen.“  Für H. Meulemann sind Werte, der meist vertretenen Definition folgend, „Vorstellungen des Wünschbaren“.  Werte sind abstrakt, allgemein und weniger rasch Veränderungen unterzogen als etwa Einstellungen oder Verhaltenstheorien. Daher lassen sich aus ihnen auch keine direkten Verhaltensweisen ableiten.  Drei Gruppen von Werten sind zu unterscheiden: Ein Wert kann einerseits als Objekt, als geschätztes oder erwünschtes Gut, definiert werden. Andererseits ist es möglich, einen Wert als eine Einstellung zu einem Objekt oder als Maßstab des Handels aufzufassen.

Der Begriff „Wertewandel“ beschreibt einen Prozess, der etwa seit Beginn der sechziger Jahre in den westlichen Industrieländern zu umfassenden Verhaltens- und Einstellungsänderungen geführt hat, d.h. zu einer stärkeren Individualisierung und zu einer Zunahme sog. nicht-materieller Werte wie Emanzipation oder Umweltschutz. Dies führte zu neuen gesellschafts-politischen Einstellungen und zu verändertem Wahlverhalten und trug wesentlich zur Entstehung der so genannten Neuen Sozialen Bewegung bei. Meulemann charakterisiert den Wertewandel zudem als spontane Wandlungen des Denkens und Handelns vieler Einzelner und als das laute Nachdenken der Öffentlichkeit über den resultierenden Wandel.  In der alten Bundesrepublik war der Wertewandel ein Thema der Öffentlichkeit. In der DDR hingegen lenkte die SED die Öffentlichkeit; so war es undenkbar, einen „Wertewandel“ zum Thema der Medien zu machen.  Meulemann zieht folgenden Schluss:  „Was auch immer der ‚Wertwandel’ in der DDR gewesen sein mag, er entspricht einer anderen sozialen Dynamik als der Wertwandel in der alten Bundesrepublik“.

2.2.    Forschungsstand

In der DDR formulierte keine kritische Medienöffentlichkeit die Probleme der Menschen. So wenig wie in der Öffentlichkeit über den „Wertewandel“ diskutieren werden konnte, so wenig konnte eine Umfrageforschung in der öffentlichen Diskussion Anklang finden. Die DDR hatte keine öffentliche, nicht parteikontrollierte Meinungsforschung, die sich für Werte und deren Wandel interessiert hätte.  Daher ist die Datenlage in Bezug auf Ostdeutschland vor 1990 eher dürftig. Gründe für die unterentwickelte Forschungslage liegen darin, dass der Meinungsforschung in der DDR keine Bedeutung zugesprochen wurde, oder in vielen Lebensbereichen gar keine Daten erhoben wurden. Die ehemalige Akademie für Gesellschaftswissenschaften, das Instituts für Meinungsforschung und andere führten vereinzelt ab den 50er Jahren erste Untersuchungen zu subjektiven Problemen durch.  Ab Ende der 60er Jahre erklärte man die Ergebnisse aus den Befragungen in der DDR endgültig zur Geheimsache. Die Geheimhaltungspraxis hatte paradoxerweise den Vorteil, dass die erhobenen Daten nicht manipuliert werden mussten, da sie ja nur noch wenigen Wissenschaftlern und Funktionären zugänglich waren.  Die Daten können deshalb als verlässlich angesehen werden. Das Institut für Meinungsforschung legte 1979 seine Arbeit nieder. 
Die soziologische Forschung war in großem Maße arbeitszentriert. Der Hauptteil aller Untersuchungen bezieht sich auf die Arbeitssphäre, einen zentralen Bereich für den DDR-Bürger.  Es wurde nach subjektiven Ansprüchen, nach der Zufriedenheit und der Einschätzung der Bedingungen gefragt. Probleme von Randgruppen, wie z.B. Rentnern, blieben ausgeblendet.

2.3.    Forschungsproblematik

Während der Bearbeitung des Themas und der Auswertung der Daten bin ich auf eine Vielzahl von Problemen gestoßen, welche Statistiken mit sich bringen. Die Daten weisen zum einen große Mängel in der Qualität auf. So waren die Fragen in den 60er Jahren zum Teil noch stark ideologisch geprägt, außerdem wurde streng auf die Gestaltung der Fragebögen und die Auswahl der Fragen geachtet oder die Ergebnisse sogar oft verschönt.  Zum anderen sind viele Ergebnisse nicht repräsentativ, da die Befragten meist keinen Querschnitt der Bevölkerung darstellten.  In manchen Untersuchungen treten Widersprüchlichkeiten auf, was an einer ungleichen Verteilung der Befragten betreffs Alter, Bildungsstand, Geschlecht oder an unsauberen Formulierungen liegt. Einige Statistiken sind nicht miteinander vergleichbar, da die Fragenstellungen sich im Zeitablauf veränderten oder die Antwortmöglichkeiten variierten. Aus diesen Gründen ist ein Trend nur sehr schwer erkennbar. Daher ist man bei der Deutung der Werteentwicklung auf Modelle angewiesen, welche zu sehr differenten und widersprüchlichen Ergebnissen gelangen.
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3.    Wertentwicklung in der DDR – Ansätze und Deutungsmodelle

Die Werteforschung in Westdeutschland und anderen westlichen Nationen beruht vor allen Dingen auf Umfragen und statistischen Erhebungen. Für den Bereich der ehemaligen DDR ist solches Material, wie bereits in Abschnitt 2 erläutert wurde, nicht oder nur spärlich verfügbar. Man ist bei der Deutung der Entwicklung daher auf Modelle angewiesen, welche auf Daten beruhen, die größtenteils nach 1989 erhoben wurden. Zwei Deutungsmodelle und deren Vertreter sollen an dieser Stelle in Hinblick auf ihre Herangehensweise und ihre Ergebnisse kurz vorgestellt werden. Beide kommen hinsichtlich der Verlaufsanalyse und des Ausblicks zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Sie beschäftigen sich jedoch beide mit folgenden Fragestellungen,  die zum Teil auch in der vorliegenden Seminararbeit bearbeitet werden:
1.    Fand ein Wertewandel statt?
2.    War die Entwicklung systembeeinflusst?
3.    Sind langfristige Wertedifferenzen zwischen Ost und West zu erwarten?
3.1.    Heiner Meulemann: Kein Wertewandel
Heiner Meulemann, ein Soziologe, der sich seit langem mit dem Problem Werte und Wertewandel beschäftigt, behandelt in seiner Monographie „Werte und Wertewandel“ den Wertewandel im alten, geteilten und im wieder vereinten Deutschland. Laut Meulemann habe es in der DDR kaum einen Wertewandel gegeben. Seine Untersuchungen werden von einer breiten Literaturbasis und vor allem von einem umfangreichen empirischen Datenmaterial getragen. H. Meulemann orientiert sich ganz besonders an der Wertdefinition von C. Kluckhohn: „Ein Wert ist eine Vorstellung des Wünschbaren, die die Wahl verfügbarer Formen, Mittel und Ziele des Handelns beeinflussen“ . Außerdem bezieht er sich auf die Theorie des Wert- und Einstellungswandels von R. Inglehart.
In seinen Untersuchungen stehen die vier Wertbereiche Gleichheit, Leistung (als der zentrale Wert einer berufsorientierten Gesellschaft), Selbst- und Mitbestimmung (als der zentrale Wert einer modernen Demokratie) und Akzeptanz im Mittelpunkt. Stets behält Meulemann die besondere staatliche Verfasstheit der DDR im Blickwinkel seiner Datenauswertungen. Weiterhin betreibt er eine stärkere Ursachenforschung als andere Autoren (vgl. Klages, Gensicke und Pollack) und geht tiefer auf einzelne Wertbereiche ein. Jedoch bleibt der Zeitraum vor 1960 ganz von seinen Untersuchungen ausgeblendet.
3.2.    Helmut Klages, Thomas Gensicke: Wandel durch Modernisierung und Systembeeinflussung
Während Meulemann ausgewählte Wertkomplexe untersucht und dabei die spezifische Sozialverfassung nicht vernachlässigt, gehen Klages und Gensicke stärker auf die Modernisierungseinwirkung in der DDR ein. Beide vertreten eine Theorie, die von einem Wandel ausgeht, der durch zwei Seiten beeinflusst wurde. In diesem Modell wird die Werteentwicklung in der DDR sowohl auf Modernisierungseinflüsse, wie auch gleichzeitig auf systemtypische Einwirkungen des SED-Regimes zurückgeführt. Den Verlauf des Wandels teilen Klages und Gensicke in vier Phasen ein. Inzwischen hat auch Detlef Pollack zur Wertewandelsforschung in der DDR eine Phaseneinteilung vorgelegt.  Da ich in Abschnitt 4 selbst eine ähnliche Phaseneinteilung vornehme, wird an dieser Stelle nicht näher auf das Phasenmodell von Klages und Gensicke eingegangen.
Im Gegensatz zu Meulemanns Untersuchungen, die frühestens mit den 60er Jahren beginnen, reichen die von Klages und Gensicke bis in die 50er Jahre zurück. Klages stellt sogar eine These auf, die besagt, dass in der DDR ein Wertewandel bereits in den 50er Jahren – also vor dem westlichen – eingesetzt habe. Er beobachtet außerdem einen Wertewandel, der möglicherweise nur in der Jugend der DDR stattgefunden hat und auf Generationsunterschiede hindeutet. Dieser speziellen Frage wird deshalb ein eigenes Kapitel gewidmet.

4.    Grundvoraussetzungen für einen Wandel

4.1.  In der DDR gab es keine Möglichkeit des Wertewandels

Nach Meulemann ist die Differenzierung von Staat und Gesellschaft ein Kennzeichen für moderne Gesellschaften.  Während in der alten Bundesrepublik Werte eine Randbedingung darstellten, waren sie in der DDR Gegenstand der staatlichen Politik. „Die Orientierung des Handelns an Werten verlangt [aber], dass der Staat der [sic.] Gesellschaft in sehr breiten Grenzen über Werte entscheiden lässt“.  Das Erziehungssystem der DDR nahm ein Großteil der Erziehungsverantwortung und damit der Wertvermittlung der Familie aus den Händen und übergab sie an staatliche Jugendorganisationen, welche neue ideologiekonforme Werte vermitteln sollten. Die Verfassung der DDR beinhaltete die Lenkung der Gesellschaft als Ziel. Eine ausreichende Differenzierung zwischen Staat und Gesellschaft, sodass Werte sich frei entwickeln und wandeln konnten, war nicht gegeben. Meulemann zieht folgenden Schluss: „Sobald der Staat versucht, den Freiraum der Gesellschaft einzuschränken und Werte zu diktieren, erstickt er zugleich die Möglichkeit des Wertwandels.“  Deshalb erscheint der Begriff „Wertewandel“ in Bezug auf die DDR-Gesellschaft unpassend. In den folgenden Abschnitten wird dennoch einem möglichen Wertewandel in der DDR nachgespürt. Was auch immer der Wertwandel in der DDR gewesen sein mag, er muss wohl einer anderen sozialen Dynamik als der der alten Bundesrepublik entsprechen.

4.2.    Wandel durch Modernisierung

Klages und Gensicke gehen davon aus, dass in der DDR ein Wandel stattgefunden hat, welcher der Bezeichnung „Wertewandel“ gerecht wird. Nach deren Theorie kam dabei strukturellen Modernisierungseinwirkungen ein erhebliches Gewicht zu. Gab es in der DDR tatsächlich einen mit der BRD vergleichbaren Modernisierungsprozess, der als Voraussetzung für eine Individualisierung der DDR Gesellschaft dient?

Ob die DDR als moderner oder semi-moderner Staat gelten kann, ist in der Forschung umstritten, soll aber hier nicht diskutiert werden. Tatsache ist, dass in der DDR die Industrialisierung bereits früh weit fortgeschritten war. Gensicke macht diesen Befund an den Faktoren Wirtschaftsstruktur, Berufsstruktur, Siedlungsstruktur, Massenwohlstand und Freizeit, als Indikatoren für eine Modernisierung in den 50er Jahren fest.  Die Wirtschaftsstruktur hat sich in der DDR weg vom traditionellen Bereich der Landwirtschaft in Richtung Dienstleistung verändert. Weiterhin verzeichnete der Verstädterungsprozess auch im Osten eine Zunahme. Die Modernisierung der Bildungsstruktur hatte in der DDR den Haupteffekt, dass mittlere Schulabschlüsse und Facharbeiterabschlüsse zur Standardbildung in der Bevölkerung wurden. So entstand eine Bildungselite mit höheren Abschlüssen.  Grundlegende Lebensformen wurden zunehmend von Individualisierung geprägt. Ein Beweis dafür ist im Sinken der Heiratszahlen und Geburtenraten, sowie im Ansteigen des Heiratsalters, der Scheidungsquoten und des Anteils der unehelich geborener Kinder seit den 60ern zu finden.  In Hinblick auf den Massenwohlstand war der Westen zwar immer überlegen, dennoch gab es auch beachtliche Entwicklungen im Osten Deutschlands. 1970 hatten 73,6% der DDR-Haushalte einen Fernseher, 1980 alle einen Kühlschrank, 84,4% eine Waschmaschine und 1989 57,1% ein Auto.
Zusammenfassend kann man festhalten, dass schon die einfache Analyse einiger Grundindikatoren der Modernisierung Belege für die Teilnahme des Ostens erbringt. Eine Voraussetzung für eine Individualisierung der Gesellschaft und die Möglichkeit für einen Wertewandel waren demnach gegeben.

4.3.    Wandel durch Systembeeinflussung

Das Modell von Klages und Gensicke trifft folgende Annahme: „ Die Entwicklung der Wertorientierungen in der Bevölkerung der DDR [wurde] in einem sehr erheblichen Maße auch von systemtypischen Einwirkungen mitbestimmt“.  Diese Behauptung soll im folgenden Zuspruch finden. Zudem soll geklärt werden, welche Rolle die Systembedingungen des Realsozialismus innerhalb dieser Modernisierung spielten.

4.3.1.    Teilhabe in der Politik

Die Vorstellungen des Wünschbaren waren in der DDR offiziell festgelegt, da in der DDR eine Wertpolitik des Staates betrieben wurde. Bürgerliche Rechte wurden zu Pflichten erhoben. So verhielt es sich auch mit der politischen Teilhabe. „Wo ein Wert von Staats wegen fixiert ist, mutet schon die Frage nach einem Wertwandel widersinnig an“.  Den Rang der Politik unter anderen Lebensbereichen stellen Abbildung 1 und Abbildung 2 dar.  1983 wie 1987 lag die Politik in der DDR mit vorletzter und letzter Stelle von insgesamt 14 Lebensbereichen deutlich hinter der Wichtigkeit der Familie und des Berufs. Ein Datenvergleich zwischen 1967 und 1987 zeigt, dass in dieser Zeitspanne das politische Interesse sogar ein wenig zurückgegangen ist. Zudem nahm die gesellschaftliche Aktivität zwischen 1974 und 1985 ab.  Es ist also allgemein ein leichter Rückgang des Werts der politischen Teilhabe als Trend zu erkennen. Allerdings muss man beachten, dass durch die Pflicht der Bürger zur politischen Partizipation, die „Richtung und Formen der politischen Teilhabe [sich] nicht frei entwickeln“  konnten.
Es stellt sich die Frage, wie dieser Rückgang der politischen Teilhabe zu interpretieren ist. Man kann annehmen, dass nicht der Wert der politischen Teilnahme an Rückhalt verloren hat, sondern dieser Trend auf einen Loyalitätsverfall kurz vor Ende der DDR hinweist.  In diesem Wertbereich kann daher nicht von einem Wertewandel die Rede sein.

4.3.2.    Egalitarismus im Privatleben

Nicht nur die Politik sondern auch die Erziehung unterlag der führenden Rolle der SED. Man versuchte das „Leitbild der ‚sozialistischen Familie’, das die lebenslange Ehe und die Gleichberechtigung von Mann und Frau umfasste“  zu propagieren. Die Kinder sollten innerhalb der Familie „zu ‚sozialistischen Persönlichkeiten’ und zu ‚staatsbewussten Bürgern’“  herangezogen werden. Von der Seite des Staates sollte die sozialistische Erziehung durch soziale Einrichtungen unterstützt werden. Dieses nicht zuletzt durch Propaganda, welche auch in vielen anderen Bereichen des öffentlichen Lebens eingesetzt, das Wertsystem des Staatsbürgers beeinflussen sollte. Da die staatliche Lenkung nicht in das Privatleben eindringen konnte, ist es sinnvoll, besonders dort nach einem Wandel des Wertes „Mitbestimmung“ zu suchen.
Der staatlichen Wertpolitik waren Grenzen gesetzt, denn innerhalb der Familie wird ganz nach den Vorstellungen erzogen, die unter den Familienmitglieder herrschen. Innerhalb der Generationsbeziehungen stellt Meulemann anhand ihm vorliegenden Datenmaterials folgendes fest: „Der Wandel der Erziehungsziele [kann] als Abwertung von Konformität und Aufwertung von Autonomie, der Wandel der Erziehungsstile als Rücknahme der elterlichen Gewalt und Stärkung der kindlichen Perspektive […] verstanden werden“.  In Bezug auf die Geschlechterbeziehungen ist ein Wandel in den 60er Jahren erkennbar. 1962, 1964 und 1966 wurden junge Frauen nach ihren Lebensplänen hinsichtlich Ehe und Beruf befragt. Anhand Abbildung 3 wird eine zunehmende Gleichrangigkeit von Beruf und Familie deutlich. Aus dem Wandel der Lebenspläne von Frauen kann auf einen Wertewandel beider Geschlechter geschlossen werden.  In der DDR hat zeitlich parallel zur alten Bundesrepublik der gleiche Wertewandel hin zur Gleichstellung der Geschlechter stattgefunden. Meulemann erklärt diesen Befund mit einer zu schwachen staatlichen Wertpolitik, die nicht auf das Privatleben eingreifen konnte.  Es scheint auf den ersten Blick in beiden Teilen Deutschlands einen gleichen Wertewandel gegeben zu haben. Jedoch verlangt der Wandel in der DDR wegen der spezifischen Bedeutung, die der Familie zukommt, eine andere Erklärung.

4.3.3.    Entstehen einer Nischengesellschaft

Der SED-Führung war eine öffentliche Entfaltung individueller Interessen suspekt. Da weder der Beruf Chancen der Selbstverwirklichung durch Leistung, noch die Politik Chancen der verfälschten Mitsprache boten, wurde die Familie zum eigentlichen Lebensraum.  Das Resultat wurde 1983 von Günther Grass mit dem Begriff „Nischengesellschaft“ beschrieben. Die Familie war der nichtöffentliche Freiraum für die Individualisierung im Realsozialismus. Da der Staat das öffentliche Leben mehr oder weniger total beherrschte, sah man im Rückzug in die Privatsphäre die einzige Möglichkeit sich ein gewisses Maß an Freiheit zu erhalten, bzw. zu schaffen. Während die ältere Generation an einer gewissen Systemloyalität festhielt, zog sich die jüngere Generation aus der Gesellschaft zurück und widmete sich der Pflege privater Interessen. „Gerade die Abschottung der privaten Nischen gegen den Zugriff politischer Steuerung könnte so die Richtung eines Wandels von Konformität zu Autonomie, von Differenzierung zu Gleichheit nahe legen“.

5.    Mentalitäts- und Werteentwicklung in der DDR

Um Werte- und Mentalitätsentwicklungen darzustellen, scheint mir eine Phaseneinteilung, ähnlich der Aufteilung  nach Klages, Gensicke und Pollack, sinnvoll zu sein. Klages und auch Pollack gehen von in der DDR  abgelaufenen Entwicklungen aus, die sich in vier Phasen einteilen lassen.

5.1. Phasen der Mentalitätsentwicklung in der DDR

Ich habe die Entwicklung in vier Hauptphasen eingeteilt. Es ist zu betonen, dass die Phasen nicht genau voneinander abzugrenzen sind, sondern ineinander übergehen.

Phase 1:
Der Schwerpunkt dieser Phase liegt in den 50er Jahren, die Zeit, in der das sozialistische Regime in der DDR eingeführt wurde, und reicht bis in die erste Hälfte der 60er Jahre.
Laut Gensicke wurde in dieser Phase die Grundlage für die spätere Wertdynamik geschaffen.  Ich möchte insbesondere jene These überprüfen, nach welcher der östliche Wertewandel vor dem westlichen Wertewandel stattgefunden habe.  Dieser Wandel betrifft die „Ausbreitung von Werten der sozialen  Gleichberechtigung […] und damit auch von Selbstentfaltungswerten – allerdings weitgehend beschränkt auf Beruf, Bildung und sozialen Aufstieg“.  Hatte die sozialistische Ordnung tatsächlich Merkmale, die dazu führten, dass manche strukturelle Grundlagen des Wertewandels in der DDR früher und stärker als in der BRD wirkten? Ist eine Ausbreitung von Selbstentfaltungswerten ein Indiz für einen Wertewandel? Anhand der Kriterien Gleichberechtigung, Bildungsexpansion und Säkularisierung soll im folgenden die Werteentwicklung dargestellt werden.

Gleichberechtigung
Der Wandel in der ersten Phase steht in Zusammenhang mit der politisch gesteuerten Umstrukturierung der Gesellschaft. Im Osten wurde nahezu auf einen Schlag so etwas wie eine „nivellierte Arbeitergesellschaft“ geschaffen, d.h. fast die gesamte Führungsschicht der Gesellschaft wurde ausgetauscht und die Lebensbedingungen der Unter- und Mittelschichten wurden weitgehend angeglichen.  Für die Unterschichten ergaben sich so neue Aufstiegsmöglichkeiten und Bildungschancen. Im Osten hatten Menschen aus den Unterschichten auf einen Schlag unvergleichbar bessere Möglichkeiten als früher, zu Leitungsfunktionen und höherer Bildung zu gelangen. Es kam zu einer Ausweitung der Selbstentfaltungsmöglichkeiten und zu einer Erhöhung des Lebensniveaus. Laut Pollack habe es in dieser Zeit eine Aufwertung der „kleinbürgerlichen Wertsubstanzen“ , also der Pflicht- und Akzeptanzwerte, gegeben.

Bildungsexpansion
In den 50ern wurde eine Bildungs- und Kulturrevolution in Gang gesetzt, die mit dem Prozess der Säkularisierung einher lief. Frauen hatten im Osten gute Entwicklungschancen, was sich an einer hohen weiblichen Erwerbstätigenquote in der DDR zeigt (1960 67% im Osten, 54% im Westen, 1970 81% im Osten, 54% im Westen).  Der Anteil weiblicher Studenten war im Osten immer höher als im Westen. Ein Resultat der ostdeutschen „Bildungsrevolution“, die v.a. als Massenqualifikation gemeint war. Für die früheren Unterschichten gab es gute Möglichkeiten zu höherer Bildung zu gelangen (Anteil der aus Arbeiter- und Bauernmilieu stammenden Studenten lag z.B. 1964 im Osten bei 48,5% im Westen bei 5,2%).  Mit dem Aufstieg von Unterschichten und der Förderung von Frauen und der Jugend kam es laut Gensicke zu einer Gleichberechtigung und Ausweitung der Selbstentfaltungsmöglichkeiten.  Deutet dieser Wandel tatsächlich auf einen Wertewandel hin?
Wie in der BRD haben auch in der DDR zwischen 1956 und 1989 Sekundar- und Tertiärausbildung expandiert und der Bildungspolitik der DDR ist es gelungen eine einheitliche zehnjährige Pflichtschule durchzusetzen.  Möglicherweise kann demnach von einer Bildungsexpansion gesprochen werden. Bestrebt wurde eine einheitliche Basisbildung und daran anschließend eine selektive weiterführende Bildung, die vom Staat gesteuert wurde. Dieser Punkt macht den Unterschied der Entwicklungen in der BRD und der DDR deutlich. In der BRD musste die Politik auf einen sozial eigenständigen Prozess reagieren; in der DDR verlief die Expansion aufgrund politischer Steuerungen der Gesellschaft.  Je nach Bedarf an Arbeitskräften konnten in der DDR die Qualifikationsprozesse gesteuert werden.  Eine höhere Bildungslaufbahn wurde stets nur systemtreuen Bürgern – Arbeiter und Bauern bevorzugt – ermöglicht, mit dem Ziel eine sozialistische Intelligenz hervorzubringen. Die Bildungsexpansion in der DDR war eine andere als in der BRD und hat keinen Wertewandel ausgelöst. Der Grund hierfür liegt nicht nur darin, dass die Expansion in einem schwächeren Ausmaß voranging, sondern vielmehr in der Tatsache, dass das Bildungswesen einer direkten politischen Steuerung unterlag. Letztlich sollte die Bildungsexpansion der DDR „der Rekrutierung politisch konformer Eliten“  dienen. So lässt sich erklären, warum die Intelligenz bis zuletzt systemloyaler war als die arbeitende Schicht. Durch die Steuerung des Bildungswesens wurden loyale Bürger herangezogen, aber keine Werte verändert. Ein Wertewandel als Folge der Bildungsexpansion und Wissenserweiterung blieb aus, weil diese „Bildungsrevolution“ keiner gesellschaftlichen Dynamik entsprungen ist, sondern aus einer politischen Steuerung des Bildungswesens resultierte.

Säkularisierung

Im Osten vollzog sich eine jahrzehntelange Säkularisierung. Aufgrund einer Enttraditionalisierung der Religion  kam  in den 60er Jahren – parallel zum Westen – eine hohe Dynamik in die ostdeutschen Familienverhältnisse. Abbildung 4 zeigt kirchliche Praktiken wie Trauung, Taufe, Konfirmation und Christenlehre, die zwischen 1950 und 1990 durchgeführt wurden. Zwischen 1955 und 1960 trat eine Phase des Wandels ein. Es ist ein deutlicher Abfall kirchlicher Praktiken, der sich in den Folgejahren weniger stark fortsetzte, zu verzeichnen. Dies hängt mit der Jugendweihe zusammen, die 1954 von der SED eingeführt wurde und dem massiven Kampf der SED gegen die Kirche. Weiterhin nahmen Scheidungsquoten, uneheliche Lebensgemeinschaften und der Anteil unehelich geborener Kinder zu. Gensicke zieht den Verlauf der Eheschließungen und Scheidungsquoten als Indikator für Modernisierung heran.  Er deutet die Entwicklung als Mentalitäts- und Wertewandel in Richtung Selbstentfaltungswerten. Jedoch lässt Gensicke bei seiner Deutung die politischen Hintergründe der Säkularisierung außer Acht. Einerseits wurde in der DDR laut der Verfassung von 1968 das Recht zur freien Religionsausübung garantiert, andererseits versuchte der Staat die Kirche in den Hintergrund zu drängen und eine Abwendung der Bevölkerung von der Kirche zu erreichen. Ziel der politischen Führung war es, alle Lebensbereiche steuern zu können.  Deshalb war die Kirche als staatsfreie Institution unerwünscht.
Man kann zwei Phasen der Säkularisierung unterscheiden: Eine durch den Staat erzwungene Säkularisierung in den Anfangsjahren der DDR und daran anschließend eine mit der BRD gleichzeitig stattfindende Säkularisierung, die ohne Staatseinfluss stattfand.  Im Falle der ersten Phase der Säkularisierung kann nicht von einem spontanen sozialen Wandel, wie er in der BRD stattfand, gesprochen werden. Die Bevölkerung entfremdete sich nicht aus eigener Überzeugung der Kirche, sondern dieser Wandel wurde erzwungen. Anders in der zweiten Phase der Säkularisierung; diese lässt sich durchaus mit der, die zur gleichen Zeit in der westlichen Bundesrepublik stattfand, vergleichen. Alles in allem können beide Phänomene trotzdem nicht miteinander gleichgesetzt werden. Auch wenn in der DDR ab 1960 eine spontane Säkularisierung einsetzte, kommt der staatlichen kirchenfeindlichen Politik ein starkes Gewicht zu.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass ein Wertewandel als Folge der Bildungsexpansion oder der Säkularisierung nicht nur vor dem westlichen Wertewandel, sondern aufgrund der politischen Lenkung, sogar völlig ausblieb. Die Säkularisierung der DDR war zwar ein Wandel, aber kein Wertewandel. Vergleicht man die DDR mit der alten Bundesrepublik, so kann weder zeitlich noch sachlich von einem parallelen Wertewandel die Rede sein. Die erzwungene Säkularisierung fällt in eine andere Zeit und verlief vor einem anderen Hintergrund. Es fand keine spontanen Wandlung einer autonomen Gesellschaft statt. Trotz politischer Repression waren in der DDR aber auch Bedingungen gegeben, die Emanzipationsprozesse von Menschen aus Unterschichten, von Frauen und Jugendlichen, ermöglichten.

Phase 2:
Während es im Westen seit den 60er und 70er Jahren zu einer „Wertrevolution“ kam, blieb der Osten seit der gesellschaftlichen Umstrukturierung eher unauffällig. In dieser Phase erfuhr die Idee des Sozialismus in der Bevölkerung der DDR eine Aufwertung. Den Hintergrund bildet eine Erhöhung des Lebensstandards (kleines Wirtschaftswunder) und die daraus abgeleitete Hoffnung auf weitere Verbesserung der Lebensqualität und eine gesellschaftliche Liberalisierung.  Insbesondere unter den jüngeren Menschen stieg die Identifikation mit der DDR und dem Sozialismus. Mitte der 70er scheint die Loyalität dem System gegenüber einen Höhepunkt erreicht zu haben, wie Abbildung 5 und 6 der Berufstätigenuntersuchung U77 zeigen. Eine große Mehrheit der Berufstätigen schätzten 1977/78 ein, dass in der DDR die Aufmerksamkeit in richtigem Maße auf die Arbeitszeitverkürzung, auf Preisstabilität, auf das Wohnungsproblem, auf die Renten-, Lohn- und Gehaltserhöhung gelegt wurde. Eine hohe Qualität der hergestellten Konsumgüter konnte die DDR allerdings auch in ihren besten Zeiten nicht bieten. Dennoch fällt das Stimmungsbild insgesamt positiv aus. Diese Untersuchung zeigt deutlich das Vertrauen in den Sozialismus.

Phase 3:
Durch das zunehmend verfügbare Westfernsehen drang die Modernisierungseinwirkung im Westen in das östliche Wertesystem ein. Diese Phase wurde von mehreren Autoren (Gensicke, Klages und Pollack) als eine Phase charakterisiert, in der sich ein heftiger Wertewandel weg von den Werten des offiziellen Sozialismus und hin zu Werten einer westlichen Konsumgesellschaft vollzog. Diese Wandlungen setzten vermutlich Ende der 70er und im Verlaufe der 80er Jahre ein.
Abbildung 7 zeigt deutliche Generationsunterschiede auf der Wertebene. Pflicht- und Akzeptanzwerte (Disziplin, Leistung), idealistische und gesellschaftsorientierte Motive (Friedensbeitrag) waren unter den Jüngeren deutlich geringer ausgeprägt. Die Werte Bildungsstreben und Arbeitsethos gingen zurück. Umgekehrt verhält es sich bei hedonistischen und materiellen Werten. Die Bedeutung solcher Werte wie Konsum, Wohnkomfort, Mode, Luxus oder Abenteuerlust nahm zu. Hedonistische und materialistische Werte expandierten, vor allem unter der jüngeren Generation. Dieser Wandel setzte vermutlich am Ende der 70er Jahre ein und leitete die ideologische Abwendung der Jüngeren vom Sozialismus ein. Diesen Werteschub scheinen vor allem die jüngeren Auszubildenden und Arbeiter aus dem produktiven Bereich getragen zu haben. Studenten und Hochqualifizierte blieben zunächst resistent und loyal.  Zur Folge hatte diese gewandelte Lebensweise, hin zu hedonistischen und materialistischen Werten, eine Anspruchssteigerung, welche der Staat nicht befriedigen konnte. Die Unzufriedenheit der Bürger stieg daraufhin immer stärker an.
Die Medienausbreitung in der DDR kann nach Meulemann keinen Wertewandel ausgelöst haben.  Warum sollte die Entwicklung der Massenmedien in der DDR eine andere Wirkung als in der BRD gehabt haben?  Die in den westlichen Medien dargestellte Welt war für die Bürger der DDR zwar nicht erreichbar, führte aber gerade deswegen zu einer Anspruchssteigerung. In diesem Punkt muss ich Meulemann widersprechen und ziehe folgenden Schluss: Man kann seit Ende der 70er Jahre einen heftigen Wertewandel weg von den Werten des offiziellen Sozialismus und hin zu Werten einer westlichen Konsumgesellschaft ablesen.

Phase 4:
Im Jahre 1989 – die Zeit der Wende – ist ein deutlicher Wertwandlungsschub nachzuweisen.
Die bevorstehende Eingliederung ins westliche System führte zu einer Aktualisierung noch vorhandener Reserven an konventionalistischen Werten wie Arbeitsethos, Selbstkritik und Wissen.  Diese Wertentwicklung wird besonders deutlich, wenn man den Wertewandel Jugendlicher betrachtet, auf den ich im nächsten Punkt eingehen möchte.

6.    Wertewandel in der Jugend der DDR

Die Wertentwicklung in der DDR-Jugend ist seit den 70er Jahren vergleichsweise gut dokumentiert. Es liegen hauptsächlich Zeitreihen vor, in denen nach Lebenszielen von Jugendlichen gefragt wurde. Lebensziele sind nur durch Wünschbarkeit diktiert und daher lassen sich – der Definition von Werten folgend – aus Lebenszielen Werte ablesen. 

In Abbildung 8 und 9 ist der zeitliche Wandel der DDR-Jugend dargestellt.  Seit 1975 nahmen materialistische und hedonistische Werte wie „Erlebnis“, „Mode, Luxus“, „Liebe, Sex“, „Auto besitzen“ und „hoher Wohnkomfort“ deutlich zu. Demgegenüber stagnierten seit 1975 und 1985 idealistische und konventionelle Werte oder gingen stark zurück. Bildungsstreben und Arbeitsethos sanken ab. Diese Entwicklung war allerdings in der Gesamtbevölkerung stark von Generationsunterschieden geprägt.  Konventionalismus ist bei den Älteren besonders stark ausgeprägt, Selbstentfaltung und Hedonismus sind eher bei Jüngeren ausgeprägt. Man erhält auch im Osten ein dem Westen ähnliches Generationenbild des Wertewandels in der Bevölkerung. Gensicke stellt diesen Wertewandel, der sich in den 80er Jahren in der DDR-Jugend vollzog, mit dem der BRD während der 60er Jahre gleich.   Eine der Ausnahmen ist, dass der Materialismus vor allem eine Sache der Jüngeren ist. Gensicke bezeichnet diese Entwicklung als „Revolution der Mentalität“ . Klages Theorie, die besagt, dass in den westlichen Ländern ein Wertewandel weg von Pflicht- und Akzeptanzwerten hin zu Selbstentfaltungswerten stattgefunden habe, findet zumindest unter der DDR-Jugend Bestätigung. Meulemann folgt bei der Auswertung der Daten, die oft als Beleg für einen Wertewandel herangezogen wurden, einem anderen Muster. Er nimmt eine Aufteilung nach „Konformität“, „Autonomie“ und „Ziele des Erwachsenwerdens“ vor (Abbildung 10). Statt auf einen Wandel hin zu Hedonismus und Materialismus schließt Meulemann auf einen Strukturwandel der Gesellschaft. Hintergrund der angestrebten Lebensziele der Jugendlichen bilde nicht ein Wertewandel sondern eine neue Jugendkultur, die Selbstfindung anstrebte und nicht einen Wertewandel durchlief.
Betrachtet man in Abbildung 8 und 9 die Daten zwischen 1985 und 89, dann fällt auf, dass plötzlich der Anstieg hedonistischer und materialistischer Werte sich abschwächt zugunsten des Arbeitsethos, Bildungsstreben, der Anerkennung und Selbstkritik. Der Umschlagspunkt hin zur „Konventionelle[n] Wertrenaissance“  lag im Wendejahr 1989. Man kann annehmen, dass mit der Erwartung von Rahmenbedingungen einer Leistungsgesellschaft ein Wertsprung mit der Wende von 1989 erfolgte. Man kann auch davon ausgehen, dass Arbeit als Mittel zum Zweck gesehen wurde, nämlich die Erfüllung der in den 80ern gestiegenen hedonistisch-materialistischen Bedürfnisse.
Man kann festhalten, dass in den 80ern in der Jugend ein Wertewandel stattfand. Der Kern dieses Wandels liegt in einem erheblichen Zuwachs auf der hedonistischen-materialistischen Wertdimension, der sich um 1989 zugunsten konventioneller Werte abschwächte.

7.    Trug ein Wertewandel kurz vor der Wende zum Zusammenbruch der DDR bei?

Meulemann stellt die Frage, ob ein gesellschaftlich autonomer Wertewandel, der sich gegen den Führungsanspruch der Partei richtete, zur Wende 1989 geführt haben könnte.  Zumindest könnte ein Wertewandel zum Wechsel des politischen Systems beigetragen haben. Haben sich bestimmte Werte gewandelt, die letztlich das politische System zerschlugen? Laut Gensicke führten insbesondere die seit 1975 anwachsende materiell-hedonistische Orientierung der Jugend und deren Abwendung von offiziellen Strukturen und Aktivitäten schließlich zum Ausbruch der ostdeutschen Revolution.  In der Tat ist kurz vor der Wende eine deutliche Anspruchssteigerung zu erkennen, wie bereits in Abschnitt 6 dokumentiert wurde. Meulemann deutet diese Anspruchssteigerung jedoch nicht als Wertewandel: „Die DDR ist nicht an einem Wandel der Werte, vielleicht aber an einem Anstieg der Ansprüche zugrunde gegangen“.  Anspruchsdynamik hängt jedoch stark mit Veränderungen von Werten und Wertvorstellungen zusammen. Immerhin räumt H. Meulemann ein, dass das westdeutsche Fernsehen in die DDR hineinstrahlte. Außerdem blieben Westbesuche, die begehrte Konsumgüter versprachen, hinsichtlich der Wertvorstellungen vieler DDR-Bewohner keineswegs wirkungslos: Es erfolgte eine Aufwertung von Wertorientierungen, die auf persönliche Freiheit und Selbstbestimmung, Konsumsteigerung und ganz besonders auf Reisemöglichkeiten ausgerichtet waren. Dieser Wertewandel war von grundlegender Bedeutung für die Abwendung vom System und den Untergang der DDR. Neben der Anspruchssteigerung könnte ein Loyalitätsverfall zum Ende der DDR geführt haben. Abbildung 5 zeigt, dass der Loyalitätsverfall erst 1988/89 eingesetzt hat. Die Loyalität der Studenten war stets größer als die der Lehrlinge und der jungen Arbeiter. Die Studenten wendeten sich erst um 1989, die Lehrlingen bereits vor 1985 von der politischen Führung ab (Abb. 11). Das Neue am Ende der 80er Jahre war, dass dem System in zentralen gesellschaftlichen Problemen kaum noch Kompetenz zugeschrieben wurde.
Eine Liste mit gesellschaftlichen Aufgaben wurde den Bürgern der DDR vorgelegt und gefragt, wie dringlich deren Lösung sei. Anschließend sollten die Befragten einschätzen, ob und in welchem Maße sie Verbesserung erwarten. Abbildung 9 bildet das Ergebnis der Befragung ab: Man erkennt einen deutlichen Gegensatz zwischen den Aufgaben, die der Politik gestellt werden und den Erwartungen hinsichtlich deren Lösung. Die DDR-Bürger waren gegenüber 1987 deutlich unzufriedener geworden und sahen für die Lösung drückender Probleme unter den herrschenden Verhältnissen keine Perspektive. Der revolutionäre Unmut ging eigentlich nur von zwei Lebensbereichen aus. Immer wenn es um Umweltschutz und Konsumprobleme ging, reagierten die Befragten besonders problembewusst. Dazu kommen in der Liste nicht abgefragte Ansprüche auf Freizügigkeit und Demokratie. In den letzten Jahren der DDR finden sich schließlich auch Indizien dafür, dass mangelnde Leistungsdifferenzierung einer der Gründe für den Loyalitätsverfall der Bevölkerung gewesen sein kann.  Motive für die Wende entstammen also nicht nur der Politik, sondern auch dem Arbeitsleben.

Zusammenfassend lässt sich folgendes festhalten: Während Gensicke eine „Revolution der Mentalität“  als Auslöser der Wende sieht, begründet Meulemann diesen Prozess durch die „Leistungsunfähigkeit des Staatssozialismus“.  „Alles in allem, hat weniger ein [Wertewandel] als vielmehr die Frustration von Konsumwünschen die Wende ausgelöst“.  Die Wende wurde also nicht von einem kurz vorher einsetzenden Wertewandel ausgelöst, sondern vielmehr durch einen Anstieg der Ansprüche der Bevölkerung und einem daraus resultierenden Loyalitätsverfall. Diese Entwicklung bezeichnet Meulemann als Einstellungswandel.  Keine der beiden Entwicklungen sind jedoch Vorstellungen des Wünschbaren.

8. Zusammenfassung und Ergebnis

Es hat wie in den westlichen Industrieländern auch im Osten einen Wertewandel in Richtung Selbstentfaltungswerte gegeben, allerdings in einer spezifischeren Form unter anderen Voraussetzungen. Schon wegen der spezifischen Sozialverfassung der DDR ist der dortige Wandel nicht mit dem der BRD vergleichbar. Gerade deshalb konnte Klages These, die besagt, dass in der DDR ein Wertewandel bereits in den 50er Jahren eingesetzt habe, keine Bestätigung finden. 
Insgesamt erscheint der Wertewandel, der in der zweiten Hälfte der 60er und der ersten Hälfte der 70er für den Westen typisch war, für den Osten um etwa 10 – 15 Jahre verschoben.
Es gibt Indizien dafür, dass zwischen den Geschlechtern der Wert der Gleichberechtigung wichtiger wurde. Die Entwicklung hin zu Egalitarismus kann als Wertewandel betrachtet werden. Der Versuch der politischen Führung auf das  Familienleben Einfluss zu nehmen, hat zu einer stärkeren Abschottung der Familie gegenüber der Öffentlichkeit geführt. Das ist ein Beleg für systemspezifische Besonderheiten der Werteentwicklung in der DDR. Daher könnte die gleiche Entwicklung in beiden deutschen Teilstaaten auf einer jeweils anderen Dynamik beruhen. Weiterhin lässt sich in der DDR-Jugend im Verlauf der 80er Jahre ein Wandel hin zu Selbstentfaltungswerten, die sich größtenteils auf den Bereich Konsum beziehen, feststellen.
Letztlich sind die Gründe für den Zusammenbruch der DDR aber weniger in einem Wandel von Werten, als durch Anspruchssteigerung und Loyalitätszerfall in den letzten Jahren der DDR zu finden.

Anhang/Tabellen

– musste zum Schutz des Urheberrechts entfernt werden –

Literaturverzeichnis

Fuchs-Heinritz/ Lautmann/ Rammstedt/ Wienold, 1994: Lexikon zur Soziologie, Opladen.

Gensicke, Thomas, 1992a: Werte und Wertwandel im Osten Deutschlands, In: Klages, Helmut: Werte und Wandel, Frankfurt/Main 1992, S. 672-694.

Gensicke, Thomas, 1992b: Mentalitätsentwicklungen im Osten Deutschlands seit den 70er Jahren, Speyer.

Gensicke, Thomas, 1996: Modernisierung, Wertewandel und Mentalitätsentwicklung in der DDR, In: Bertram, Hradil, Kleinhenz (Hg.): Sozialer und demographischer Wandel in den neuen Bundesländern, Opladen, S. 101-140.

Gerlach, Irene: Wertewandel, In: Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik. Aus:
http://www.bpb.de/wissen /00355013482403858800806860073338,0,0,Wertewandel.html (Zugriff am 10.08.3004)

Klages, Helmut, 1993: Traditionsbruch als Herausforderung: Perspektiven der Wertewandelsgesellschaft, Frankfurt a.M.

Meulemann, Heiner, 1996: Werte und Wertewandel. Zur Identität einer geteilten und wieder vereinten Nation, Weinheim/ München.

Niemann, Heinz, 1993: Meinungsforschung in der DDR: Die geheimen Berichte des Instituts für Meinungsforschung an das Politbüro der SED, Köln.

Pollack, Detlef, 1993: Wertwandel und religiöser Wandel in Ostdeutschland, In: Berliner Debatte 4, Berlin, S. 89-95.