Gesucht –gefunden?

Die unendliche Suche nach der Wurzel des menschlichen Stammbaums

afarensisIn den letzten Jahrzehnten spielte sich folgendes Szenario mehrere Male ab: Die Nachricht, der bisher älteste menschliche Vorfahr wäre endlich gefunden, entfachte einen Jubelsturm in Presse und Fachwelt. Nach einiger Zeit, nachdem sich die Wissenschaftler weltweit mit dem Fossil auseinandergesetzt hatten, kristallisierte sich dann ein vorsichtiges „Jein“ heraus.

Möglicherweise war dies der älteste Vertreter der Familie der Menschen, der Hominiden, aber vielleicht auch nicht.

Im Fall von „Lucy“, der berühmten Australopithecus-Frau aus Äthiopien, weiß man mittlerweile, dass ihre Art nur einen Nebenzweig in der Familie der Hominiden darstellt, nicht direkt in unserer Abstammungslinie, aber mit uns verwandt. Der kenianische „Millenium-Man“, Orrorin tugunensis, der im Jahr 2000 der Öffentlichkeit präsentiert wurde, ist mit einem Alter von 6 Millionen Jahren dem von Evolutionstheoretikern seit Darwin vermuteten gemeinsamen Vorfahren von Schimpansen und Menschen erheblich näher als Lucy mit ihren vergleichsweise jugendlichen 3,2 Millionen Jahren. Aber schon bald war klar: Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Millenium-Man in die Linie der Schimpansen gehört. Also wieder kein neuer Rekordhalter in Sachen „ältester Mensch“. Doch die Enttäuschung währte nicht lange: Fast gleichzeitig mit Orrorin tauchte ein anderer Hominide in den Schlagzeilen auf, der ebenfalls schon aufrecht ging: Ardipithecus, der „Baumaffe“. Er ist wenig jünger als Orrorin, nämlich 5,8 Millionen Jahre, aber erheblich menschenähnlicher, weswegen es bei Ardipithecus wahrscheinlicher ist, dass er in die menschliche Stammlinie gehört. Wahrscheinlicher, aber wieder nicht sicher.

Nicht lange nach Ardipithecus und Orrorin betrat im Jahr 2002 ein neuer möglicher ältester Vorfahr die Bühne: Sahelanthropus tchadensis, von seinen Entdeckern liebevoll „Tomai“ („Hoffnung des Lebens“) getauft. Der von einem internationalen Team um den Franzosen Michel Brunet in der Sandwüste des Tschad gefundene Schädel hat ein sensationelles Alter: 7 Millionen Jahre. Damit ist Tomai eine glatte Million Jahre älter als der seiner Konkurrenten aus Ostafrika. Er lebte 5 Millionen Jahre vor dem ersten eigentlichen Menschen, Homo habilis, der wiederum 2,5 Millionen Jahre von uns selbst entfernt ist.

Der Fund im Tschad hat das Zeug dazu, das bisherige Bild von der menschlichen Evolution komplett umzuwerfen. Schon allein der Fundort ist eine Sensation. Bisher ging man davon aus, dass der ostafrikanische Grabenbruch, das Rift Valley, die Wiege der Menschheit sei. Vereinzelte Funde primitiver Hominiden außerhalb dieses Gebiets wurden als Ausnahmen gewertet, die die Regel bestätigen. Nun könnte sich herausstellen, dass das Rift Valley vielleicht nur die Kinderstube der Menschheit war, aber nicht der Geburtsort.

Auch in anderer Hinsicht bietet der neue Fund wertvolle Informationen, etwa bezüglich des Lebensraums der frühen Hominiden oder der Entstehung des aufrechten Gangs. Einst wurde nämlich die Zweibeinigkeit als relativ späte Entwicklung der eigentlichen Menschen gesehen.

Mit den Funden der letzten Jahre und Jahrzehnte stellte sich aber heraus, dass schon die allerersten Hominiden aufrecht gingen.

In direktem Zusammenhang mit der Entwicklung des aufrechten Ganges steht die Umwelt. Man geht davon aus, dass die Pioniere, die sich ausschließlich auf zwei Beinen fortbewegten,

in einer lichten, parkähnlichen Waldlandschaft lebten. Aus den Gebissresten und Begleitfunden schlossen die Forscher, dass Ardipithecus und Co in einer mosaikartigen Umgebung lebten, in der sich fruchttragende Bäume, Seen, Flüsse und offene Savannen abwechselten. Nur der eindeutige Beweis fehlte bisher. Zusammen mit dem Fund im Tschad kamen nun Fossilien zu Tage, die genau diesen Typ von Landschaften wiederspiegeln.

Nun bleibt abzuwarten, was die Gemeinde der Wissenschaftler zu Tomai sagt. Bereits ein halbes Jahr nach dem spektakulären Fund, als sich die ersten Wogen der Euphorie etwas gelegt hatten, äußerten sich Kollegen von Brunet kritisch, allen voran der Amerikaner Michael Wolpoff: Die Fossilien deuteten eher auf einen Vorfahren der Gorillas als der Menschen. Die Diskussion geht weiter – bis heute. Es scheint nicht, als sei das Rätsel um den Ursprung des Menschen mit dem Fund von Tomai gelöst.

Schon jetzt sind viele Paläanthropologen der Ansicht, man habe es bei den Hominiden weniger mit einem Stammbaum zu tun, als vielmehr mit einem „Stammbusch“, mit mehreren Wurzeln, vielen abgestorbenen Seitenzweigen und nur einem Trieb, der bis ins Heute weiterwuchs: Homo sapiens, der „weise Mensch“ – das sind wir.