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1. Einleitung

 

326px-Maximilian of Mexico bwAm 19. Juni 1867 wurde im mexikanischen Queretaro der Bruder des österreichischen Kaisers Franz Josef von mexikanischen Soldaten des Präsidenten Juarez als Usurpator erschossen. Dieser Bruder, Erzherzog Ferdinand Max, oder Maximilian I., wie er als Kaiser von Mexiko hieß, war seit 1864 in Mexiko und führte seitdem mit Hilfe französischer Soldaten einen Bürgerkrieg gegen die Truppen des gewählten Präsidenten Juarez.

Wie kam der Österreicher in das mittelamerikanische Land ? Warum wurde er von französischen Truppen unterstützt ? Und warum gab es gleichzeitig einen mexikanischen Präsidenten und einen mexi­kanischen Kaiser ?

Mit diesen Fragen befasst sich mein Referat. Dabei stützte ich mich vorrangig auf Franz Herres Werk über Franz Josef, den Bruder Maximilians; die beiden Brüder kamen nicht sehr gut miteinander aus, was in den beiden Charakteren begründet liegt. Franz Josef war sich dessen bewusst, dass ihm sein Bruder zumin­dest intelligenzmäßig überlegen war, und, was noch wichtiger war, sich in der Rolle des Zweitgeborenen nicht wohl fühlte und sich zurückgesetzt fühlte, was zu Streitereien zwischen den Brüdern führte, die Herre eingehend schildert. Auch Hartwig Vogelsberger hat ein gutes Buch geschrieben, das Maximilian allein gewidmet ist, ebenso die hervorragende Monographie Egon Caesar Conte Cortis über Maximilian und Charlotte. Da­neben gab es natür­lich auch andere Quel­len, die ich her­anzog; diese sind im Lite­ratur­ver­zeichnis ver­merkt.

 

2. Vorgeschichte des mexikanischen Kaisertums

 

Im Gebiet des heutigen Mexiko lebten seit Urzeiten Menschen. Der ersten Hochkultur der Olmeken folgten verschiedene andere Völ­ker, die allesamt mehr oder weniger von dieser „Mutterkultur“ übernahmen, bis die Azteken im 14. Jahrhundert aus dem Süden der heutigen USA auftauchten und, der Legende nach von ihrem Gott Huitzilopochtli veranlasst, in einem sumpfigen See im Hochtal Mexikos ihre Hauptstadt Tenochtitlan errichteten. Von dort aus errichteten sie ihre Herrschaft, die an ihrem Machthöhepunkt, kurz vor der Ankunft der Spanier, fast den gesamten Süden des heutigen Mexiko umfasste. Die unterworfenen und/oder tribut­pflichtig gemachten Völker wurden ausgebeutet und in jährlichen Kriegszügen wurden Geiseln gemacht, die dann den aztekischen Göttern geopfert wurden. Als deshalb Hernando Cortez 1519 auf­tauchte und, eine aztekische Legende ausnutzend, das aus zahl­reichen Stadtstaaten zusammengesetzte und von Tenochtitlan dominierte Reich der Azteken eroberte, erhielt er regen Zulauf aus den von den Azteken unterdrückten Indianervölkern. Diese Unterstützung wurde ihnen aber von den Spaniern nach dem Sieg nicht gedankt, im Gegenteil: Die Indianer wurden die rechtlose­ste Gruppe im spanischen Vizekönigreich Neu-Spanien, die noch unter den Mestizen und Mulatten und erst recht unter den Kreolen standen; die herrschende Schicht stellten ohnehin die Spanier. Der Klerus tat seinen Teil zur Unterdrückung und Ausbeutung des Landes und seiner Bewohner.

Nach dreihundert Jahren hatte sich in den „unterdrückten, unter­privilegierten Schichten der Bevölkerung“[1] ein enormer Hass ange­staut, der nur einen Anlass brauchte, um zum Ausbruch zu kommen.

Dieser Anlass waren die Erlangung der Unabhängigkeit der dreizehn nordamerikanischen Kolonien von Großbritannien, die Wirren, die Europa im Gefolge der französischen Revolution erschütterten und die damit verbundene Schwächung des Mutterlandes Spanien. Als schließlich Napoleon die Herrschaft der spanischen Bourbonen beseitigte, kam es 1810 zum ersten Aufstand gegen die Spanier, der allerdings noch niedergeschlagen werden konnte. Auch mehrere nachfolgende Aufstände wurden niedergeschlagen, doch 1820 sah sich der spanische König Ferdinand VII. gezwungen, die Verfas­sung von 1812 anzuerkennen, was wiederum die bisher spanien­freundlichen Kreolen um ihre bisherigen Privilegien fürchten und nun ebenfalls revoltieren ließ.

General Agustin de Iturbide übernahm die Führung des Aufstandes und wurde 1822, nachdem einige europäische Fürstenhäuser das Angebot der Krone eines mexikanischen Kaiserreiches dankend abgelehnt hatten, selbst als Agustin I. Kaiser von Mexiko. Er konnte sich allerdings nicht einmal ein Jahr halten, dann wurde er vertrieben.

In den nachfolgenden Jahren kam Mexiko nicht zur Ruhe: In den 40 Jahren von 1821 bis 1861 hatte das Land zwischen 55 und 58 Regierungen, je nach Sichtweise.[2] Das heißt aber nicht, dass es bis zu 58 verschiedene Präsidenten von Mexiko gab: General Antonio Lopez de Santa Ana wurde zum Beispiel nicht weniger als siebenmal Präsident[3]; als er allerdings während seiner letzten Präsidentschaft in Bedrängnis geriet, leitete er eine Unter­nehmung ein, an deren Ende ein habsburgischer Kaiser von Mexiko mit Namen Maximilian I. stehen sollte: Er schickte den Monar­chis­ten Don Jose Maria Gutierrez de Estrada, der seit 1840 im Exil in Rom weilte, auf die Suche nach einem geeigneten Kandi­daten für den Thron eines neuen Kaiserreiches Mexiko. Diesen neuen Kaiser gedachte Santa Ana dann nach Belieben zu kontrol­lieren. Als Gehilfen gewann Estrada den mexikanischen Gesandten am spanischen Hof, Don Jose Manuel Hidalgo.[4]

Sie konnten allerdings ihre Suche nur zwei Jahre lang offiziell betreiben, denn schon 1855 wurde Santa Ana zum letzten Mal gestürzt und ins Exil geschickt. Das hinderte allerdings den überzeugten Monarchisten Estrada nicht daran, trotzdem weiter nach einem geeigneten Kandidaten für den mexikanischen Thron zu suchen.

 

3. Ferdinand Max, Erzherzog von Österreich

 

3.1. Ferdinand Max und sein Bruder Franz Josef: Kindheit

 

Ferdinand Max war der zweite Sohn der Erzherzogin Sophie aus dem Haus Wittelsbach und des Erzherzogs Franz Karl von Österreich. Er war zwei Jahre jünger als sein Bruder Franz Josef, was aber die Brüder nicht daran hinderte, ein herzliches Verhältnis zuein­ander zu pflegen, zumal sie beide die gleiche Erziehung genos­sen.

Dass trotz dieser identischen Erziehung entwickelten die beiden Jungen gänzlich verschiedene Charaktere: Franz Josef, der Älte­re, war unbestreitbar der weniger Intelligente, aber Realisti­schere, der nach seiner frühen Thronbesteigung in Pflichtbewusst­sein erstarrte, Ferdinand Max „ein ausgezeichneter Schüler“ und „eher ein Romantiker und sich metaphysischen Spekulationen hingebender Phantast“[5], was sich im Laufe seines Lebens als verhängnisvoll herausstellen sollte.

Da auch zu seinen beiden jüngeren Brüdern große charakterliche Unterschiede bestanden, wurde von verschiedenen Biographen und Zeitgenossen vermutet, der Vater Ferdinand Max´ wäre kein Habs­burger, sondern der Sohn Napoleons, der am Wiener Hof lebende Franz Carl Joseph Napoleon, Herzog von Reichstadt, mit dem Erzherzogin Sophie eine Zuneigung verband, die allerdings nicht über ein platonisches Verhältnis hinausgegangen dürfte, wie Vogelsberger auf drei Seiten überzeugend darlegt (S.50 – 52); nahegelegen dürfte die Vermutung allerdings gewesen sein, denn die bayrische Prinzessin wurde in ihrer Ehe tief enttäuscht und fühlte sich zu dem Sohn des großen Korsen „unweigerlich stark hingezogen“[6], denn der an Schwindsucht Leidende entsprach mit seiner Blässe, Hinfälligkeit und romantischen Schwärmerei für die fünf Jahre Ältere mehr Sophies Geschmack als der farblose und langweilige Franz Karl. Dennoch dürfte die „willensstarke Wittelsbacherin“, wie Vogelsberger sie nennt, nie daran gedacht haben, ihre Zukunft – zuerst die als Kaiserin und, nach der Thronfolge ihres Schwagers Ferdinand, als Kaisermutter – durch eine Affäre mit dem Sohn Napoleons zu gefährden.

Doch auch Ferdinand Max selber sind diese Gerüchte zu Ohren gekommen, und er mag sie nicht einmal ungern gehört haben; so sagte er 1864 zu seinem Leibarzt Dr. Jilek: „Ich bin ein Enkel – wenngleich ein illegitimer – des großen Napoleon.“[7] Mit sol­chen Gedanken pflegte er seinen Traum von einem eigenen Reich, seine Idee, zum Herrschen geboren zu sein: Als Erbe der von ihm hoch verehrten spanischen Habsburger Ferdinand und Isabella, deren Gräber er in Granada besuchte, und des großen Eroberers Napoleon konnte es nicht sein, dass er sein Leben lang die zweite Geige nach seinem Bruder spielen musste.

Dabei war er bei den Wienern sehr viel populärer als Franz Josef; dazu mochte zum Teil sein gewinnenderes Erscheinungsbild beitragen. Sein Gesicht hatte weiche, fast frauliche Züge, was er durch einen Bart zu kaschieren suchte. Er reagierte auf Freundschaft oft übertrieben, was auch darauf zurückzuführen sein dürfte, dass er sich als Kavalier betrachtete und benahm, dieselben edlen Charaktereigenschaften aber auch bei anderen voraussetzte; dadurch wurde er oft von Personen, denen er auf­grund des ersten, leider oft täuschenden Eindrucks sein Ver­trauen geschenkt hatte, schamlos ausgenutzt. So finden sich in der näheren Umgebung des Erzherzogs oft minderwertige und auf alle anderen unsympathisch wirkende Subjekte, wie der Privatse­kretär Sebastian Scherzenlechner, der vom Kammerdiener aufge­stiegen war, und den Ferdinand Max später nach Paris schicken sollte, um zu prüfen, ob die Angaben der Exilmexikaner um Estra­da hinsichtlich der Verhältnisse in Mexiko vertrauenswürdig seien. Die tragischen Ereignisse in Mexiko zeigten, dass Scher­zenlechner der falscheste Kundschafter gewesen war, den sich Ferdinand Max hätte suchen können. Als einziger sollte sich Wilhelm von Tegetthoff Maximilians Vertrauen würdig zeigen, den er in Triest kennengelernt hatte und der später bei Lissa die modernisierte österreichische Flotte siegreich gegen die Italie­ner führen sollte.

Wie gesagt, oft wurde Maximilians Freundschaft ausgenutzt, was er nur selten bemerkte. Wenn er aber „fühlte, dass man ihn für schwach hielt, hatte er gleichsam stoßweise Anwandlungen über­stürzter Energie, die ihn zu unüberlegten, bald danach bedauer­ten Maßnahmen verleiteten.“[8] Auch um solches zu verhindern, vor allem aber, um sich, wie Franz Josef, immer wie ein echter Habsburger zu präsentieren, führte er immer ein Kartonblättchen mit 27 Verhaltensregeln mit sich, die er nach Möglichkeit auch zu beachten versuchte. In diesen Verhaltensregeln äußerte sich sein Idealbild eines Fürsten, der er ja eines Tages werden woll­te. Corti zitiert S.52 dieses Kartonblättchen – „vom Bei-sich-Tragen verschlissen und beschmutzt“[9] – wört­lich:

„1. Der Geist dominiere den Körper und halte ihn in Maß und Sitte.

2. Nie ein unwahres Wort, selbst nicht aus Not und Eitelkeit.

3. Freundlich mit allen.

4. Gerechtigkeit in allem und jedem.

5. Keine üble Nachrede dem Nächsten.

6. Nicht unbedacht antworten, um in keine Schlingen zu fallen.

7. Keine Schimpfworte und keine Zoten.

8. Alles Anstößige, selbst wenn es Geist bekundet, beiseite lassen, denn Ecken zerreißen.

9. Kein Aberglaube, denn er ist die Frucht der Furcht und Schwä­che.

10.Nie mit Untergebenen scherzen, nie mit der Dienerschaft konversieren.

11.Keine Rücksichten für seine Umgebung ausdenken und erweisen; Attentionen bereiten.

12.Im Recht eiserne Energie mit allen.

13.Nie über Religion oder Autorität spotten.

14.Nicht überschwenglich, sondern in allem Maß halten.

15.Jeden hören, wenigen trauen.

16.Sich nie vom ersten Eindruck hinreißen lassen.

17.Nie klagen, denn das ist ein Zeichen der Schwäche.

18.Seine Zeit immer praktisch einteilen, viele und regelmäßige Beschäftigung.

19.Beim Beurteilen fremder Fehler an die eigenen denken.

20.Bei jedem Schritt an die Folgen denken.

21.Die Zurückgezogenheit suchen und in ihr Zeit zum Denken fin­den.

22.Take it coolly.

23.Zu allem kömmt Zeit.

24.Nichts dauert ewig.

25.Schweigen, wo du es nicht besser machen kannst.

26.Täglich zwei Stunden Bewegung.

27.Bei Unwohlsein sich ganz von der Welt abschließen.“[10]

Große Dinge, die sich der Erzherzog da täglich vor Augen hielt; hätte er sich an alle Punkte gehalten, wäre ihm vielleicht Mexiko erspart geblieben.

Ein wichtiger Charakterzug war auch, dass er nichts ganz, sondern alles nur halb war: Er war romantisch und schwärmerisch ver­anlagt, besaß aber auch einen ungemein großen Familienstolz und, seiner großen Vorfahren eingedenk, einen ebenso großen Ehrgeiz. Er war oft, vor allem in Gesellschaft, verlegen, aber auch nicht gerne allein. Er war zeitweise ungestüm und verlangte, dass sein Bruder ihm mehr Verantwortung überlasse, aber er schreckte vor großen Entscheidungen zurück, und wälzte sie oft tagelang hin und her, dabei in immer tieferer Schwermut versinkend. Auch litt er immer darunter, der Zweitgeborene zu sein und seinem Bruder Franz Josef gehorchen zu müssen, besonders in seiner Zeit als Generalgouverneur von Lombardo – Venetien.

Ironischerweise war Franz Josef auf den populären Bruder genauso eifersüchtig wie dieser umgekehrt auf ihn.

Doch diese Eifersucht bildete sich erst heraus, als Franz Josef Kaiser von Österreich geworden war. Seitdem gehörte es zu seinem Selbstverständnis als Kaiser, Unnahbarkeit selbst seinem Bruder gegenüber zu pflegen, der sich ihm nur noch nähern durfte, wenn er zuvor eine Audienz beantragt hatte, und sich gegen jegliche Kritik zu verwahren.

Dabei waren die Brüder früher durchaus gut miteinander ausgekom­men.

Sie hatten die gleichen Lehrer und Erzieher, heckten gemeinsam Streiche aus und verbrachten auch sonst viel Zeit miteinander. Aber „als die Kinder größer wurden, sah die Erzherzogin darauf, ihren Älteren nach vorne zu rücken. (…) Mit jedem Jahr spürte Ferdinand Maximilian mehr den gewaltigen Abstand, der einen bloßen Erzherzog von einem Thronerben trennte.“[11]

 

3.2. Ferdinand Max und der Kaiser Franz Josef: Entfremdung

 

Als Ersatz für die Herrscherpflichten, die er nur zu gerne übernommen hätte, wählte sich Ferdinand Max schließlich das Meer – ein typisch romantischer Zug; schon „seit frühester Jugend zeigte (er) sich (…) von Italien und vor allem vom Meer faszi­niert. Das Meer, das für ihn Unendlichkeit und Ferne, Frieden und Aufruhr, Ruhe und Sturm symbolisierte, zog ihn unweigerlich an.“[12] Als ihn daher Franz Josef 1854 zum Oberkommandierenden der österreichischen Marine machte, im Grunde ein so unbedeutender Posten wie es die Marine Österreichs selbst war, nahm Ferdinand Max mit Freude die Gelegenheit wahr, dem langweiligen Wien und vor allem seinem eifersüchtigen Bruder zu entkommen.

Bevor er aber seinen Dienst in Triest antrat, besuchte er noch Griechenland und Kleinasien – ein Rat der Mutter, den er auch nach Art der damals in Mode gekommenen Bildungsreisen annahm.

Voller Tatendrang ging er dann daran, die Flotte zu modernisie­ren; seit Österreich im Gefolge der napoleonischen Kriege die Herrschaft über Venetien erlangt hatte, hatte es, da auch Dalma­tien unter seiner Herrschaft stand, ein Primat über die Adria. Doch die Donaumonarchie war so mit den anderen, dringenderen Problemen beschäftigt, die dieses Konglomerat vieler Völker mit sich brachte, dass die Flotte seit den Tagen Napoleons I. strä­flich vernachlässigt worden war. Es ist ein Verdienst Ferdinand Max´, diese kleine Flotte in nur fünf Jahren auf Vordermann gebracht zu haben: Neben Modernisierung und Neubau von Schiffen (die „Radetzky“ mit 91 Kanonen lief 1856 vom Stapel) schuf er auch ein Marinemuseum, ein hydrographisches Institut und ein neues Arsenal „samt Werft in Pola.“[13] Franz Josef ließ hierbei seinem Bruder freie Hand, obwohl dieser seine Popularität bei den – meist dalmatinischen oder venetianischen – Seeleuten und Marineoffizieren einerseits und bei der „besseren Gesellschaft“ Venetiens andererseits durch seine Maßnahmen beträchtlich stei­gern konnte. Nicht einmal die enormen Geldsummen, die Ferdinand Max verbrauchte, führten zu mahnenden Briefen aus Wien, wie dies später in Oberitalien laufend der Fall sein sollte; denn der Erzherzog verbrauchte viel Geld – sehr viel Geld sogar, und das nicht nur in seiner Eigenschaft als Marinekommandant.

Er nutzte sein unbegrenztes Budget aus und versuchte, seine Langeweile, die ihn auch in Triest plagte, trotzdem er von seiner Arbeit für die Flotte nicht wenig in Anspruch genommen worden sein muss, mit Geld zu bekämpfen: Er „stürzte (…)sich in die seichten Vergnügungen der Adriastadt und frequentierte mit derselben Häufigkeit, mit der es auch seine ihm unterstellten Offizierskollegen taten, die Nobelbordelle und Tanzpaläste.“[14]

Anlässlich der Geburt des Sohnes von Napoleon III. reiste Maxi­mi­li­an im Auf­trag Franz Josefs nach Paris und traf so zum ersten Mal mit dem „Parvenu“, wie er in Wien verächtlich genannt wurde, zu­sammen, der doch der Herr seines Schicksals werden sollte.

In seinen Briefen nach Wien schreibt er äußerst negativ über Na­poleon und seine Familie, das waren damals noch außer dem Kaiser dessen Frau Eugenie und Napoleons I. Bruder Jerome mit seinen Kindern. Allesamt findet Maximilian sie eher abstoßend als sympathisch, die Hofführung erscheint ihm dilettantisch.

In Gesprächen mit dem neuen Kaiser der Franzosen wird Ferdinand Max mitgeteilt, Frankreich würde eine Allianz mit England und Österreich begrüßen, eine mit Russland aber nicht anstreben. Dabei bemerkt Ferdinand Max verwundert die offensichtliche Unkenntnis Napoleons über die österreichischen Verhältnisse. Auch als die Rolle Preußens im Krimkrieg angesprochen wurde, herrschte weitgehende Übereinstimmung.[15]

Angesichts dieser Übereinstimmungen der politischen Ansichten des Erzherzogs und des Kaisers, der doch ganz andere Absichten hatte, drängt sich die Vermutung auf, Ferdinand Max sollte von Napoleon, der, wenn er wollte, von bestrickendem Wesen sein konnte, umgarnt werden, was ihm offensichtlich auch gelang. Hatte Maximilian zunächst Napoleon als „kleine, unansehnli­che Ge­stalt“ mit „durch und durch nicht noblem Äußeren“, schlep­pen­dem Gang, unschönen Händen und unstetem Blick beschrieben[16], so wurden sie sich schon bald immer sympathischer.

Dass Napoleon nicht von allen Sympathie entgegengebracht wurde, bemerkte aber selbst der von Paris und seinem Kaiser faszinierte Erzherzog: Beispielsweise als er die Stadt allein besichtigen musste, wohl weil Napoleon III. Angst vor negativen Äußerungen der Bevölkerung hatte, oder als er die Opposition von Jerome und dessen Sohn bemerkte.[17]

Als Ferdinand Max Paris verließ, nahm er die Versicherung Na­poleons mit, er sei mit dem Friedensschluss in Deutschland zu­frieden, bezweifle aber seine Dauerhaftigkeit, und befürworte ein „remaniement de la carte de l´Europe“[18]. Auch sein Miss­trauen in Bezug auf Frankreichs Verhalten in Italien wurde fast zer­streut, was sich allerdings in Zukunft noch ändern sollte.[19]

Die nächste Station seiner Reise war Belgien[20], wo er seine zu­künftige Gattin kennenlernte, Prinzessin Charlotte von Belgien, die Tochter des in seiner Heiratspolitik ungemein erfolgreichen Königs Leopold I., der immer­hin der Onkel sowohl der engli­schen Queen Victoria als auch ihres Gat­ten, Prinz Albert von Sachsen-Coburg-Gotha war; diese Bezie­hung zum engli­schen Königs­paar wurde aber wohl von den Zeitge­nossen deutlich überbe­wertet, denn Victoria ließ sich von ihrem ehr­geizigen Onkel keineswegs in ihre Politik hineinreden, eher scheint es umge­kehrt gewesen zu sein.[21] Als nämlich Ferdi­nand Max in Brüssel erschien und sich Charlotte von dem jungen Habsburger begeistert zeigte, ergriff Leopold die Gelegenheit, sich die Habsburger verwandt zu machen und schickte den bisheri­gen Favo­riten für die Hand Charlottes, Prinz Pedro von Portugal, in die Wüste. Das hatte einen Brief aus London zur Folge, in dem die englische Queen Pedros Fähig­keiten anpries und ihrer Mei­nung, der Braganza sei der bei weitem geeignetste Ehemann für Charlot­te, Ausdruck gab. Doch die Habsburger hatten in Leopolds Hei­ratspolitik den Vorrang, und als Victoria den österreichi­schen Prinzen schließ­lich kennenge­lernt hatte, brachte auch sie keine Einwände mehr.

Maximilian war zwar ebenfalls von Charlotte begeistert, die er als geistig ihrem Alter weit voraus und als werdende Schönheit beschrieb, über die Hofhaltung seines zukünftigen Schwiegerva­ters aber hatte er zwar weniger beißende, aber doch auch kriti­sche Worte übrig.[22]

Charlotte wurde zwar wirklich die Schönheit, die Ferdinand Max in ihr sah, hatte aber einige Charakterschwächen, die sie von ihrem Vater ererbt hatte und die sich später, in der Vorge­schichte des mexikanischen Kaisertums für Maximilian negativ auswirken sollten: Das war vor allem ihr schrankenloser Ehrgeiz, der es nicht verwinden konnte, in Miramar an der Seite des abgeschobenen Erzherzogs zu versauern. Aber sie hatte auch Eigenschaften wie „nüchterne Klugheit und Sachlichkeit“[23] von ihrem Vater mitbekommen; ihre Mutter, die Tochter des Bürgerkö­nigs Louis Philippe von Orleans, hatte ihr nur die Schönheit vererben können, denn sie starb schon früh, so dass Charlotte unter der Obhut ihres Vaters aufwuchs, der sie innig liebte.

Da es auch Ferdinand Max bekannt war, dass Leopold hauptsächlich politische Ziele verfolgte, wenn er seine Kinder verheiratete – immerhin waren auch die Habsburger in dieser Hinsicht nicht unerfolgreich – hatte er zunächst Bedenken, als Objekt der bel­gischen Beziehungspolitik missbraucht zu werden, die jedoch von Leopold zerstreut werden konnten.[24]

Dennoch ließ Ferdinand Max den belgischen König für die hervor­ragende dynastische Verbindung einiges bezahlen, ja sogar eini­ges mehr, als Leopold eigentlich beabsichtigt hatte, was jedoch für das Verhältnis der beiden nur gut zu sein schien; jedenfalls kamen sie sich im Verlauf der harten und zäh geführten Verhand­lungen immer näher.[25]

Doch auch Leopold stellte Bedingungen. Die für Maximilian wich­tig­ste davon war, dass sein künftiger Schwiegersohn auch eine angemessene Stellung innerhalb der Habsburgermonarchie haben müsse. Da aus Oberitalien sowieso bedrohliche Berichte eingin­gen, entschloss sich Franz Josef, wenn auch schweren Herzens, im Jahr 1857, seinem Bruder die schon lange ersehnte Regierungsver­ant­wor­tung zu übergeben und ihn zum Generalgouverneur von Ober­italien, d.h. des Königreiches Lombardo – Venetien zu machen.[26] Dabei wollte er sich jedoch seine neoabsolutistische Machtvoll­kommenheit in keinster Weise schmälern lassen, was er aber Ferdinand Max erst noch klarmachen musste, der sein Amt mit großem Reformeifer angehen wollte.

Mitte des Jahres 1857 machte Ferdinand Max einen Besuch in London, um sich bei Queen Victoria vorzustellen, die daraufhin den zuvor geschmähten Habsburgerprinzen in den höchsten Tönen lobte und gegen eine Ehe mit Charlotte nichts mehr einzuwenden hatte.[27]

Am 27. Juli 1857 war Hochzeit.

In dieser Zeit kam es auch zu einem ersten Kontakt mit den sich auf der Suche nach einem Kaiser befindlichen Mexikanern; jeden­falls erzählte Maximilian laut Corti seinem Schwiegervater, der ihn in Monza besuchte, ihm sei der Thron eines noch zu schaffen­den mexika­nischen Kaiserreichs angeboten worden. Leopolds Kom­mentar: „Cela serait une belle position.“[28]

Unterdessen schickte sich Napoleon an, Ferdinand Max´ Vorbehal­ten hinsichtlich seiner Stellung zur oberitalienischen Frage Recht zu geben; unter dem Eindruck der ständigen Ränke Cavours­, des Orsini – Attentats und um seinem selbstgeschaffenen Ruf eines Befreiers unterdrückter Völker gerecht zu werden, war er zu dem Entschluss gekommen, den ständig schwelenden Streit zwi­schen Österreich – Ungarn und Sardinien – Piemont notfalls mit Waffengewalt zu entscheiden – zugunsten der Italiener.[29] Dieser Entschluss wurde auch den Italienern sehr bald bewusst; umso selbstbewusster traten sie auf. Und Ferdinand Max war sich im Klaren darüber, dass hinter der Unruhe unter den Italienern Napoleon stand; er konnte sich auch die veschied­enen Gründe, die ihn dazu bewegten, denken. In einem Brief an Leopold schrieb er: „Er (Napoleon III.) hat die italienische Frage gewählt, (um von seinen innenpolitischen Problemen abzulenken), (…) wie mir scheint, aus zwei Grün­den, aus bonapartistischer Tradition, die Österreich hasst und auf den Feldern Italiens bekämpft, und zweitens, weil er aus seinen früheren trüben Verbindungen weiß, wie sehr man leider in England diese Hauptfrage der kontinenta­len Revolution interessant und emotionierend findet.“[30]

Ferdinand Max hätte jetzt Unterstützung aus Wien gebraucht, aber seine Beziehung zu Franz Josef war, wie gesagt, eher schlechter als besser geworden; der Grund dafür war – wieder einmal oder immer noch? – die Eifersucht zwischen den Brüdern. Ferdinand Max hatte nämlich versucht, die Italiener durch betont liberales Auftreten und Regieren zu gewinnen, und tatsächlich genoss er auch gewisse Sympathien bei den Italienern; diese allerdings beruhten eher auf der freundlichen Erscheinung des Gouverneurse­hepaares als auf der Regierungsarbeit Maximilians. „Freilich, die entgegenkommendste Verwaltung, weitest getriebene Strenge oder Milde hätte an den Dingen in Italien grundlegend nichts ändern können.“[31] Dazu kam noch, dass die zweifellos gutgemeinten Aktionen Maximilians laufend von Wien torpediert wurden, weil es Franz Josef gar nicht gerne sah, wenn der Gouverneur von Lom­bardo – Venetien allzu eigenständig handelte und weil der unfä­hige Graf Buol, der leitende Minister Österreich – Ungarns, die Vorschläge Ferdinand Max´ nicht einmal anzuhören gewillt war.

„Enttäuscht und verbittert, sah er seine mühevolle Aufbauarbeit, de sogar sein ärgster politischer Gegner Graf Camillo Cavour, der eingestand, dass Ferdinand Max die Lombardei zu einer blühen­den Provinz gemacht hatte und sein Reformwerk durchzugreifen begann, honorierte, vom uneinsichtigen Wiener Hof, der seinen Traum einer autonomen Regierung bedenkenlos vernichtet hatte, absichtlich torpediert.“[32]

Der Erzherzog wurde in die Beratungen über die Maßnahmen zur Lösung des Problems nicht mit einbezogen, die getroffenen Maß­nahmen wurden ihm nur zur Ausführung übermittelt und er wurde nicht über Franz Josefs Einstellung informiert. Anstatt die von ihm bevorzugte diplomatische Lösung zur Kenntnis zu nehmen, machte ihn Wien zum Sündenbock für die immer unglücklicher werdenden Maßnahmen Österreichs, die das Problem nur noch ver­schlimmerten. Doch auch das, was Ferdinand Max getan hätte, hätte den nun folgenden Krieg wahrscheinlich nicht verhindern können, da die einzige Lösung, die auch für die Italiener an­nehmbar gewesen wäre, der vollständige Rückzug der Österreicher aus Italien nämlich, auch für Ferdinand Max außer Diskussion stand.

Anfang Winter 1858/59 war für Maximilian die Lage so gespannt geworden, dass er seine Frau mit seinem beweglichen Besitz nach Brüssel schickte und den Rest seiner Amtszeit allein in seinem Palast in Mailand verbrachte – aus Pflichtgefühl seiner einmal übernommenen Aufgabe gegenüber, wie er seiner Mutter schrieb[33], aber auch, weil ihn Franz Josef nach dem 12. September nicht gehen ließ, als er abdanken wollte.

Als er dann doch anlässlich des ausbrechenden Krieges mit Piemont und Frankreich als Generalgouverneur entlassen wurde und durch den ihm im Rang untergebenen Festungskommandanten von Venedig, Feldmarschall Alemann und durch den Feldzeugmeister Graf Gyulai, der sich schon als Chef der Geheimpolizei einen üblen Ruf erwor­ben hatte, ersetzt wurde, geschah dies in einer Form, die nur als belei­digend bezeichnet werden kann. Überdies wurden Rekru­tierungen und Münzreformen durchgeführt, was nach Ferdinand Max´ Überzeugung zu Unruhen unter der Bevölkerung führen musste, was dann ja auch geschah.

Nachdem, getreu seinen (und Leopolds) Voraussagen die schlecht geführten Österreicher in der Schlacht von Solferino den Piemon­tesen und Franzosen unterlegen waren und nur dank Napoleons Furcht vor einem preußischen Eingreifen „nur“ mit dem Verlust der Lombardei davongekommen waren, zog sich Ferdinand Max in sein Traumreich, nach Miramar zurück. Er unternahm eine bis 1860 dauernde Reise nach Brasilien, das ihn tief beeindruckte. Er gewann den Eindruck, Brasilien sei ein unermesslich großes und reiches, aber noch zu zivilisierendes Land, was noch für seine Pläne in Mexiko von Bedeutung sein sollte. Doch schon 1860 schmiedete er Pläne, Brasilien betreffend.[34] Er gedachte eine Ehe zwischen seinem jüngeren Bruder Ludwig Viktor, dessen homosexu­elle Neigungen ein wohlgehütetes Familiengeheimnis waren, mit der Tochter des brasilianischen Kaiserpaares, Isabella, zu stiften. Damit gedachte er zweierlei zu erreichen: Erstens „Habsburgs Anwartschaft auf die Schätze der Neuen Welt zu bekun­den,“[35] und zweitens dem Land Zivilisation zu bringen, was, wie er meinte, bitter nötig war. Doch sowohl von der Familie, die das ganze als Hirngespinst abtat, als auch von Ludwig Viktor, der das bequeme Leben in Wien nicht mit einem Leben an der Seite einer unattraktiven Gattin im Urwald vertauschen wollte, kamen entschiedene Absagen.

Wieder daheim, informierte er sich in Wien über den Zustand des Reiches; daraufhin bat er seinen Schwiegervater, zum Schein seine Besitzungen in Ungarn und Italien zu kaufen. Anscheinend hatte er den Eindruck, die Donaumonarchie sei kurz vor dem Auseinanderfallen.

Ferdinand Max zog sich mit Charlotte nach Miramar zurück. Doch der Erzherzog wurde immer unruhiger. Er hatte immer noch keine Krone ! Langsam wurde es Zeit für ihn, zumal auch Charlotte ihn immer häufiger drängte, seinem Frührentnerdasein ein Ende zu machen; sie wollte nicht mehr nur die Frau eines Erzherzogs sein.

 

4. Monarchisten auf der Suche nach einem Monarchen: Gutierrez de Estrada und Don José Manuel Hidalgo

 

So weit zu Lebenslauf und Charaktereigenschaften des Erzherzogs Ferdinand Maximilian von Habsburg. Auch Napoleon III. wurde bereits angesprochen. Wer waren nun aber die beiden anderen Hauptfiguren, die bei der „Kür“ Ferdinand Max´ zum Kaiser von Mexiko noch mitspielten ?

Der Ältere der beiden war Don José Maria Gutierrez de Estrada, „ein großer Bewunderer des Klerus, ein pragmatisch denkender, kompromissloser Mann, der keine ihm widersprechende Meinung duldete. Von streng jesuitischer Erziehung geprägt, sah dieser Mann einzig und allein in der Wiederherstellung der Monarchie eine Chance, das Chaos der herrschenden Zustände zu beseiti­gen.“[36] Als er diese Meinung öffentlich mittels einer Streit­schrift vertrat, war der Widerstand der Bevölkerung so groß, dass er ins Exil nach Europa gehen musste. Doch an seiner Meinung hielt er fest, besonders, seit er von dem in Bedrängnis gerate­nen Santa Ana offiziell beauftragt war, nach einem Monarchen für Mexiko zu suchen. Dabei stieß er schon bald auf die österrei­chischen Habsburger, die aber ablehnten. Auch an allen anderen europäischen Höfen holte er sich nur Absagen, übrigens auch bei Leopold, damals noch Gatte der Prinzessin von Wales, der Ferdi­nand Max aber ermutigte, die Krone Mexikos anzunehmen.

Dabei ließ er es nicht an Ausdauer und Überredungskünsten feh­len, im Gegenteil, er übertrieb es damit: Fürst Metternich zum Beispiel „bombardierte“ er 1846 „mit Aide-memoires, Tausende von Worten lang, denn er war unfähig, einen Brief unter dreißig Seiten zu schreiben.“[37]

Dass Gutierrez in Wien mit besonderer Ausdauer nach einem Thron­kandidaten suchte, darf dabei nicht überraschen; schließlich waren die Habsburger sowohl durch die Tradition als auch durch ihren Konservatismus die erste Adresse, die dem überzeugten Monarchisten in den Sinn kommen musste. Er war zwar schon dreißig Jahre vorher abgeschmettert worden, als er Erzherzog Karl, Kaiser Franz´ Bruder, die Krone antrug, die sich dann Iturbide nahm. Der einzige Grund, warum ihn Metternich 1846 anhörte, war Gutierrez´ Ehe mit der Tochter der Gräfin Lützow, der Haushof­meisterin Ferdinand Max´; durch sie wurde Gutierrez 1861 auf Ferdinand Max aufmerksam, der unzufrieden in Miramar auf die Gelegenheit wartete, sich zu beweisen. Doch vorher hatte er sich noch Absagen aus London und von Louis Philippe, dem 1848 ent­machteten König von Frankreich und Chef des Hauses Orleans geholt. Danach wandte er sich Spanien zu, wo er einen eifrigen und der Sache ergebenen Mitstreiter fand: Don Jose Manuel Hidal­go.

Dieser „war der Sohn eines spanischen Offiziers, der sich wäh­rend des Unabhängigkeitskampfes für Iturbide erklärt und in Mexiko große Ländereien erworben hatte. José hatte seine Jugend hauptsächlich in Spanien und nur einige Jahre in Mexiko ver­bracht, bevor er im diplomatischen Dienst nach Europa zurück­kehrte. Politisch konservativ eingestellt, nicht so sehr aus Überzeugung, sondern weil er die Güter seines Vaters zu behalten wünschte, gehörte Hidalgo, wie Gutierrez, zu jener Art Patrio­ten, die zwar laut die Liebe zu ihrem Vaterland beteuern, es aber vorziehen, außerhalb seiner Grenzen zu leben. Gemeinsam intrigierten sie für die monarchistische Sache, wobei sie ihren Auftrag vor dem mexikanischen Botschafter geheimhielten, und sie waren schon drauf und dran, einen spanischen Prinzen zur An­nahmen der mexikanischen Thronkandidatur zu überreden, als 1854 zwei Revolutionen, die eine in Spanien und die andere in Mexiko, ihre Pläne durchkreuzten. Gutierrez musste in seinen römischen Palast zurückkehren, und Hidalgo begab sich nach Paris, wo er noch glanzvollere Beziehungen anknüpfte als in Madrid. Unter den Freunden seiner Jugend befand sich nämlich eine gewisse Gräfin Montijo mit zwei hübschen Töchtern, deren eine nun Kaiserin der Franzosen war.“[38]

Diese Beziehung sollte für die Kandidatur Maximilians entschei­dend werden.

 

5. Die Kandidatur des Erzherzogs Ferdinand Max von Habsburg

 

In Biarritz traf Hidalgo mit dem französischen Kaiserpaar zusam­men und sprach bei Kaiserin Eugenie das mexikanische Problem an. Er brachte Nachricht, wie er meinte als erster, von den Ereig­nissen, die in Mexiko zum Machtwechsel geführt hatten, von der Einstellung der Schuldenrückzahlung durch Juarez und von den englischen und spanischen Plänen zur Intervention, um ihre Investitionen zurückzubekommen.

Als Napoleon III. erfuhr, dass die von ihm gewünschte Konstella­tion endlich zustande gekommen war, so dass Frankreich zwar in Mexiko eingreifen konnte, ohne jedoch als alleiniger Aggressor dazustehen und gleichzeitig ohne ein Eingreifen Englands, das ja mit von der Partie war, und der USA, die mit dem Bürgerkrieg mehr als beschäftigt waren, fürchten zu müssen, machte sich das Kaiserpaar gemeinsam mit Hidalgo auf die Suche nach einem ge­eigneten Thronkandidaten und besprach sämtliche Möglichkeiten.

Das nahe liegendste wäre ein Prinz aus dem spanischen Königshaus gewesen. Ein solcher Prinz war jedoch nicht vorhanden. Auch Prinzen aus den verschiedenen deutschen Staaten kamen nicht in Frage, denn „bei jedem gab es Hindernisse, wie zum Beispiel die Religion und die relativ geringe Bedeutung ihrer Länder.“[39] Dann brachte Hidalgo den österreichischen Erzherzog Rainer ins Spiel, denn Erzherzog Maximilian, der andere denkbare Erzherzog, würde ja doch nicht anneh­men – oder doch ?

Immerhin war Maximilian dem französischen Kaiser persönlich bekannt und der Kaiser wusste vermutlich auch von den Problemen des frustrierten Erzherzogs. Vor allem aber hatte Kaiserin Eugenie Ferdinand Max vermutlich schon vor der Unterredung mit Hidalgo in Biarritz als geeigneten Kandidaten ausersehen gehabt, jedenfalls trieb sie jetzt die Kontaktaufnahme mit Wien ener­gisch voran. Das war ein nicht zu unterschätzender Faktor, denn Eugenies Einfluss auf die Politik Napoleons III. wurde in diesen Jahren immer größer.

Darüber hinaus wurde damit spekuliert, dass Franz Josef ganz froh sein würde, den lästigen Bruder außer Landes zu wissen, noch dazu mit einer ihn wohl vollkommen in Anspruch nehmenden Aufgabe beschäftigt.

Trotzdem ließ er den Bruder nicht ins offene Messer laufen und ließ ihn eindringlich vor der Annahme des Thrones warnen, wo­durch sich Ferdinand Max veranlasst sah, die Bedingungen für eine Thronannahme zu stellen, die ihm dann später von Napoleon als erfüllt vorgegaukelt wurden.

 

6. Zusammenfassung

 

Abschließend können also verschiedene Gründe aufgeführt werden, warum sich Napoleon III. aus all den europäischen Prinzen, die zur Auswahl gestanden haben, gerade den österreichischen Erzher­zog Ferdinand Max herausgesucht hat, um ihn zum Kaiser von Mexiko zu machen.

– Kaiser Napoleon kannte die Charaktereigenschaften des Erzher­zogs von dessen Besuch des Jahres 1856 ziemlich genau, konnte also einschätzen, wie Ferdinand Max reagieren würde, und, vor allem, ob der Habsburger sich in Mexiko so behandeln lassen würde, wie der Franzose dies zweifellos schon damals einge­plant hatte.

– Obwohl der französische Kaiser bei diesem Besuch laut Ferdi­nand Max erschreckend wenig von den innerösterreichischen Ver­hält­nissen wusste, dürfte sich das spätestens seit 1859, dem Jahr des Krieges gegen Österreich geändert haben, so dass Na­poleon III. wohl genau über das Zerwürfnis der beiden Brüder Bescheid wusste, wahrscheinlich sogar von den privaten Proble­men Maximili­ans, zu denen auch seine ehrgeizige Frau gehörte, die ihrem Gatten ständig damit in den Ohren lag, er solle seine Position verbes­sern, denn sie wolle nicht „bis an ihr Lebensende müßig ‚von einem Felsen ins Meer (…) starren.'“[40]

– Die „Verschwörer“ sahen einen spanischen Prinzen als für den mexikanischen Thron am geeignetsten an; Estrada hatte nicht umsonst in seinem Pamphlet, wegen dessen Veröffentlichung er aus dem Land gewiesen wurde, als Argument für die Wiederher­stellung der Monarchie die Verhältnisse unter den spanischen Vizekönigen angepriesen, die ja wirklich weit weniger chao­tisch gewesen waren als die zur Zeit der Republik herrschen­den Zustän­de. Da aber der noch 1854 als Kandidat vor­gesehene spani­sche Infant Don Juan von Bourbon ausgefal­len war, kam nur noch ein österreichi­scher Prinz in Frage, nicht nur, weil der ein Habs­burger wäre, das war wahr­scheinlich sogar nebensäch­lich, wenn auch nicht unwillkommen – zumindest für Napoleon, bei Gutierrez de Estrada und Hidalgo dürfte die Ge­wichtung anders gewesen sein – sondern weil sein Land im Un­terschied zu anderen Staaten, besonders deutschen Staaten, in denen man eventuelle Kandidaten vermuten konnte, ein gewisses politi­sches Gewicht besaß, dabei jedoch keine See­macht dar­       stell­te, deren Machtgelü­ste durch einen Fa­milien­angehöri­gen als Kaiser von Mexiko da­durch bestärkt werden konn­ten und den See­mächten Eng­land, Spa­nien und Frank­reich gefähr­lich werden konn­te.

– Ferdinand Max war mit der Tochter des belgischen Königs ver­heiratet, dessen Unterstützung dadurch gesichert erschien; damit wäre neben Spanien, England, Frankreich und Österreich mit Belgien ein fünfter europäischer Staat hinter der Aktion gestan­den – so hatten es sich wenigstens die mexikanischen Monarchis­ten ausgerechnet.

– Ferdinand Max hatte als Generalgouverneur von Lombardo – Venetien gezeigt, dass er einerseits regieren konnte und ande­rer­seits liberalen Ideen nicht unaufgeschlossen gegen­über­stand, ein gewichtiges Argument gegen den Liberalen Juarez!

– Schon 1846 hatte der mexikanische Präsident Paredes nach einem Erzherzog für einen neu zu schaffenden Kaiserthron gefordert. Daraufhin war Estrada schon damals nach Wien gekom­men, aber von Metternich abgewiesen worden. Jetzt hoffte man, bei der         neuen Generation von Herrschenden in Wien mehr Erfolg zu haben.

Nachdem Gutierrez de Estrada erst einmal durch einen Brief seiner Schwiegermutter, der Gräfin Maria Ignata von Lützow, auf den „untätig in Miramar herumsitzenden Ferdinand Maximilian aufmerksam“[41]geworden war, schienen die beiden Mexikaner – und mit ihnen Napoleon III. – endlich „einen geeigneten Kandidaten für die Kaiserkrone (…) (ihres) Heimatlandes Mexiko gefunden zu haben. Maximilian erfüllte (wie oben gezeigt) alle Voraus­setzungen aufs beste: er entstammte dem ältesten und vornehmsten Herrschergeschlecht Europas, war jung und unzufrieden, ambitio­niert und hispanophil, kurzum das ideale ‚Opfer‘ für die Ma­chenschaften Estradas, der bald darauf in Aktion treten und dabei seinen mächtigsten Verbündeten in der Person des Kaisers von Frankreich finden sollte.“[42]

 

7. Literaturangaben

 

Bock, Carl Heinz: The Negotiation and Breakdown of the Trip­artite Convention of London of 31 October 1861. A Diplomatic Prelude to the Establishment of Maximilian in Mexico, with Special reference to Great Britain and France. Vol. I. New York 1961. Diss.

Corti, Egon Caesar Conte: Maximilian und Charlotte von Mexiko. Bd.1: Vor der Annahme der Krone. Zürich/Leipzig/Wien 1924.

Haslip, Joan: Maximilian, Kaiser von Mexiko. München 1971.

Hel­linghaus, Otto: Maximilian von Mexiko. Freiburg i.Br. 1928.

Herre, Franz: Kaiser Franz Joseph von Österreich. Sein Leben – seine Zeit. Köln 1978.

Kem­per, J.: Mexiko unter Kaiser Maximilian I. Regensburg 1907.

Middendorff, Wolf: Maximilian, Kaiser von Mexiko. Sein Leben und sein Prozeß in historischer und psychologischer Sicht. Köln 1981.

Smith, Gene: Maximilian and Carlota. The Habsburg Tragedy in Mexico. London 1973.

Urbach, Monica: Mexico zwischen Republik und Monarchie. Europas          Kampf um Mexico vom Interventionskrieg 1861 bis zum Ende des Maximilianischen Kaiserreiches 1867 in der Beurteilung der deutschen Presse – unter besonderer Berücksichtigung der „All­gemeinen Zeitung“. Frankfurt a.M./Bern/New York/Paris 1987.

Vogelsberger, Hartwig A.: Kaiser von Mexiko. Wien/München 1994.

Wandruszka, Adam/Werner Kitlitschka (Hgg.): Maximilian von Mexiko 1832 – 1867. Ausstellung auf Burg Hardegg. Wien 1974.


 

    [1]Vogelsberger, S.19.

    [2]Vogelsberger, S.23.

    [3]Corti S.28/29, Anm.2.

    [4]Corti S.29ff/34ff.

    [5]Vogelsberger, S.52.

    [6]Vogelsberger, S.50.

    [7]Haslip, S.13. Zitiert nach Vogelsberger, Kap.3, Anm.2.

    [8]Corti S.51.

    [9]Corti S.52, Anm. 1.

    [10]Corti S.52/53.

    [11]Haslip, S.24/25.

    [12]Vogelsberger, S.53.

    [13]Vogelsberger S.57,s.auch Herre S.146, Haslip S.62ff.

    [14]Vogelsberger S.56/57.

    [15]Corti S.56ff.

    [16]Haslip S.74, s. auch Vogelsberger S.46/47, Corti S.56.

    [17]Corti S.56, 59/60.

    [18]Corti S.56.

    [19]Corti S. 65/66.

    [20]zum Folgenden siehe v.a. Corti S.66/67ff.

    [21]Vogelsberger S.57ff, Herre S.147, Haslip S.79ff.

    [22]Corti S.68ff.

    [23]Corti S.71.

    [24]Corti S.71, Vogelsberger S.59.

    [25]Corti S.75, Vogelsberger S.60.

    [26]Vogelsberger S.60, Corti S.75/76;s.auch Haslip S.98.

    [27]Corti S.77/78, s. auch Vogelsberger S.61/62.

    [28]Corti S.78.

    [29]Corti S.84.

    [30]Erzherzog Ferdinand Max an König Leopold von Belgien, Miramar, 2.VI. 1858. Original im M.A.K.M., Wien, Staats­ar­chiv. Zitiert nach Corti S.85.

    [31]Corti S.86.

    [32]Vogelsberger S.65.

    [33]Corti S.88, Vogelsberger S.64/65, Haslip S.120.

    [34]Vogelsberger S.77ff.

    [35]Vogelsberger S.77.

    [36]Vogelsberger S.23.

    [37]Haslip S.147.

    [38]Haslip S.148/149.

    [39]Corti S.103.

    [40]Vogelsberger S.88.

    [41]Vogelsberger S.81.

    [42]s. Anm.41.