Herodot

 

Eine Frage die schon viele Historiker, und in diesem Fall auch wir, sich gestellt haben betrifft Herodot und ob er wirklich so historisch ist wie oftmals, in näherer und fernerer Vergangenheit, behauptet bzw. bestritten wurde. Seit ca. 20 Jahren ist eine nicht endende Debatte im Gang, Liebhaber und Gegner Herodots suchen Beweise um ihn zu bestätigen oder zu widerlegen, doch auch schon vor ca. 2400 Jahren gab es Kritik, ausgesprochen von einem Kollegen, Thukydides beim Namen. Lucian nannte Herodot sogar einen „Lügner“. Bekanntlich nimmt der Bericht über die Perserkriege einen Großteil seines Werkes ein, ohne ihn ist es fast unmöglich dieses Thema zu behandeln, aber nur mit ihm kommt man oft auf die falsche Spur. Es können sich Trugschlüsse und Verwechslungen bilden, denn so frei, wie Herodot seine Berichte von Beeinflussung wünschte, sind sie tatsächlich nicht. Auch er bekam Informationen von Leuten die eine ganz eigene Meinung über dieses Thema hatten. Besonders möchten wir uns mit Hilfe des Buches : Herodot und die Epoche der Perserkriege – Realität und Fiktionen, herausgegeben von Bruno Bleckmann, orientieren, welches eine hervorragende Grundlage zur Forschung in diesem Gebiet gibt.

Inhaltsverzeichnis

1.1 Die Zeit vor den Perserkriegen

1.2 Griechenland vor den Perserkriegen

2. Die Perserkriege

2.1 Vom Ionische Aufstand bis zum Ende des Xerxeszugs

2.2 Athen, Sparta und andere Poleis

3.Zusammenfassung und Schlusswort

 

 

 

1. Herodot und seine Darstellung des nahen Ostens und Ägyptens

 

1.1 Die Zeit vor den Perserkriegen

 

4 der 9 Bücher von Herodot handeln von der Zeit vor den Perserkriegen, zumindest wenn wir den Ionischen Aufstand, welcher in Band 5 behandelt wird, als den Anfang dieses dann knapp 50 Jahre dauernden und 449/448 mit dem Kalliasfrieden endenden Konflikts sehen wollen, dessen Ablauf in den restlichen 5 Büchern behandelt wird.

Dabei handelt das erste Buch von den Lydern, speziell unter Krösus und der Unterwerfung Kleinasiens, Babylons und der Massageten durch die Perser, das zweite von Ägypten und das 3te und 4te von den Persern unter Kambyses sowie Dareios mit deren Feldzügen. Zusätzlich nützt er aber zahllose Ausschweifungen um über andere Völker und deren Sitten zu berichten.

Wir können allgemein annehmen, dass Herodot bei Berichten über Geschichte, die weit vor seiner Geburt spielte, auf immer ungenauere Angaben und Erzählungen angewiesen war. Sollte er die Reise nach Ägypten tatsächlich unternommen haben war er wohl kaum in der Lage wirklich (alt-)Ägyptisch zu lesen und weder ihm, noch einem möglichen Dolmetscher, dürfte ein so breites Spektrum an Informationen zugänglich gewesen sein, wie es Ägyptologen heute möglich ist. Unvollständige Berichte, die er von Einheimischen aufgeschnappt haben dürfte, wurden vermutlich mit eigenen Vorstellungen ergänzt. Es ist ihm allerdings gelungen, die Pyramiden von Gizeh den richtigen Herrschern zuzuordnen (Cheops, Chephren und Mykerinos) und ihren Sinn herauszufinden, auch wenn er sie zeitlich falsch, nach Ramses II., einordnete. Je ferner das Land ist desto merkwürdiger werden Herodots Berichte, was auch nicht weiter verwundert, da er, wie gesagt, oft auf mündliche Überlieferung und dementsprechend auf Sagen und Legenden angewiesen war. So berichtet er z.B.:

Am heißesten aber brennt die Sonne [in Indien] früh am Morgen, nicht wie bei anderen mittags, sondern sie steht über ihnen bis zur Zeit, da man den Markt verläßt. In dieser Zeit aber brennt sie viel ärger als mittags in Hellas, so daß die Leute dort, wie man erzählt, die Zeit über im Wasser stehen.

Mit Sicherheit können wir davon sagen, dass das Quark ist, wenn auch nicht der größte, denn an einer anderen Stelle berichtet er von Ameisen, so groß wie Hunde, die in Indien nach Gold schürfen. Doch je näher der Ort, den er beschreibt, Griechenland ist, desto zutreffender werden seine Berichte. Einige Angaben über die Perser decken sich mit Keilschrifttafeln, Jahreszahlen oder ähnliches stimmen ungefähr überein. Natürlich ist auch hier sein Werk von griechischer Propaganda beeinflusst, das ließ sich, trotz sicherer Anstrengung Herodots, die er uns zeigt, wenn er Informationen für unglaubwürdig erklärt, nicht vermeiden.

 

 

1.2 Griechenland vor den Perserkriegen

 

In Griechenland sind Herodots Berichte, wie schon erwähnt, um einiges genauer, als wenn er von den fernen Völkern Asiens berichtet. Dennoch müssen wir beachten, dass Herodots Werk stark von der athenischen Propaganda seiner Zeit geprägt ist, zu sehen ist das am Beispiel des Peisistratos, dem Tyrann von Athen. Herodot ist der Erste, der nach gut 100 Jahren über ihn erzählt, natürlich stellt dieser ihn und seine Tyrannis meistens schlecht dar, so lässt er z.B seine Geburt mit Unheil bringenden Zeichen verbunden sein. Dennoch gilt er den meisten Historikern als Quelle und ein Großteil unseres Wissens wird erstmals von ihm vermittelt und spätere Berichte decken sich teilweise mit dem seinen, so z.B. der von Aristoteles über besagte Tyrannis. Die Spartaner stehen auch nicht immer in gutem Licht dar, was sich in seinen späteren Berichten über die Perserkriege noch verstärkt, vielleicht auch ein Nebeneffekt der zerrütteten athenisch-spartanischen Beziehung am Ende des 5. Jh. v. Chr. Dies könnte aber auch mit einer schlechten Informationslage über die Spartaner zu tun haben, die sowohl er, wie auch Thukydides, als geheimnistuerisch bezeichnet. So wurde unter anderem Kleomenes von den Spartaner gegen Ende als verrückt abgetan und Herodot waren keine genaueren Untersuchungen mehr möglich.

 

 

2. Die Perserkriege

2.1 Vom Ionische Aufstand bis zum Ende des Xerxeszugs

 

Auch der Ablauf der Perserkriege ist von Herodot erstmals erfasst worden und dient, u.a. weil die Perser, was natürlich nicht unbedingt verwundert, ein ziemliches Geheimnis aus ihm gemacht haben, den meisten Historikern, so z.B. dem renommierten Althistoriker Dietmar Kienast, als Quelle. Auch Wolfgang Schuller berichtet:

„Und dennoch – darff nicht doch die innere Stimmigkeit der Gesamtheit der Schilderung von Entscheidungssituationen in den Perserkriegen durch Herodot bis zum jeweiligen Beweis des Gegenteils das beneficium der historischen Wahrheit für sich beanspruchen?“

Andere antike Historiker, die über das Thema, meist einiges später, berichten und deren Berichte an einigen Stellen nicht mit dem Herodots übereinstimmen, werden hier meistens zugunsten Herodots beiseite geschoben, da dieser aus heutiger Sicht bessere Informationen liefert.

Einige Dinge, die sich aus heutiger Sicht bestätigen lassen, sind u.a. Herodots Beschreibung der Marschordnung der 10.000 Unsterblichen. Seine Angaben, darunter die nach unten gerichteten Speere besagter Truppe, lassen sich mit diversen Reliefs die in Susa und weiteren Städten gefunden wurden decken. Weiter erwähnt er als einer der ersten die Aristeia, eine Belohnung für tapfere Kriegstaten die historisch gesichert ist. Außerdem sieht er den Datis-und Xerxeszug, im Gegensatz zum zeitgenössischen Denken, nicht nur religiös motiviert und erklärt, wenngleich er die Rache für das zerstörte Kybebe Heiligtum in Sardes immer wieder herausstreicht, mithilfe einer reproduzierten Rede Xerxes, dass es ihm auch um Land und Macht ging. Das Herodot mit seinem (religiösen) Rachegedanken vermutlich falsch liegt, lässt zweierlei schließen: Dass die Perser griechische Heiligtümer als Ausgleich für Sardes plünderten ist nicht so wahrscheinlich als das sie es einfach auf das Gold abgesehen hätten welches größtenteils in Tempeln zu holen war und dass Xerxes nach der Eroberung mancher Gebiete griechischen Göttern sehr wertvolle Opfergaben darbrachte, vermutlich um die dortigen Griechen für sich zu gewinnen. Die etwas weiter oben genannte Rede war mit Sicherheit genauso historisch wie die meisten andere Reden die Herodot zitiert, nämlich überhaupt nicht. Woher sollte Herodot den genauen Wortlaut persischer Gespräche wissen geschweige denn verstehen? Welcher Grieche hat schon private Gespräche des Xerxes belauscht und sich danach an Herodot gewandt? Auch hier meint W. Schuller, zur Verteidigung Herodots, dass die Reden symbolisch gemeint seien und es keinesfalls von Herodot gewünscht war, sie in ihre aufgeschriebenen Form für historisch zu halten.

Allerdings streite man sich zur Zeit über die Rolle das Themistokles. Von Herodot wird er immer wieder zum Retter Griechenlands postuliert indem er ihm im letzten Moment immer die richtige Entscheidung fällen lässt, so z.B. bei der Evakuierung Athens oder bei der Streitfrage ob die Seeschlacht bei Salamis oder am Isthmos geschlagen werden sollte (worauf wir später genauer eingehen wollen). Auch hier lassen sich aus heutiger Sicht schwer Entscheidungen treffen da Herodot eben einer der Wenigen war dem sich die Möglichkeit bot auf Zeitzeugen oder ähnlich gute Quellen zurückzugreifen, alle anderen Historiker berichten deutlich später. Man ist sich aber fast einig, dass Themistokles eine wichtige Rolle im Perserkrieg einnahm. Über ihn wird auch berichtet, dass er von den Bewohnern Euböas bestochen wurde, um mit den Schiffen Griechenlands ihre Insel zu schützen. Von diesem Bestechungsgeld nahm er auch um seinerseits Eurybiades, der das Oberkommando über die Flotte hatte und Adeimantos, einen korinthischen Befehlshaber von der Richtigkeit dieses Vorhabens zu „überzeugen“. Diese Bestechung, Themistokles soll etliche Talente Silber bekommen haben, war aus 2 Gründen vermutlich nicht möglich: Woher sollte Euböa das Geld haben und wie sollte eine Bestechung in diesem gewaltigen Ausmaß unbeobachtet von Statten gehen (es sollen ca. 700kg Silber gewesen sein)? Weiter sind die viel zu hohen Angaben über die Anzahl der persischen Streitkräfte kaum realistisch. Mehrere Millionen nennt Herodot, die Verpflegung und die Unterkunft einer solchen Armee wäre unmöglich (heutzutage schwankt man zwischen 90.000-400.000 Mann) .

 

 

2.2 Athen, Sparta und andere Poleis

 

Herodot schildert die Beziehungen von Athen und Sparta so, dass Athen in einem besseren Licht und Sparta zwar als Elite aber auch Störenfried dasteht. So sprechen sich peloponnesische Admirale der griechischen Flotte dafür aus, Salamis zu verlassen um ihr Heimatland zu schützen, Themistokles kann dies nur durch die Drohung, seine Schiffe würden nicht folgen, verhindern. Natürlich war seine Entscheidung Herodot nach richtig da die Griechen diese Schlacht ja gewannen. Michael Zahrnt geht davon aus, dass diese Behauptung eine Folge spätere athenischen Propaganda ist und es zwar zu Meinungsverschiedenheiten, aber nie zu einem für die Griechen so gefährlichen Streit gekommen sei. Themistokles wäre nie ein so großes Risiko eingegangen. Erst indem er, so Herodot, zum Schein mit dem Großkönig operierte und dieser schließlich angriff, kam es zur gemeinsamen Verteidigung. Weiter zeigt Herodot die Unentschlossenheit der Spartaner indem er sie kein Heer zur Befreiung des noch immer von Mardonios besetzten Athens schicken ließ und diese sich erst zur Hilfe entschieden, als die Athener wiederholt mit Kooperation mit den Persern drohen. Zahrnt hält auch dies für unhistorisch und Folge von späterer Propaganda da für die Spartaner ein solches Risiko tödlich hätte enden können.

 

 

3.Zusammenfassung und Schlusswort

 

Die Ergebnisse der bisherigen Forschung haben gezeigt, dass es sehr schwer ist Falsches aus Herodots Berichten zu filtern, da er eben einer der wenigen ist, der über bestimmte Themen seiner Zeit mehr oder weniger verlässlich berichtet und es keine persische Opposition gibt. Die meisten Fehler macht Herodot wenn er über Orte fern seiner Heimat und in weit zurückliegender Vergangenheit berichtet, viele andere seiner Berichte scheinen aber korrekt zu sein auch wenn man an einigen Stellen durch gesunden Menschenverstand Fehler und Beeinflussung durch seine Zeit erkennen kann. Die Einzigartigkeit seines Werks macht dieses aber besonders wertvoll, Forschungen zu den Perserkriegen sind ohne ihn schlichtweg unmöglich.

Aber selbst wenn alles in seinem 9-teiligen Werk falsch wäre, so ist es doch hervorragend geschrieben, amüsant und in der Hinsicht auch interessant, dass es Aufschluss über das Denken, Lernen und Verarbeiten der Informationen in einer längst vergangenen Epoche gibt.

 

Christopher Bischof

 

 

 

 

Quellen:

http://www.benben.de/Architektur/Cheops/Cheops02.html

http://www.stefan.cc/books/antike/herodot-historien.html

Herodot und die Epoche der Perserkriege, Herausgegeben von Bruno Bleckmann

Persisches Feuer von Tom Holland

Bilder gemeinfrei

 

Herodot 3,104

Herodot und die Epoche der Perserkriege, S. 105 unten

Herodot 7,8c