karl-martell

Nach wie vor gibt es in der Wissenschaft Diskussionen darüber, ob die Araber tatsächlich das Frankenreich ihrem Kalifat einverleiben wollten und damit die Schlacht bei Poitiers tatsächlich eine der großen Schicksalsschlachten war, oder ob der Angriff im Jahre 732 vielleicht doch nur einer der vielen Raubzüge bzw. eine Stafexpedition der Araber war. Aus diesem Grunde möchte ich die Hintergründe um die Schlacht bei Poitiers einmal genauer untersuchen:

Fest steht, daß Karl Martell die Langobarden um Unterstützung bei der Abwehr der Araber bat. Er verfügte damit über ein Heer von etwa 30.000 Mann und stand einem Araberheer von etwa 20.000 Mann gegenüber – nicht gerade kleine Heere.

Zunächst zum Hergang selbst:

Der Anlaß für den Angriff der Araber ist überliefert. Der aquitanische Fürst Eudo hatte sich mit dem Berberfürsten Munnuz verbündet, der jedoch von seinen arabischen Nachbarn besiegt wurde. Nun überschritten sie auch die Pyrenäen und griffen Aquitanien an. Plündernd und brandschatzend zogen die Araber nach Norden und machten auch vor Poitiers nicht halt. Auch diese Stadt wurde erobert und gelündert. Damit standen sie bereits im Zentrum Galliens. Als sie auch Tours an der Loire bedrohten, stellte sich ihnen Karl Martell mit seinem fränkisch-langobardischen Reiterheer entgegen. Sieben Tage soll die Schlacht gedauert haben (wobei die meiste Zeit wohl mit Taktieren und Abwarten verbracht wurde), dann waren die Araber besiegt und zogen sich eilig unter hohen Verlusten über die Pyrenäen zurück. Ihr Heerführer Abd El-Rahman wurde getötet.

Zur Bewertung dieser Schlacht muß man sich die Eroberungszüge der Araber insgesamt anschauen:

Mohamed hatte bis zu seinem Tod im Jahre 632 fast die gesamte Arabische Halbinsel vereinigt.
Nachdem im Jahre 632 der Begründer des Islam Mohamed gestorben war, begann unter seinen Nachfolgern, den Kalifen („Befehlshaber der Gläubigen“) ein großer Eroberungszug nach allen Seiten der Arabischen Halbinsel: Zuerst griffen sie Persien (Sassanidenreich) und Syrien an, das zum Byzantinische Reich gehörte. Die Araber siegten 636 in der Schlacht am Yarmuk über 80.000 Byzantiner. So konnten danach Syrien und Palästina, die beide zu Byzanz gehörten, zw. 633/640 danach ohne nennenswerten Widerstand eingenommen werden. Das Zweistromland mit Bagdad, das zum Sassanidenreich gehörte, wurde nach der Schlacht bei Qadisiya 637 eingenommen. Dazu muß erwähnt werden, dass diese beiden zuerst von den Eroberungszügen betroffenen Reiche gerade erst (610-629) mehrere Kriege gegeneinander geführt hatten und daher geschwächt waren. So wurde Persien bis 656 vollständig von den Arabern erobert und erst am Indus nach der Eroberung der Westindischen Provinz Sindh und Teile Nordindiens (nach mehreren erfolglosen Versuchen) im Jahre 712, konnten sie gestopt werden.
Auch gegen Byzanz im Norden Arabiens gingen die Eroberungen weiter und die Araber versuchten auch, 673/678 und 717/718 Konstantinopel zu Land und von der See her zu erobern, was aber nicht gelang, da der byzantinische Widerstand zu groß wurde (auf der See kam auch das neuentwickelte „Grichische Feuer“ zum Einsatz, das auch im Wasser brannte) und laut der Überlieferung auch „ein überaus harter Winter, der über hundert Tage Schnee“ brachte, machte den Arabern zu schaffen, so dass sie gezwungen waren, „ihre verendeten Pferde, Esel, Kamele und sogar die Leichen der Gefallenen“ zu essen. „Unzählige wurden von einer pestartigen Krankheit befallen.“
Unterdessen konnten die Araber weiter nach Westen in das nördliche Afrika vordringen. 639/641 wurde Ägypten erobert, 642/47 das nördliche Libyen und begannen ab 645 mit ersten Vorstößen nach Tunesien. Das byzantinische Kathargo wurde erst 698 erobert (und zerstört) und 699 wurde dann Nordalgerien und bis 705 Marokko erobert.

Dann das Jahr 711: Die moslemischen Truppen überqueren mit einem Expeditionscorps von mindestens 8.000 Mann die Straße von Gibraltar und besiegten den Westgotenkönig Rodrigo in der Schlacht von Guadalete. Der König fiel in einem der Schlacht folgenden kleineren Gefechte. Bis 718 wurde die Iberische Halbinsel mit Ausnahme der Provinz Asturien erobert.
Nach der Machtübernahme durch die Mauren setzte sich Pelayo an die Spitze des Widerstandes gegen den maurischen Gouverneur, dem Berber-Führer Munuza, der sein Hauptquartier in Gijón hatte. Um diesen Widerstand zu brechen wurde Pelayo 716 oder 717 verhaftet und als Geisel nach Córdoba gebracht. Noch im selben Jahr gelang ihm die Flucht. 718 wurde er nach westgotischem Brauch von seinen Landsleuten zum Herrscher gewählt – ob als Fürst oder König ist unklar.
Zwischen 721 und 725, (wahrscheinlich 722) besiegte er in der „Schlacht“ von Covadonga eine maurische Militärabteilung. Dies war der erste Sieg eines christlichen Herrschers nach der Eroberung Spaniens durch die Mauren und wird als Beginn der Reconquista („Rückeroberung“) angesehen. Diese „Schlacht“ war eher ein kurzes Scharmützel, da Pelayo wahrscheinlich nicht mehr als 300 Kämpfer zur Verfügung standen und die diese Region besetzt haltenden Berber wenig Interesse zeigten, Gebirgsfeldzüge zu unternehmen. Sowohl durch seinen ständigen Guerillakrieg gegen die Mauren sowie durch die wachsenden Differenzen zwischen Berbern und Arabern, die schließlich in einen Berberaufstand mündenden, gelang es Pelayo, sich im Norden und Nordwesten der iberischen Halbinsel zu behaupten. Auf Grund seines Sieges bei Covadonga wurde Pelayo, der erste König von Asturien (718/22-737), von späteren Chronisten und Historikern zum nationalen Helden und Begründer der christlichen Reconquista aufgebaut.
Ab 719/20 stürmten die Araber über die Pyrenäen und eroberten 721 Narbonne. Jedoch – es vollzog sich ein Wandel bei der Kampftechnik der Araber: „Mordend, sengend und plündernd“ fraßen sich ihre Züge durch das südliche Gallien. Es war die Periode, die den Arabern den Ruf verschaffte, den Islam mit „Feuer und Schwert“ verbreitet zu haben. Beim Sturm auf Toulouse erlitten sie ihre erste Niederlage gegen die Franken. Sie trafen das erste Mal in Europa auf organisierten Widerstand – eine neue Situation für die Araber. Sie stoppten und gruppierten sich um, dann ging der Vormarsch weiter. 732 ging Bordeaux in Flammen auf. Abd er Rahman, der spanische Statthalter der Araber, führte das Heer. Geschickt wich er einem fränkischen Heer, das sich ihm entgegenwarf, aus und marschierte in Richtung auf das fränkische Nationalheiligtum – den Dom des heiligen Martin von Tours. Karl Martell fasste alles, was kämpfen konne, zusammen. In Verhandlungen war es ihm auch gelungen, langobardische Unterstützung zu gewinnen, die in Eilmärschen herangeführt worden ist. Ein Aufgebot aus dem ganzen Frankenreich folgte Karl in die Entscheidungsschlacht. Noch bevor die Araber Tours erreichten, trat ihnen Karl Martell entgegen – bei Poitiers. Sieben Tage dauerte die Schlacht und nachdem Abd er Rahman fiel, lösten die Araber unbemerkt in der Nacht ihr Lager auf und zogen ab.
Die Raubzüge im Süden des Frankenreiches gingen danach noch weiter und die Araber konnten sogar Arles und Avignon besetzen, aber die dynamische Kraft der Araber war gebrochen.

Für mich stellt sich die Bedeutung der Schlacht bei Poitiers so dar:
Karl Martell hatte das Frankenreich zwar weitgehend geeint, doch regierte Eudo in Aquitanien, nominell zum Frankenreich gehörend, noch weitgehend autonom. Dieser verbündete sich mit den Berbern, die mit dem Arabern in Konflikt geraten waren und versuchte so, seine Machtstellung weiter zu stärken und sich vor weiteren Übergriffen der Araber zu schützen, die besonders ab 725 Aquitanien schwer bedrängten. Jedoch unterlagen die Berber im Kampf gegen die Araber, die nun auch Eudo von Aquitanien auzuschalten versuchten. Die Araber griffen das Herzogtum an und Eudo floh zu Karl Martell. Auf ihrem Zug eroberten und plünderten die Araber mehrere Städte, bis sich Karl Martell ihnen entgegenstellte und sie besiegte und damit ihren Vormarsch nach Norden stoppte.

Ich würde die Schlacht durchaus als sehr bedeutsam werten. Denn im Zuge der Ausschaltung Eudos hätte es zu einer Herauslösung Aquitaniens aus dem Frankenreich und Eingliederung ins Kalifat führen können, was eine empfindliche Schwächung des Frankenreiches in seiner Verteidigungsfähigkeit bedeutet hätte und damit möglicherweise auch der Anfang vom Ende des Frankenreiches.

Doch ein wichtiger Aspekt bei der Betrachtung sind wohl auch innenpolitische Spannungen, die einige Zeit nach der Schacht ausbrachen: Das Ende der Omaijadenherrschaft im Arabischen Kalifat. Der letzte Omaijade, Prinz Abd ar Rahman, konnte nach dem Sturz seiner Dynastie durch die Abbasiden 750 fliehen und errichtete 756 in Spanien das unabhängige Emirat von Cordoba, das 929 zum ebenfalls unabhängigen Kalifat erhoben wurde. Dieses Emirat dürfte nun wohl eher auf die Erhaltung der Eigenständigkeit bedacht gewesen sein, als auf weitere Eroberungen.