Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, hat es in der Geschichte immer wieder gegeben. Wir erleben heute erneut Flüchtlingsströme, die durch Hunger, Kriege und Naturkatastrophen ausgelöst werden. Allzu häufig wird dabei vergessen, dass die Menschen in der noch nicht allzu weit entfernten Vergangenheit mit Problemen zu kämpfen hatten, die sich kaum in Worte fassen lassen. Nach dem zweiten Weltkrieg mussten ca. 17 Millionen Menschen ihre ursprünglichen Siedlungsgebiete in Osteuropa verlassen (vgl. Kift, Dagmar (2005). S. 41). Zuvor war es bereits zu Vertreibungen und/oder der Ermordung ganzer Völkerschaften gekommen, vor allem durch Truppen des dritten Reiches und der Sowjetunion. In Polen starben 5-6 Millionen Menschen, in der Sowjetunion 26 Millionen (vgl. Hürter, Johannes (2005). S. 40-45). Als sich nach und nach das Kriegsglück wendete und die Rote Armee zügig nach Westen vorrückte, war das Schicksal der in Schlesien, Ostpreußen, Posen-Westpreußen, Pommern und dem Sudetenland lebenden Deutschen mehr als nur ungewiss.

 

Flüchtlingstreck Ostpreussische Bauern, die versuchen über das Kurische Haff vor dem russischen Einmarsch im Jahre 1945 auszuweichen und über die Kurische Nehrung bisher unbesetztes Gebiet zu erreichen. Bild: Bundesarchiv, Bild 146-1990-001-30 / UnknownUnknown author / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)]
Flüchtlingstreck Ostpreussische Bauern, die versuchen über das Kurische Haff vor dem russischen Einmarsch im Jahre 1945 auszuweichen und über die Kurische Nehrung bisher unbesetztes Gebiet zu erreichen.
Bild: Bundesarchiv, Bild 146-1990-001-30 / UnknownUnknown author / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)]

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Zu Beginn des Krieges

Die Siedlungsgeschichte der Deutschen in Osteuropa reicht bis in das 12. Jahrhundert zurück. Oftmals wurden die damals noch sehr ursprünglichen Gebiete durch Klostergründungen erst erschlossen. Auch die Christianisierung begann zu dieser Zeit in großem Stil. Vereint wurden die Siedler vor allem durch Sprache und Kultur, die sich bis ins 20. Jahrhundert bewahrten. Vor dem zweiten Weltkrieg gab es vor allem im Sudetenland starke Tendenzen, sich für einen Anschluss an das dritte Reich auszusprechen. 1938 waren 44% der Sudetendeutschen Mitglied in der SdP, die offen für dieses Ziel eintrat. Das sudetendeutsche Freikorps ging auch gewaltsam gegen Tschechen vor, insbesondere nach dem Anschluss des Sudetenlandes an Deutschland nach der Münchener Konferenz 1938 und dem Einmarsch deutscher Truppen 1939 (vgl. Brandes, Detlef (2005). S. 64-67). In den polnischen Gebieten fühlten sich die Deutschen in erster Linie ihren jeweiligen Gemeinden zugehörig. Weit weg waren zunächst die Vorgänge in Deutschland, deren Konsequenzen sie aber letztlich mittragen mussten.

 

Siedlungspolitik und Naziideologie während des Weltkrieges

Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in den osteuropäischen Ländern begann eine Zeit des Grauens. Ziel der Deutschen war zum einen die Eroberung von Lebensraum. Hier sollten deutsche Siedler, nicht selten ohne deren Zustimmung, zukünftig das Land bewirtschaften. Die bereits hier lebende Bevölkerung wurde vertrieben oder umgebracht. Die Menschen in Polen und der Sowjetunion waren aus Sicht der Nationalsozialisten Untermenschen, die ausgemerzt werden mussten. Entsprechend brutal und menschenverachtend wurde mit ihnen auch in der Praxis verfahren. Massenhinrichtungen, Zwangsarbeit und Vernichtungslager wurden zum Alltag in den besetzten Gebieten. Gegen die deutsche Herrschaft regte sich bereits sehr früh Widerstand, insbesondere durch Partisanen.

 

Das Schicksal der Deutschen

Die Bewohner der Ostgebiete fürchteten zu Recht, dass sie nach der Niederlage von Wehrmacht und SS gegen die Rote Armee weder von den Russen noch den Polen oder Tschechen Nachsicht zu erwarten hatten. Auch wenn zunächst bei dem ein oder anderen die Hoffnung bestand, vielleicht doch in der Heimat bleiben zu können, wuchs doch die Angst vor der Rache der Sieger. Politisch war die „Umsiedlung deutscher Minderheiten aus dem Osten“ (cf. Ebd. S. 68) längst beschlossene Sache. Am 6. Juli 1942 hatte Großbritannien das Münchener Abkommen für ungültig erklärt und eine Umsiedlung befürwortet. 1943 stimmten dem auch die USA und die UdSSR zu. Die Details wurden schließlich auf der Potsdamer Konferenz 1945 verhandelt. Bis zu diesem Zeitpunkt waren bereits 800.000 Deutsche auf der Flucht (vgl. Ebd. S. 68-70). Zu Deportationen war es bereits im August 1941 gekommen, als sowjetische Truppen Deutsche von der Wolga, aus der Ukraine, von der Krim und aus dem Kaukasus nach Sibirien brachten (vgl. Hürter, Johannes (2005). S. 46).

Die Zivilbevölkerung im Osten sollte eigentlich schon vor dem Eintreffen der russischen Armee evakuiert werden. Allerdings wurden diese Pläne durch die Gauleiter häufig ignoriert, die ihre Gebiete nicht aufgeben und die Bevölkerung als Einheiten des Volkssturms einsetzen wollten. So wurde die Zivilbevölkerung entweder bei Luftangriffen getötet oder starben auf einer Flucht zu Fuß oder mit Pferdekarren. Zu einem Symbol dieser Tragödie wurde die Flucht über das zugefrorene Haff in Ostpreußen. Aus den Hafenstädten an der Ostsee wurden viele Flüchtlinge mit Schiffen und sogar U-Booten evakuiert, die häufig von russischen Fliegern und Kriegsschiffen angegriffen wurden. So wurde beispielsweise das deutsche Kreuzfahrtschiff Wilhelm Gustloff mit 9.000 Menschen an Bord von einem russischen U-Boot vor der Küste Pommerns versenkt. Wer nicht rechtzeitig entkam, wurde zunächst von russischen Soldaten an der Flucht gehindert. Ziel der Russen war vor allem der Wiederaufbau der zerstörten Städte und Infrastruktur, während es den Polen in erster Linie darum ging, die verhassten Deutschen zu vertreiben. Es kam allerorts zu Gewaltexzessen gegen diejenigen, die die Menschen für das Leid der vergangenen Jahre verantwortlich machten. Morde, Vergewaltigungen und Plünderungen waren an der Tagesordnung. Besitz wurde beschlagnahmt, die Menschen in Lagern interniert und schließlich in Viehwaggons abtransportiert (vgl. Brandes, Detlef (2005). S. 69-70).

 

Ankunft und Integration

Die Aufnahme von mehreren Millionen Flüchtlingen stellte das weitgehend zerstörte Westdeutschland und die dortigen Besatzungsmächte vor große Herausforderungen. Anfangs wurden die Flüchtlinge vor allem in Bayern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein untergebracht. Erst danach wurden sie auf die industriellen Zentren, beispielsweise das Ruhrgebiet, verteilt. 1950 betrug der Anteil der Vertriebenen an der Gesamtbevölkerung 16,5%, 1961 21,5%. Da es kaum Wohnraum gab, wurden zunächst Lager errichtet. Im Gesetz Nr. 18 des alliierten Kontrollrates wurde zudem bestimmt, dass Vertriebene auch gegen den Willen des Besitzers in Wohnungen und Häusern untergebracht werden durften (vgl. Beer, Mathias (2005). S. 111-113).

1946 brach eine große Hungersnot aus, die sich erst mit der Währungsreform 1948 bessern sollte. Die allgemeine Not und Knappheit trug anfangs nicht gerade dazu bei, dass die Flüchtlinge begeistert empfangen wurden. Auf der anderen Seite wurden Arbeitskräfte dringend benötigt. Ein großer Teil der Bevölkerung war im Krieg gestorben oder geflohen. Viele Männer waren im Krieg gefallen. So trafen arbeitswillige Vertriebene auf einen durchaus aufnahmefähigen Arbeitsmarkt. Begünstigt wurde die Lage darüber hinaus durch die strenge Arbeitsethik und Erfolgsorientierung der Flüchtlinge (vgl. von Plato, Alexander (2005). S. 31). Dennoch, die Integration blieb schwierig. Die osteuropäischen Deutschen mussten erkennen, dass sie keineswegs als deutsch anerkannt wurden, sondern zunächst fremd blieben. Vor allem die nach 1948 aufstrebende Wirtschaft und die zunehmend besser werdenden Lebensverhältnisse sorgten aber nach und nach dafür, dass die allgemeine Zufriedenheit stieg und sich sowohl die Einheimischen als auch die Neuankömmlinge mehr und mehr annäherten. Zusammen schufen sie eine neue Heimat. Dennoch, die alte Heimat behielten die ehemaligen Flüchtlinge stets in ihren Herzen. Lange Zeit gab es auch in der Politik Bestrebungen, die ehemals deutschen Gebiete zurückzugewinnen – allerdings erfolglos.

 

Die Charta der Heimatvertriebenen

Die Vertriebenen wurden den Einheimischen rechtlich sehr bald gleichgestellt. Darüber hinaus gaben sich die Vertriebenen ein eigenes Grundgesetz. In der „Charta der Heimatvertriebenen“ von 1950 legten sie dar, was sie als ihre Pflichten und Rechte ansahen:

Rechte:

Gleiches Recht als Staatsbürger, nicht nur vor dem Gesetz, sondern auch in der Wirklichkeit des Alltags.

Gerechte und sinnvolle Verteilung der Lasten des letzten Krieges auf das ganze deutsche Volk und eine ehrliche Durchführung dieses Grundsatzes.

Tätige Einschaltung der deutschen Heimatvertriebenen in den Wiederaufbau Europas.

Pflichten:

Wir Heimatvertriebenen verzichten auf Rache und Vergeltung. Dieser Entschluß ist uns ernst und heilig im Gedenken an das unendliche Leid, welches im besonderen das letzte Jahrzehnt über die Menschheit gebracht hat.

Wir werden jedes Beginnen mit allen Kräften unterstützen, das auf die Schaffung eines geeinten Europas gerichtet ist, in dem die Völker ohne Furcht und Zwang leben können.

Wir werden durch harte, unermüdliche Arbeit teilnehmen am Wiederaufbau Deutschlands und Europas. (vgl. Janz, Siegfried (1985). S. 10-11)

 

Flucht und Vertreibung – ein zeitloses Phänomen

Es ist erstaunlich, welch eine Mammutaufgabe die Deutschen in der Nachkriegszeit bewältigten. Obwohl es kaum Nahrungsmittel und Wohnraum gab, war es möglich, Millionen von Flüchtlingen aufzunehmen und diese letzten Endes erfolgreich einzugliedern. Nicht zu Unrecht bezeichnet Mathias Beer die Integration der Flüchtlinge als einen entscheidenden Bestandteil der Gründungskrise der Bundesrepublik Deutschland (vgl. Beer, Mathias (2005). S. 116). Trotz aller anfänglichen Schwierigkeiten schafften es die Menschen, friedlich miteinander zu leben und zu arbeiten. Die Flüchtlinge brachten nicht nur ihre Arbeitskraft mit, sondern auch ihre Kultur, Ideen und den unbedingten Willen, in ihrer neuen Heimat Fuß zu fassen und den gesellschaftlichen Aufstieg zu schaffen.
Heute, viele Jahrzehnte später, sind die Themen Flucht, Vertreibung und Integration nach wie vor hochaktuell. Auch heute fliehen Menschen vor Krieg, Vertreibung und Hungersnöten. Und auch heute stehen sowohl die Flüchtlinge als auch die Aufnahmeländer vor großen Herausforderungen. Dabei werden häufig die Probleme in den Vordergrund gestellt, ohne die Chancen einer erfolgreichen Integration wahrzunehmen.

 

Literatur:

  • Mathias Beer: Flüchtlinge und Vertriebene in den Westzonen und der Bundesrepublik Deutschland. In: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.): Flucht, Vertreibung, Integration. Bielefeld, 2005. S. 108-123.
  • Detlef Brandes: Vertreibung und Zwangsaussiedlung der deutschen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei. In: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.): Flucht, Vertreibung, Integration. Bielefeld, 2005. S. S. 62-73.
  • Johannes Hürter: Nationalsozialistisches Besatzungsregime und rassistischer Vernichtungskrieg im Osten. In: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.): Flucht, Vertreibung, Integration. Bielefeld, 2005. S. 37-49.
  • Siegfried Janz (Hrsg.): Ostdeutsches Schicksal. Chronik über die Eingliederung der Flüchtlinge, Vertriebene und Aussiedler im Kreis Herford 1945-1985. Herford, 1985.
  • Dagmar Kift – Flucht und Vertreibung. In: Aufbau West. Neubeginn zwischen Vertreibung und Wirtschaftswunder. Essen, 2005. S. 40-43.
  • Alexander von Plato: Integration und „Modernisierung“. In: Aufbau West. Neubeginn zwischen Vertreibung und Wirtschaftswunder. Essen, 2005. S. 26-33.