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Erich Honecker (Quelle: Wikimedia Commons) (Urheber: unbekannt)

Ich möchte heute mit einer weit verbreiteten Legende aufräumen. Denn es ist heute genau 30 Jahre her, als DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker erklärte:

Die Mauer (…) wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe nicht beseitigt werden.

 

 

Oftmals allgemein im Gedächtnis hängen geblieben ist allerdings nur der erste Teil des Satzes, also: „Die Mauer wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben…“ – und wird als ein schwerer Irrtum dieses Machthabers angesehen.

 

Auch die heutige Ausgabe der „Berliner Zeitung“ macht genau das auf der Titelseite und schreibt dazu: „Das sagte Erich Honecker genau vor drei Jahrzehnten, am 19. Januar 1989. War falsch, aber was trieb ihn dazu? …“ Weggelassen wird aber immer der zweite Teil des Satzes, in dem Honecker weiterhin erklärte: „…wenn die dazu vorhandenen Gründe nicht beseitigt werden.“

 

Aha! Durch den Beginn der „Friedlichen Revolution“ ab Oktober 1989 begannen sich in der Tat die „vorhandenen Gründe“ sehr rasant zu verändern, am 9. November desselben Jahres fiel die Mauer und ein knappes Jahr später auch die DDR als Grund für die Existenz der Mauer. Dass Honecker das eigentlich ganz anders gemeint hat, da er nach wie vor ganz fest an den weltweiten Sieg des Sozialismus glaubte, ist ein anderes Thema – ist auch geschenkt, denn er führte das in dieser Rede nicht weiter aus.

Was er weiter ausführte war, dass die Mauer erforderlich sei, um die DDR vor Räubern zu schützen, ganz zu schweigen ,,vor denen, die gern bereit sind, Stabilität und Frieden in Europa zu stören.“ – gemeint waren dabei die USA und die Bundesrepublik Deutschland. Und Honecker schloss: ,,Die Sicherung der Grenze ist das souveräne Recht eines jeden Staates.“

Sicherung der Staatsgrenzen zu den ,,aggressiven“ kapitalistischen Staaten bis zum weltweiten ,,Sieg des Sozialismus“ – das war die Sichtweise nicht nur von Honecker, sondern der gesamten SED.

Fest steht: Auch, wenn es Honecker ganz anders meinte – für sich allein genommen, aber in seiner Vollständigkeit, war der Satz durchaus zukunftsweisend und auch richtig. Denn mit dem Sturz des real-existierenden Sozialismus, dem Untergang des Ostblocks und der folgenden Einigung Deutschlands verschwanden auch die Gründe für die Existenz der Mauer. Es war vielleicht sogar das einzige Mal, wo er tatsächlich recht hatte.

 

Zur Diskussion: https://geschichte-wissen.de/foren/viewtopic.php?f=77&t=5902

 

(Artikel überarbeitet am 20. Januar 2019)