lynxx-Blog

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Der Inhaber des lynxx-Blogs hat freundlicherweise Inhalte seines Blogs Geschichte-Wissen zur Verfügung gestellt. Wir danken an dieser Stelle für diese großzügige Hilfe sehr und wünschen dem geneigten Leser bei der Lektüre viel Freude.


Erste Wiener Belagerung durch die Osmanen – Teil 2 – War die Belagerung Wiens eigentliches Ziel des Feldzuges?

Über den politischen Kontext habe ich ja schon hier was geschrieben.

Die Osmanen rückten meistens im Frühjahr aus ihren Kasernen zu den Feldzügen aus. Sie fürchteten dabei nicht den (heißen) Sommer. Im Gegenteil: Die Strassenverhältnisse waren nach den Winterniederschlägen/Schneefällen besser, weswegen die Truppen meist im Sommer/Spätsommer in Ungarn ankamen.
Wie weit waren die Schlachtfelder von den Kasernen entfernt?

Distance of potential battlefields with reference to Istanbul

Dieser Feldzug wurde jedoch ungewöhnlich spät begonnen. War das Ziel wirklich Wien, wo man mit einer längeren Belagerungsdauer rechnen musste?

Die osmanische Expansionsstrategie im 16. Jh. war relativ geduldig und bedächtig (verglichen mit Alexander, Dschingis Khan, Napoleon, usw.). Dass heißt, dass man eine eroberte Stadt nicht in Besitz nahm, wenn sie von Feindesland umgeben war, und sie zu weit entfernt von der osmanischen Grenze lag. So z.B. bei der oben erwähnten ersten Einnahme von Buda (Budapest) – nach der Schlacht von Mohacs – zog man wieder ab. Man eroberte lieber eine Burg nach der anderen. Dabei lieferten die Akincis die nötigen aktuellen strategischen Informationen, auch aus dem Hinterland tief im Gebiet der Feinde. Daneben gab es ein überaus verzweigtes osmanisches Spionagenetzwerk. Die Osmanen hatten in allen wichtigen abendländischen Reichen ihre Spione, die von italienischen Zänkereien oder von deutschen Reichstagen berichteten. Dabei kamen auch Doppelagenten zum Einsatz, also Leute, die sich zum Schein gefangen nehmen ließen, und so taten, als würden sie z.B. für die Ungarn spionieren, um so ins Herz der Macht zu gelangen.

  • Eine der entscheidenden Antworten, um die Frage zu klären, ob Sultan Süleyman I. beabsichtigte, Wien tatsächlich zu erobern, liegt in der Tatsache begründet, dass er sich Richtung Ungarn erst Mitte Mai von Istanbul aus auf den Weg machte. Zum Vergleich, bei der beabsichtigten Eroberung von Belgrad, welches viele Kilometer näher liegt, machte er sich schon Mitte Februar auf den Weg.
  • Was hatte der Sultan im 16. Jahrhundert an Kapazitäten der Armee insgesamt in etwa zur Verfügung (Zahl variierte in seiner Amtszeit – die Flotte mit ihren ca. 150000 Mann mal ausgenommen. lt. Josef Matuz und Klaus Kreiser)?
  • Gesamtarmeebestand: ca. 250000 Mann, darunter Truppen z.B. aus der Walachei oder des Krim-Khanats nicht eingerechnet.
  • 18700-29200 fest besoldete Berufssoldaten, darunter 11500-21100 Janitscharen (Elite-Infanterie) und 5100-6000 Kavallerie (Rest Artillerie, usw.)
  • Provinzialaufgebot: 200000 Mann.

    • darunter 30000 Spahis (schwere Reiterei), gut ausgebildete Berufssoldaten, die aber keinen festen Sold erhielten, sondern timare (Pfründe) erhielten, die aber jederzeit eingezogen werden konnten, weswegen ihre Disziplin wesentlich besser war, als in westlichen Feudalaufgeboten. Jeder Spahi musste bis zu sieben schwer bewaffnete Reiter (cebeli) mitbringen, je nach Pfründengröße. Also Schwere Reiterei (spahis und cebelis) 80000-90000 Mann.
    • restliche 110000 Mann u.a.: Leichte Kavallerie (bestehend aus sog. akincis = Stürmer und christlichen martolos, usw., die ihren Sold durch Beute erzielten), leichte Infanterie (azeps = Unverheiratete), die häufig in Festungen Dienst leisteten, und in Anatolien musste bei Bedarf jeder 30. Haushalt einen azep stellen, also eine Art früher Wehrpflicht, Söldnertruppe der gönüllü (=Begeisterte), die aus Kavallerie und Infanterie bestand, etc.
  • restliche 20000 Mann u.a.: Fußsoldaten (yürük = die schnell marschierenden, voynuk, müsellem, bzw. yaya oder piyade), Kampftruppen, die auch für die Benutzbarkeit der Straßen sorgten, den Transport, Logistik, Pioniere, usw.

Nun zu den

Details der Umstände der Belagerung Wiens

(27.9.1529 – 14.10.1529):

(Übrigens ist der Wiki-Artikel darüber sehr ungenau, da er sich weitgehend auf die ARD-Doku der Reihe „Die großen Schlachten“ stützt, die leider amateurhaft recherchiert wurde, ja, die sich solch grober Fehler schuldig gemacht hat, dass sie in ihrer Erzählung genau das Gegenteil sagte, was eine Minute vorher eine Osmanistin (Caroline Finkel) im Interview erwähnte…merkwürdig, dass es denen nicht auffiel. Anscheinend konnten sie vieles gar nicht begreifen…)

Wie schon erwähnt, hatte Ferdinand die Macht in Ungarn an sich gerissen und den osmanischen Vasallen Zapolya geschlagen.
Zapolya machte ein Bündnis mit Franz. I. von Frankreich gegen Habsburg, dadurch war es ein mittelbares Bündnis mit dem Osmanischen Reich, Franz I. hatte ein Bündnis mit dem Papst Klemens VII., wodurch auch dieser über die Zwischenglieder mit dem Sultan verbündet war, was allen beteiligten bewusst war. Der Vorlauf zum Bündnis der Franken mit den Osmanen 1536.

Osmanisches Reich mit seiner maximalen Ausdehnung des Herrschaftsgebietes im 16./17. Jh. ((c) von mir)

Ferdinand sandte im Jahre 1528 Gesandte an den Bosporus, um sich als König anerkennen zu lassen und den Grenzverlauf in Kroatien festlegen zu lassen. Wohl unter Einfluss Venedigs meinten die Osmanen, um überhaupt erst die Verhandlungen aufnehmen zu können, müssten sämtliche Truppen Ferdinands Ungarn wieder verlassen, dass sie widerrechtlich besetzt hätten. Die Gesandten hatten dazu keine Befugnis und reisten wieder zurück, hatten aber ein Sendschreiben des Sultans im Gepäck, der geschrieben hat, dass er die Beantwortung wohlwollend entgegensieht.

(Für die Fortsetzung, bitte auf den unteren Link „Bitte hier weiterlesen“ klicken.)

Die Gesandten fanden aber nicht Ferdinand, da dieser die ganze Zeit im Land umher reiste (um sich auf einen Krieg vorzubereiten). Erst in den ersten Februartagen 1529 fanden sie ihn in Tirol und wurden dann am 8. Februar vorgelassen und überreichten das Sendschreiben. Aber es gab niemanden, der dieses übersetzen konnte! Die Habsburger suchten und suchten, und wurden schließlich in einem osmanischen Kriegsgefangenen fündig – am 15. Juli! Fünf Monate später! Letztlich stand das drin, was die Gesandten ohnehin sagten, die Forderung der Räumung Ungarns und die Überlassung an den rechtmäßigen König Zapolya.
Am 10. Mai 1529 brach Sultan Süleyman I. zu seinem Ungarnfeldzug auf. Vielleicht wartete er auch solange, um eine Antwort von Ferdinand abzuwarten und eine militärische Lösung zu umgehen? Auf dem Schlachtfeld von Mohacs traf er sich mit seinem Vasallen und Bündnispartner Zaploya und seinen Soldaten. Der hatte inzwischen in Ungarn Ferdinand „schlechtgeredet“, und von dem osmanischen Anmarsch berichtet, erinnert, wie Ferdinand die rebellischen Bauern behandelt hatte, das das habsburgische Heer oft keinen Sold erhielt, und deshalb zu  Raubzügen genötigt wurde. Es brach daraufhin in Österreich-Ungarn eine heftige teils mit Waffengewalt durchgeführte Diskussion über das weitere Vorgehen aus, und Königin Maria warf ihren Bruder Ferdinand vor, dass jener in Ungarn „noch ärger gewütet und geplündert habe, als die Türken.“

Dieses Jahr war für Feldzüge kein glückliches, denn es fiel überdurchschnittlich viel Regen, ja Starkregen führte zu plötzlichen Überflutungen, so dass etliche Soldaten der Armee in Sturzbächen ertranken, die Wege verwandelten sich in Schlammpfade, die schweren Wagen blieben stecken und mussten unter Zeitverlusten wieder befreit oder auch zurückgelassen werden. Flussüberquerungen wurden abenteuerlich.

Durch die Regenfälle wurden die Ernten SO-Europas vernichtet, so dass der Getreidepreis sich auf den Märkten verzwanzigfachte (!). Dies führte zu einer knapperen Versorgung der Truppen, als üblich. Sie hatten zwar selber Verpflegung mitgebracht, und wurden an den Flüssen durch Schiffe zusätzlich versorgt, jedoch waren alle Heerzüge auf zusätzlichen Nachschub während des Marsches angewiesen. Dieses allerdings nicht durch Plünderungen, etc., war es doch eigenes osmanisches Gebiet:

Quelle:
Konstantin aus Ostrovica (16./17. Jh.), Teilnehmer an den Heereszügen Mehmets II. (1451-1481), Memoiren eines Janitscharen oder Türkische Chronik
Quellentext:

Zitat:
Wenn das Heer des Sultans ihre Länder durchquert, darf niemand durch die Saat fahren noch sonst irgendeinen Schaden anrichten. Niemand darf sich etwas mit Gewalt aneignen, und sei es selbst so wenig, dass es nicht einmal einen Pfennig wert wäre. Die türkischen Herren haben ein Auge darauf und sehen es einander nicht nach, denn sie wollen nicht, dass den Armen Schaden zugefügt werde, sei er Heide oder Christ. Wenn einer eine Henne nimmt, ohne zu danken, zahlt er mit seiner Gurgel. Der Sultan wünscht, dass die Armen in Frieden leben. …
… als ein Weib einen azab [Truppenangehöriger] anklagte, ihr unterwegs Milch genommen und ausgetrunken zu haben. Der Sultan ließ ihn ergreifen und ihm den Wanst aufschlitzen, um nachzusehen, ob Milch im Magen sei: Jene hatte nämlich seine Schuld nicht zugeben wollen. Und die Milch wurde im Magen gefunden; hätte man sie dort aber nicht gefunden, so wäre nämliches der Frau widerfahren. So aber verlor der arme Krieger seine Gurgel, und die Frau ihre Milch.“

Naja, jedenfalls zog die Armee des Sultans, mit dem Verbündeten Zapolya, der neben eigenen (4000?) Kräften noch 700 deutsche Landsknechte mitgebracht hatte von Mohacs auffallend langsam Richtung Buda. Ca. 150000-180000 (?) Mann war das Heer stark, genaue kompetente Zahlen hab ich jetzt vergessen nachzuschauen.
Erst am 3. September kamen sie in Buda an. Der Statthalters Buda lehnte eine Kapitulation bei freien Abzug und Besitzstandswahrung der Güter ab, und „legte eine Widerspenstigkeit an den Tag“ wie es Süleyman beschreibt. Angriffe begangen am 6. September. Dann gab es eine Meuterei des habsburgischen Kriegsvolkes, das den Statthalter gefangen nahm und eigene Verhandlungen eröffnete um die Stadt friedlich zu übergeben. Nun meuterten wiederum die Janitscharen, die die versprochenen Plünderungen verlangten. Der Großwesir Ibrahim Pascha verweigerte sie ihnen, sie schrien ihn nieder, verwundeten den Segbanbasi, der sie zur Disziplin rufen wollte.
Sultan Süleyman schreibt:

Zitat:
„Als die Ungläubigen der Festung, denen man Gnade hatte zuteil werden lassen, aus den Toren kamen und nach den deutschen Gebieten gehen wollten, wurden sie von einigen Leuten aus dem Heere in den Weinbergen eingeholt. Diese ließen den größeren Teil derselben über die Klinge springen. Von den Reitern entflohen einige und retteten sich.“

Die eher wohlhabenden Fliehenden wurden von wichtiger Bedeutung, verbreiteten sie doch das eben erlebte Gemetzel. Diese Gräuelgeschichte war der entscheidende Grund, für den erbitterten Widerstand, den Wien leistete, denn auch ehrenvolle Übergabeangebote der Osmanen wurden nicht mehr beachtet, da man ihnen nicht mehr traute.
Sultan Süleyman entschloss sich nach der feierlichen Inthronisierungszeremonie von Johann Zapolya I., wo er ihm die Königskrone aufsetzte, seinen Kriegern in Feindesland noch die Möglichkeit zu Plünderungen zu geben. In Ungarn ging es ja nicht, da es schon als Vasall zum osmanischem Reich gehörte. Viele seiner Truppen waren ja auf Beute angewiesen, gar auf gänzliche Selbstverpflegung, und ein beuteloser Feldzug würde für sie ein gewaltiges Defizit bedeuten, ja an den Rand des Ruins bringen.
Am 12. September brachen die Vorraustruppen der Akincis auf, um zu spähen, Proviant zu erbeuten, Sklavenbeute zu machen, und Schrecken zu verbreiten. Am 15. brach die Hauptarmee auf. Unterwegs kündigte sich schon der viel zu frühe Wintereinbruch an, denn es schneite. Am 22. erreichten sie die Grenze, hielten am nächsten Tag eine Truppeninspektion ab, und marschierten weiter auf Wien zu. Die Lage der Wiener schien aussichtslos, waren doch ihre Befestigungen nicht mehr zeitgemäß, wurden doch weitgehend von ihren christlichen Verbündeten in Stich gelassen. Ja selbst der König Ferdinand machte sich zusammen mit einem Großteil der (eher wohlhabenderen?) zivilen Bevölkerung schon frühzeitig aus dem Staub.
Beim Vormarsch machten die Osmanen Gefangene, die vor den Sultan geführt wurden, der Sultan belohnte sie reich, und sandte sie nach Wien zurück, mit der Botschaft, dass wenn Wien sich kampflos ergibt, würde er die Stadt nicht nur verschonen, sondern auch nicht besetzen und an ihr vorüberziehen, um König Ferdinand zu suchen. Das Angebot wurde nicht einmal beantwortet, obwohl es an der Ernsthaftigkeit keinen Zweifel gab, aber man glaubte dem Sultan eben nicht mehr, wie oben erläutert.
Am 26. September traf Süleyman in Wien ein. Die Belagerung konnte am Folgetag so richtig beginnen. Einen Tag später konnte die osmanische Donauflotille die Zerstörung aller Brücken melden, wodurch Wien nun abgeschnitten war.
Ein Problem war aber die Versorgung der Armee mit Proviant, das hatte ich oben schon erwähnt, zudem um Wien herum alle Vorräte schnell nach Wien gebracht wurden, und die Beutezüge der Akincis mau verliefen. Die schweren Kanonen musste man zurücklassen, aber die leichten Kanonen setzte man geschickt ein, indem man ihre Feuerkraft auf eine Stelle bündelte und damit mehr erreichen konnte. Letztlich waren aber die Mineure die entscheidenden Kräfte, die durch unterirdische Pulverkammern die Mauern zum Einsturz bringen sollten.
Der Statthalter Salm in Wien hatte aber zwei Verbündete: Den ungewohnten Hunger der Osmanen und der Winter. Immerhin mussten die osm. Mägen einer Stadt wie Mainz oder Kassel Tag für Tag versorgt werden. Und das bei diesen verschlammpten Wegen.
Es entbrannte ein mörderischer unterirdischer Minenkrieg, denn die Wiener hatten Bergarbeiter als Fachmänner in der Stadt, um die Minen vor der Explosion zu orten und unschädlich zu machen. Zwei Minen wurden entdeckt, eine gelangte wegen Nässe nicht zur Explosion, zwei explodierten am 9. Oktober und schlugen aber nur zwei 25 Meter breite (schmale) Breschen. Die Angriffe blieben in diesen schmalen Breschen stecken; vielleicht sah es so ähnlich aus, wie im Film „Königreich des Himmels“…
Mittlerweile setzte der Winter ein, mit Frost, Schneefällen, und starken Regenfällen. Das Lager verwandelte sich in eine Schlammlandschaft. Die Truppe wurde zunehmend demoralisierter. Sie hatte auch keine winterliche Ausrüstung dabei und fror. (siehe unten.) Der Regen und einzelne Ausfälle der Wiener ließen viele der Pulverkammern nicht zur Explosion kommen.
Am 12. Oktober war Süleyman für einen Abbruch der Belagerung, also schon nach gut zwei Wochen! Er wurde jedoch überredet noch einen letzten Versuch in diese Breschen zu wagen. Diese schlug auch am 14. Oktober fehl. Am Abend begann schon der logistisch perfekt organisierte Abmarsch.