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Die Meiji-Restauration ist eines der erstaunlichsten nachholenden Entwicklungen als Reaktion auf den Zusammenstoß einer asiatischen Zivilisation mit der westlichen Moderne, die wir kennen. Japan entwickelte sich innerhalb weniger Jahrzehnte aus einem eher rückständigen Agrarstaat hin zu einer modernen Industrienation, die mit dem Westen gleichzog und sehr schnell selbst koloniale Ambitionen zeigte.

Zwar konnten auch andere Nationen in Asien, wie z.B. Siam oder Afghanistan, dem westlichen Imperialismus widerstehen, doch sie verharrten danach in ihren alten Strukturen. Japan erkannte hingegen, dass eine bloße aktuelle Abwehr der ausländischen Bedrohung nicht ausreichte, sondern dass sich das Land völlig verändern musste, um zukünftig eine Rolle in der Weltpolitik spielen zu können. Und noch erstaunlicher ist es, das hierzu keine Revolution gegen die alten Oberschichten notwendig war wie zum Beispiel später in China, sondern das die Eliten selbst diesen Umwandlungsprozess vornahmen und dazu bereit waren, auf Teile ihrer Privilegien zu verzichten und militärisch gegen die Fraktionen der bislang herrschenden Gruppen vorgingen, die den Weg in die Moderne nicht gehen wollten.

Mit der Thronbesteigung von Kaiser Matsuhito (Regierungszeit 1868-1912, Thronname Meiji = erleuchtete oder klare, helle Herrschaft, mei = klar, hell) erlebte das Land einen tiefgreifenden Wandel. Die Bezeichnung Meiji-Restauration wirkt irreführend auf den westlichen Betrachter, da es in Wirklichkeit eine Revolution war, die hier stattfand. Da aber in dieser Ära die Herrschaft wieder an den Kaiser zurückfiel, die er vor vielen Jahrhunderten an rivalisierende Feudalclans verloren hatte, schien es eine Rückkehr zu alten Verhältnissen zu sein, eben eine Restauration.

Nach einer langen Phase innerer Unruhen gelang es im Jahre 1600 Tokugawa, einem mächtigen Fürsten im Osten des Landes, alle rivalisierenden Warlords zu besiegen und das Tokugawa-Schogunat zu begründen (Schogun= Heeresführer, auch Bakufu genannt), welches offiziell bis 1868 bestand. Seit 1639 hielten sie das Land vollständig von der Außenwelt abgeschlossen und beließen lediglich den Holländern einen Handelsstützpunkt in Nagasaki. Auslandsreisen und Kontakte zu anderen Staaten wurden den Japanern strengstens untersagt. Erst 1853 beendete eine US-Flottenkommission unter Kommodore Perry, der mit seinen Schiffen vor Yokohama in der Bucht von Edo, heute Tokyo, auftauchte, die selbstgewählte Isolation des Landes.

Das Japan, welches die Amerikaner und später die Europäer vorfanden, erinnerte sie an das europäische Mittelalter. Während in den übrigen asiatischen Staaten Herrscher mit einer zentralisierten Bürokratie ihre Länder regierten, hatte man in Japan den Kaiser (Tenno), zur völligen Machtlosigkeit verdammt und er führte in den Palästen von Kyoto ein schattenhaftes Dasein. Es nützte ihnen nichts, dass sie angeblich göttlichen Ursprungs waren und ihre Dynastie von der Sonnengöttin Amaterasu abstammen soll, das verhalf ihnen nicht zu einer effektiven Herrschaftsausübung. Stattdessen wurde Japan von einer kleinen Gruppe Feudalherren regiert, 266 Großfürsten (Daimyo), denen das gesamte Land mit den dazugehörigen Bauern gehörte. Der mächtigste von ihnen gehörte zu dem Tokugawa-Clan, der ungefähr ein Viertel des japanischen Bodens besaß. Die Daimyo herrschten auf ihren ausgedehnten Gütern mehr oder weniger autonom, doch der Schogun zwang sie dazu, sich immer vorübergehend eine Zeitlang in Edo, der japanischen Hauptstadt, aufzuhalten, um sie seiner Kontrolle zu unterwerfen.

Die gesamte Gesellschaft gliederte sich in vier Stände, die streng voneinander geschieden waren. Es handelte sich um Geburtsstände, die Menschen wurden in sie hineingeboren, ein Wechsel war nicht möglich, genauso wie im europäischen Mittelalter unterbanden sie die soziale Mobilität.

Der erste Stand bestand aus den Samurai, den Kriegern und Gefolgsleuten der Daimyo. Sie ähnelten den europäischen Rittern, nur dass sie in der Regel kein eigenes Land besaßen, sondern von ihren Feudalherren ein jährliches Gehalt in Form von Reiszuwendungen erhielten. Ihre Zahl betrug am Ende der Tokugawa-Epoche mit Familienmitgliedern ungefähr 2 Millionen, ca. 6% der Bevölkerung, und ihre soziale Lage gestaltete sich höchst unterschiedlich, abhängig vom Reichtum ihres Herrn und dem Rang, den der einzelne Krieger in der Hierarchie einnahm. Ausgebildet um Krieg zu führen, verloren sie während der langen Friedenszeit unter dem Tokugawa-Schogunat jegliche Funktion und nahmen immer mehr den Charakter einer parasitären Kaste an, da sie keine nützlichen Aufgaben mehr wahrnahmen und sich in der Regel darauf beschränkten, ihren Sold auszugeben. Auch auf ihrem ureigenen Gebiet, der Kriegsführung, entwickelten sie sich zu einem Anachronismus, wie sich bald zeigen würde, denn der heroische Einzelkampf erwies sich in der Auseinandersetzung mit modernen europäischen Armeen als hoffnungslos unterlegen und da die Samurai Feuerwaffen als unehrenhaft ablehnten, wurden sie zu einem leichten Opfer moderner Waffentechnologien. Ihr Verhaltenscodex, Bushido genannt, worunter vor allem eine unbedingte Loyalität gegenüber dem Vorgesetzten zu verstehen ist, hat die japanische Gesellschaft bis heute geprägt, wenn auch, so meinen viele Historiker, dies eher negativ zu beurteilen ist, da diese Einstellung den späteren Militarismus und die Expansion des Kaiserreiches im Zweiten Weltkrieg mit ermöglicht hat.

Der zweite Stand mit etwa 28 Millionen Menschen umfasste die Bauernschaft, die das Rückgrat jeder Agrargesellschaft bilden und sich in Japan einer höheren Wertschätzung erfreute als in Europa, obwohl sie natürlich auch hier vor allem eine Quelle der Bereicherung für die Oberschichten darstellten, die ganz allgemein die Landwirtschaft schätzten, aber nicht unbedingt die Landwirte. Die Dorfgemeinschaften waren in sich sozial differenziert, weil die einzelnen Familien über höchst unterschiedliche Anteile an Land verfügten. Da der Anbau von Naßreis allerdings zu umfangreicher Kooperation zwingt, gab es einen größeren Zusammenhalt in den Dörfern. Nachdem die Realteilung verboten wurde, vergrößerte sich die Zahl der Hofstellen nicht mehr. Auch eine Ausweitung der Ackerflächen war mangels fruchtbarem Land nicht mehr möglich. So entstand vermutlich eine größere Anzahl landloser Bauern, von denen viele in die Städte auswichen. In der Stadt Edo lebten im 19. Jahrhundert bereits eine Million Menschen.

320px-MeijiJoukyouDie Dorfgemeinden hafteten kollektiv für die Abgaben an die Grundherren und deren Gefolge. Die Bauern waren organisiert in Fünfergruppen, fünf Häuser waren füreinander verantwortlich und sollten sich gegenseitig kontrollieren. Ob dieses organisierte Spitzel-und Überwachungssystem allerdings die erwünschten Erfolge zeigte, mag dahingestellt sein. Es wird von über 3.000 Bauernerhebungen während des Tokugawa-Schogunats berichtet, in der Regel waren dies allerdings nur lokale Tumulte.

Daneben gab es den dritten Stand der Handwerker und den zunächst wenig geachteten vierten Stand der Händler.

In der Tat ähnelte Japan sehr stark der europäischen Feudalgesellschaft und möglicherweise war das Land dabei, sich eigenständig in eine kapitalistische Gesellschaft zu verwandeln. Die Umwandlung von Naturalabgaben der Bauern in eine Geldrente während des Bakufu führte allmählich zu den aus Europa hinlänglich bekannten Zersetzungserscheinungen des Feudalsystems, denn deren Einführung zwingt den Bauern, seine Erzeugnisse auf den Markt zu bringen, um sie dort zu verkaufen. Die Naturalwirtschaft verwandelt sich somit in eine Geldwirtschaft. Das Geld macht es möglich, eine unbegrenzte Vielfalt von Waren zu erwerben, erlaubt eine unbegrenzte Entfaltung der Bedürfnisse. Dies führt zu einem Anreiz, die landwirtschaftliche Produktion zu erhöhen, wenn die Höhe der Abgaben fixiert ist und die darüber liegenden Überschüsse dem Bauern für den privaten Konsum verbleiben. Aber auch der Adel vervielfacht jetzt seine Bedürfnisse und will seine neuen Konsumbedürfnisse befriedigen. Versucht er mehr Geld durch Erhöhung der bäuerlichen Pachtgebühren zu bekommen, führt dies zu erheblichen Spannungen in dem Verhältnis zwischen Grundherren und Bauern. Die Zunahme von Bauernunruhen in Japan am Ende des Bakufu ist möglicherweise diesem Umstand geschuldet.

Gewinner einer solchen Entwicklung sind in der Regel die Kaufleute, welche die Produktion vermarkten. Die Organisation des Reishandels und der Verkauf gewerblicher Produkte, die über das ganze Land transportiert wurden, verschaffte dem bis dahin wenig geachteten Stand der Händler plötzlich eine immens wichtige Bedeutung und führte zur Bildung großer Kaufmannsvermögen. Auch wenn die Daimyo und die Samurai aus ihrer Verachtung gegenüber dem vierten Stand keinen Hehl machten, gerieten sie bald immer mehr in eine finanzielle Abhängigkeit von ihnen, um ihren stetig wachsenden Konsumbedarf decken zu können.

In den Städten hatten sich die Handwerker in Zünften organisiert und besaßen große Kenntnisse in der Metallverarbeitung, der Herstellung von Uhren, Waffen, Rikschas, Schreibutensilien, Textilwaren. Die wachsenden Städte boten einen hinreichend großen Absatzmarkt. In den Dörfern lebten zahlreiche Heimarbeiter, die Baumwolle verarbeiteten. Da viele Samurai verstreut im Land wohnten, existierte überall eine breite Schicht wohlhabender Konsumenten mit lokalen Märkten.

Im 19.Jahrhundert befand sich Japan in einem fortgeschrittenen Stadium der Protoindustrialisierung und wies somit bereits all die Merkmale auf, die für die Entwicklung einer modernen Marktwirtschaft als erforderlich erachtet werden: eine voll ausgebildete Geldwirtschaft, eng vernetzte Marktstrukturen, beachtliche Kapitalvermögen, bereit für umfangreiche Investitionen, eine gut ausgebaute Infrastruktur, einen beachtlichen Stand der gewerblichen und landwirtschaftlichen Produktion, eine disziplinierte Arbeitsbevölkerung, die schon seit langem daran gewöhnt war, auf eigene Rechnung zu arbeiten, die Überschüsse erzeugte und an einer stetigen Weiterentwicklung ihrer Einkommen interessiert war. Traditionelle japanische Traditionen standen dem nicht entgegen, die Selbstdisziplinierung der Samurai war auch für Lohnabhängige und Kleinunternehmer eine sinnvolle Eigenschaft. Die Organisation in Fünfergruppen in der Landwirtschaft, die es aber auch im Handel und Gewerbe gab, zeigte deutlich, dass man in einer Gruppe mehr erreichen kann. Eigeninteresse und Gruppeninteresse bildeten keinen Widerspruch. Alles in allem war die japanische Gesellschaft gut aufgestellt und konnte daher auf die westliche Penetration angemessen reagieren.

Möglicherweise hätte es Japan auch aus eigener Kraft geschafft, eine bürgerliche Gesellschaft zu gründen, die Stände abzuschaffen, die Feudalherrschaft zu beenden, sämtliche Vorschriften zu beseitigen, die eine industrielle Entwicklung hemmten, aber dies erwies sich als nicht notwendig. Der Zusammenstoß mit den Kolonialmächten war so heftig, das alle Schichten daran interessiert waren, ihr Land so schnell als möglich zu verwestlichen.

Als der amerikanische Kommodore Perry Japan zur Öffnung seiner Häfen zwang, endete jäh eine 250 Jahre dauernde Selbstisolierung des Landes. Im Vertrag von Kanagawa 1854 öffnete es zwei Häfen amerikanischen Schiffen zur Verproviantierung, musste die Öffnung eines amerikanischen Konsulats zulassen und den USA eine Meistbegünstigungsklausel einräumen. In den nächsten Jahren wurden auch Beziehungen mit europäischen Staaten aufgenommen, die ebenfalls Niederlassungen errichteten. Die Entwicklung ließ sich nicht mehr aufhalten. Die technische und militärische Überlegenheit der Fremden konnte niemand ignorieren. Das Bakufu zeigte sich völlig unfähig, diesen Prozess zu stoppen, geschweige denn zu kontrollieren. In den Augen der anderen Daimyo verspielte es somit seine Führungsrolle. Aber auch die Versuche anderer Clans, die Fremden zu vertreiben, scheiterten kläglich. Der Herrscher von Satsuma im Süden Japans geriet in einen Konflikt mit den Briten, die daraufhin seine Festung Kagoshima beschossen. Auch der Herrscher von Choshu im Westen Japans legte sich mit den Ausländern an. 1864 erschien deshalb eine Flotte von 17 Schiffen britischer, amerikanischer, holländischer und französischer Herkunft und zerstörte im Hafen von Shimonoseki alle Festungsanlagen. Es sah so aus, als würde Japan in Kürze ein ähnliches Schicksal erleiden wie Indien oder China, eine abhängige, unterentwickelte Kolonie werden, ein Spielball der Großmächte.

Dass die Entwicklung dann völlig anders verlief, verdankte Japan einer bemerkenswerten Einsicht der Oberschichten in den Ernst der Lage. Bereits kurz nach dem Eintreffen von Kommodore Perry hatte sich eine Gruppe von Beratern der Daimyo gebildet, die mit den Parolen ‚Vertreibt die Barbaren‘ und ‚Verehrt den Kaiser‘ eine grundlegende Revision in der Innenpolitik und die Ablösung der Doppelspitze, Kaiser und Schogun, zugunsten der alleinigen Machtkonzentration beim Tenno forderten. Die Verlierer im Kampf gegen die Ausländer, die Herrscher von Satsuma und Choshu, erkannten nun die Richtigkeit dieser Forderungen. Um Japan vor den Ausländern zu retten, musste der unfähige Schogun gestürzt werden. Die große Mehrheit der Daimyo schloss sich dieser Bewegung an und forderte das Ende des Bakufu. Nach einem kurzen Kampf wurde der Schogun besiegt und das gesamte Land des Tokugawa-Clans konfisziert und dem Staat unterstellt. Alle Macht konzentrierte sich nun bei dem jungen Meiji-Kaiser, der 1868 sein Amt angetreten hatte. Im darauffolgenden Jahr übergaben fast alle Daimyo ihre Ländereien dem neuen Herrscher und verzichteten auf ihren Grundbesitz und ihre Privilegien. Die japanischen Bauern zahlten nun ihre Abgaben, jetzt also reguläre Steuern, an den Staat und nicht mehr an ihre früheren Grundherren. Die Macht des Tenno wurde dadurch noch einmal erheblich gestärkt.

Eine mehr als tausend Jahre alte Ordnung war in nur einem Jahr praktisch über Nacht zusammengebrochen, ohne das es einer blutigen Revolution bedurfte wie in Frankreich, Russland oder China. Dieser erstaunliche Wandel zeigte sich zudem ziemlich unspektakulär, denn die Abschaffung des Bakufu und die alleinige Herrschaft des Tenno schien nur die Wiederherstellung einer uralten Ordnung zu sein und hatte äußerlich nichts revolutionäres an sich, zeigte sich also eher als Restauration. Möglich war dies nur durch die äußere Bedrohung, das die Zahl der Daimyo sehr klein war und diese eine hohe Einsicht über die politischen Notwendigkeiten besaßen und die gottähnliche Stellung des Kaisers, die ihm eine hinreichende Legitimation verschaffte.

Natürlich war die Macht der Feudalherren jetzt nicht beendet. Vielmehr zeigte es sich, dass die alte Elite auch die neue war. Die Daimyo bekamen vom Staat hohe Abfindungen und Pensionen für die Ländereien, die jetzt dem Staat unterstellt waren. Schon bald entwickelte sich aus Teilen des Feudaladels die neue Unternehmerelite, die nun, jetzt nicht mehr über Grundbesitz, sondern über Kapitaleigentum verfügte und somit weiterhin, aber von einer anderen Basis aus, das Land nach wie vor beherrschte. Die alten Machthaber hatten sich modernisiert, die Meiji-Restauration ermöglichte es ihnen, weiterhin, unter veränderten Bedingungen, die Führungsrolle zu übernehmen.

Ziel der politischen Veränderungen war es keineswegs, einen demokratischen Staat zu schaffen, nicht einmal eine konstitutionelle Monarchie, sondern eher ein absolutistisches Kaiserreich. Das europäische Bürgertum hatte einst für Freiheit und Selbstbestimmung gekämpft, doch für diese Ideale hatte der Herrscher kein Verständnis und wollte sie keinesfalls importieren. Da es kein entwickeltes Bürgertum in Japan gab, existierten auch keine sozialen Schichten, die solche Forderungen hätten erheben können. Dies änderte sich erst einige Jahre nach Beginn der Restauration. Doch die demokratischen Kräfte blieben schwach. Der Tenno erließ 1889 eine Verfassung, welche sich am preußischen Obrigkeitsstaat orientierte, dem Kaiser eine enorme Machtfülle beließ und dem Parlament nur eine begrenzte Mitwirkung an der politischen Willensbildung ermöglichte.

Diese strukturellen Veränderungen reichten allein noch nicht aus, die sich daraus ergebenden Chancen mussten nun auch genutzt werden. Glücklicherweise verfügte der Kaiser über einen hervorragenden Beraterstab aus Intellektuellen, die ursprünglich aus der Kaste der Samurai stammten. Diese hatten sich mittlerweile ausgiebig mit westlicher Wissenschaft und Technik beschäftigt, einige von ihnen bereits Europa und die USA bereist.

In den nächsten Jahren wurde die alte Ständeordnung abgeschafft und eine allgemeine Gleichstellung durchgesetzt. Das Vier-Klassen-System war damit beendet und eine freie, nach der Wirtschaft orientierte Gesellschaft machte Reichtum, Bildung und politischen Einfluss zum neuen Maßstab des Ansehens. Die Kollektivhaftung der Dörfer für Steuern wurde beseitigt, das System der fünf Häuser beendet und eine individuelle Besteuerung eingeführt. Land wurde frei verkäuflich, die alte Einteilung Japans nach Herrschaftsregionen der ehemaligen Grundherren abgeschafft und eine neue, rationale Einteilung der Gebiete nach verwaltungstechnischen Gesichtspunkten geschaffen. 1873 wurde dann die allgemeine Wehrpflicht eingeführt, die das Heeresaufgebot der Samurai ersetzte.

Verlierer dieser Entwicklung waren die Samurai, für die es in diesem neuen System keine Verwendung gab. Ihre Pensionen erhielten sie nun nicht mehr von ihrem Daimyo, sondern vom Staat. Doch der zahlte ihnen nur noch ein Drittel der bisherigen Bezüge. Dann wurden diese in eine Einmalzahlung des kapitalisierten Gegenwerts umgewandelt und sie erhielten Staatsanleihen anstelle von Jahresbezügen. Dies zwang sie dazu, ihre bisherige Lebensweise als Rentier aufzugeben, Lohnarbeit anzunehmen, es als Landwirt oder Kleinunternehmer zu versuchen. Die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht machte sie auch als Krieger überflüssig. Ihre Kleidung, ihre Lebensweise, all dies schien nun völlig anachronistisch zu sein, da die westliche Kleidung und Lebensart sich immer mehr durchsetzte. Noch einmal flammte ihr alter Kampfgeist auf während der Satsuma-Rebellion 1876/77, doch die Samurai wurden von einer Bauernarmee mit modernen Waffen vernichtend geschlagen. Damit war auch die Gefahr einer konterrevolutionären Revolte für immer gebannt.

Die nun anlaufende Industrialisierung benötigte vor allem Kapital und dies konnte man in den ersten Jahren nur durch Besteuerung der Landwirtschaft aufbringen. Die Gelder, die man dort abschöpfte, landeten beim Staat und füllten bald die Taschen der Hofkamarilla, den Daimyo, die sich mit dem Kaiser verbündet hatten und einigen Kaufleuten aus der Zeit des Bakufu. Diese Finanzoligarchie gründete die berühmten Zaibutsu, riesige Mischkonzerne, die bald das Wirtschaftsleben in Japan kontrollierten und 1945 von den Amerikanern aufgelöst wurden.

In den Jahren nach der Restauration holten sich die Japaner zahlreiche Techniker und Wissenschaftler aus den fortgeschrittenen Nationen ins Land, um von ihnen zu lernen, importierten Maschinen, bauten sie nach und verbesserten sie anschließend. Überhaupt kopierten sie zunächst viele Erfindungen aus dem Ausland, um sie danach weiter zu entwickeln. Es entstanden Fabriken zur Textilverarbeitung, Eisenbahnen, Maschinenbau und vor allem auch eine große Waffenfabrikation, denn eine Losung des neuen Japan lautetet: ‚Ein reiches Land durch eine starke Armee‘. Die meisten Betriebe waren staatlich, allerdings vermischt mit Privatkapital. Da der Staat der Geburtshelfer der modernen Gesellschaft war, spielte er auch im wirtschaftlichen Bereich eine viel größere Rolle als im westlichen Ausland. Die enge Verknüpfung zwischen Staatsbürokratie und Privatwirtschaft wurde zum Markenzeichen der Meiji-Ära und auch noch darüber hinaus.

Die Meiji-Restauration hat Japan durchgreifend modernisiert, in eine der führenden Industrienationen umgewandelt und der Bevölkerung zu einem hohen Lebensstandard verholfen. Kritiker indes wenden ein, dass es sich hier um eine Revolution von oben gehandelt hat, dass sich die alten Machteliten neu aufstellen konnten, dass die bürgerlichen Ideale von Freiheit, Gleichheit und Selbstbestimmung keinen Eingang in die japanische Gesellschaft fanden. Das Land blieb ein Obrigkeitsstaat, des Prinzip der Samurai, Bushido, die bedingungslose Loyalität gegenüber dem Vorgesetzen, nicht hinterfragt, sondern wurde sogar zu einem konstituierenden Element in der neuen Gesellschaft. Die Zaibutsu unterbanden den freien Wettbewerb und haben Japan in die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs geführt. Der göttliche Status des Kaisers blieb erhalten und verhinderte die Entwicklung demokratischer Strukturen. Diese autoritäre Gesellschaft löste in Asien einen blutigen Krieg aus und hat erst danach den Weg hin zu einer modernen Zivilgesellschaft eingeschlagen.