Die Ausarbeitung behandelt den Einsatz meiner Eltern, Otto und Martha Schäfer, geb. Pech, im Umfeld des Widerstands gegen den Nationalsozialismus und den Wiederaufbau in Frankfurt am Main und in Köln in den Jahren der Nachkriegszeit.

Nicht Bestandteil der Veröffentlichung sind das grausame Verfolgungssystem der Nationalsozialisten und Aktivitäten der Alliierten. Auch die Friedenssicherung nach dem Weltkrieg mit der Gründung internationaler Organisationen, wie der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) am marianischen 25. März 1957 und der NATO, genau 210 Jahre nach der Uraufführung des Händelschen Oratoriums „Israel in Egypt“ am 4. April 1949 in Washington, wird hier nicht weiter ausgeführt.

 

1. Die Beziehungen der Familie Schäfer/Pech zu Herborn und Münster/Westf.

Durch ihre Vorfahren eng verbunden mit kulturellen Errungenschaften und der sakralen Tradition bedeutender Dynastien und anderer staatsrechtlicher Herrschaftsformen wurden Otto Schäfer und Martha Pech schon mit jungen Jahren in den Friedensprozess nach dem Ersten Weltkrieg und in Gründung und Aufbau des Völkerbundes einbezogen. Dabei spielten auch ihre Geburtsstätten eine maßgebende Rolle.

Otto Schäfer wurde am 8. November 1902 im hessischen Herborn an der Dill geboren. Es erschließt sich ein historisch weites Feld, wenn man die Bedeutung der Stadt als mutmaßlicher alter fränkischer Königshof bereits unter merowingischer oder früh-karolingischer Herrschaft und die urkundliche Ersterwähnung der „Herborner Mark“ 1000 Jahre nach dem Jerusalemer Apostelkonzil im Jahr 1048 ergründet.

Dies gilt auch für die Beteiligung nassauischer Grafen an der Gründung des Deutschen Ordens mit einer Spitalbrüderschaft („Brüder vom Deutschen Haus Sankt Mariens in Jerusalem“) in Akko im heutigen Israel um 1190 während des Dritten Kreuzzugs und die Verleihung der Stadtrechte an Herborn durch den römisch-deutschen König Wilhelm von Holland im Jahr 1251. Dies geschah drei Jahre nach der Grundsteinlegung des Kölner Doms im Jahr 1248 zur heutigen hochgotischen Kathedrale und 800 Jahre nach dem Konzil von Chalcedon, auf dem die Trinität zum Dogma erhoben wurde.

Stadtwappen von Herborn

Auch das seit dem 13. Jahrhundert als Stadtsiegel überlieferte Stadtwappen Herborns mit dem thronenden Petrus und den beiden verschwisterten Grafen Otto I. und Walram II. ist dabei zu würdigen, zumal die Trennung des Hauses Nassau in seine beiden gewichtigen Stammlinien ottonischer und walramscher Zweig wenige Jahre nach der Stadtgründung am 16. Dezember 1255 stattfand.

Die von 1584 bis 1817 in Herborn angesiedelte Hohe Schule mit calvinistischer Prägung genoss in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens eine europaweite Anerkennung. Dazu trugen unter anderem Professoren wie Caspar Olevian, Johann Piscator, Johann Heinrich Alsted, Georg Pasor, Johannes Bisterfeld und Johannes Althusius sowie der Drucker und Verleger Christoph Corvinus bei. Der namhafteste Student war in dieser Zeit Jan Amos Comenius.

Die Gründung des Königreichs Preußen am 18. Januar 1701 in Königsberg war eng mit Herborn und der Dillregion verbunden. Die Mutter des ersten Preußenkönigs Friedrich I. war Luise Henriette von Nassau-Oranien, eine Enkelin des in Dillenburg geborenen großen Freiheitskämpfers Wilhelm I. von Nassau-Oranien. Der 18. Januar ist evangelischer Gedenktag an das Bekenntnis des Petrus über das alle vier Evangelisten im Neuen Testament berichten. Bis zur Liturgie-Reform des Zweiten Vatikanischen Konzils war dieser Tag auch katholischer Festtag „Petri Stuhlfeier“ zur Erinnerung an die Übernahme des Bischofsstuhls durch Apostel Petrus in Rom.

Martha Pech wurde am 23. April 1908, am St. Georgs Tag, in Münster geboren, bevor ihre Eltern Albert und Christine Katherine Pech, geb. Kraft, nach Weilburg umzogen. Das Bistum der Bischofsstadt wurde 799 bei einem Treffen von Papst Leo III. mit Karl dem Großen gegründet. 260 Jahre vor der Geburt Marthas wurde am 24. Oktober 1648, am heutigen Jahrestag der Vereinten Nationen, in Münster nach dem Ende des 30jährigen Krieges der Westfälische Frieden unterzeichnet. An den Friedensverhandlungen war als kaiserlicher Gesandter Fürst Johann Ludwig von Nassau-Hadamar, ein Sohn des Begründers der Hohen Schule in Herborn, Graf Johann VI. von Nassau-Dillenburg, maßgeblich beteiligt.

 

2. Widerstand und Verfolgtenhilfe

2.1 Ethisches Fundament des Widerstands

Der Beginn der Waffenstillstandsverhandlungen nach dem Ersten Weltkrieg an Ottos 16. Geburtstag und von Hitlers Staatsputschversuch in München an seinem 21. Geburtstag beflügelten den späteren Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Gleichermaßen wirkte sich auch der Deutsche Wandertag 1927 in Herborn aus, der 1.400 Jahre nach der durch Inschriften belegten Gründung des St. Katharina-Klosters am Fuße des Mosebergs auf dem Sinai durch den byzantinischen Kaiser Justinian I. stattfand.

Die Familien Schäfer/Kunze, Pech/Kraft und eine größere Anzahl anderer Mitstreiter aus der Lahn-Dill-Region und anderen Landesteilen mit internationalen Verbindungen und oft preußischer Tradition engagierten sich im Widerstand, der in den ersten Jahren Hilfen bei der Auswanderung von verfolgten, ins Deutsche Reich geflohenen osteuropäischen Juden zum Ziel hatte.

Hilfreich war dabei ein gleichnamiger Cousin Otto Schäfers, der in Chillan (Chile) als Konzertmeister wirkte und die am 23. Oktober 1882 in Forbach/Lothringen geborene Mutter von Martha, die mit ihrer Geburt in die im gleichen Jahr einsetzende Einwanderungswelle osteuropäischer Juden nach Palästina einbezogen wurde.

Gedenkkonzert anlässlich eines Jahrhunderterdbebens mit dem deutsch-chilenischen Dirigenten Otto Schäfer am 20. August 1939 in Chillan © Jochem Schäfer

Martha Pech wurde 1926/27 zusammen mit einer Schwester Ottos von der Jüdin Hedwig Burgheim am Fröbelseminar in Gießen ausgebildet und unterstützte als Erzieherin mit meiner Tante den Widerstand. Sie arbeitete in einem Kindersanatorium in Weilmünster, eröffnete in Weilburg am Schlossplatz einen Fröbelschen Privatkindergarten und erzog Kinder einer Familie Siben in Paris, einer jüdischen Familie Ehrlich in Bad Kissingen und einer Familie Oppenheimer in Frankfurt am Main.

Martha Pech mit Jungen und Mädchen 1928/29 im Kindersanatorium Weilmünster © Jochem Schäfer

Nach der Boykottierung jüdischer Geschäfte, der großangelegten Bücherverbrennung verfemter Schriftsteller und vielfältigen Berufsverboten und Ausschlüssen aus Berufs- und Sportverbänden nach der Machtergreifung Hitlers am 30. Januar 1933 war die Verabschiedung der Nürnberger Gesetze mit dem „Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ und dem „Reichsbürgergesetz“ am 15. September 1935 auf dem Nürnberger Reichsparteitag ein besonders verhängnisvoller Markstein des erbarmungslosen Verfolgungssystems der Nationalsozialisten. Sie bildeten die juristische Grundlage für die gesamte folgende antisemitische Hetzjagd.

Kirchliche Kreise bekräftigten am gleichen Tag, der in der katholischen Liturgie dem Gedächtnis der Schmerzen Mariens gewidmet ist, ihre Ablehnung des inhumanen NS-Regimes. In Maria Martental (Rheinland-Pfalz) fand die Segnung der neuen Wallfahrtskirche und in Limburg an der Lahn ein Bundestreffen der deutschen Cäcilienchöre (Diözesanfest) anlässlich der 700jährigen Jubiläumsfeierlichkeiten des St. Georg Doms statt, mit dem sich Martha aufgrund ihres Geburtsdatums besonders verbunden fühlte.

Am 7. März 1936 marschierten deutsche Truppen in das entmilitarisierte Rheinland. Am gleichen Abend, als zahlreiche Bürger das Ereignis mit einer Freiheitskundgebung, Aufmärschen und einem Fackelumzug vor dem Kölner Dom feierten, ging die Uraufführung des von den Nationalsozialisten aus ideologischen Erwägungen umformulierten Händelschen Oratoriums „Judas Makkabäus“ in „Wilhelmus von Nassauen“ vonstatten. Diese Umbenennung war eine weitere Befehdung des christlich-jüdischen Erbes. Von Judas Makkabäus und dem Befreiungskampf der Makkabäer gegen die Seleukidenherrscher im 2. Jahrhundert v. Chr. leitet sich auch das Weihefest der Lateranbasilika in Rom ab. Sie ist die Bischofskirche des Papstes und führt gemäß Inschriften am Haupteingang den Titel „Mutter und Haupt der Kirchen in der Stadt Rom und des ganzen Erdkreises“. Die Veranstaltung, die abgestimmt auf das Tagesereignis auch eine Hommage an den niederländischen Freiheitskämpfer Wilhelm I. von Nassau-Oranien sein sollte, bewirkte allerdings, dass der ursprüngliche Mythos des Oratoriums von der Rettung des auserwählten biblischen Volkes in der Person Otto Schäfers auflebte und seine Opposition gegen den Nationalsozialismus stählte.

Die Verfolgungsmaßnahmen gegenüber der jüdischen Bevölkerung stießen auf herbe Kritik in den USA und einigen anderen Staaten und hatten Boykottaufrufe gegen die Durchführung der Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin zur Folge. Das im Dezember 1935 in Paris gegründete „Comité international pour le respect de l’esprit olympique“ hatte jedoch mit seinen Hinweisen auf die unwahren Beteuerungen Hitlers keinen Erfolg, da kurz darauf die amerikanische „Amateur Athletic Union“ mit einem sehr knappen Ergebnis für die Spiele in Berlin votierte.

Martha und Otto Schäfer © Jochem Schäfer

Insbesondere zwei Ereignisse festigten aber im Olympiajahr, in dem Hitler die Spiele am 1. August 1936 nach Entfachung der olympischen Flamme eröffnete, nach meiner Überzeugung den religions- und völkerübergreifenden Ethos und sollten auf die Rassendiskriminierung im Deutschen Reich aufmerksam machen:

  • Mit ihrer Vermählung am „ökumenischen Gründonnerstag“, dem 9. April 1936, im Frankfurter Römer wollten Martha und Otto Schäfer ein humanes und sittliches Zeichen setzen, das nachdrücklich auf die Rassenschande hinweisen sollte.
  • Die olympische Flamme wurde am 20. Juli 1936 mit einem Hohlspiegel auf einem Altar im antiken Olympia entzündet und vom Erzbischof von Tripolis (Peloponnes) gesegnet. An diesem Jahrestag besinnen sich die Gläubigen auf den israelitischen Propheten Elias, der in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts v. Chr. den frühen Glauben an Jahwe als einzig und allein zu verehrenden Gott Israels mit prägte. Er bekämpfte den götzenhaften Baalkult und machte seine Gefühlsregungen in Gebeten gegenüber Gott offenkundig. Auch er empfing nach alttestamentarischer Überlieferung eine göttliche Offenbarung am Berg Moses (Berg Horeb).

Einen Elias-Bezug hatte auch die Einladungskarte des mit meinen Eltern gut befreundeten Heimatmalers und späteren Bundesverdienstkreuzträgers Fritz Bender zu einem als „Privatfest“ getarnten Widerstandstreff, am 12.12.1936 in Benders Atelier in Herborn. Teilnehmer, wie Bender, Schäfer und einige andere, hatten auch Kontakte zu jüdischen Mitbürgern. Die Einladungskarte hatte einen offensichtlichen Bezug zu dem Jahwe-Altar aus 12 Steinen gemäß den 12 Völkern Israels und dem Wunder mit dem himmlischen Feuer auf dem Berg Karmel, das zum Sieg über die Baal-Propheten führte (1. Könige 18).

Einladungskarte in das Atelier Bender © Jochem Schäfer

2.2 Strukturierung des Widerstands und Umsturzversuch vom 20. Juli 1944

Seit 1933 hatten sich im Laufe der Jahre neben den international tätigen und vom NS-Regime verfolgten Naturfreunde-Organisationen, Gruppierungen von Edelweißpiraten, der Roten Kapelle und mehreren Physikern eine Reihe von Hauptbewegungen im Widerstand organisiert. Ihre Führungspersönlichkeiten waren oft miteinander verbunden und engagierten sich teilweise auch international.

Zu den Bewegungen, die oft auf die besonders mit der Judenhilfe befassten Kreise, unter anderem unter Mitwirkung der Familien Schäfer/Kunze und Pech/Kraft, aufbauten beziehungsweise mit diesen kontaktierten, gehörten Kirchenvertreter, die sich im Pfarrernotbund, in der Bekennenden Kirche oder bei der Anprangerung von Rassendiskriminierung und Euthanasiemorden betätigten, die Gewerkschaften im Untergrund um Wilhelm Leuschner und die ebenso verfolgten Kommunisten und Sozialdemokraten, die später vielfach nach Prag und anschließend nach London ins Exil gingen.

Bürgerliche Widerstandskreise waren insbesondere der Kölner Kreis mit einem oppositionellen Netzwerk von Katholiken im gesamten rheinländischen und westfälischen Raum, der Solf Kreis, die Berliner Mittwochsgesellschaft, die Strassmann Gruppe, der Kaufmann-Will-Kreis, der Freiburger Kreis, der Goerdeler Kreis und der bürgerlich-zivile Kreisauer Kreis. Auch der Widerstandsring der „Weißen Rose“, ein engagierter jüdischer Widerstand und der literarische, künstlerische und intellektuelle Widerstand in der Emigration zählten zu diesen Bewegungen.

Die Friedenskirche auf einem Straußenei © Jochem Schäfer

Bedeutend für seine strategischen Ausarbeitungen war neben dem Goerdeler Kreis der Kreisauer Kreis um Helmuth James Graf von Moltke und Peter Graf Yorck von Wartenburg, in dem Kirchenvertreter, Verfassungsrechtler, Politiker, Unternehmer und Sozialwissenschaftler mitarbeiteten. Er traf sich dreimal in den Jahren 1942/43 zu Tagungen auf dem Landgut von Moltkes in Kreisau in Niederschlesien und verfasste Denkschriften und Gutachten zur Erneuerung der Gesellschaft nach Hitler. Zwei Tagungen auf dem Landgut in Kreisau, das in unmittelbarer Nähe zu der berühmten Friedenskirche zur heiligen Dreifaltigkeit in Schweidnitz (heute Swidnica, Polen) lag, fanden an Pfingsten statt.

Zusammen mit zahlreichen führenden Militärs beteiligten sich Oppositionelle des Kreisauer Kreises, Goerdeler Kreises und anderer bürgerlicher Widerstandsbewegungen an dem Umsturzversuch vom 20. Juli 1944, am Elias-Gedenktag. Der Bombenleger Claus Graf Schenk von Stauffenberg und über 200 militärische und zivile Persönlichkeiten wurden nach dem Umsturzversuch hingerichtet, ihre Familien kamen in Sippenhaft.

Zehn zumeist eng mit dem 20. Juli 1944 verflochtene Widerstandskämpfer wurden genau neun Jahre nach der Vermählung meiner Eltern im Frankfurter Römer kurz vor der deutschen Kapitulation im Zweiten Weltkrieg und dem Ende der Nazi-Herrschaft am 9. April 1945 in Plötzensee und in den Konzentrationslagern Flossenbürg, Dachau und Sachsenhausen hingerichtet. Sie waren fast alle im Amt Ausland/Abwehr engagiert und haben mit ihren guten internationalen Kontakten das widerständige Gedankengut weltweit verbreitet. Einen Hinweis darauf ermöglicht auch eine Rede von Bundesinnenminister Professor Werner Maihofer, die er am 9. April 1976 zur Eröffnung der Ausstellung Nofretete und Echnaton im Ägyptischen Museum in Berlin hielt. Zu den hingerichteten Personen gehörten u.a. Pfarrer Dietrich Bonhoeffer, Admiral Wilhelm Canaris, Generalmajor Hans Oster, der frühere Reichsgerichtsrat Hans von Dohnanyi und der Schreiner Georg Elser, der in der Anfangsphase des Zweiten Weltkriegs am 8. November 1939 einen Bombenanschlagsversuch auf Hitler im Münchener Bürgerbräukeller verübt hatte.

Direkt neben der Hinrichtungsstätte Plötzensee befindet sich heute die bundesweite katholische Gedenkkirche Maria Regina Martyrium an die Opfer des Nationalsozialismus und das 1984 gegründete Karmelitinnenkloster Regina Martyrium, dessen Orden sich besonders von dem israelitischen Propheten Elias und der Jungfrau Maria inspirieren lässt.

 

2.3 Eine Leitfigur als Netzwerker

Der Herborner Otto Schäfer engagierte sich nach meinen Recherchen als begeisterter Skiläufer und Bergwanderer bei der Fluchthilfe in Gebirgsregionen, hatte Kontakte zum Völkerbund in Genf und zu einigen Winzern bei der Judenhilfe sowie zu einer Reihe von Widerstandskämpfern. Dazu gehörte auch Hermann Kaiser, der das Kriegstagebuch des Befehlshabers des Ersatzheeres, Generaloberst Fromm, führte. Enge Beziehungen unterhielt er auch zu zwei Verwandten in Frankfurt, die als Briefträger Einwanderungsgenehmigungen nach Chile zustellten, die sein deutsch-chilenischer Cousin übersandt hatte.


Porträt Otto Schäfers © Jochem Schäfer

Gefördert durch seine Kontakte zum Widerstand der Arbeiterbewegung beteiligte er sich am Aufbau eines Netzwerks, das Verbindungswege in einige Vernichtungs- und Konzentrationslager sicherte. Am 22. Januar 1944 konstituierte sich auf Initiative des amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt der „War Refugee Board“ (WRB), zur Rettung der tödlich bedrohten NS-Verfolgten in Europa, der sich auf das bestehende Verbindungsnetz stützte und eng mit dem Internationalen Roten Kreuz und jüdischen Untergrundorganisationen zusammenarbeitete.

Die Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald ereignete sich nach einem initiierten Häftlingsaufstand mit Unterstützung von amerikanischen Truppen am 11. April 1945, genau 218 Jahre nach der Uraufführung der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach in der Thomaskirche in Leipzig.

 

3. Der Aufbruch zum Wiederaufbau in Frankfurt und Köln

Fast alle deutschen Großstädte lagen am Ende des Zweiten Weltkriegs durch die Bombardierung der Alliierten in Schutt und Asche. Millionen Menschen suchten dringend eine neue Bleibe und lebten in Notunterkünften. Sie waren geschockt durch ihr persönliches Leid, die Unmengen an Toten und das zerstörte Umfeld. Nach der Trümmerbeseitigung mit einem vornehmlich freiwilligen Bürgereinsatz setzten die forcierten Wiederaufbauarbeiten ein, die oft von einer Sehnsucht nach dem Vergangenen geleitet wurden. Die meisten Architekten strebten jedoch eine Neugestaltung an und ließen sich von der Moderne beeinflussen.

Besonders betroffen von dem Bombenhagel waren unter anderem auch Frankfurt und Köln. Am 18. März 1944 und an Goethes Todesgedenktag, dem 22. März 1944, wurde fast die gesamte Altstadt von Frankfurt zerstört. Manche sahen in dem Angriff einen Zusammenhang zum 193. Geburtstag des Poeten am 28. August 1942, als jüdische Mitbürger aus ganz Hessen von Frankfurt aus in die Konzentrations- und Vernichtungslager im Osten abtransportiert wurden. Auch in Köln gab es ein trauriges markantes Datum. Das schwerste Bombardement fand am Peter und Paul Tag, dem 29. Juni 1943, statt mit über 4000 Toten.

Ansichtskarte mit Blick auf die zerstörte Kölner Innenstadt © Jochem Schäfer

Zu den wenigen Gebäuden, die in der Frankfurter Altstadt weitgehend unversehrt blieben, gehörte die evangelische Alte Nicolaikirche. In Köln blieb zwar der unter dem Patrozinium des Apostels Petrus stehende Dom mehr oder weniger erhalten, war aber schwer beschädigt. Mit der Bestandskraft der beiden Kirchen und dem christlichen und verantwortungsbewussten ethischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus verbanden in der Folge viele Bürger eine Heilserwartung, aus der sie in der äußerst verdrießlichen Lage neuen Mut schöpften. Die Kirchen wurden somit zu einem einzigartigen Symbol für den Lebenswillen der Bevölkerung und den gemeinsamen Wiederaufbau.

 

Zum Autor Jochem Schäfer

Der Verfasser ist Ministerialrat a.D. Im vergangenen Jahrhundert wirkte er neben seiner Arbeit als Bundes- und Landesbeamter bei agrar-, umwelt- und friedenspolitischen Ereignissen und Entscheidungen auf EG-Ebene in enger Zusammenarbeit mit EG-Ministerrat, EG-Kommission und Europäischem Parlament mit. Beruflich tätig war er u.a. bei der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik bei der EG, als Arbeitsgruppenvorsitzender des EG-Ministerrats während der deutschen EG-Ratspräsidentschaft 1978 und als Teilnehmer an den Tagungen der EG-Umweltminister und der Task Force „1992 – The Environmental Dimension“ bei der EG-Kommission in den Jahren 1989/90. Ende 1988 wurde er von europäischer Seite angefordert und arbeitete zielorientiert auf die Öffnung der Berliner Mauer und die deutsche Einheit hin. Seine Webseite verweist auf seine Arbeiten als freier Schriftsteller: http://jochem-schaefer.jimdo.com