Tyr

altnordische Gottheit ab etwa 500 n. Chr.

Hervorgegangen ist Tyr aus dem gesamtgermanischen Tîwaz.

Um etwa 500 n. Chr. spaltete sich duch sprachliche Veränderungen (Lautverschiebung/Abnutzung) der Name des Tîwaz auf und hieß dann bei den nordischen Stämmen Tyr,

bei den Franken, Thüringern, Langobarden u. Alamannen – Zio bzw. Ziu;

Goten – Tius / Tyz; ;

Angelsachsen – Tig bzw. Tiw;

Sachsen – sehr wahrscheinlich Saxnôte (Schwertgenosse)

Tyr´s Eltern sind nach der Edda der Riese Hymir und dessen namentlich nicht genannte Gattin, die in Die Sage von Hymir folgendermaßen beschrieben wird:

>7) Selbst stallt er (Tyr) die Böcke, die stattlich gehörnten;

Sie eilten zur Halle, die Hymir bewohnte.

Der Sohn fand die Ahne (seine Mutter), die er ungern sah;

Sie hätte der Häupter neunmal hundert.

8) Eine andre kam allgolden hervor,

Weißbrauig, und brachte das Bier dem Sohn…<

>Da ist noch ein Ase, der Tyr heißt. Er ist sehr kühn und mutig und herrscht über den Sieg im Krieg:

Der bereits im Beitrag über Tîwaz angedeutete Verlust seiner Bedeutung und Zurücktreten hinter Wodan/Odin tritt bei den nordischen Stämmen besonders deutlich zu Tage:

So berichtet Prokop (bell. got. 2, 5) über die Verehrung Tyrs bei den Norwegern noch für das 6. Jh. n. Chr., daß dort das Menschenopfer als das Höchste galt und den ersten Kriegsgefangenen gaben sie dem Tyr, den sie damals noch als den vornehmsten der Götter hielten.

Dagegen fällt auf, daß für Tyr bereits in der älteren Edda keine Wohnung auf Asgard genannt wird. Statt dessen wird in Gylfaginning (jüngere Edda – geschrieben um 1220) folgendes über Tyr berichtet:

darum ist es gut, daß Kriegsmänner ihn anrufen. Wer kühner ist als andere und vor nichts sich scheut, von dem sagt man sprichwörtlich, er sei tapfer wie Tyr. Er ist auch so weise, daß man von Klugen sagt, sie seien weise wie Tyr. Ein Beweis seiner Kühnheit ist dies:……Loki, (eine Sagengestalt der Edda, hatte) drei Kinder: Das erste war der Fenriswolf…Den Wolf erzogen die Götter bei sich und Tyr allein hatte den Mut, zu ihm zu gehen und ihm zu Essen zu geben. Und als die Götter sahen, wie sehr er jeden Tag wuchs, und alle Vorhersagen meldeten, daß er zu ihrem Verderben bestimmt sei, da faßten die Asen den Beschluß, eine sehr starke Fessel zu machen, welche sie Läding hießen. Die brachten sie dem Wolf und baten ihn, seine Kraft an der Kette zu versuchen. Der Wolf hielt das Band nicht für überstärk und ließ sie damit machen, was sie wollten. Aber das erstemal, daß der Wolf sich streckte, brach das Band und er war frei von Läding.

Darauf machten die Asen eine andere noch halbmal stärkere Fessel, die sie Droma nannten. Sie baten den Wolf, auch diese Kette zu versuchen, und sagten, er würde seiner Kraft wegen sehr berühmt werden, wenn ein so starkes Geschmeide ihn nicht halten könnte. Der Wolf bedachte, daß dieses Band viel stärker sei, daß aber auch seine Kraft gewachsen sei, seit er das Band Läding gebrochen hatte; zugleich erwog er, daß er sich entschließen müsse, einige Gefahr zu bestehen, wenn er berühmt werden wolle. Er ließ sich also das Band anlegen. Als die Asen damit fertig waren, schüttelte sich der Wolf und reckte sich und schlug das Band an den Boden, so daß die Stücke weit davon flogen. So brach er sich los von Droma. Es wurde danach sprichwörtlich, sich aus Läding zu lösen, oder aus Droma zu befreien, wenn von einer schwierigen Sache die Rede ist.

Danach fürchteten die Asen, daß sie den Wolf nicht würden binden können. Da schickte Allvater (Odin) den Jüngling Skirnir, der Freys Diener war, zu einigen Zwergen in Schwarzalfenheim, und ließ das Band Gleipnir verfertigen. Dieses war aus sechserlei Dingen gemacht: aus dem Schall des Katzentritts, dem Bart der Weiber, den Wurzeln der Berge, den Sehnen der Bären, der Stimme der Fische und dem Speichel der Vögel. Hast du auch diese Geschichte nie gehört, so magst du doch bald finden, daß sie wahr ist und wir dir nicht lügen, wenn da du wohl bemerkt hast, daß die Frauen keinen Bart, die Berge keine Wurzeln haben und der Katzentritt keinen Schall gibt, so magst du mir wohl glauben, daß das übrige ebenso wahr ist, was ich dir gesagt habe, wenn du auch von einigen dieser Dinge keine Erfahrung hast…

Das Band war schlicht und weich wie ein Seidenband und so stark und fest, wie du sogleich hören sollst. Als das Band den Asen gebracht wurde, dankten sie dem Boten für das wohl verrichtete Geschäft und fuhren dann auf die Insel Lyngwi im See Amswartnir, riefen den Wolf herbei, zeigten ihm das Seidenband und baten ihn, es zu zerreißen. Sie sagten, es wäre wohl etwas stärker, als es nach seiner Dicke das Aussehen habe. Sie gaben es einer dem anderen und versuchten ihre Stärke daran, allein es riß nicht. Doch sagten sie, der Wolf werde es wohl zerreißen mögen.

Der Wolf antwortete:

Um dieses Band dünkt es mich so, als wenn ich wenig Ehre damit einlegen möchte, wenn ich auch eine so starke Fessel entzweireiße; falls es aber mit List und Betrug gemacht ist, obgleich es so schwach scheint, so kommt es nicht an meine Füße. Da sagten die Asen, er möge leicht ein dünnes Seidenband zerreißen, da er zuvor die schweren Eisenfesseln zerbrochen habe. Wenn du aber dieses Band nicht zerreißen kannst, so haben die Götter sich nicht vor dir zu fürchten und wir werden dich dann lösen.

Der Wolf antwortete:

Wenn ihr mich so fest bindet, daß ich mich selbst nicht lösen kann, so spottet ihr meiner, und es wird mir spät werden, Hilfe von euch zu erlangen: darum bin ich nicht gesonnen, mir dieses Band anlegen zu lassen. Ehe ihr mich aber der Feigheit zeiht, so lege einer von euch seine Hand in meinen Mund zum Unterpfand, daß es ohne Fälsch hergeht.

Da sah ein Ase den andern an, die Gefahr däuchte sie doppelt groß und keiner wollte seine Hand herleihen, bis Tyr zuletzt seine Rechte darbot und sie dem Wolfe in den Mund legte. Und da der Wolf sich reckte, da erhärtete das Band, und je mehr er sich anstrengte, desto stärker ward es…<

>…Und als die Asen ihn nicht wieder lösen wollten, biß er ihm die Hand an der Stelle ab, die nun Wolfsglied heißt. Seitdem ist Tyr einhändig, gilt aber den Menschen nicht für einen Friedensstifter…<

Von Loki wurde er wegen seiner fehlenden Hand verspottet (aus Ögisdrecka >Ögirs Trinkgelag< – Ältere Edda):

>Tyr:

Freyr ist der beste von allen, die Bifröst

Trägt zu der hohen Halle:

Keine Maid betrübt er, keines Mannes Weib,

Einen jeden nimmt er aus Nöten.

Loki:

Schweig du, Tyr! Du taugst zum Kampfe nicht

Zu gleicher Zeit mit Zweien.

Deine rechte Hand ist dir geraubt,

Fenris fraß sie, der Wolf.

Tyr:

Der Hand muß ich darben; so darbst du Fenris.

Eins ist schlimm wie das andre;

Auch der Wolf ist freudenlos: gefesselt erwartet er

Der Asen Untergang.

Loki:

Schweig du, Tyr! Deinem Weibe geschahs,

Daß sie von mir ein Kind bekam.

Nicht Pfenningsbuße empfingst du für die Schmach:

Habe dir das, du Hahnrei!<

(Hahnrei=Gehörnter bzw. Betrogener)

Tyr findet sein Ende beim Ragnarök (Götterdämmerung bzw. Weltuntergang), als er und der Hund/Wolf Garm, welcher vor der Gnipahöhle gebunden war, sich gegenseitig töten.

Es ist anzunehmen, daß diese recht ausführlichen Überlieferungen über Tyr´s Verlust der rechten Hand aus der nordischen Edda nur zur Mythologie der nordischen Stämme gehörte, nicht aber zu der, der übrigen Germanen, da bei ihnen auch eine Gestalt, wie die, des Loki fehlte.

Weiterhin wird angenommen, daß die Edda bereits christliche Einflüsse enthält.

Bei allen germanischen Stämmen, die die Runenschrift verwendeten, war dem Gott Tîwaz im Fu(th)ark eine Rune gewidmet.

Die T-Rune im Fu(th)ark ist die des Tîwaz/Tyr:

Auffällig ist bei der schwedisch-Norwegischen T-Rune das Fehlen des rechten Querbalkens, so daß es Vermutungen gibt, daß das mit dem in der Edda beschriebenen Verlust der rechten Hand des Tyr in Verbindung zu bringen sein könnte. Jedoch ist zur gleichen Zeit bei der dänischen T-Rune eben dieser Querbalken noch vorhanden.

Was von dieser Gottheit blieb:

Tiwaz/Tyr gab in vielen Ländern den Dienstag seinen Namen:

Im Deutschen z. B. von Ziu über Mittelhochdeutsch – Ziestac;

Englisch: über Angelsächsisch – Tiwesdeag

Nordische Sprachen: über Altnordisch – Tysdagr