Einführung in die Geschichte des Osmanischen Reiches

Eine Ausarbeitung von lynxxx – Wir danken an dieser Stelle.

 

Das Osmanische Reich

Goethe:
Wer sich selbst und andere kennt,
wird auch hier erkennen,
Orient und Okzident
sind nicht mehr zu trennen.

Hinweise zur Aussprache des türkischen:

â/î = Längenzeichen -> lange Vokale, alle anderen Vokale sind kurz, also o wie deutsches o in Donner, nicht wie in Ofen, ö in Döner, würde dementsprechend wie in „Dönnerausgesprochen werden, usw.
c = wie dsch in „Dschungel“
ç = wie tsch in „Kutsche“
? = meist ein Längenzeichen und kaum hörbar, wie das h in „Dehnung“
h = immer konsonantischer Hauchlaut, wie h in „gehen“, nicht Dehnungszeichen
? = i ohne Punkt, ein „dumpfes“ dunkles kurzes i, wie i in „immer“
j = wie j in „Journal“
r = stets Zungen-r, wie in das r in Bayern
s = stimmloses s wie s in Kuss
? = wie sch in „Schande“
y = wie deutsches j in Japan
z = weiches stimmhaftes s wie in „Sand“ oder „Rose“

Inhalt:

Man kann die osmanische Geschichte in vier Abschnitte unterteilen:


1. Aufstieg und Expansion (1281? (1288/89) –1481)

2. Zwischen Ost und West (1481–1600)

3. Mühsam errungene Erfolge und ernste Rückschläge
(ca. 1600–1774)

4. „Das längste Jahrhundert des Reiches“ (von Küçük Kaynarca 1774 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs 1918 sowie Ende des Reiches 1922)

Anhang

  • Territoriale Typologie der osmanischen Herrschaft im 16. Jahrhundert
  • Ausdehnung des Osmanischen Reiches, welche nationale Historie wird tangiert?

Karte
zur Zeit der größten Ausdehnung des Osmanischen Reiches im 16./17. Jahrhundert

Literaturliste


1. Aufstieg und Expansion (1281? (1288/89)–1481)

Nach dem Untergang des türkischen rum-seldschukischen Reiches („Rum“=römisch) in Kleinasien (1307), wurden die meisten anatolischen Fürstentümer Vasallen der mongolischen Ilkhaniden Irans. Nach dessen Auflösung ab 1335 wurden die anatolischen Fürsten unabhängig – das osmanische Emirat wurde schon eher unabhängig. Das Osmanische Reich entstand aus einem von vielen Emiraten in Kleinasien. Als erster Emir, Khan und Begründer des Osmanischen Reiches gilt Osman I., der dem Reich seinen Namen gab. 1281(?) oder 1288/89 starb sein Vater Ertu?rul und Osman I. machte sich an der Grenze zum byzantinischen Reich (in Bithynien) daran sein Fürstentum zu konsolidieren. Um 1299 Erklärung der Unabhängigkeit durch Namensnennung in der Freitagspredigt. Die frühen Osmanen erwiesen sich als Realpolitiker. Mit ihren muslimischen und christlichen Nachbarn gingen sie um, wie es die Lage gebot, nicht wie eine Doktrin es vorschrieb. Insbesondere mit dem byzantinischen Reich bestand ein enges vertragliches Geflecht, das zum Teil mit Eheverbindungen geknüpft wurde. Osman nutzte die Schwäche seines Nachbarlandes Byzanz und anderer türkischer Nachbaremirate aus, sie anzugreifen und sein Gebiet langsam auf eine Fläche zu vergrößern, die in etwa der Fläche Rheinland-Pfalz entsprach. Dabei zeigten sich schon Ansätze, die später charakteristisch für das osmanische Reich werden sollten, nämlich die Vergrößerung nicht nur durch militärische Mittel, sondern auch durch Diplomatie, Bündnispolitik, christliche und muslimische Überläufer, etc. Dabei wurde das Reich im Zuge der Expansion multiethnisch, bis in die höchsten Ämter hinein, so dass man bis zum verstärkten Aufkommen des Nationalismus Ende des 19. Jahrhunderts von Osmanen statt von Türken spricht, zudem diese Bezeichnung bis dato abschätzig nur anatolischen Nomaden vergeben wurde. Außerdem hatte die vertikale Gliederung der Gesellschaft Vorrang vor der horizontalen.

Osmans Sohn und Nachfolger Orhan I. eroberte 1326 Bursa und machte es zur Hauptstadt des Reiches. Neben den weiteren militärischen Gebietsgewinnen von byzantinischem und türkischem Boden, setzte auch Orhan politische Mittel zum Ausbau der Macht ein. So verbündete er sich 1346 mit dem byzantinischen Thronprätendenten Johannes Kantakuzenos, heiratete seine Tochter und verhalf ihm zum kaiserlichen Thron.
In der Folge half Orhan ihm 1349 gegen die Serben und setzte mit einem ca. 20.000 Mann großen Heer über die Meerenge der Dardanellen nach Europa über. Sie zogen sich nach ihrem Sieg über die Serben und der Befreiung von Saloniki/Thessaloniki wieder auf anatolisches Gebiet zurück, aber als es zu weiteren byzantinischen Thronwirren kam, setzten sie auf Europa über und eroberten 1354 Gallipoli/Gelibolu, welches bei den Dardanellen lag (im selben Jahr wurde auch Angora/Ankara, eine der größeren Städte in Zentralkleinasien, vorübergehend osmanisch). Eine weitere militärische Allianz wurde 1351 mit Genua gegen Venedig geschlossen.

Nach Orhans Tod 1360 zählte sein Land zu den bedeutendsten Fürstentümern in Anatolien – mit einer Fläche fast so groß wie das heutige Österreich. Der kulturelle Einfluss der Byzantiner auf die Osmanen wuchs, da nicht nur der Basileus (byzantinischer Kaiser) der Schwiegervater von Orhan war, sondern auch z.B. in den mehr oder minder friedlich übernommen byzantinischen Städten Nicomedia (Izmit) und Nicaea (Iznik) ein intakter Verwaltungsapparat vorgefunden und übernommen wurde. 1361 (oder 1366/1369) gelang es dem Nachfolger Orhans I., Murad I. (auch Murat/Murât I.), Adriananopel/Edirne zu erobern, welches kaum vier Jahre später neue Hauptstadt des Osmanischen Sultanats wurde. Von dieser Zeit an hatte die europäische Reichshälfte die größere Bedeutung als die asiatische. Byzanz wurde tributpflichtig und erhielt als Gegenleistung Getreide.
Auf dem Balkan formierte sich unter den slawischen Staaten ein Widerstand, der jedoch nicht lange anhielt: die Serben erlitten 1389 in der Schlacht auf dem Amselfeld (Kosowo Polje) trotz ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit eine vernichtende Niederlage. Die Folge war das Herabsinken Serbiens zum Vasallenstaat der Osmanen. Im anatolischen Teil waren neben Feldzügen, in denen erstmals in der osmanischen Geschichte Kanonen eingesetzt wurden, weiterhin politische Methoden, wie z.B. durch Heirat, durch Kauf, etc. für Gebietsgewinne verantwortlich, so dass beim Tode Murads I. das Osmanische Reich etwas größer als das heutige Großbritannien war. So ist es kein Wunder, dass der Herrscher nunmehr ständig eigenmächtig und selbstbewusst den arabischen Titel Sultan (= arab. „Herrschaft“, u.a.) oder Hudavendigar (persisch: Herrscher) führte. Vorher nannte sich der Herrscher Beg oder Bey („Herr“), sowie dann nach mongolischer Tradition Khan/Han. Daneben kommt das persische Wort Padischah („Großherr“) immer häufiger vor.
Das Haus Osman kannte keine ausdrückliche Nachfolgeregelung. Im Unterschied zur Praxis ihrer seldschukischen Vorgänger erwogen sie keine Aufteilung ihrer Länder. Deshalb kam es beim Tode eines Sultans regelmäßig zu Thronkämpfen oder unter den Thronprinzen zu Wettläufen in die Hauptstadt um den Thron zuerst zu besteigen.
Bis in die Zeit Mehmeds II. wählten die Osmanen Töchter angesehener muslimischer und christlicher Häuser als Ehefrauen. Erst später traten Sklavinnen an ihre Stelle. Die Einrichtung der Prinzen-Statthalterschaften sorgte für eine Einübung der Thronprinzen in staatliche und militärische Angelegenheiten.

So heiratete auch Sultan Bayezid I. (auch Beyaz?t, Bâyezîd, Beyaz?d, Bayezit, Bayez?d) die Tochter des byzantinischen Kaisers Johannes Palaiologos und setzte die Eroberungen in Europa und Kleinasien fort, z.B. wurde die Walachei ein Vasall und die mächtigen westanatolischen Emirate wurden einverleibt. 1396 wurde das Kreuzfahrerheer bei Nikopolis vernichtend geschlagen. Auf diesen Erfolg hin soll der abbasidische Scheinkalif in Kairo den Osmanenherrscher offiziell den Titel „Sultan des ‚Römerlandes'“ (= Rum) verliehen haben. Die Osmanen nannten ihr Herrschaftsgebiet die „osmanischen Länder“ bzw. den „osmanischen Staat“, in abendländischen Quellen wurde das osmanische Reich „Imperium“ genannt.
Inzwischen umfasste das Staatsgebiet große Teile des Balkans und nahezu ganz Anatolien, eine Fläche, erheblich größer als das heutige Frankreich und den Benelux-Staaten zusammen.
Im Jahre 1402 erlitten die Osmanen eine vollständige Niederlage gegen den aus dem türkischen Clan der Barlas stammenden Mongolenfürsten Timur Lenk mit seinem mehr als doppelt so großem Heer, doch schafften sie es, nach einem zehnjährigem Interregnum sich langsam wieder aufzurichten. Dieser Bruderkampf und die drohende Vernichtung des Osmanischen Reiches waren u.a. die Auslöser für Mehmed II., der Eroberer, das Gesetz einzuführen, nach der Thronbesteigung die männlichen Familienmitglieder zu liquidieren (Brudermord) – „zur Wahrung der Weltordnung“. Diese Praxis wurde bis ins frühe 17. Jahrhundert beibehalten. Eine der Primogenitur
vergleichbare Regelung gab es zu dieser Zeit nicht; alle Söhne eines regierenden Sultans waren wie erwähnt gleichermaßen nachfolgeberechtigt.

Seit 1438 (vorher nur vereinzelt) wurde für die stets einsatzbereite Elitetruppe der Janitscharen (= neue Truppe) und für die Verwaltung und Administration die Praxis der sog. Knabenlese (devschirme/dev?irme) eingeführt, indem besonders geeignete Christenknaben als Tribut genommen wurden, in Bauernfamilien in Anatolien umerzogen, islamisiert und die osmanische/türkische Sprache und Kultur lernten, und durch das Leistungsprinzip durchweg die Möglichkeit zum sozialen Aufstieg selbst in höchste Staatsämter erhielten. Die Knabenlese betraf nur wenige Dörfer in zudem großen Abständen und hatte nach neuerer Forschung wohl keine demographischen Folgen.
Unter dem Eindruck der ungarischen Artillerie übernahmen die Osmanen im umfangreicheren Maße diese neue Militärtechnik, neben der ersten Generation von Feuerwaffen (Osmanisches Reich = sog. „Schießpulver Imperium“).
Die militärische Stärke des frühen Osmanenstaats beruhte zum größten Teil auf der Vergabe von Lehen/Pfründe (timar). Der Inhaber eines solchen Militärlehens hatte als Gegenleistung für die Geld- und Naturalsteuern eines oder mehrerer Dörfer mit einer Anzahl von Knechten, mit Reittieren und Rüstung Kriegsdienst zu leisten. Diese Pfründen waren grundsätzlich nicht erblich.

Der Enkel Bayezids I., Murad II., konnte schließlich bei seinem Tode 1451 einen Staat hinterlassen, der zu den bedeutenderen Mächten in Europa wie im westlichen Asien zählte mit einer Fläche etwa wie das heutige Frankreich. Der Gebietsverlust, der durch Timurs Einfall 50 Jahre vorher verursacht worden war, war schon nahezu wieder behoben, zudem wurde die Walachei unter ihm wieder tributpflichtig.

Mit Mehmed II. (auch Mehmet II.), der Eroberer (= Fatih), gelange einer der bedeutendsten Sultane auf den Thron, nicht primär wegen seinen Eroberungen, sondern eher wegen seinen Maßnahmen, die die innere Struktur des Reiches maßgeblich änderte (Bodenreform, Justizreform, z.b. mit Gesetzesbüchern (= kanunname), Verwaltungsreform, usw.) Ein Kanunname schrieb beispielsweise die Struktur der Zentralverwaltung fest. Die Hauptaufgaben des Staates wurden auf drei Säulen verteilt: Die „politische“ Spitze bildete der Großwesir. Zog der Sultan nicht selbst ins Feld, war er Oberbefehlshaber der osmanischen Armeen. Der Leiter der zentralen und provinzialen Finanzverwaltung war ein defterdar (= Buchführer). Für die Einhaltung des Rechts waren die kadiasker (= Heeresrichter) zuständig. Staatskanzleichef war der ni?anc? (= Schütze), der auch für die Zeichnung des großherrlichen Namenszuges (= tu?ra/Tughra) zuständig war. Dieses Schema sollte im Großen und Ganzen bis zu den Tanzimat-Reformen (1839) seine Gültigkeit behalten.

Am 29. Mai 1453 fiel Konstantinopel, die Hauptstadt von Byzanz, nach 54-tägiger Belagerung und Mehmed II. erhob es zur neuen Hauptstadt. Dadurch erlangte das Osmanische Reich einen immensen Prestigegewinn innerhalb der islamischen Welt. Vor der Eroberung hatte Konstantinopel ca. 40.000-50.000 Einwohner, 1480 hatte sie durch Umsiedlungen und Zuwanderungen schon wieder fast 100.000 Einwohner, und im 16./17. Jahrhundert war sie mit ca. 700.000 Einwohnern die größte Stadt der westlichen Welt. Konstantinopel wurde inoffiziell nun verstärkt als Istanbul bezeichnet. Sultan Mehmed II. sah sich nach der Eroberung endgültig als legitimer Nachfolger der römisch-byzantinischen Kaiser, und gebar sich als Mäzen, ähnlich wie die Renaissancefürsten seiner Zeit. Bis zu seinem Tode mit 51 Jahren konnte er das Reich um 40% vergrößern, und es war 20% größer, wie vor dem Einfall Timurs. So grenzte es nun durch die Einnahme weiterer Teile Anatoliens an die Einflusssphäre des ägyptischen Mamlukenreiches. Der osmanische Brückenkopf auf dem italienischen Festland in Otranto wurde kurz vor seinem Tode erobert, und kurz nach seinem Tode (1481) wieder aufgegeben.
Ohne Vasallen (z. B. das Krim-Khanat ab 1475) betrug die Fläche nun in etwa die Ausdehnung Frankreichs, der Beneluxstaaten und Deutschlands.

2. Zwischen Ost und West (1481–1600)

Mit seinem Sohn Bayezid II. trat das Osmanische Reich in eine Konsolidierungsphase, die Küsten des Schwarzen Meeres wurden weitgehend erobert und somit dieses Meer ein osmanisches Binnengewässer. Diese Konsolidierungsphase wurde wichtig, da durch die tief greifenden Reformen seines Vaters einige Gruppierungen unzufrieden wurden, und man diese befriedigen musste. In seine Zeit fielen 1492 die Einwanderungswellen durch die vertriebenen spanischen und portugiesischen Juden, aber auch kürzlich getaufte iberische Christen, die sich in Thrakien, Thessaloniki, Tunesien und Istanbul ansiedelten. Später, in der Mitte des 16. Jh. kamen weitere Wellen, diesmal west- und mitteleuropäischer Juden schutzsuchend in das Osmanische Reich, als im Zuge der Hetze Martin Luthers und anderer die Pogrome und Vorbehalte an Juden stark zunahmen. Mit diesen Flüchtlingen kam auch die neue Erfindung des Buchdrucks in das Osmanische Reich. (Diese Tradition der Aufnahme von jüdischen Flüchtlingen fand ihren Abschluss in den letzten Flüchtlingen um den 2. Weltkrieg herum, nun allerdings in die neu gegründete Türkei.)

Die acht Jahre der Regierung Selim I. (Selîm I.) im 16. Jahrhundert brachten wiederum eine Phase der rapiden Ausdehnung, allerdings diesmal nicht auf dem Balkan, sondern im Nahen Osten. Im Iran hatte sich zudem ein neuer gefährlicher Gegner mit der türkischen Dynastie der Safawiden gebildet. Ab 1502 etabliertem sich die Safawiden, die das Schiitentum zur Staatsreligion erhoben, wodurch Persien sukzessive erstmalig schiitisch wird. Die Safawiden besiegte Selim I. 1514 bei Çaldiran (??ldir?n) und drang bis nach Westiran vor. Allerdings weigerten sich die Janitscharen, dem Sultan noch weiter in den Osten zu folgen und der einsetzende harte Winter machte den Rückzug erforderlich. Die Safawiden wurden in Folge zur ständigen Bedrohung im Osten, da sie auch in Anatolien missionierten. Dadurch konnten sie dort immer wieder Revolten anzetteln.
Die Eroberung Syriens und Palästinas schloss sich an, und 1517 gelang es dem Sultan, mit der Eroberung Kairos auch Ägypten und den arabischen Westen mit Mekka und Medina bis zum Jemen einzuverleiben, da die Mamluken das Angebot des Sultans, Vasallen zu werden ausschlugen. Bei dieser Gelegenheit fiel den Osmanen der Kalifentitel zu, der ihnen vom abbasidischen „Schattenkalifen“ vielleicht übertragen wurde. Vom Titel als Legitimationsgrundlage wird allerdings erst am Ende des Osmanischen Reiches im 19. Jahrhundert Gebrauch gemacht. Wichtiger war die Rolle des Sultans als Verteidiger des sunnitischen Islams gegenüber z.B. dem Schiismus etwa ab 1530 beginnend. Durch die Eroberungen wurden nun die Muslime zur Mehrheitsbevölkerung im Reich.
Nach der Einnahme Ägyptens kam es zu Konflikten der osmanischen Flotten und Portugal, zeitweilig segelten die Osmanen sogar bis nach Indien, ohne allerdings dabei auf Portugiesen zu stoßen. Nach einer verlorenen Schlacht gegen die portugiesische Flotte im Persischen Golf beschränkten die Osmanen ihre Aktivitäten auf Militärhilfe an muslimische Herrscher, z.B. bis hin nach Indonesien.
Nachdem Selim nun der unumstritten mächtigste islamische Herrscher war, wandte er sich wieder dem Westen zu. Um die Insel Rhodos einzunehmen, benötigte er eine starke Flotte, so dass er den berüchtigten Seeräuber Hayreddin Barbarossa (auch Barbaros Hayreddin, Khair ad-Din Barbarossa)in seine Dienste nahm, der speziell die algerische Küste beherrschte, die erstmalig die osmanische Oberherrschaft akzeptierte. Der ehrgeizige Sultan konnte allerdings seinen Plan nicht mehr verwirklichen, da er unerwartet 1520 verstarb.
Er konnte das Osmanische Reich in etwa auf die Größe von Westeuropa ausdehnen, es erstreckte sich nun auf drei Kontinente.

Nachfolger auf dem Sultansthron war Selims vierundzwanzigjähriger Sohn, der den Namen Salomons trug, des weisesten der biblischen Könige: Süleyman I. (Süleymân I.; 1520-1566). Im Westen ist er als „der Prächtige“ bekannt, in osmanisch-türkischer und muslimischer Tradition trägt er den noch rühmlicheren Beinamen al-Qanuni/Kanuni, „der Gesetzgeber“. Die absichtsvolle Anlehnung an Kaiser Justinian soll die rechtmäßige Kontinuität von Römischem und Osmanischem Reich unterstreichen. Er ist neben Mehmed II. einer der bedeutenderen osmanischen Herrscher, und seine Herrschaft brachte eine erneute Expansion.

In Südosteuropa rückte nach dem Fall Belgrads 1521 das osmanische Heer nach Ungarn vor. Nach der Schlacht von Mohács 1526, in der König Ludwig II. von Ungarn und Böhmen fiel, kamen seine Ländereien an den Habsburger Ferdinand I. und an seinen Kontrahenten Johann Zápolya. Süleyman bestätigte den ihm wohlgesonnenen Johann Zapolya in seinem gerade erlangtem Königsamt. Da aber dieser bald starb, und der habsburgische König Ferdinand I. Erbansprüche geltend machte, denen er durch einen Feldzug Nachdruck verlieh, kam es zu einem längeren osmanisch-habsburgischem Krieg in dem der größere Teil Ungarns osmanische Provinz wurde, die von Buda (Budapest) aus verwaltet wurde. Der Habsburgische Kaiser Karl V. wurde in dieser Zeit dem Sultan gegenüber tributpflichtig. Siebenbürgen blieb ein von den Osmanen abhängiges Fürstentum und im Zuge dieser Auseinandersetzungen mit Ferdinand kam es 1529 auch zu einer kurzen knapp dreiwöchigen ersten erfolglosen Belagerung des kaiserlichen Wien. Um 1520-35 lebten in den südosteuropäischen Provinzen des Reiches nach Ausweis der Register inzwischen ca. 19% Muslime, teilweise durch Zuzug, teilweise durch Konvertierung (z.B. Bosniaken). Der Anteil stieg im Verlauf des Jahrhunderts auf gut 30%.

Der diplomatische Austausch mit Ost und West intensivierte sich. Allein im 16. Jahrhundert weiß man von 85 habsburgischen Gesandtschaftsreisen nach Konstantinopel. Aus dem Gegensatz zu Habsburg erklärt sich der Bündnisvertrag, den der Sultan mit dem französischen König Franz I. abschloss. Mit Frankreich wurden auch die ersten „Kapitulationen“ genannten Verträge eingegangen, die u. a. den französischen Kaufleuten Handelsvorteile und rechtlichen Schutz einräumten. In diesen Privilegien wurde aber auch die Höhe der Zölle bestimmt, die die Untertanen des betreffenden Herrschers zahlen sollten. Zu Ende des 16. Jahrhunderts hatten neben den Franzosen auch die Venezianer und Engländer solche Kapitulationen erhalten. Im 18., 19. und frühen 20. Jahrhundert, als sich die Machtverhältnisse umgekehrt hatten, sollten diese Kapitulationen zu einer starken Einschränkung osmanischer Politik werden.

Der systematische Aufbau einer Flotte verschaffte den Osmanen mithilfe des nun zum Groß-Admiral ernannten Hayreddin Barbarossa nach der siegreichen See-Schlacht von Preveza gegen die päpstlich-venezianisch- kaiserliche „Heilige Allianz“ (1538) für einige Dekaden die absolute Vorherrschaft im Mittelmeer, und mit der Eroberung von Tunis vermochten sie ihren Einfluss zu Lande bis nach Nordafrika auszudehnen. Weitere wichtige Siege Süleymans waren die Eroberungen von Rhodos, Abessinien, Libyen, Algerien, Jemen, Aserbaidschan und des Irak (1534).

Süleymans lange Regierungszeit war nicht nur wegen der immensen Ausdehnung seines Reiches, diesmal auch zur See, bedeutsam, sondern ebenso wie im Falle von Mehmed II. wegen den beträchtlichen innenpolitischen Innovationen, besonders die gesetzgeberischen Tätigkeiten (z.B. Harmonisierung von weltlicher Gesetzgebung und religiösem Recht) und die Systematisierung der Administration. Es gab zu seiner Zeit auch durch Zunahme der Diplomatie bedingt, einen starken Ausbau der Bürokratie. Des Weiteren trat er als großer Förderer der Künste auf, unermessliche Summen flossen z.B. in sein umfangreiches profanes und religiöses Bauprogramm (Architekt Mimar Sinan). Die Einbeziehung des Osmanischen Reiches in die abendländische Politik war ein Phänomen, das sich erst unter Süleyman so deutlich zeigte. Unter seiner Herrschaft dehnte sich der Handel stark aus, die Istanbuler jüdische Handelsfamilie der Mendes hat man gar mit den Fuggern verglichen.
Interessanterweise sind unter seiner glanzvollen Herrschaft erste Wegmarken gelegt worden, die die weitere Entwicklung prägen und die den späteren Generationen noch Schwierigkeiten bereiten sollten, z.B. die erweiterte Machtstellung des Großwesirs, die Zunahme des Ämterkaufs und Korruption, usw.
Sultan Süleyman I. der Prächtige starb 1566 im Feldlager vor Szigetvár während eines Ungarnfeldzugs.

Süleymans Nachfolger nach 46-jähriger Herrschaft, Selim II.
(1566–1574), war von einem eher schwachen Charakter, der von nun an kennzeichnend für zahlreiche der Sultane der nächsten Jahrhunderte sein sollte. Wenn auch die mangelnde Qualität zahlreicher Herrscher nicht den Niedergang des Osmanischen Reiches ab dem 18. Jahrhundert erklären kann, so ist dies doch einer der Faktoren gewesen. Zudem wurden zunehmend die Thronprinzen nicht mehr als Gouverneure in den Provinzhauptstädten ausgebildet, sondern im Sultanspalast (Stichwort: „Goldener Käfig“).
In Selims Zeit fällt die Niederlage und fast vollständige Vernichtung der osmanischen Flotte bei Lepanto und die Einnahme Zyperns im gleichem Jahr (1571). Moralisch ein bedeutender Sieg der christlichen Flottenallianz, gegen die als unbesiegbar geltenden Osmanen, politisch hingegen eher unerheblich, da zudem die Osmanen schon ein Jahr später ihre Flotte vollständig wieder aufbauen konnten und der Status quo vor der Schlacht erhalten blieb. Venedig musste gar Reparationszahlungen leisten, und einer Erhöhung ihrer Tributzahlungen zustimmmen, behielten dafür ihre Handelsprivilegien – die Osmanen intensivierten fortan ihre Beziehungen zu den Franzosen, Engländern und Holländern.
Ende des 16. Jahrhunderts wurde der offene Konflikt des Osmanischen und Spanischen Weltreiches beendet und die Spanier zogen sich endgültig aus dem Mittelmeer zurück, während sich die Osmanen mehr und mehr auf das östliche Mittelmeer zurückzogen.

Seine wahre Stärke zeigte die Sultanherrschaft in der Anpassungsfähigkeit an die wechselnden regionalen Gegebenheiten. Den neu erworbenen Gebieten wurden in der Regel die lokalen Gewohnheiten weitgehend belassen. Der Sultan entlohnte Loyalität mit Aufstiegschancen, die auch christlichen Untertanen nicht vorenthalten wurden. Zu seiner Blütezeit war das Osmanische Reich ein ausgesprochener Rechtsstaat. Die Kadi-Ämter boten auch christlichen Handwerkern und Gewerbetreibenden in mancherlei Geschäften notarielle und schiedsrichterliche Hilfestellung. Allen Untertanen stand zudem das Petitionsrecht an den Sultan offen.

3. Mühsam errungene Erfolge und ernste Rückschläge
(ca. 1600–1774)

Seit dem 17. Jahrhundert gewannen in zunehmenden Maße einheimische, vor allem griechische, andere südosteuropäische, aber auch muslimische Kaufmannsfamilien Einfluss auf das Marktgeschehen. Albanische und andere Renegaten schafften schon seit dem 15. Jahrhundert den Aufstieg bis zu den höchsten Reichsämtern und finden sich selbst unter den Großwesiren. Istanbuler Griechen (Phanarioten) wurden mit der Verwaltung der Donaufürstentümer (Rumänien) betraut, nachdem die dortigen Fürsten unter russischem Einfluss einen Mangel an Loyalität zeigten.
In Randzonen der Balkanhalbinsel wurde eine nur nominelle osmanische Oberhoheit seitens des Sultans akzeptiert.

Die Osmanen verstanden es, eine absolutistische Regierungsform mit einer weitgehenden Kultur- und Verwaltungsautonomie in den Regionen zu einem funktionierenden Ganzen zu verbinden (Pax Osmanica/Ottomanica). Kirchliche Amtsträger übernahmen die Zuständigkeit für die Regelung interner Verwaltungs- und Justizangelegenheiten der einzelnen Religionsgemeinschaften (Milletsystem). Trotzdem waren nicht-muslimische Minderheiten unterprivilegiert, sie mussten beispielsweise eine je nach Reichtum abgestufte Kopfsteuer entrichten, brauchten im Gegenzuge dafür aber keinen Militärdienst leisten. Insgesamt blieben die Abgaben der Bauern im 15./16. Jahrhundert oft unter denen ihrer Nachbarn in christlichen Reichen. Unfreiwillige Bekehrungen zum Islam kamen nur relativ selten vor. Selbst manche Sklaven konnten dem Druck, die Religion zu wechseln, widerstehen.

Eroberungen im 17./18. Jahrhundert durch die Gegner des Osmanischen Reiches folgten Rückeroberungen durch die Osmanen (z.B. Serbien, Asow, Georgien, usw.), trotzdem sahen viele Mitglieder der Oberschicht die Zeit um das Jahr 1600 als eine Krisenzeit an. Dabei gelangte das Osmanische Reich erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhundert zu seiner maximalen Ausdehnung.

Im 17. Jahrhundert sind eigentlich nur Murad IV. (1623-1640) und Mustafa II. (1695–1703) erwähnenswert und was das 18. Jahrhundert anbelangt, spielten nur Ahmed III. (Ahmet III.; 1703–30) und Selim III. (1789–1807) eine bedeutendere Rolle. Letzterer genoss eine sorgfältige Erziehung mit westlichen Elementen. Als Prinz unterhielt er z.B. einen Briefwechsel mit dem französischen König Ludwig XVI. Ein junger Mann aus der Umgebung Selims III. war nach Paris zum Studium der französischen Kultur und Gesellschaft geschickt worden.

Auf zwölfjährige kriegerische Auseinandersetzungen mit den Safawiden des Iran folgte der „Lange Krieg“ gegen die Habsburger (1593-1606). Es ergab sich ein militärisches Patt zwischen den Osmanen und den Habsburgern, in dem geschlossenen Friedensvertrag verzichteten die Osmanen fortan auf Tributzahlungen der Habsburger. Außerdem wurde der habsburgische Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, von den Osmanen bisher herablassend als „König von Wien“ bezeichnet, als ein ebenbürtiger Kaiser anerkannt, was die Sultane bislang keinem Herrscher gegenüber getan hatten.

In der Zeit zwischen beiden Kriegen flammten in Anatolien teilweise sozial motivierte Aufstände auf, ja es war zeitweilig die Kontrolle der Sultane über Anatolien ernsthaft gefährdet. Große bewaffnete Banden durchzogen plündernd das Land. Grund war unter anderem der Machtverlust der Kavallerie gegenüber den Janitscharen, die sich zunehmend wie „Prätorianer“ gebärdeten und in Folge zu einem großem hemmenden Machtfaktor und einem „Staat im Staate“ wurden. Um 1650 wurde die „Knabenlese“ gänzlich abgeschafft, was die Degenerierung der einstigen Elitetruppe beschleunigte. Durch das erhebliche Anwachsen ihrer Zahl, gestaltete sich die Besoldung dieses stehenden Heeres schwierig und war ein großer Posten im Haushalt, dem durch wiederholte Münzabwertungen begegnet wurde.

Ab dem 17. Jahrhundert erlebt man mehrere solcher Vorfälle, im wesentlichen waren die Ursachen die Aufweichung der wirtschaftlichen, sozialen, politischen und militärischen Grundlagen, die das Reich in eine Dauerkrise zog. Der Niedergang des Militärpfründen-Systems (zunehmende Umwandlung zur Steuerpacht), der neben anderen Konsequenzen zur Verelendung weiter Teile der Landbevölkerung führte, die anhaltende wirtschaftliche Krise, die darin ihre Wurzeln hatte, dass die wirtschaftlich-finanzielle Kapazität in wachsendem Missverhältnis zu den Erfordernissen der Verwaltung des Reiches stand, zudem eine beschleunigte Inflation, bedingt durch wegbrechende Zolleinnahmen, da die Haupthandelswege sich vom Mittelmeer zum Atlantik verlagerten, die Abwertung der Währung, die um sich greifende Käuflichkeit der Ämter, Nepotismus (Vetternwirtschaft) und die Unfähigkeit der Sultane – dies sind einige der wichtigsten Ursachen für diese Entwicklung. Zudem konnten gerade die fiskalischen Auswirkungen zunehmend nicht mehr durch dauerhafte und größere Territorialgewinne ausgeglichen werden.

Die unter großem Einsatz erreichte Stabilisierung des Osmanischen Reiches im 17. und bis zur Mitte des eher kriegsarmen 18. Jahrhunderts hat darin zum Teil seine Ursache, dass sich unter den Großwesiren immer wieder starke Persönlichkeiten befanden (z.B. die Köprülüs), die die Verwaltung nach innen wie nach außen vorübergehend in Ordnung zu bringen vermochten.

Zum anderen kann nicht übersehen werden, dass spätestens seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts die europäischen Großmächte eifersüchtig darüber wachten, dass Schwäche und Zerfall des Osmanischen Reiches nicht das Gleichgewicht der Kräfte verändern würden. Am Ende des 18. Jahrhunderts fügten sich die Osmanen nicht zuletzt aufgrund ihrer Hinwendung zu starker diplomatischen Aktivität und der Kunstfertigkeit darin in die europäische Allianzsysteme ein, mehr als ein halbes Jahrhundert vor ihrer förmlichen Aufnahme in das „Europäische Konzert“ im Jahr 1856.

Trotz innerer Krisen führte das 17. Jahrhundert nicht zu einem stärkeren Niedergang, sondern man muss eher von einer Stagnation sprechen; die Ausdehnung des Osmanischen Reiches fand im letzten Viertel des Jahrhunderts ihren Höhepunkt mit der Eroberung von der West-Ukraine (nebst Podolien), nördlichen Küsten des Schwarzen Meeres, Kretas, Teilen Kroatiens, usw.

Insgesamt umfasste das Osmanische Reich ab 1672 sehr konservativ gerechnet Gebiete von 5.730.100 qkm/km² (inkl. Vasallen), was einer Größe von 16 mal Deutschland entspricht, oder der gesamten Fläche von Deutschland, den Benelux-Staaten, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Irland, Italien, Norwegen, Österreich, Polen, Portugal, Schweden, Dänemark, Schweiz, Slowakei, Spanien, Tschechien, Ungarn, Bulgarien, Estland, Griechenland, Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Lettland, Litauen, Makedonien, Moldawien, Rumänien, Serbien, Montenegro, Slowenien, Ukraine, Weißrussland entspricht.
Oder kurz gesagt den kompletten Kontinent Europa abzüglich europäisches Russland und Island.

Das 17. Jahrhundert sah mit Murad IV. (1623-1640) den letzten größeren Feldherrn unter den osmanischen Sultanen. Allein 1633/34 plante er fünf große Feldzüge. Die Rückeroberung vom Irak, Aserbaidschan, Kaukasus, Daghestan und Luristan sind besonders erwähnenswert. Er vermochte Recht und Ordnung durch eine harte Politik und strenges Durchgreifen zu konsolidieren.

Nach fast 20 jährigem Frieden mit den Habsburgern und vor dem Hintergrund einer anhaltenden inneren Krisensituation des Reiches führte 1683 ein neuer osmanischer Feldzug zu der zweiten Belagerung von Wien. Sowohl diplomatisch als auch strategisch, waren hohen osmanischen Würdenträgern bei der Vorbereitung schwere Fehler unterlaufen. Zum einen war man am osmanischen Hofe offenbar nicht darüber informiert, dass der polnische König trotz seiner pro-französischen Partei, nach seiner Inthronisierung gute Beziehungen zu den Habsburgern geknüpft hatte. Diese Fehleinschätzung führte wiederum dazu, dass bei der osmanischen Feldzugsplanung die Möglichkeit, dass ein stärkeres Entsatzheer Wien zu Hilfe kommen könnte, nicht wirklich berücksichtigt worden war.
Mit der vernichtenden Niederlage setzte eine Kette militärischer Rückschläge ein, die auch bald zu bedeutenden territorialen Verlusten führten, denn diesmal waren die Habsburger in der Lage, die sich zurückziehenden osmanischen Truppen über die Grenzen nach Ungarn hinein zu verfolgen. Noch im selben Herbst verloren die Osmanen die Festung Esztergom (Gran) an der heutigen slowakischen Grenze, eine ihrer am weitesten nach Mitteleuropa vorgeschobenen Bastionen, die, mit einer Unterbrechung, seit 1543 in ihrem Besitz war. Weiterhin fiel z.B. 1686 Buda, etwa hundertfünfzig Jahre lang die Hauptstadt des osmanischen Ungarn. Konnte das Osmanische Reich der Zangenbewegung der Seemächte Spanien und Portugal Anfang des 16. Jh. noch widerstehen, so bestimmen die russische Expansion und das kaiserlich-habsburgische Vordringen in Südosteuropa vor allem das 18. Jh.

So drängten im Osten die Russen schon unter dem jungen Zaren Peter dem Großen an das Asowsche und Schwarze Meer, jedoch noch ohne größere nachhaltige Erfolge. Es entstand aber eine neue Front, die in Folge noch an Bedeutung zunehmend würde.

Um 1700 vermochten steuerrechtliche Reformen und Währungsreformen die finanzielle Situation angesichts der militärischen Defensive zu entspannen. So wurde unter Sultan Mustafa II. (1695–1703) zum bisherigen Steuerpachtsystem ein auf Lebenszeit ausgestelltes Pachtsystem (Besitzpacht) hinzugefügt, um eine schonungsvollere Behandlung der Landbevölkerung auch im Interesse des Fiskus zu erwirken.
Der bisherige traditionelle Pfründenfeudalismus mit starkem Zentralismus und damit einhergehendem Leistungsprinzip, wich nun mehr und mehr einem eher dem europäischen Feudalismus des Mittelalters vergleichbarem Zustand. Es bildeten sich aufgrund der schwachen Zentralgewalt immer mehr lokale Notabeln und so genannte „Talfürsten“ (derebeyi) mit oft illegal erworbenen erblichem Großgrundbesitz, die teilweise gar eigene Armeen unterhalten konnten. Die Abhängigkeit der Bauern nahm weiter zu.
Die nun eingeführte Besitzpacht ermöglichte es den Notabeln sogar eine noch größere Anhäufung von Grundbesitz und eine weitere Abnabelung von der Zentralgewalt.
Die Kapitalbildung scheint von jeher eine Schwachstelle der osmanischen Wirtschaft gewesen zu sein, letztlich führt das mangelnde Kapital im 19. Jahrhundert zum Staatsbankrott.

Das erste Drittel des 18. Jahrhunderts unter Sultan Ahmed III. (1703–30) und besonders unter seinem fähigem Großwesir wurde wesentlich später als „Tulpenzeit“ bezeichnet – eine Anspielung auf die verfeinerte Lebensart dieser Epoche. Diese Zeit war gekennzeichnet von kulturellen Erneuerungen, Versuche von internen Reformen und der deutlich größeren Öffnung zum Westen, auch in der Kunst. Diese erneuernden Bestrebungen fanden ihr Ende mit der Abdankung des Sultans und seines reformerischen Großwesirs nach einem Aufstand der Janitscharen. In dieser Zeit gelang es den Osmanen nach Zusammenbruch der safawidischen Dynastie im Iran, erneut Aserbaidschan, Georgien und Schirwan für eine kurze Zeit zu erobern. Trotz der Abdankung des Sultans setze sein Nachfolger vorsichtig weitere Reformen um, besonders in der Artillerie und der Stadtentwicklung (z.B. Bau von über 60 öffentlichen Brunnen in Istanbul).

Nach einer längeren friedlichen Periode, indem sich das Osmanische Reich bemühte aus abendländischen Kriegen sich herauszuhalten, und zwischen 1720 und 1765 Handel und Gewerbe sogar in vielen Zentren des osmanischen Reiches eine Epoche der Expansion erlebten, wurden sie 1768-1774 in einem osmanisch-russischen Krieg hineingezogen, der überdeutlich die inzwischen angewachsene militärische Unterlegenheit der osmanischen Armee aufdeckte.

Die Flotte der Zarin Katharina II. vernichtete die osmanische Flotte in der Ägäis, woraufhin die Kommandanten der Zarin einen Aufstand auf dem Peloponnes auslösten, der von einem osmanischen Wesir niedergeschlagen wurde. Aber die albanischen irregulären Truppen, die bei dieser Kampagne eingesetzt worden waren, führten auf der Halbinsel bald ein solches Schreckensregiment, dass ein weiterer osmanischer Feldzug nötig wurde, um sie aus ihren Positionen zu vertreiben. Die langfristige Verbitterung, die diese oft unter anarchischen Umständen ausgefochtenen Kriege auslösten, ist exemplarisch und wichtig als ein Teil der Vorgeschichte des griechischen Aufstandes von 1821.

Ansonsten waren bis zum Ende des 18. Jahrhunderts die Mehrzahl der osmanischen Untertanen, einschließlich der Christen des Südosteuropas, nicht bereit gewesen, den Aufrufen von Verschwörern gegen die osmanische Herrschaft Folge zu leisten, obwohl diese etwa im 16. Jahrhundert durchaus keine Seltenheit gewesen waren. Das änderte sich erst in Teilen im 19. Jahrhundert durch die mobilisierende Kraft der neuen Idee des Nationalismus, mit oder ohne religiöse Verbrämung, sowohl Provinzeliten als auch bald die gewöhnlichen Untertanen.

Mit dem Frieden von Küçük Kaynarca (1774), der den osmanisch-russischen Krieg beendete, verlor das ehemalige Weltreich nun endgültig weite Teile in Europa. Der Vertrag wird allgemein als Ursprung der „Orientalischen Frage“ im Sinne der Art und Weise, wie das Osmanische Reich aufzuteilen sei, verstanden. Im Zuge dessen verloren die Osmanen z.B. nach fast genau 300 Jahren ihre Oberherrschaft über ihren Vasallen des Krim-Khanat und damit zum ersten Mal ein rein muslimisches Gebiet an die Christen. Auch erhielten die Russen Zugang zum bisherigen osmanischem Binnenmeer des Schwarzen Meeres und Durchfahrtsrechte für Donau und die Meerengen. Nicht weniger schwerwiegend war, dass Russland ein Schutzrecht für die auf osmanischem Territorium lebenden orthodoxen Christen eingeräumt wurde, wie es Frankreich bereits in der „Kapitulation“ von 1740 über die Katholiken erhalten hatte. Damit war abendländischer innenpolitischer Einmischung, wie oben schon angedeutet, Tür und Tor geöffnet. Erst jetzt besann sich der Sultan Abdülhamid I. (Abdülhamit/Abdul Hamid/Abd ül-Hamid; 1774–1789) auf seinen religiösen Status als Kalif, den er seit 250 Jahren innehatte. So wurde festgelegt, dass das Khanat der Krimtataren dem osmanischen Sultan-Kalifen wenigstens noch in seiner Eigenschaft als religiöses Oberhaupt der islamischen Welt verpflichtet bleiben sollte.

Nun wurde eine Phase des beschleunigten Niederganges eingeläutet.

4. „Das längste Jahrhundert des Reiches“ (von Küçük
Kaynarca 1774 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs 1918 und Ende des Reiches 1922)

Der spätestens jetzt offen sichtbare Niedergang des Osmanischen Reiches war immer weniger von den Machtverhältnissen zwischen den europäischen Mächten zu trennen. Das habsburgische Österreich, England und Russland waren die Eckpunkte des Kräftedreiecks. Zudem machte aber auch Frankreich (mit traditionell guten osmanischen Beziehungen) und seit Mitte des 18. Jh. Preußen in der Auseinandersetzung um das Osmanische Reich ihre Interessen geltend. Das Osmanische Reich war zum Gegenstand der „Orientalischen Frage“ geworden, die erst mit dem Ende des Ersten Weltkrieges 1918 ihren Abschluss fand.

Eine der ersten Auswirkungen der französischen Revolution auf das Osmanische Reich war Napoleons Überfall 1798 auf das osmanische Ägypten und dessen kurzzeitige Besetzung. Nach jahrhundertelanger Zusammenarbeit mit Frankreich erklärte das Osmanische Reich dem alten Verbündeten den Krieg und ging 1799 eine Allianz mit Großbritannien und Russland ein. Auf diese Weise wurde das Osmanische Reich das erste und einzige nichtwestliche Mitglied in einem europäischen System von Allianzen im 18. Jh. Ein bemerkenswerter Ausdruck der völlig veränderten Vorzeichen war das gemeinsame Protektorat, das Russen und Osmanen von 1799 bis 1806 über Korfu ausübten.

Dem wachsenden äußeren Druck, und der anhaltenden inneren Schwäche suchte die Hohe Pforte (= osmanische Regierung) seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts durch Reformen zu begegnen. Sie verstärkte das Engagement, ihr Militär mithilfe von westlichen Beratern (vor allem Franzosen) zu reformieren und nach westlichem Vorbild zu strukturieren. Sultan Selim III. (1789-1807) versuchte zudem fiskalische, administrative und politische Reformen durchzusetzen, scheiterte aber daran, dass interne konservative Kreise sowie besonders die oppositionellen Janitscharen diese verhinderten, indem sie den fortschrittlichen Sultan (wie zuvor schon öfters) absetzen ließen.
Zu dieser Zeit erreichten in den Provinzen die Notabeln den Zenith ihrer Macht und Autonomie.

Der Nachfolger Sultan Mahmud II. (Mahmut/Mahmûd; 1808–1839) konnte das Werk fortsetzen, indem er zuerst das leidige Janitscharenkorps durch ein inzwischen parallel neu gegründetes Eliteheer zerschlug. Daneben gelang es ihm die Macht der provinziellen Notabeln teilweise wieder zurückzudrängen und ihre Autonomie zu beenden. Neben der Reform des Militärwesens (Berater u. a. Helmuth von Moltke) traten in den folgenden Jahrzehnten Reformen in den Bereichen des Rechtswesens, der Verwaltung (Umwandlung des Großwesirats zum Premierministerium, Einführung von Ministerien für Äußeres, Inneres und Finanzen, etc.) und der Schulbildung in Kraft. Insgesamt sollten sich diese als nicht weitreichend genug erweisen, da sie letztlich nur punktuell waren. Es entstanden hingegen dadurch zwei Strömungen, im politischem, gesellschaftlichem und kulturellem, wobei es den oppositionellen konservativen Kräften immer wieder gelang, den Modernisierungsprozess zu blockieren.
Ein Handelsabkommen mit Großbritannien 1838 öffnete umfassend den osmanischen Markt für britische Waren. Dieses Handelsabkommen war für die Osmanen mit sehr ungünstigen Konditionen verbunden, wollten sie sich doch der Gunst der Briten versichern. Es galt als eines der liberalsten weltweit, aber mit weitreichenden Folgen für die osmanische Wirtschaft und den Handel, da z. B. der osmanische Markt von britischen Waren überflutet wurde.
Unmittelbar nach dem Tode Mahmuds II. begann eine neue Epoche der osmanischen Geschichte, die sich nicht mehr mit vereinzelten Reformmaßnahmen begnügte, sondern das ganze System im Sinne eines zentralistischen, bürokratischen Staatswesens nach europäischem Vorbild umbaute. Diese Periode von 1839-1876 bezeichnet man auch als Epoche des Tanzimat (Tanzîmât = Neuordnung).

Als der junge Sultan Abdülmecid I. (Abdülmecit/Abdul Mecid) 1839 folgte, stand ihm mit Mustafa Re?id (Re?it) Pascha eines der großen Talente des an politischen Begabungen nicht armen 19. Jahrhunderts zur Seite. Re?id hatte als Botschafter in Paris und London Erfahrungen gesammelt, bevor er Außenminister wurde. Abdülmecid konnte als erster osmanischer Herrscher gut französisch, die Weltsprache des 19. Jahrhunderts. Dies erlaubte ihm als Ersten in direktem unmittelbaren Kontakt zu westlichen Herrschern zu treten. Man sah den Reform-Sultan in der Istanbuler Oper und auf dem Ball des französischen Botschafters. Durch die zunehmende Beteiligung des Hofes und der Istanbuler Oberschicht am luxuriösen Lebensstil des Westens wurde die Staatskasse ernorm belastet.

Die Reformmaßnahmen sollten nicht nur eine Stärkung des Reiches bewirken, sie waren auch darauf ausgerichtet, ihm ein Erscheinungsbild zu geben, das es den europäischen Mächten erleichtern würde, es als einen Teil Europas zu sehen und auch die ständigen Konfrontationen abzubauen. Zugleich sollte die Grundlage für westliche Einmischungen verringert werden. Die Neuordnung von 1839 wurde 1856 nach dem siegreichen Krimkrieg ergänzt und bekräftigt. Neben Maßnahmen, die unter anderem das Steuersystem betrafen (Abschaffung der Kopfsteuer für Nicht-Muslime), beinhalteten sie so grundlegende Prinzipien wie die Sicherheit des Lebens, der Ehre und des Privateigentums, die Einführung einer gerechten und öffentlichen Rechtsprechung und die Gleichheit für die Anhänger aller Religionsgemeinschaften, sowie die allgemeine Wehrpflicht für alle Untertanen. Es wurde die grassierende Korruption als ein Grundübel angegangen, die Steuerpacht weitgehend abgeschafft, der Sklavenhandel 1847 verboten und die erste Konzession für eine Bahnlinie auf osmanischem Boden 1856 vergeben. Eine staatliche Anstalt zur Ausbildung von Lehrerinnen folgte 1870.

Die verkündeten Prinzipien sollten insgesamt eine Etappe auf dem Weg des Reiches in Richtung auf eine europäische freiheitlich-bürgerliche Gesellschaftsordnung markieren. Ein weiterer Meilenstein hätte schließlich die 1876 von Sultan Abdülhamid II. (1876–1909) proklamierte Verfassung sein sollen (u. a. Errichtung einer konstitutionellen Monarchie mit einem Zwei-Kammer Parlament mit deutlich überrepräsentierten nichtmuslimischen Abgeordneten). Gerade aber das Schicksal der Verfassung, die schon 1878 vom Sultan widerrufen und unter dem Druck der sog. „Jungtürken“ (= westlich ausgerichtete oppositionelle Reformpartei) erst nach 1908 wieder in Kraft gesetzt wurde, macht deutlich, dass alle Maßnahmen den inneren und äußeren Druck nicht zu mindern vermochten.
Zwar wurde durch den Friedensvertrag von Paris (1856) nach dem Krimkrieg die Unversehrtheit des Reiches garantiert und dieses gleichzeitig, wie oben erwähnt, offiziell in das europäische Staatensystem aufgenommen. Doch die nationalen Bewegungen unter den nicht-islamischen Völkern strebten mit wachsendem Nachdruck nach Unabhängigkeit und wurden dabei von den europäischen Mächten unterstützt.
Im 19. Jahrhundert propagierten die osmanischen Eliten zunächst eine Loyalität gegenüber Staat und Dynastie jenseits von ethnischen und konfessionellen Gegensätzen. Spätestens 1878 war jedoch offenkundig geworden, dass zumindest auf dem Balkan diese Ideologie völlig unwirksam war.

Schon 1829/30 musste Griechenland als erste Nation in die Unabhängigkeit entlassen werden. Nach dem Russisch-Osmanischen Krieg 1877/78 erhielten Serbien, Montenegro und Rumänien auf dem Berliner Kongress 1878 die volle Unabhängigkeit, Bulgarien nur zum Teil; Bosnien und Herzegowina kamen unter österreichische Verwaltung, Zypern zu Großbritannien. Frankreich, das 1830-70 Algerien annektiert hatte, besetzte 1881 Tunesien, Großbritannien 1882 Ägypten. Die formale Oberhoheit des Sultans blieb aber erhalten. Da die Herrscher oft fremden Dynastien entstammten (z. B. Otto I. von Bayern in Griechenland), lag es nahe, das Legitimationsdefizit durch die Unterstützung von territorialer Expansion auszugleichen. Der fortschreitenden politischen Zerstückelung ging die wirtschaftliche Durchdringung seitens der sich im Zuge der Industrialisierung rasch entwickelnden europäischen Staaten einher. Nicht zuletzt die „Kapitulationen“, die von immer mehr Staaten auf immer weitere Bereiche ausgedehnt wurden, erwiesen sich, wie erwähnt, als ein Instrument, das Land mehr und mehr in Abhängigkeit zu bringen.
Das Missverhältnis zwischen den Kosten der Kriegführung sowie einer verschwenderischen Ausgabenpolitik auf der einen und einer ständigen Geldknappheit auf der anderen Seite verschuldete das Reich gegenüber westlichen Staaten. Zum größten Teil resultierte die Verschuldung des osmanischen Staates aus den Anleihen, mit denen die Regierung
seit dem Krimkrieg die Modernisierung der Armee bezahlen wollte. Für diese Anleihen mussten horrende Zinsen gezahlt werden, und die Anhäufung der Schulden führte zu einem Staatsbankrott 1875. Seit 1881 verwaltete ein Konsortium europäischer Geldgeber wichtige osmanische Staatseinnahmen. Etwa ein Drittel der Staatseinnahmen gingen an die westlichen Mächte, mit deren Verwaltung und Regelung war eine eigene Abteilung mit 5000 Angestellten beschäftigt. Obwohl das Osmanische Reich im Zeitalter des Imperialismus niemals einem europäischen Kolonialreich zugeschlagen wurde, hatte gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Abhängigkeit erhebliche Ausmaße angenommen.

Die ständigen Kriege z.B. mit Russland seit Mitte des 19. Jh. lösten eine Flüchtlingsbewegung aus, die das Bevölkerungsbild der Türkei bis heute prägt. Mehr als 300.000 Tataren verließen die Krim. In den Kaukasusländern wurden Tscherkessen (1864), Abchasen (1867), Lasen und Türken (1829, 1878) zur Auswanderung in die Türkei gezwungen. Einhergehend mit der ungeregelten Flucht gab es zahlreiche Massaker. Mit den Flüchtlingsströmen wurde der Anteil der Muslime an der Bevölkerung des Osmanischen Reichs, der um 1840 nur etwa 60% betrug, gegen 1900 auf etwa 75% angehoben.

Die lange Regierungszeit Sultan Abdülhamids II. brachte zwar äußerlich einige Jahre der Stabilität, er konnte die Auflösung des Osmanischen Reiches immerhin um einige Jahrzehnte hinauszögern, innenpolitisch regierte er allerdings rigide, mit Betonung seiner Kalifenwürde, um den nun prozentual größeren arabischen Bevölkerungsteil mehr einzubinden. Gegen die autoritäre Herrschaft des Sultans baute sich seit Ende der achtziger Jahre eine innere westlich ausgerichtete säkulare Opposition auf, die unter dem Namen „Komitee für Einheit und Fortschritt“ im Ausland als die „Jungtürken“ bekannt wurde. Sie forderte die Wiedereinführung der Verfassung sowie die Versöhnung und Zusammenarbeit mit den nationalen Minderheiten durch Dezentralisierung und Föderalisierung des osmanischen Staates. Ein anderer Flügel stellte demgegenüber einen starken türkischen Nationalismus als integrierendes Element in den Vordergrund – als Oppositionsbewegung gegen Abdülhamids neoabsolutistisches Regime. Der wirtschaftliche Aspekt war hier von besonderer Bedeutung, denn die Politik der europäischen Mächte brachte eine deutliche Stärkung der wirtschaftlichen Stellung der nicht-muslimischen Minderheiten im Orient mit sich. Das Handelsbürgertum bestand zu einem guten Teil aus Griechen und Armeniern, deren nationalistische Bestrebungen gegen die territoriale Integrität des Osmanischen Reiches gerichtet waren. Diesem „fremden“ Bürgertum sollte eine türkisch-muslimische entgegengesetzt werden, die erst zu schaffen war.
Diese Politik richtete sich auch gegen die Integration in die europäische Weltwirtschaft und die ökonomische Ausbeutung des Osmanischen Reiches durch das Ausland.
1908 kam es zur Kraftprobe zwischen den Jungtürken, die Teile der Armee auf ihre Seite zu ziehen vermocht hatten, und dem Sultan. Abdülhamid wurde gezwungen, die Verfassung wieder in Kraft zu setzen; die Jungtürken übernahmen die Regierung der nun wieder konstitutionellen Monarchie. Angesichts des anhaltenden Drucks von außen setzte sich der Flügel durch, der im türkischen Nationalismus des Reiches die Lösung seiner Probleme sah. In ihre Zeit fiel das verstärkte Aufkommen der Emanzipation unter der Oberschicht (erstes Mädchengymnasium 1911) und die weitere Zurückdrängung des Islam. Der offene Nationalismus der Jungtürken führte dazu, dass nationale Bewegungen auch unter denjenigen Völkern an Boden gewannen, denen sie vorher fremd gewesen waren. Z. B. waren viele syrische Araber aufgebracht, da türkische Kandidaten etwa für Beamtenpositionen bevorzugt wurden.
Auch sonst konnten die Jungtürken nicht verhindern, dass weitere Teile des Reiches verloren wurden. Die Schwächung des Reichs setzte sich fort: Unabhängigkeit Bulgariens (mit Rumelien) 1908; Verlust von Tripolis (Tripolitanien), der Cyrenaika und des Dodekanes im Italienisch-Osmanischen Krieg 1911/12; fast völliger Verlust der verbliebenen europäischen Besitzungen in den Balkankriegen 1912/13. Albanien und der Jemen hatten sich zudem 1911 aus dem osmanischen Reichsverband gelöst.

Übrigens hatte sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts in der osmanischen Führung aus politischen wie psychologischen Gründen eine deutliche Hinwendung zu Deutschland vollzogen. In der Türkei schätzte man Deutschland als die Macht ein, die am wenigsten an der Zerstückelung des Reichs interessiert war. Diese Hinwendung erstreckte sich auf das Gebiet der militärischen Zusammenarbeit ebenso wie auf die Vergabe weit reichender Infrastrukturprojekte, von denen die Bagdadbahn das populärste wurde.

Erneute Ansätze einer inneren Erneuerung verhinderte das Hineinziehen des Osmanischen Reiches auf seiten der Mittelmächte in den ersten Weltkrieg 1914, dem eine starke Abkühlung der traditionell guten Verbindungen zu den Briten und Franzosen vorausging.
Noch ein letztes Mal war die Hohe Pforte gezwungen, einen Mehrfrontenkrieg zu führen, den sie ebenso wenig gewinnen konnte wie Deutschland in der Lage war, die osmanische Armee wirksam zu unterstützen. Im Kaukasusgebiet war Russland, im Irak, Palästina und Ägypten Großbritannien der Gegner. Außerdem kämpften osmanische Verbände in Galizien, Makedonien und Rumänien. Einen frühzeitigen Fall Istanbuls verhinderte der osmanische Sieg bei der Meerenge der Dardanellen (1915), gegen eine britisch-französische Invasionsarmee. Die Niederlage des Reiches war allerdings auch durch brillante militärische Einzelleistungen nicht aufzuhalten. Wieder waren es darüber hinaus auch innenpolitische Gegner, die dem Reiche zu schaffen machten. Nach nahezu einem Jahrhundert innerer Erhebungen waren es in der Endphase nun die meist muslimischen Araber, die, von der trügerischen Verheißung Englands auf einen eigenen Staat angestachelt, sich im Namen des arabischen Nationalismus gegen die Osmanen auflehnten (Stichwort: „Lawrence von Arabien“).

Das Vordringen Russlands im Norden und Osten Anatoliens und gleichzeitige armenische Aufstände veranlassten die osmanische Führung 1915 zu dem folgenreichen Beschluss, „Revolutionäre Elemente“ seien aus den ostanatolischen Kriegsgebieten zu entfernen. Tatsächlich jedoch wurden nicht einzelne Guerillagruppen, sondern die gesamte armenische Bevölkerung der östlichen Provinzen gezwungen, ohne hinreichende Verpflegung in die syrische Steppe auszuwandern. Auch wenn alle Umsiedlungen „in Ruhe und unter Schutz von Leben und Besitz“ der Armenier vollzogen werden sollten, bedeutete der Deportationsbefehl de facto das Todesurteil für Hunderttausende von Armeniern und bildete den Höhepunkt der blutigen Armenierverfolgungen zwischen 1894 und 1921 – ein Völkermord. Sie fielen Attacken kurdischer Stammesangehöriger und irregulären Truppen zum Opfer, wurden gegen solche Angriffe von Regierungstruppen kaum geschützt, erlagen Hunger und Krankheiten. Auch die muslimischen Verluste unter der Zivilbevölkerung waren in Ostanatolien immens.
Im Ersten Weltkrieg gingen Irak, Palästina, Arabien und Syrien verloren. Im Sykes-Picot-Geheimabkommen (1916) teilten Großbritannien und Frankreich im Widerspruch zu Versprechen an die Araber das Osmanische Reich in Einflussgebiete auf. In der britischen sog. Balfour-Deklaration (1917) wurde die Gründung des südwestlichen Teils Palästinas als „Heimstätte“ für zionistische Juden befürwortet.

Im Vertrag von Sèvres 1920 musste sich die Türkei auf Anatolien und Ostthrakien beschränken und kam unter alliierte Kontrolle. Es sollte unter England, Russland, Frankreich, Italien, Griechenland, aber auch unter Armeniern und Kurden aufgeteilt werden. Die Griechen begannen ihre Invasion in Westanatolien (1919-22) mit der Einnahme Izmirs; Istanbul und die Meerengen kamen 1918-23 unter alliierte Verwaltung. Die vollständige Demobilisierung wurde von General Mustafa Kemal Pascha (später Kemal Atatürk = Vater der Türken) verhindert, der sich 1919 in Anatolien an die Spitze der nationalen Widerstandsbewegung stellte und die Griechen aus den von ihnen besetzten westanatolischen Gebieten vertrieb (Griechisch-Türkischer Krieg 1919-22). In der Revision des Sevres-Vertrages, dem Frieden von Lausanne, gewann die Türkei 1923 Ostthrakien und die volle Kontrolle über Anatolien inklusive der östlichen Provinzen zurück, sowie die internationale Anerkennung. In einem Bevölkerungsaustausch wurden griechische Bevölkerungsgruppen aus Kleinasien und türkische Gruppen aus Griechenland gegenseitig umgesiedelt.

Nach der Absetzung des letzten osmanischen Sultans Mehmeds VI. Vahideddin (Mehmed Vahidüddin, Mehmet Vahidettin, Mehmed Vahdettin) 1922 wurde am 29. 10. 1923 die Republik ausgerufen. Ein Cousin des Sultans, Abdülmecid II., wurde noch für kurze Zeit als Kalif geduldet, bis zur Aufhebung des Kalifats am 3. 3. 1924.

Damit fand nach mehr als 600 Jahren die osmanische Dynastie ihr Ende, das am längsten bestehende und eines der größten islamischen Reiche, das letzte Mittelmeer-Imperium, war erloschen.

Kemal Atatürk (seitdem Präsident) bemühte sich, die Türkei zu einem europäisch orientierten, säkularen Nationalstaat zu formen (u. a. Einführung der lateinischen Schrift, Wahlrecht für Frauen, Trennung von Staat und Religion, etc.) und außenpolitisch durch Ausgleich mit den Siegermächten des Ersten Weltkrieges und den Nachbarstaaten abzusichern.

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Anhang:
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Territoriale Typologie der osmanischen Herrschaft im 16. Jahrhundert:

Vasallen wurden im Laufe der Jahrhunderte durchaus zu Provinzen und anders herum.

osmanische Kernprovinzen (eyalet/vilayet):

– regiert durch vom Sultan bestimmten Großgouverneur
– unterteilt in sancaks, regiert durch Gouverneure
– das meiste Land war in Pfründe/Lehen aufgeteilt (timar).
– Beispiele: Anatolien, Buda, Zypern, Rumelien, etc.
– Sonderstellungen: kleinere Gemeinden und Regionen erhielten spezielle Privilegien und lokale Autonomien:
Beispiele: Klöster von Athos und Sinai, einige Inseln und Bergregionen in Griechenland, etc.

osmanische Provinzen (sâliyâne-eyalet/sâliyâne-vilayet):

– regiert durch vom Sultan bestimmten Großgouverneur
– unterteilt in sancaks, regiert durch Gouverneure
– Land nur teilweise oder wenig durch Pfründe verteilt. Unter Beibehaltung der vorosmanischen sozioökonomischen und Verwaltungsstrukturen wird an den osmanischen Fiskus ein jährlicher Tribut entrichtet
– Beispiele: Ägypten, Jemen, Tunesien, Bagdad, Basra, etc.
– Sonderstellungen: selten auf der Ebene von eyalets, eher auf sancak-Ebene findet man einige Provinzen regiert von Gouverneuren, die ihr Amt vererben durften
– Beispiele: Adana unter den Ramazan O?ullari, einige kurdische sancaks, Vidin unter der Michaloglu Familie, etc.

muslimische Vasallen:

– Gebiete, die die Oberherrschaft der Osmanen akzeptieren, aber ihre traditionelle Organisationsstruktur beibehalten dürfen. Trotzdem behält sich der Sultan das Recht vor, den Machthaber des Vasallengebietes selber zu nominieren. Müssen ihre Politik allgemein an der osmanischen Politik ausrichten, können aber auch eigenverantwortlich agieren, sogar lokale kriegerische Handlungen durchführen.
– hat im Allgemeinen eine starke politische, militärische und/oder symbolische Bedeutung für das Osmanische Reich, und erhält daher verschiedene Formen der finanziellen Unterstützung
– Beispiele: Khanat der Krimtartaren, Scherifen von Mekka, etc.
– Sonderstellung: Iran zahlte zwar zwischen 1590 – 1603 Tribut, war aber politisch unabhängig.

christliche Vasallen:

– Gebiete, die die Oberherrschaft der Osmanen akzeptieren, sie bezahlen eine jährliche Gesamtsumme als Tribut an den Sultan, müssen ihre Politik an der osmanischen Politik ausrichten, behalten dafür aber teilweise ihre Autonomie und traditionelle christliche Institutionen (kein islamisches oder osmanisches Recht im Gebiet des Vasallen). Trotzdem behält sich der Sultan das Recht vor, den Machthaber des Vasallengebietes selber zu nominieren, sollte sich die Politik nicht an die Vorgaben halten.
– Beispiele: Ragusa, Georgien, Transylvanien, Moldawien, etc.
– Sonderstellungen: einge christlichen Reiche zahlten zwar Tribut, entweder für Teile ihres Territoriums (z.B. Venedig zahlte für Zypern bis zur osmanischen Eroberung zwischen 1517-1571; die Habsburger zahlten Tribut für Nordungarn 1533-1593) oder als „Schutzgebühr“ um nicht angegriffen zu werden oder durch Beutezüge heimgesucht zu werden (z.B. Polen-Litauen an das Khanat der Krim und gelegentlich auch an die Osmanen), behielten aber ihre politische Unabhängigkeit.

Ausdehnung des Osmanischen Reiches, welche nationale Historie wird tangiert?:

Folgende 41 heutige Staaten kamen teilweise oder vollständig unter osmanische Herrschaft, von wenigen Jahren, bis zu Jahrhunderten: (27 davon komplett in ihren heutigen Grenzen)

Slowenien, Österreich, Slowakei, Ungarn, Kroatien, Rumänien, Moldawien, Ukraine, Russland, Polen, Bosnien-Herzegowina, Serbien, Makedonien, Montenegro, Albanien, Bulgarien, Griechenland, Italien, Türkei, Zypern, Georgien, Aserbaidschan, Armenien, Iran, Irak, Syrien, Libanon, Israel, Palästina, Jordanien, Saudi-Arabien, Jemen, Kuweit, Bahrein, Ägypten, Sudan, Eritrea, Äthiopien, Libyen, Tunesien, Algerien

Ausdehnung in qkm –> 6.171.900 GESAMT im 16./17. Jahrhundert

nimmt man die safawidischen Gebiete heraus, die zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert mehrfach den Besitzer wechselten, erhält man

ab 1672:

ca. 5.730.100 qkm

Davon in Europa: 1.334.500
in Afrika: 2371400
in Asien: 2466000 (ohne safawidisch-osmanisch umkämpfte Gebiete: 2024200)

noch im Brockhaus von 1906 besaß das Osmanische Reich ohne Vasallen Gebiete von 2.987.100 qkm Fläche. (=Matuz hat wohl falsche Zahlen gehabt, die dann von der Türkenbeute-Ausstellung in Karlsruhe, oder Rill, oder andere, wie wikipedia übernommen wurden)

Wie ich zu dieser Zahl gelangt bin, siehe hier:
http://www.geschichtsforum.de/f83/au…12/index2.html

Karte
zur Zeit der größten Ausdehnung des Osmanischen Reiches im 16./17. Jahrhundert:

http://img233.imageshack.us/img233/5244/or1finalrg4.jpg

 

Literaturempfehlungen:


Erster Überblick und für Einsteiger und meistens Grundlage des obigen Textes:

  • Suraiya Faroqhi: Geschichte des Osmanischen Reiches, München 2000
  • Klaus Kreiser: Der Osmanische Staat 1300-1922, München 2001
  • Josef Matuz: Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte, Darmstadt 1985
  • Michael Neumann-Adrian und Christoph K. Neumann: Die Türkei, ein Land und 9000 Jahre Geschichte, München 1990 (Hälfte behandelt Osmanisches Reich)

Intensiverer Blick und für Fortgeschrittene:

deutsch:

  • Suraiya Faroqhi: Kultur und Alltag im Osmanischen Reich. Vom Mittelalter bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts, München 1995
  • Ulrich Haarmann (Hrsg.): Geschichte der arabischen Welt, 3., erw. Aufl., München 1994 (einige Kapitel speziell über die Osmanen, auch osmanische Provinzgeschichte des arab. Raumes)
  • Franz Babinger: Mehmed der Eroberer. Weltenstürmer einer Zeitenwende 1959 (590 dicker Schinken, der sich fast als historischer Roman liest, so anschaulich geschrieben)

englisch:

  • Halil Inalcik: The Ottoman Empire. The Classical Age 1300-1600, London 1973.
  • Erik Jan Zürcher: Turkey, a Modern History, London 1993 (letzte Jahrzehnte des Osmanischen Reiches und Verbindungslinien zur Türkei)

Für noch weiter gehendes Interesse und für „Profis“:

deutsch:

  • Edgar Hösch: Geschichte der Balkanländer, von der Frühzeit bis zur Gegenwart, München 1995
  • Ralph-Johannes Lilie: Byzanz. Geschichte des oströmischen Reiches 326-1453, München 1999
  • Monika Gronke: Geschichte Irans. Von der Islamisierung
    bis zur Gegenwart, München 2003
  • Heinz-Dieter Heimann: Die Habsburger. Dynastie und Kaiserreiche, München 2001
  • Franco Cardini: Europa und der Islam. Geschichte eines Mißverständnisses, München 2000 (etwa die Hälfte behandelt das Osmanische Reich)
  • John Julius Norwich: Byzanz, Berlin 2000 (populärwissenschaftlich, ohne wissenschaftlichen Anspruch)
  • Brigitte Vacha, Walter Pohl, und Karl Vocelka: Die Habsburger, Graz 1996
  • Nicolae Jorga: Geschichte des Osmanischen Reiches. Frankfurt/M. 1990, (5 Bde., Repr. d. Ausg. Gotha 1913). (Nach vielen Quellen erstellte ausführliche Abhandlung, für jene Zeit erstaunlich neutral, wobei man allerdings immer die Grenzen der Zeit vor dem ersten WK beachten muss, und bedenken muss, dass zahlreiche Kapitel durch neuere Quellenstudien stark veraltet sind.)

englisch:

  • Suraiya Faroqhi u.a.: An Economic and Social History of the Ottoman Empire, Bd. 2: 1600-1914, Cambridge 1994
  • Daniel Goffman: The Ottoman Empire and Early Modern Europe, Cambridge 2002
  • Malcolm E. Yapp: The Making of the Modern Near East 1792-1923, London, New York 1987.
  • Roderic H. Davison: Reform in the Ottoman Empire 1856-1876, 2. Aufl., New York 1973.
  • Barbara Jelavich: History of the Balkans, Bd. 1 Eighteenth and
    Nineteenth Centuries,
    Cambridge 1983
  • Cemal Kafadar: Between Two Worlds, The Construction of the
    Ottoman State, Berkeley Los Angeles 1995
  • Roger Owen: The Middle East in the World Economy 1800–1914, London 1981