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Die Emser Depesche v. 13. Juli 1870

Versailles, 1871, Bismarck, Deutsches Reich, Wilhelm I

Moderator: Barbarossa

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Barbarossa
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Ein sehr interessanter uns ausführlicher Artikel zu einem in den Medien oft behandelten Thema.
Textzitat in voller Länge:
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» Die Emser Depesche

Am Abend des 13. Juli 1870 ließ der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck die sogenannte Emser Depesche veröffentlichen – einen Bericht König Wilhelms I. über seine Begegnungen mit dem französischen Botschafter Vincent Benedetti im Kurort Bad Ems.

Bismarck kürzte den vom König erhaltenen Bericht und straffte seine Formulierungen, sodass der Austausch zwischen Wilhelm I. und dem französischen Botschafter auf der Kurpromenade schroffer erschien, als er tatsächlich verlaufen war.

Die Veröffentlichung verursachte in Deutschland und Frankreich hohes öffentliches Aufsehen, verschärfte die ohnehin angespannte politische Lage zwischen Preußen und Frankreich erheblich und leitete die letzte Phase der Julikrise von 1870 ein.

Der eigentliche Hintergrund der aktuellen Krise lag in Spanien. Dort war Königin Isabella II. infolge der Revolution von 1868 gestürzt worden. Da die spanische Regierung dennoch an der Monarchie festhalten wollte, begann sie die Suche nach einem neuen König. Nach längeren Verhandlungen fiel ihre Wahl auf Prinz Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen. Dessen Fürstentum war bereits 1849 im preußischen Gesamtstaat aufgegangen. Leopold gehörte der katholischen Linie des Hauses Hohenzollern an, war ein dynastisch eng Verwandter König Wilhelms I., und seine Kandidatur wurde sowohl vom König als auch von Bismarck gebilligt, jedoch nicht zielgerichtet betrieben.

In Frankreich stieß diese Aussicht auf entschiedenen Widerstand, man fürchtete eine Einkreisung durch die Hohenzollern. Seit den preußischen Siegen im Deutschen Krieg von 1866 hatte sich das Machtgleichgewicht in Mitteleuropa deutlich zugunsten Preußens verschoben. Ein Angehöriger des Hauses Hohenzollern auf dem spanischen Thron erschien der französischen Regierung als weitere Stärkung des preußischen Einflusses in Europa, wodurch die ins Wanken geratene Festlandhegemonie Frnkreichs weiter erschüttert würde.

Außenminister Antoine de Gramont erklärte öffentlich, Frankreich werde eine solche Entwicklung nicht hinnehmen, und setzte die spanische Regierung sowie den Prinzen Leopold unter erheblichen diplomatischen Druck und mischte sich dadurch in die souveräne Entscheidung Spaniens ein.

Der Druck zeigte Wirkung. Am 12. Juli 1870 verzichtete Leopold auf seine Kandidatur. Frankreich hatte sein unmittelbares außenpolitisches Ziel erreicht. Die Regierung Napoleons III. beließ es jedoch nicht dabei. Sie verlangte nun von König Wilhelm I. die verbindliche Zusicherung, dass niemals wieder ein Angehöriger des Hauses Hohenzollern für den spanischen Thron kandidieren werde. Eine derart weitreichende Verpflichtung hätte den preußischen König dauerhaft und unvorhersehbar gebunden und wurde in Berlin als unzulässigen Eingriff in die Souveränität Preußens verstanden.

Mit der neuerlichen Forderung wurde der französische Botschafter Vincent Benedetti nach Bad Ems entsandt, wo Wilhelm I. sich zur Kur aufhielt. Am Vormittag des 13. Juli hatte der König dem Botschafter in einer offiziellen Unterredung höflich erklärt, dass er eine solche Garantie nicht geben könne. Benedetti, getrieben von Paris, beließ es jedoch nicht dabei. Wenig später sprach er Wilhelm I. erneut, diesmal kompromittierend in aller Öffentlichkeit auf der Kurpromenade an und wiederholte die französische Forderung. Das Vorgehen brach auf unerhörte Weise mit den diplomatischen Gepflogenheiten des 19. Jahrhunderts. Nachdem der Monarch seine Entscheidung am Vormittag bereits mitgeteilt hatte, wurde er außerhalb jeder förmlichen Audienz und außerhalb der üblichen diplomatischen Kanäle regelrecht zur Rede gestellt. Ein Vorgang, der an jedem anderen europäischen Hof sehr wahrscheinlich zu den schwersten diplomatischen Zerwürfnissen geführt hätte. Wilhelm I. wies das Ansinnen abermals höflich, aber bestimmt zurück und ließ Benedetti anschließend durch seinen Adjutanten ausrichten, dass er zu dieser Angelegenheit nichts weiter hinzuzufügen habe.

Noch am selben Tag berichtete Wilhelm I. Bismarck telegrafisch über den Vorfall. Bismarck erkannte die politische Sprengkraft, die eine Veröffentlichung des Berichts entfalten konnte. Er ahnte, dass sowohl die deutsche Öffentlichkeit sich echauffieren würde, auch in den nicht zum Norddeutschen Bund gehörenden süddeutschen Staaten und er ahnte in gleicher Weise, dass in Frankreich die Antwort des preußischen Königs die hitzigen Massen in Wallung bringen wird, wenn sie nur ausreichend kühl und vermeintlich schroff formuliert würde. Er strich mehrere vermittelnde Formulierungen des Königs, ohne dabei aber den sachlichen Inhalt irgendwie zu verändern. Hierdurch entstand der Eindruck einer wesentlich schärferen Zurückweisung des französischen Botschafters.

In seinen späteren Erinnerungen schilderte Bismarck selbst, dass die veröffentlichte Fassung sowohl in Paris als auch in Berlin den Eindruck erwecken sollte, die jeweilige Gegenseite habe eine schwere Brüskierung erfahren. Die noch am Abend verbreitete Depesche wurde von den Zeitungen beider Länder rasch aufgegriffen und löste die von Bismarck kalkulierten heftigen Reaktionen aus

Die Emser Depesche fiel in eine Zeit erheblicher innenpolitischer Spannungen in Frankreich. Das Zweite Kaiserreich hatte seit den 1860er Jahren an Autorität verloren. Liberale Reformforderungen, eine erstarkende Opposition und die außenpolitischen Erfolge Preußens hatten die Stellung Napoleons III. geschwächt. Diese Entwicklung erklärt den politischen Hintergrund der Krise, ändert jedoch nichts daran, dass Frankreich mit dem Rückzug der Kandidatur Leopolds zunächst einen wesentlichen diplomatischen Erfolg erzielt hatte. Man hätte zufrieden sein können und diesen diplomatischen Erfolg im Inneren publizistisch im Sinne der Regierung und der nationalen Ehre Frankreichs ausschlachten können. Die darüber hinausgehende Forderung nach einer dauerhaften Garantie ging entschieden zu weit und konnte bei Wilhelm I. nur zu einem bestimmten, wenn auch höflichen Nein führen.

Die Krise nahm nun ihren Lauf.

Die Emser Depesche war keineswegs die Ursache des Deutsch-Französischen Krieges. Sie war aber der Funken, der das Pulverfass entzündete. Sie traf auf einen seit Jahren gewachsenen Gegensatz zwischen Frankreich und Preußen, der durch die Neuordnung Deutschlands nach 1866, den Machtzuwachs Preußens, die spanische Thronfolgekrise und die innenpolitischen Spannungen in Frankreich zusätzlich verschärft worden war. Die Veröffentlichung wirkte als unmittelbarer Beschleuniger der Eskalation.

Am 19. Juli 1870, stellenweise in einem regelrechten von der Publizistik angestachelten Blutrausch, erklärte Frankreich Preußen den Krieg.
Mit der Kriegserklärung trat ein in Frankreich falsch eingeschätzter oder im Vorfeld sogar sträflich übersehener Mechanismus in Kraft. Die süddeutschen Staaten Bayern, Württemberg, Baden sowie der Süden Hessens waren durch Schutz- und Trutzbündnisse mit Preußen verbunden, die unmittelbar nach dem Deutschen Krieg von 1866 geschlossen worden waren. Da Frankreich den Krieg erklärte, wurden diese Bündnisse wirksam. Die süddeutschen Armeen kämpften nun an der Seite Preußens gegen Frankreich. Der gemeinsame Krieg, die raschen Erfolge bei Spichern, Weißenburg und Wörth, stärkte das nationale Zusammengehörigkeitsgefühl und schuf die politischen Voraussetzungen für den Beitritt der süddeutschen Staaten zum Norddeutschen Bund. Wenige Monate später, am 18. Januar 1871, wurde Wilhelm I. im Spiegelsaal von Versailles zum Deutschen Kaiser proklamiert. Die Julikrise von 1870 markierte damit nicht nur den Weg in den Deutsch-Französischen Krieg, sondern zugleich den entscheidenden Schritt zur Gründung des Deutschen Kaiserreiches.«
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mit freundlicher Genehmigung von 𝔇𝔦𝔢 𝔐𝔞𝔯𝔨 𝔅𝔯𝔞𝔫𝔡𝔢𝔫𝔟𝔲𝔯𝔤
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repo
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Vielleicht interessiert es,
ich habe vor ca. 20 Jahren die Emser Depesche im Original gesehen.
Sie war anlässlich irgendeines preußischen Gedenktages in Sigmaringen ausgestellt!
Den Anblick habe ich mir natürlich geleistet! :D
Wobei das Interesse des Publikums, angesichts der Weltpolitische Bedeutung, doch recht gering war!
Ich hatte mir Massen an Besuchern vorgestellt, die die Scheiben mit der Nase eindrückten, dann konnte ich sie zusammen mit meiner Frau gut eine Halbe Stunde allein in aller Ruhe betrachten.
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Barbarossa
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Interessant. Aber vielleicht ist das gar nicht mal so erstaunlich. Die Beliebtheit der Preußen ist gerade in Süddeutschland nicht besonders groß, nach allem, was ich so hörte.
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repo
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Barbarossa hat geschrieben: 13.07.2026, 17:42 Interessant. Aber vielleicht ist das gar nicht mal so erstaunlich. Die Beliebtheit der Preußen ist gerade in Süddeutschland nicht besonders groß, nach allem, was ich so hörte.
Du hörst Sachen :shh:
Sigmaringen war die Hauptstadt des preußischen Regierungsbezirk Hohenzollerische Lande, 1866 württembergisch besetzt, einschl. der Burg Hohenzollern, nicht wenige hohenzollerische Reservisten haben Anno 66 versucht ihren Truppenteil zu erreichen.

Ich vermute mal, dass auch da gilt, dass alles vor 1914 der deutschen Geschichte auf fast absolutes Desinteresse stößt.
repo
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Es soll wahr sein:
Der preußische Kronprinz hatte etliches an baierischen Soldaten 1870 unter seinem Kommando.
Eines Abends kam er bei etlichen Bayern vorbei, und lobte sie für ihren Einsatz.
Einer der Bayern hätte geantwortet:

" Was glauben sie, wie wir Anno 66 die Malefizpreußen ausighauen hätten, wenn euro Hoheit uns kommandiert hätten"

Kronprinz Friedrich soll die Anekdote erzählt haben, insofern hat sie vermutlich doch einen großen Wahrheitsgehalt.
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Barbarossa
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Balduin
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Sicherlich war das Vorgehen Bismarcks machtpolitisch klug, man kann in dem Vorgang aber auch die Saat sehen, die dann zur Urkatastrophe, dem 1. Weltkrieg, geführt hat.
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Barbarossa
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Ja, das ist die Frage.
Es scheint mir aber auch eine deutsche Eigenart geworden zu sein, die Fehler immer nur bei sich selbst zu suchen.
Genauso gut könnte man fragen, aus welchem Grund Frankreich irgendwie Angst vor einer Unzingelung hatte und Deutschland stets als Feind betrachtete und alle möglichen Gebiete abzunehmen versuchte?
Die Erzählung von der sogenannten „Erbfeindschaft" kommt nicht aus dem Nichts. Schon Kaiser Karl V. (1519-1555) hatte allein 4 Kriege gegen Frankreich zu führen, die allesamt vom französischen König ausgingen. Auch im Dreißigjährigen Krieg waren Frankreich und Habsburg Feinde. Danach auch unter Ludwig XIV. und bei Napoleon.
Schließlich erklärte auch Napoleon III. Preußen den Krieg.
Ich weiß nicht...
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repo
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Da lässt sich viel hin und her sagen.
Fakt ist, dass Napoleon III. Forderung nach einem Ausgleich für Preußens Gewinne aus dem 66er Krieg die Süddeutschen ohne weitere Umstände auf die Seite Preußens gebracht hat.
Bismarck hatte doch kein Interesse an Elsaß-Lothringen! Die Süddeutschen wollten das Vorfeld gegen Frankreich!
Vom 1630 ab waren doch "standig" franz. Armeen in Süddeutschland tätig, raubend brennend Kontributionen einziehend.
Graf Segur schreibt in seinem Buch über den 1812er Rußlandfeldzug, dass die Zustimmung zu Napoleon in den franz. Ostprovinzen viel größer gewesen wäre, wie in den Westprovinzen (es gab da einige Aufstände)
denn, schreibt Segur, hier strömte der Reichtums Europas nach Frankreich!

Eine Tatsache, die bei der Grande Nation gerne unter den Teppich gekehrt wird, den Namen Melac zum Beispiel, in Deutschland kennt den noch heute jedes Kind!
Ist in Frankreich völlig unbekannt!
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