Hel

Nordische mythologische Gestalt ab etwa 500 n. Chr.

Der Begriff Hel ist aus dem germanischen Halja hervor gegangen.

Hel wird in der Edda als die Herrscherin über die Toten- und Unterwelt dargestellt. Sie ist die Tochter von Loki und der Riesin Angurboda und ihre Geschwister sind der Fenriswolf und die Midgardschlange. Sie bewohnt eine Welt, die Niflheim (Nebelwelt) heißt, laut der nordischen Mythologie eine der ältesten Welten.

Zu Niflheim – aus >Gylfaginning<:

>Manches Zeitalter vor der Erde Schöpfung war Niflheim entstanden; in dessen Mitte liegt der Brunnen, Hwergelmir genannt. Daraus entspringen die Flüsse mit Namen Swöl, Gunnthra, Fiorm, Fimbul, Thul, Slid und Hrid, Sylg und Ylg, Wid, Leiptr; Giöll ist der nächste beim Höllentor…<

Der Begriff Höllentor ist bereits ein eindeutig christlicher Einfluß. Wie Eingangs in der Erläuterung der Edda dargelegt, sind solche Einfüsse durchaus vorhanden und spiegeln nicht immer die reine vorchristliche Glaubenswelt wider. Bei der Hel wird dies besonders deutlich. Was die ursprüngliche Hel wirklich war, kann man hier nur noch erahnen. Bemerkenswert ist dabei auch, daß die Hel in der Edda weder zu den Asen, noch zu den Wanen gezählt wird und somit keine echte Göttin ist, auch wenn ihr mythologischer Vater Loki zu den Asen gezählt wird. Auch tritt die Hel niemals als selbst agierende Gestalt auf – in den Quellen wird stets über sie erzählt, wie beispielweise auch in:

>Hrafnagaldr Odins – Odins Rabenzauber

11) Der Weise fragte die Wächterin des Tranks,
Ob von den Asen und ihren Geschicken
Unten im Hause der Hel sie wüßten
Anfang und Dauer und endlichen Tod.

12) Sie mochte nicht reden, nicht melden konnte sies:
Wie begierig sie fragten, sie gab keinen Laut,
Zähren schossen aus den Spiegeln des Haupts,
Mühsam verhehlt, und netzten die Hände.

13) Wie schlafbetäubt erschien den Göttern
Die Harmvolle, die des Worts sich enthielt.
Je mehr sie sich weigerte, je mehr sie drängten;
Doch mit allem Forschen erfragten sie nichts.

24) Da trieb aus dem Tore wieder der Tag
Sein schön mit Gestein geschmücktes Roß;
Weit über Mannheim glänzte die Mähne:
Des Zwergs Überlisterin zog es im Wagen.
.
25) Am nördlichen Rand der nährenden Erde
Unter des Urbaums äußerste Wurzel
Gingen zur Ruhe Gygien und Thursen,
Gespenster, Zwerge und Schwarzalfen.
.
26) Auf standen die Herrscher und die Alfenbestrahlerin;
Die Nacht sank nördlich gen Nifelheim.
Ulfrunas Sohn stieg Argiöl hinan,
Der Hornbläser, zu den Himmelsbergen.<

Niflheim liegt laut der Edda am nördlichen Rand der Erde, dort, wo die Sonne untergeht und  wird in der Edda als Kalt und ungestüm beschrieben und vermutlich – wie der Name Niflheim (Nebelwelt) es verrät – auch nebelig.

Offenbar war Niflheim anfangs noch nicht die Welt der Hel, sondern sie wurde von Odin erst später dorthin verbannt.

Aus >Gylfaginning<:

>…Als aber die Götter erfuhren, daß diese drei Geschwister in Jötunheim (dem Land der Riesen) erzogen würden, und durch Weissagung erkannten, daß ihnen von diesen Geschwistern Verrat und großes Unheil bevor­stehe, indem sie Böses von Mutter-, aber noch schlimmeres von Vaterswegen von ihnen erwarten zu müssen glaubten, schickte All­vater die Götter, daß sie diese Kinder nähmen und zu ihm brächten. Als sie aber zu ihm kamen, warf er die Schlange in die tiefe See…Die Hel aber warf er hinab nach Niflheim und gab ihr Gewalt über neun Welten, daß sie denen Wohnungen anwiese, die zu ihr gesendet würden: solchen nämlich, die vor Alter oder an Krankheiten starben. (Sowohl Menschen, als auch Götter kamen zu Hel, wie man am Beispiel Baldurs sieht.) Sie hat da eine große Wohnstätte; das Gehege umher ist außerordentlich hoch und mit mächtigen Gittern ver­wahrt. Ihr Saal heißt Elend, Hunger ihre Schüssel, Gier ihr Messer, Träg ihr Knecht, Langsam ihre Magd, Einsturz ihre Schwelle, ihr Bett Kümmernis und ihr Vorhang dräuendes Unheil. Sie ist halb schwarz, halb menschenfarbig, also kenntlich genug durch grimmi­ges, furchtbares Aussehen…<

Wenn man zu >Hel< gehen muß, dann sagt man, man geht den >Helweg<. Der Weg geht >nördlich hinab<, bis man an das mächtige >Helgitter< kommt, auch >der Toten Gittertor< genannt. Dahinter befindet sich die Halle von Hel. Sie liegt nach der Beschreibung (in >Grimnismal<, der älteren Edda und in >Gyfaginning<, der jüngeren Edda) direkt unter einer der Wurzeln der Esche Yggdrasil:

>Diese Esche ist der größte und beste von allen Bäumen.<

An anderer Stelle wird sie auch als der Bäume erster bezeichnet.

aus >Grimnismal<:

>31) Drei Wurzeln strecken sich nach dreien Seiten
Unter der Esche Yggdrasil:
Hel wohnt unter einer, unter der andern Hrimthursen,
Aber unter der dritten Menschen.<

und in >Gylfaginning< heißt es:

>…unter dieser Wurzel…über Niflheim…ist Hwergelmir und Nidhögg nagt von unten an ihr.<

Das besagte Gittertor der Hel wird auch in >Ögisdrecka – Ögirs Trinkgelag< erwähnt:

>…

Loki:
60) Deine Ostfahrten würden unbesprochen
Allzeit besser bleiben,
Seit im Däumling du, Kämpe, des Handschuhs kauertest
Und selbst nicht meintest Thor zu sein.
.
Thor:
61) Schweig, unreiner Wicht, sonst soll mein Hammer
Miölnir den Mund dir schließen.
Mit Hrungnirs Töter trifft diese Hand dich
Und bricht dir alle Gebeine.
.
Loki:
62) Noch lange Jahre zu leben denk ich
Trotz deiner Hammerhiebe.
Hart schienen dir Skrymirs Knoten;
Du mußtest der Mahlzeit darben,
Ob du vor Heißhunger vergingst.
.
Thor:
63) Schweig, unreiner Wicht, sonst soll mein Hammer
Miölnir den Mund dir schließen.
Hrungnirs Töter schickt dich zu Hel hinab
Hinter der Toten Gittertor.

…<

In >Fiölsvinsmal – Das Lied von Fiölswinn< wird folgendes von einem Baum mit dem Namen >Mimameid< berichtet, der vor dem Totentor steht:

>…

Windkald:
19) Sage mir, Fiölswinn, was ich dich fragen will
Und zu wissen wünsche:
Wie heißt der Baum, der die Zweige breitet
Über alle Lande?
.
Fiölswinn:
20) Mimameid heißt er, Menschen wissen selten
Aus welcher Wurzel er wächst.
Niemand erfährt auch wie er zu fällen ist,
Da Schwert noch Feuer ihm schadet.
.
Windkald:
21) Sage mir, Fiölswinn, was ich dich fragen will
Und zu wissen wünsche:
Welchen Nutzen bringt der weltkunde Baum,
Da Feuer noch Schwert ihm schadet?
.
Fiölswinn:
22) Mit seinen Früchten soll man feuern,
Wenn Weiber nicht wollen gebären.
Aus ihnen geht dann was innen bliebe:
So wird er der Leute Lebensbaum.

Windkald:
23) Sage mir, Fiölswinn, was ich dich fragen will
Und zu wissen wünsche:
Wie heißt der Hahn auf dem hohen Baum,
Der ganz von Golde glänzt?
.
Fiölswinn:
24) Windofnir heißt er, der im Winde leuchtet
Auf Mimameidis Zweigen.
Beschwerden schafft er, und schwerlich raubt
Den Schwarzen wer sich zur Speise.
.
Windkald:
25) Sage mir, Fiölswinn, was ich dich fragen will
Und zu wissen wünsche:
Ist keine Waffe, die Windofnir möchte
Zu Hels Behausung senden?
.
Fiölswinn:
26) Häwatein heißt der Zweig, Lopt hat ihn gebrochen
Vor dem Totentor.
In eisernem Schrein birgt ihn Sinmara
Unter neun schweren Schlössern.

…<

Von zwei weiteren Hähnen, die offenbar in Verbindung zur Hel stehen, berichtet die >Völuspa – Der Seherin Weissagung<:

>…

34) Da saß am Hügel und schlug die Harfe
Der Riesin Hüter, der heitre Egdir.
Vor ihm sang im Vogelwalde
Der hochrote Hahn, geheißen Fialar.
.
35) Den Göttern gellend sang Gullinkambi,
Weckte die Helden beim Heervater,
Unter der Erde singt ein andrer,
Der schwarzrote Hahn in den Sälen Hels.

…<

Offenbar wohnt im Haus der Hel auch noch ein Hund, der in >Vegtamskvida – Das Wegtamslied< folgendermaßen beschrieben wird…

>…

6) Aufstand Odin der Allerschaffer,
Und schwang den Sattel auf Sleipnirs Rücken.
Nach Nifelheim hernieder ritt er;
Da kam aus Hels Haus ein Hund ihm entgegen.
.
7) Blutbefleckt vorn an der Brust,
Kiefer und Rachen klaffend zum Biß,
So ging er entgegen mit gähnendem Schlund
Dem Vater der Lieder und bellte laut-.
Fort ritt Odin, die Erde dröhnte,
Zu dem hohen Hause kam er der Hel.

…<

Es gibt u.a. noch weitere Stellen der älteren Edda, in der Hel und Niflheim erwähnt werden.

Aus:

>Alvissmal – Das Lied von Alwis

Thor:
14) Sage mir, Alwis, da alle Wesen,
Kluger Zwerg, du erkennst,
Wie heißt der Mond, den die Menschen schau´n,
In den Welten allen?
.
Alwis:
15) Mond sagen Sterbliche, Scheibe Götter,
Bei Hel sagt man rollendes Rad,
Sputer bei Riesen, Schein bei Zwergen,
Jahrzähler aber bei Alfen.

Thor:
18) Sage mir, Alwis, da alle Wesen,
Kluger Zwerg, du erkennst,
Wie nennt man die Wolken, die nebelfeuchten,
In den Welten allen?
.
Alwis:
19) Menschen sagen Wolken, Wässerer Götter,
Windschiff die Wanen,
Riesen Regenbringer, Alfen Naschwetter,
Bei Hel heißen sie Nebelhelm.

Thor:
20) Sage mir, Alwis, da alle Wesen,
Kluger Zwerg, du erkennst,
Wie heißt der Wind, der weithin fährt,
In den Welten allen?
.
Alwis:
21) Wind bei den Menschen, Wehn bei den Göttern,
Wieherer höhern Wesen,
Greiner bei Joten, bei Alfen Lärmer,
Bei Hel heißt er Heuler.

Thor:
26) Sage mir, Alwis, da alle Wesen,
Kluger Zwerg, du erkennst,
Wie heißt das Feuer, das den Völkern brennt,
In den Welten allen?
.
Alwis:
27) Den Menschen Feuer, Flamme den Göttern,
Woger sagen Wanen,
Riesen Raschler, Zwerge Zünder,
Bei Hel heißt es Wüster.

Thor:
28) Sage mir, Alwis, da alle Wesen,
Kluger Zwerg, du erkennst,
Wie heißt der Wald, der ewig wachsen soll,
In den Welten allen?
.
Alwis:
29) Wald heißt er Menschen, Göttern Haar der Berge,
Bei Hel Hügelmoos,
Bei Riesen Indieglut, bei Alfen Schönverzweigt,
Wanen heißt er Heister.

Thor:
32) Sage mir, Alwis, da alle Wesen,
Kluger Zwerg, du erkennst,
Wie heißt die Saat, die da gesät wird,
In den Welten allen?
.
Alwis:
33) Bei Menschen Saat, Samen bei Göttern,
Gewächs bei den Wanen,
Bei Riesen Atzung, bei Alfen Stoff,
Bei Hel heißt sie wallende See.

Thor:
34) Sage mir, Alwis, da alle Wesen,
Kluger Zwerg, du erkennst,
Wie heißt das Ael, das alle trinken,
In den Welten allen?
.
Alwis:
35) Bei Menschen Ael, bei Asen Bier,
Wanen sagen Saft,
Bei Hel heißt es Met, bei Riesen helle Flut,
Geschlürf bei Suttungs Söhnen.<

Zu >Ragnarök< (Weltuntergang/Götterdämmerung) kommen fast alle Menschen und Götter zu Hel, wie in der >Völuspa – Der Seherin Weissagung< beschrieben wird:

>…

48) Yggdrasil zittert, die Esche, doch steht sie,
Es rauscht der alte Baum, da der Riese frei wird.
(Sie bangen alle in den Banden Hels
Bevor sie Surturs Flamme verschlingt.)
Gräßlich heult Garm vor der Gnupahöhle,
Die Fessel bricht und Freki rennt.
.
49) Hrym fährt von Osten und hebt den Schild,
Jörmungand wälzt sich im Jötunmute.
Der Wurm schlägt die Flut, der Adler facht,
Leichen zerreißt er; los wird Naglfar.
.
50) Der Kiel fährt von Osten, da kommen Muspels Söhne
Über die See gesegelt; sie steuert Loki.
Des Untiers Abkunft ist all mit dem Wolf;
Auch Bileists Bruder ist ihm verbündet.
.
51) Surtur, fährt von Süden mit flammendem Schwert,
Von seiner Klinge scheint die Sonne der Götter.
Steinberge stürzen, Riesinnen straucheln,
Zu Hel fahren Helden; der Himmel klafft.

…<

Was von der Göttin Hel blieb:

Von der Hel soll der christliche Begriff der Hölle abgeleitet sein. Das heißt, von Benennung des Totenreiches, personifiziert im Namen der Todesgöttin Hel, in der germanischen Mythologie wahrscheinlich ursrünglich in der Bedeutung die Bergende (vgl. hehlen), über ahd. hell[i]a, mhd. helle ist der deutsche Begriff der Hölle abgeleitet. Aber auch der englische Begriff Hell kommt daher.

norwegisch + schwedisch: Helvete
dänisch: Helvede
isländisch: Helvitis
und ferner:
niederländisch: Hel

Inhaltlich haben Hel und Hölle aber eher wenig miteinander zu tun, da die Christen von ihrer Hölle eine ganz andere Vorstellung haben (Totenwelt für Sünder, heiß), als die Germanen von Hel (Göttin einer kalten, nebeligen Totenwelt), wie wir gesehen haben.

Die eben genannten Flüsse werden auch in >Grimnismal – Das Lied von Grimnir< aufgezählt:

>28) Wina heißt einer, ein anderer Wegswinn,
Ein dritter Diotnuma.
Nyt und Nöt, Nönn und Hrönn,
Slid und Hrid, Sylgr und YIgr,
Wid und Wan, Wönd und Strönd,
Giöll und Leiptr: diese (Flüsse) laufen den Menschen näher
Und von hier zur Hel hinab.<

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