Der erste Beitrag behandelt den Pfälzischen Erbfolgekrieg aus brandenburger Sicht.
Textzitat in voller Länge:
»Die brandenburgische Armee im Pfälzischen Erbfolgekrieg (1688–1697)
Wenn es um die brandenburgisch-preußische Armee zur Zeit des Absolutismus geht, wird man unwillkürlich an den Kraftakt des Großen Kurfürsten als dessen Schöpfer denken oder an seinen gleichnamigen Enkelsohn, König Friedrich Wilhelm I., der die preußische Armee vervielfachte und drillen ließ, wie kein zweites Heer Europas. Schlussendlich denkt man natürlich an Friedrich den Großen, der das wirksame Abschreckungsinstrument des Vaters für seinen Eroberungskrieg gegen Maria Theresia nutzte und Preußen endgültig an den Tisch der Großmächte setzte. An wen man am wenigsten oder überhaupt nicht denkt, ist Kurfürst Friedrich III., der nachmalige König Friedrich I., bei dem man vor allem an einen luxuriösen Hof denkt und an das Urteil Friedrichs des Großen, der über den Großvater sagte, „er war groß im Kleinen und klein im Großen war!“.
Wegen dieses Urteils, dass die meisten preußischen Geschichtsschreiber des 19. Jahrhunderts mehr oder minder kritiklos übernahmen, hat man ein verzerrtes Bild über den ersten preußischen König als obersten Kriegsherren.
Doch gleich zu Beginn seiner Regierungszeit, die wegen Erbstreitigkeiten mit seinen Halbgeschwistern schon verwickelt genug war, zeigte er gegen Frankreich und an der Seite des Kaisers sowie seines Verwandten, den Prinzen von Oranien, dass er aus eine klare Vision und feste Prinzipien hatte.
Der Pfälzische Erbfolgekrieg markiert für Brandenburg endgültig die Transformation von einer Mittelmacht zu einem militärischen Akteur europäischen Ranges. Kurfürst Friedrich III. nutzte das stehende Heer systematisch als machtpolitisches Instrument, um innerhalb der Großen Allianz gegen Ludwig XIV. eine tragende Rolle zu übernehmen.
Strategische Positionierung und Subsidienwesen
Unmittelbar nach seinem Regierungsantritt 1688 positionierte sich Friedrich III. an der Seite Kaiser Leopolds I. und Wilhelms III. von Oranien. Die brandenburgische Armee verfügte über eine nominelle Gesamtstärke von etwa 30.000 Mann. Eine damals imposante Zahl, vor allem wenn man die Größe der dem Kurfürsten zur Verfügung stehenden Bevölkerung kannte. Er regiert über ein riesiges Ländergeflecht, das vom Rhein, über Weser, Elbe, Oder bis zu Memel, nur dünn besiedelt war.
Die Finanzierung dieser starken Streitkräfte wurde durch ein komplexes System von Subsidienverträgen gesichert. Aktenkundig sind hierbei insbesondere die Verträge mit den Generalstaaten (1688) und England (1689/90). Es zeigt, dass die Armee zum „Exportgut“ und zur politischen Währung Brandenburgs wurde. Friedrich III. begriff seine Regimenter als materielles Pfand: Jeder Einsatz für den Kaiser oder eine verbündete Großmacht war eine kalkulierte Vorleistung für die angestrebte Rangerhöhung zur Königswürde, die ihm zur Klammer für seine vielen verstreuten Länder werden sollte.
Bonn und Namur
Zwei Belagerungsoperationen verdeutlichen die Qualität der märkischen Truppen:
1. Die Belagerung von Bonn (1689): Die Rückeroberung der con den Franzosen besetzten kurkölnischen Residenzstadt war strategisch unerlässlich, um den französischen Brückenkopf am Niederrhein zu eliminieren. Brandenburg trug unter Generalfeldmarschall von Schöning die Hauptlast. Die „Relatio Obsidionis Bonnae“ sowie Berichte des Obersten von Weiler belegen den massiven Einsatz der brandenburgischen Artillerie als Schlüssel zum Erfolg. Friedrich III. war hierbei durchaus ganz vorne dabei und seine in den Belagerungsgräben ist durch Augenzeugenberichte (u.a. von Dohna) belegt; sie diente der Beglaubigung seines Führungsanspruchs im Sinne barocker Herrschaftsrepräsentation. Nach wochenlanger systematischer Beschießung kapitulierte die französische Besatzung am 12. Oktober 1689, nachdem die brandenburgischen Pioniere die Gräben bereits dicht unter die Mauern der Bonner Festung vorgeführt hatten.
2. Die Belagerung von Namur (1695): Die Rückeroberung dieser Festung gilt als bedeutendste operative Leistung der Allianz. Das brandenburgische Kontingent unter General von Heyden zeichnete sich durch methodische und staunenswert disziplinierte Vorgehensweise aus. Besonders die verlustreiche Erstürmung des Werkes „Terra Nova“ demonstrierte die Standfestigkeit der märkischen Fußtruppen. Alliierte Depeschen Wilhelms III. lobten explizit die brandenburgische Disziplin bei diesem Angriff, trotz schwerer Verluste, was den militärischen Wert der Truppe jenseits der subjektiven Eigendarstellung von einer objektiven dritten Seite bezeugt ist.
Anerkennung aber auch Ressentiments
Innerhalb der Alliierten galt das brandenburgische Korps faktisch als das schlagkräftigste Kontingent unter den Truppen der Reichsstände und genoss gewisse Befehlsautonomie. Diese Stellung war jedoch Gegenstand konstanter Reibereien:
• Fachliche Ebene: Militärische Praktiker wie Wilhelm III. von Oranien schätzten die Brandenburger als verlässliche Truppen, gut ausgerüstet, diszipliniert und mit Todesverachtung kämpfend. Die Seemächte aus England und den Niederlanden akzeptierten demgemäß in den Subsidienverträgen erheblich höhere Sätze für märkische Regimenter – was neben dem genannten auch mit dem überlegenen Ausrüstungsstandards begründet wurde (z.B. eigenes Magazinsystem).
• Politische Ebene (Konkurrenz im Reich): Der Vorwurf des „Soldatenhandels“ ist als politischer Kampfbegriff in der zeitgenössischen Publizistik Hannovers und Sachsens nachweisbar. Er diente dazu, die militärische Professionalität Brandenburgs zu diskreditieren.
• Die kaiserliche Strategie der Marginalisierung: Der Wiener Hof unter Leopold I. betrachtete die brandenburgische Militärmacht mit tiefem Misstrauen. In den offiziellen kaiserlichen „Relationen“ und im „Theatrum Europaeum“ lässt sich nachweisen, dass der Anteil der Brandenburger an Erfolgen oft marginalisiert wurde. Diese Herabstufung war eine gezielte diplomatische Defensivstrategie: Hätte Wien die brandenburgische Armee offiziell als maßgeblich, gar kriegsentscheidend anerkannt, wäre man Friedrichs Ansinnen, sein Haus durch Standeserhöhung über die anderen Fürsten im Reich zu stellen, kaum mehr Herr geworden.
Die Armee als Visitenkarte
Die Instrumentalisierung der militärischen Leistung für die Rangerhöhung ist durch die Instruktionen für den brandenburgischen Gesandten in Wien, Lorenz George von Krockow (1695/96), zweifelsfrei belegt. Krockow erhielt die Anweisung, die Erfolge bei Namur direkt mit der Forderung nach der Königswürde zu verknüpfen. Die Armee fungierte als wichtigstes Argument für Friedrichs Ranganspruch. Wenn es auch nicht der Pfälzer Erbfolgekrieg war, sondern letztlich der bevorstehende Spanische Erbfolgekrieg, so war es doch die Armee, die den Hohenzollern die Königskrone einbrachte und die tiefe Verbundenheit des Herrscherhaus mit der Armee erklärt.
Die Leistungen der brandenburgischen Armee zwischen 1688 und 1697 waren das Resultat einer konsequenten Professionalisierung und einer effizienten Verknüpfung von Militärwesen und Diplomatie. Friedrich III. bewies, dass Brandenburg in der Lage war, die logistischen und personellen Lasten eines großen europäischen Konflikts dauerhaft zu tragen. Dass er trotz der nachweisbaren Schmälerungen durch die kaiserliche Diplomatie im Jahr 1701 die Anerkennung der Königswürde durchsetzte, belegt die faktische Bedeutung der Schlagkraft seiner Regimenter als unumstößliche Grundlage des preußischen Aufstiegs.«
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Der Pfälzische Erbfolgekrieg (1688-1697)
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»Die planmäßige Vernichtung des Südwestens 1689
Der 2. März 1689 steht symbolisch für eine bis dahin beispiellose und staatlich angewiesene Vernichtungsmaßnahme, die Hunnensturm oder den Dreißigjährigen Krieg in dieser Hinsicht, vor allem wegen seiner gezielten Programmatik weit übertrafen.
Im Zuge des Pfälzischen Erbfolgekrieg waren die Heere des Sonnenkönigs Ludwig XIV. weit über den Rhein nach Osten vorgerückt. Nun waren ihre Linien weit überdehnt und im weiten Land an vielen Stellen von der sich sammelnden Reichsarmee akut bedroht. Ein groß angelegter strategischer Rückzug der französischen Truppen unter dem Befehl des Generalleutnants Ezechiel de Mélac wurde angeordnet. Es war jedoch kein einfacher militärischer Rückzug, um der Gefahr einer Überflügelung zu entgehen, es war eine Orgie der Zerstörung, die Mélac und die Franzosen von Bonn bis Basel vollzogen. Kaum eine Stadt wurde verschont, wenige Ausnahmen bilden das vormals kurpfälzische Mosbach im Odenwald, das sich freikaufen konnte.
Am 2. März 1689 räumten die Franzosen Heidelberg und setzten dabei die Stadt sowie das Schloss methodisch in Brand oder vollzogen Sprengungen. Dieser Vorgang war Teil einer flächendeckenden Vernichtungskampagne, die weit über die Grenzen der Kurpfalz hinausging und den gesamten deutschen Südwesten sowie das Rheinland erfasste. Während in Versailles der französische Kriegsminister Louvois die strategische Entscheidung zur „Sengung“ (Brûlée) traf, lag die operative Umsetzung vor Ort bei Mélac, dessen Name in weiten Teilen der Süd- und Westpfalz bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein ein gängiges Schimpfwort für einen Menschen war, der Unfrieden, Zerstörung und Leid verursachte.
Die Strategie der „verbrannten Erde“ wurde mit einer Brutalität ausgeführt, dass der Schock im ganzen Reich, bis in die Regionen der Mark Brandenburg eine fundamentale politische Reaktion auslöste.
Der Kontext: Der Pfälzische Erbfolgekrieg (1688–1697)
Um die Ereignisse des Frühjahrs 1689 einzuordnen, muss der übergeordnete Konflikt betrachtet werden: der Pfälzische Erbfolgekrieg. Ausgelöst wurde dieser durch die machtpolitischen Ambitionen Ludwigs XIV., der nach dem Tod des kinderlosen Kurfürsten Karl II. von der Pfalz im Jahr 1685 Erbansprüche zugunsten seiner Schwägerin, Liselotte von der Pfalz, geltend machte. Tatsächlich zielte Paris jedoch auf die dauerhafte Verschiebung der französischen Grenze bis an den Rhein und die weitere Schwächung des Heiligen Römischen Reiches ab.
Gegen diese Expansion formierte sich die Wiener Große Allianz. Brandenburg unter Kurfürst Friedrich III., dem nachmaligen König Friedrich I., nahm hierbei eine Schlüsselrolle ein. Brandenburgische Regimenter unter Generalfeldmarschall Hans Adam von Schöning operierten am Rhein und in den Niederlanden, was den Druck auf die französischen Besatzer der Kurpfalz und anderen Teilen des Südwesten massiv erhöhte.
Der strategische Rückzug und die „Sengung“ (Brulée)
Die französische Führung unter Kriegsminister Louvois vollzog im Frühjahr 1689 einen großangelegten strategischen Rückzug. Man hatte erkannt, dass die weitläufigen besetzten Gebiete am Rhein gegen das heranrückende Reichsheer, darunter die starken brandenburgischen Kontingente, nicht dauerhaft zu halten waren. Anstatt die Truppen aufzureiben, entschied man sich für die Konzentration der Kräfte näher an den französischen Grenzen.
Dieser strategische Rückzug war untrennbar mit der systematischen Vernichtung ganzer Landschaften verbunden. Das Kalkül Louvois’ war pragmatischer, logistischer Natur: Ein zerstörtes Land kann keine Armee ernähren. Indem man die Städte beim Abzug planmäßig vernichtete, schuf man eine künstliche Wüste. Die Verantwortung für dieses Verbrechen liegt beim Minister Louvois (Befehl) und beim General Mélac (Ausführung).
Die chronologische und geografische Dimension der Zerstörung nur in ganz kleinen Auszügen:
• Bereits im Januar 1689 wurde Mannheim unter Mélac völlig dem Erdboden gleichgemacht.
• Dem Brand von Heidelberg am 2. März folgte im Mai die Schändung von Speyer und Worms, wo die Dome gesprengt und in Brand gesetzt wurden. In Speyer plünderten die Franzosen die Gräber der salischen Kaiser und frühen habsburgischen Könige.
• Die Welle traf ebenso die Markgrafschaft Baden und das Herzogtum Württemberg. Städte wie Baden-Baden, Durlach, Pforzheim und Calw sowie das Kloster Hirsau wurden 1689 planmäßig ausgeraubt und anschließend eingeäschert.
Von Bonn bis Basel gingen mehr als tausend Städte und Ortschaften in Folge der angeordneten Zerstörung unter.
Ziel war die langfristige wirtschaftliche und kulturelle Ausschaltung des gesamten Südwestens des Heiligen Römischen Reichs.
Die „Satanisierung“ Ludwigs XIV. und die märkische Staatsräson
In der Mark Brandenburg und weiten Teilen des Reichs lösten diese Nachrichten eine tiefe moralische Wende aus. In der märkischen Publizistik wurde Ludwig XIV. vom Sonnenkönig regelrecht zum „Satan“ umgedeutet. Man warf ihm vor, sich durch die Schändung der Kaisergräber außerhalb der christlichen Gemeinschaft gestellt zu haben und setzte die Franzosen gleich mit den Osmanen.
Die moralische Entrüstung nutzte Friedrich III. für den inneren Staatsumbau:
1. Militärische Aufrüstung: Die Ruinen am Rhein und Neckar erinnerten die Alten in der Mark an die Ereignisse während des Dreißigjährigen Krieg und rechtfertigten die hohen Aufwendungen für das wachsende stehende Heer.
2. Peuplierung: Brandenburg nahm pfälzische Flüchtlinge aus den zerstörten Gebieten auf, um die Mark demografisch und wirtschaftlich zu stärken.
3. Identitätsbildung: Die französische Schuld wurde zu einem Bestandteil der brandenburgischen Identitätsbildung als wehrhafte Ordnungsmacht im Reich. Das Preußen später unter Friedrich II. selbst zum Störer des Reichsfriedens wurde und zum Reichsfeind erklärt, sei am Rande erwähnt.
Die systematische Vernichtung des deutschen Südwesten 1689 markiert den Beginn einer fortschreitenden Entfremdung von Frankreich. Die französische Schuld an den Trümmern blieb über Jahrhunderte im kollektiven Gedächtnis. Rückblickend wurde damit im frühen 19. Jahrhundert die Erbfeindschaft mit Frankreich erklärt. Für Brandenburg wirkte das Trauma des Pfälzer Erbfolgekrieg als Katalysator: Es schuf die weitere Rechtfertigung für die überproportional große militärischen Aufrüstung, festigte den Weg zur Königskrone im Jahr 1701 und zur europäischen Großmacht.«
Quelle: https://www.facebook.com/share/p/1G7cUVcSfu/
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»Die planmäßige Vernichtung des Südwestens 1689
Der 2. März 1689 steht symbolisch für eine bis dahin beispiellose und staatlich angewiesene Vernichtungsmaßnahme, die Hunnensturm oder den Dreißigjährigen Krieg in dieser Hinsicht, vor allem wegen seiner gezielten Programmatik weit übertrafen.
Im Zuge des Pfälzischen Erbfolgekrieg waren die Heere des Sonnenkönigs Ludwig XIV. weit über den Rhein nach Osten vorgerückt. Nun waren ihre Linien weit überdehnt und im weiten Land an vielen Stellen von der sich sammelnden Reichsarmee akut bedroht. Ein groß angelegter strategischer Rückzug der französischen Truppen unter dem Befehl des Generalleutnants Ezechiel de Mélac wurde angeordnet. Es war jedoch kein einfacher militärischer Rückzug, um der Gefahr einer Überflügelung zu entgehen, es war eine Orgie der Zerstörung, die Mélac und die Franzosen von Bonn bis Basel vollzogen. Kaum eine Stadt wurde verschont, wenige Ausnahmen bilden das vormals kurpfälzische Mosbach im Odenwald, das sich freikaufen konnte.
Am 2. März 1689 räumten die Franzosen Heidelberg und setzten dabei die Stadt sowie das Schloss methodisch in Brand oder vollzogen Sprengungen. Dieser Vorgang war Teil einer flächendeckenden Vernichtungskampagne, die weit über die Grenzen der Kurpfalz hinausging und den gesamten deutschen Südwesten sowie das Rheinland erfasste. Während in Versailles der französische Kriegsminister Louvois die strategische Entscheidung zur „Sengung“ (Brûlée) traf, lag die operative Umsetzung vor Ort bei Mélac, dessen Name in weiten Teilen der Süd- und Westpfalz bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein ein gängiges Schimpfwort für einen Menschen war, der Unfrieden, Zerstörung und Leid verursachte.
Die Strategie der „verbrannten Erde“ wurde mit einer Brutalität ausgeführt, dass der Schock im ganzen Reich, bis in die Regionen der Mark Brandenburg eine fundamentale politische Reaktion auslöste.
Der Kontext: Der Pfälzische Erbfolgekrieg (1688–1697)
Um die Ereignisse des Frühjahrs 1689 einzuordnen, muss der übergeordnete Konflikt betrachtet werden: der Pfälzische Erbfolgekrieg. Ausgelöst wurde dieser durch die machtpolitischen Ambitionen Ludwigs XIV., der nach dem Tod des kinderlosen Kurfürsten Karl II. von der Pfalz im Jahr 1685 Erbansprüche zugunsten seiner Schwägerin, Liselotte von der Pfalz, geltend machte. Tatsächlich zielte Paris jedoch auf die dauerhafte Verschiebung der französischen Grenze bis an den Rhein und die weitere Schwächung des Heiligen Römischen Reiches ab.
Gegen diese Expansion formierte sich die Wiener Große Allianz. Brandenburg unter Kurfürst Friedrich III., dem nachmaligen König Friedrich I., nahm hierbei eine Schlüsselrolle ein. Brandenburgische Regimenter unter Generalfeldmarschall Hans Adam von Schöning operierten am Rhein und in den Niederlanden, was den Druck auf die französischen Besatzer der Kurpfalz und anderen Teilen des Südwesten massiv erhöhte.
Der strategische Rückzug und die „Sengung“ (Brulée)
Die französische Führung unter Kriegsminister Louvois vollzog im Frühjahr 1689 einen großangelegten strategischen Rückzug. Man hatte erkannt, dass die weitläufigen besetzten Gebiete am Rhein gegen das heranrückende Reichsheer, darunter die starken brandenburgischen Kontingente, nicht dauerhaft zu halten waren. Anstatt die Truppen aufzureiben, entschied man sich für die Konzentration der Kräfte näher an den französischen Grenzen.
Dieser strategische Rückzug war untrennbar mit der systematischen Vernichtung ganzer Landschaften verbunden. Das Kalkül Louvois’ war pragmatischer, logistischer Natur: Ein zerstörtes Land kann keine Armee ernähren. Indem man die Städte beim Abzug planmäßig vernichtete, schuf man eine künstliche Wüste. Die Verantwortung für dieses Verbrechen liegt beim Minister Louvois (Befehl) und beim General Mélac (Ausführung).
Die chronologische und geografische Dimension der Zerstörung nur in ganz kleinen Auszügen:
• Bereits im Januar 1689 wurde Mannheim unter Mélac völlig dem Erdboden gleichgemacht.
• Dem Brand von Heidelberg am 2. März folgte im Mai die Schändung von Speyer und Worms, wo die Dome gesprengt und in Brand gesetzt wurden. In Speyer plünderten die Franzosen die Gräber der salischen Kaiser und frühen habsburgischen Könige.
• Die Welle traf ebenso die Markgrafschaft Baden und das Herzogtum Württemberg. Städte wie Baden-Baden, Durlach, Pforzheim und Calw sowie das Kloster Hirsau wurden 1689 planmäßig ausgeraubt und anschließend eingeäschert.
Von Bonn bis Basel gingen mehr als tausend Städte und Ortschaften in Folge der angeordneten Zerstörung unter.
Ziel war die langfristige wirtschaftliche und kulturelle Ausschaltung des gesamten Südwestens des Heiligen Römischen Reichs.
Die „Satanisierung“ Ludwigs XIV. und die märkische Staatsräson
In der Mark Brandenburg und weiten Teilen des Reichs lösten diese Nachrichten eine tiefe moralische Wende aus. In der märkischen Publizistik wurde Ludwig XIV. vom Sonnenkönig regelrecht zum „Satan“ umgedeutet. Man warf ihm vor, sich durch die Schändung der Kaisergräber außerhalb der christlichen Gemeinschaft gestellt zu haben und setzte die Franzosen gleich mit den Osmanen.
Die moralische Entrüstung nutzte Friedrich III. für den inneren Staatsumbau:
1. Militärische Aufrüstung: Die Ruinen am Rhein und Neckar erinnerten die Alten in der Mark an die Ereignisse während des Dreißigjährigen Krieg und rechtfertigten die hohen Aufwendungen für das wachsende stehende Heer.
2. Peuplierung: Brandenburg nahm pfälzische Flüchtlinge aus den zerstörten Gebieten auf, um die Mark demografisch und wirtschaftlich zu stärken.
3. Identitätsbildung: Die französische Schuld wurde zu einem Bestandteil der brandenburgischen Identitätsbildung als wehrhafte Ordnungsmacht im Reich. Das Preußen später unter Friedrich II. selbst zum Störer des Reichsfriedens wurde und zum Reichsfeind erklärt, sei am Rande erwähnt.
Die systematische Vernichtung des deutschen Südwesten 1689 markiert den Beginn einer fortschreitenden Entfremdung von Frankreich. Die französische Schuld an den Trümmern blieb über Jahrhunderte im kollektiven Gedächtnis. Rückblickend wurde damit im frühen 19. Jahrhundert die Erbfeindschaft mit Frankreich erklärt. Für Brandenburg wirkte das Trauma des Pfälzer Erbfolgekrieg als Katalysator: Es schuf die weitere Rechtfertigung für die überproportional große militärischen Aufrüstung, festigte den Weg zur Königskrone im Jahr 1701 und zur europäischen Großmacht.«
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Danke für den tollen Beitrag.
Interessant ist übrigens, den Louvois, auch als System-Louvois kennt man in Frankreich noch sehr gut.
Der Melac dagegen ist völlig vergessen.
Er ist übrigens die Blaupause für das bayrische Schimpfwort Lackel.
Graf Segur schreibt in seinem "Russischen Feldzug" ausführlich, dass die Zustimmung zu Napoleon in den östlichen Provinzen Frankreichs viel größer gewesen sei, wie in den westlichen. Denn hier (in Frankreichs Osten) "strömte der Reichtum ganz Europas nach Frankreich". System Louvois
Und 1871 kam dann die Quittung.
Weder Preußen noch Bismarck hatten Interesse an Elsass-Lothringen, das waren die Süddeutschen vom Bauernknecht bis zu den Fürsten
- Vorfeld vor Frankreich.
Die wussten sehr wohl woher der nach Frankreich transferierte "Reichtum Europas"
kam.
Interessant ist übrigens, den Louvois, auch als System-Louvois kennt man in Frankreich noch sehr gut.
Der Melac dagegen ist völlig vergessen.
Er ist übrigens die Blaupause für das bayrische Schimpfwort Lackel.
Graf Segur schreibt in seinem "Russischen Feldzug" ausführlich, dass die Zustimmung zu Napoleon in den östlichen Provinzen Frankreichs viel größer gewesen sei, wie in den westlichen. Denn hier (in Frankreichs Osten) "strömte der Reichtum ganz Europas nach Frankreich". System Louvois
Und 1871 kam dann die Quittung.
Weder Preußen noch Bismarck hatten Interesse an Elsass-Lothringen, das waren die Süddeutschen vom Bauernknecht bis zu den Fürsten
- Vorfeld vor Frankreich.
Die wussten sehr wohl woher der nach Frankreich transferierte "Reichtum Europas"
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