Seevölker – die Teresch/Tursa

Die Teresch unterscheiden sich in den Darstellungen von Karnak und Medinet Habu von den anderen Seevölkern durch ihre Haartracht: Sie tragen Stirnlocken, ihre Haare sind ansonsten kurz geschnitten und fallen daher nicht auf die Schultern. Zusammengehalten wird das Ganze durch einen Stirnreif oder ein Stirnband. Außerdem tragen einige Teresch einen scheibenartigen Gegenstand oder einen großen Ring, der vor der Brust hängt, offenbar Teil ihrer Rüstung. Außerdem trugen wohl zumindest die Anführer der Teresch einen Vollbart. Als Kleidung tragen die Teresch eine Art Wickeltuch mit horizontalen Streifen sowie eine Schürze, von der Troddeln herab hängen.

Interessanterweise finden wir Gestalten mit solcher Ausstattung und Haartracht auch unter Mitgliedern der Garde von Ramses III. Angehörige der Teresch kämpften also zumindest während des „großen“ Seevölkerangriffs zur Zeit Ramses´ III. auf beiden Seiten.

Merneptah berichtet von 742 toten Teresch in der Schlacht von Sais, in Medinet Habu ist ein Teresch-Fürst unter den gefangenen Seevölkern dargestellt.

Die Teresch sind auch aufgrund ihrer anscheinend besonders engen Verbindungen zu Ägypten das einzige Seevolk, von dem wir einen Angehörigen tatsächlich in Augenschein nehmen können: W.Flinders Petrie hat in Grab 23 von Gurob eine Mumie ausgegraben, deren Name laut Inschriften An-en-Tursa lautete (Tursa = Teresch). Er war ein hochgestellter Angestellter am Hof Ramses´ III. Seine Haare sind erhalten; sie passen zu den Darstellungen von Teresch in Karnak und Medinet Habu.

Wer waren nun die Teresch?

Sie stammten wohl aus Anatolien. Die Gegend um Troja wird in hethitischen Quellen als „Taruisa“ bezeichnet. Da die Ägypter keine Vokale kannten, wird bei ihnen „Taruisa“ ebenso wie „Teresch“ oder „Tarsu“ t-r-s geschrieben. Die Theorie ist, dass versprengte Trojaner nach dem Untergang von Troja VIIa auf Raubzug gingen und sich den Seevölkern anschlossen. Nach der Niederlage gegen die Ägypter können solche versprengten Trojaner ihr Piratenleben durchaus fortgesetzt haben, denn im Hymnus an Dionysos, der etwa 700 v.Chr. entstanden ist, ist von „Tyrsenern in wohl gedeckten Schiffen“ (also in Schiffen mit festem Deck) dir Rede.

Herodot lokalisiert die ihm als Tyrsener bekannten Völker in Lydien, also in dem Teil Anatoliens, der zu hethitischer Zeit das Königreich Arzawa war und der südlich der Troas lag. Thukydides erwähnt sie als Bewohner von Lesbos, einer Insel vor der südwestlichen Küste der Troas. Da die Griechen auch die Etrusker als Tyrsener bezeichneten und die Etrusker – die sich selbst allerdings als „Rasenna“ bezeichneten – laut ihrer Herkunftslegende aus Anatolien stammten, ergibt sich auch hier wieder ein Anhaltspunkt dafür, die Teresch/Tarsu/Tyrsener in Westanatolien zu verorten.

Eine dritte – meiner Ansicht nach wahrscheinlichere – Möglichkeit, die Herkunft der Teresch an eine bekannte Landschaft zu knüpfen, liegt darin, dass auch die Stadt Tarsus – hethitisch Tarsa – in Südanatolien in ägyptischer Schreibweise t-r-s buchstabiert wird. Die Stadt liegt in Kilikien in unmittelbarer Nähe zu den Lukka, war um 1200 Bestandteil des hethitischen Königreiches Kizzuwatna und in historischer Zeit auch Heimat berüchtigter Piraten.