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Moderator: Barbarossa

 
Wallenstein

Re: Waren Kreuzzüge "christlich"?

29.03.2016, 11:36

Auch das Judentum erwies sich in der Vergangenheit als expansiv und wenig tolerant. Das sie aber ein kleines Volk waren, wurden sie meist Opfer und nicht Täter. Als sie aber unter Moses und dann später unter Joshua aus Ägypten in das gelobte Land kamen, forderte sie ihr Gott ganz offen zur Vernichtung der dort lebenden Völker auf.

Deuteronomium 7:1 ff (5.Buch Moses)
Wenn dich der HERR, dein Gott, in das Land bringt, darein du kommen wirst, es einzunehmen, und ausgerottet viele Völker vor dir her, die Hethiter, Girgasiter, Amoriter, Kanaaniter, Pheresiter, Heviter und Jebusiter, sieben Völker, die größer und stärker sind denn du,
und wenn sie der HERR, dein Gott, vor dir dahingibt, daß du sie schlägst, so sollt ihr sie verbannen, daß du keinen Bund mit ihnen machest noch ihnen Gunst erzeigest.
Und sollst dich mit ihnen nicht befreunden: eure Töchter sollt ihr nicht geben ihren Söhnen, und ihre Töchter sollt ihr nicht nehmen euren Söhnen.
Denn sie werden eure Söhne mir abfällig machen, daß sie andern Göttern dienen; so wird dann des HERRN Zorn ergrimmen über euch und euch bald vertilgen.
Sondern also sollt ihr mit ihnen tun: ihre Altäre sollt ihr zerreißen, ihre Säulen zerbrechen, ihre Haine abhauen und ihre Götzen mit Feuer verbrennen.
Denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott, Dich hat der HERR, dein Gott erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind.

Deuteronomium 20, 10 -18
Dtn 20, 10 Wenn du vor eine Stadt ziehst, um sie anzugreifen, dann sollst du ihr zunächst eine friedliche Einigung vorschlagen.
Dtn 20,11 Nimmt sie die friedliche Einigung an und öffnet dir die Tore, dann soll die gesamte Bevölkerung, die du dort vorfindest, zum Frondienst verpflichtet und dir untertan sein.
Dtn 20,12 Lehnt sie eine friedliche Einigung mit dir ab und will sich mit dir im Kampf messen, dann darfst du sie belagern.
Dtn 20,13 Wenn der Herr, dein Gott, sie in deine Gewalt gibt, sollst du alle männlichen Personen mit scharfem Schwert erschlagen.
Dtn 20,14 Die Frauen aber, die Kinder und Greise, das Vieh und alles, was sich sonst in der Stadt befindet, alles, was sich darin plündern lässt, darfst du dir als Beute nehmen. Was du bei deinen Feinden geplündert hast, darfst du verzehren; denn der Herr, dein Gott, hat es dir geschenkt.
Dtn 20,15 So sollst du mit allen Städten verfahren, die sehr weit von dir entfernt liegen und nicht zu den Städten dieser Völker hier gehören.
Dtn 20,16 Aus den Städten dieser Völker jedoch, die der Herr, dein Gott, dir als Erbbesitz gibt, darfst du nichts, was Atem hat, am Leben lassen.
Dtn 20,17 Vielmehr sollst du die Hetiter und Amoriter, Kanaaniter und Perisiter, Hiwiter und Jebusiter der Vernichtung weihen, so wie es der Herr, dein Gott, dir zur Pflicht gemacht hat,

Dtn 20,18 damit sie euch nicht lehren, alle Gräuel nachzuahmen, die sie begingen, wenn sie ihren Göttern dienten, und ihr nicht gegen den Herrn, euren Gott, sündigt.
 
Ruaidhri
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Re: Waren Kreuzzüge "christlich"?

29.03.2016, 11:54

Dietrich hat geschrieben:
Man darf nicht der Gefahr erliegen, das zu romantisieren.

Liegt mir fern, dazu gibt es wissenschafliche Literatur.
Muttersprache: Deutsch Vaterland: Keins. Heimat: Europa
LG Ruaidhri
 
Paul
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Re: Waren Kreuzzüge "christlich"?

29.03.2016, 13:04

Wallenstein hat geschrieben:
Auch das Judentum erwies sich in der Vergangenheit als expansiv und wenig tolerant. Das sie aber ein kleines Volk waren, wurden sie meist Opfer und nicht Täter. Als sie aber unter Moses und dann später unter Joshua aus Ägypten in das gelobte Land kamen, forderte sie ihr Gott ganz offen zur Vernichtung der dort lebenden Völker auf.


Wenn diese arabischen Nomaden irgendwo gesiegt haben, haben sie sich verhalten, wie die späteren Araber und Seldschuken. Sie haben die Menschen versklavt und die Frauen in ihren Harem genommen. Sie haben aber auch Bündnisse mit Kanaanitern u.a. geschlossen und sind mit ihnen zum neuen Volk Israel zusammen gewachsen. Die Kanaaniter haben sich genauso verhalten.
Hebräisch ist Kanaanitisch und wurde dann zum Aramäischen.
viele Grüße

Paul

aus dem mittelhessischen Tal der Loganaha
 
Dietrich
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Re: Waren Kreuzzüge "christlich"?

30.03.2016, 13:29

Wallenstein hat geschrieben:
Auch das Judentum erwies sich in der Vergangenheit als expansiv und wenig tolerant. .


Wichtig ist die Situation heute.
Und da schmeißen weder Juden, Buddhisten oder Christen weltweit Bomben, sondern allein Muslime.
 
Wallenstein

Re: Waren Kreuzzüge "christlich"?

30.03.2016, 14:00


Dietrich
Wichtig ist die Situation heute.
Und da schmeißen weder Juden, Buddhisten oder Christen weltweit Bomben, sondern allein Muslime.



Ich verstehe diese Bemerkung nicht. Wieso soll nur die heutige Situation wichtig sein? Die Kreuzzüge sind ja nun auch schon länger her.

Hier geht es um die Vergangenheit, wir sind ein Geschichtsforum und deshalb ist es auch wichtig, was in der Vergangenheit passiert ist, sonst können wir dies hier auch gleich umwandeln in ein reines Politikforum nur für Gegenwartsfragen. Leider ist es dies ohnehin schon weitgehend der Fall.

Für den Terror der Moslems haben wir ein eigenes Thread hier im Forum und dort kann man seine Beiträge schreiben.

Und wenn es lediglich um Bomben geht: Im Nahen Osten fliegen jede Menge Bomben. Russen, Amerikaner, Franzosen, Herr Assad usw. Die Israelis können das auch gut. Und in der Ukraine flogen auch jede Menge Bomben. Das ist auch gar nicht so schwer.

Also wenn dann bitte richtige, substantielle Analysen und nicht einfach nur Sätze in die Gegend stellen.
 
Ruaidhri
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Re: Waren Kreuzzüge "christlich"?

30.03.2016, 15:42

Der Titel des Threads lautet:
Waren die Kreuzzüge "christlich"?
Je nach Standpunkt waren sie das. Im Sinne eines Vormachtstrebens und Verdrängens der beiden anderen abrahamitischen Religionen, des Mordens und des Metzelns, das legitimiert wurde, es sei zum Schutze der Christenheit etc. Da gab es dann so sehr christliche den Feind liebende Superhelden wie Richard Löwenherz, der schon auf dem Weg ins Heilige Land ziemlich viel Blut vergießen ließ und dann vor Akkon aus taktschen Überlegungen heraus ein fürchterliches Gemetzel veranstaltete.
Die Aktion vor Akkon war sogar jenseits des Verständnisses mancher seiner Zeitgenossen.
Aus zeitgenössischer Sicht muss man ein anderes Verständnis von Christentum zugrunde legen als wir es heute haben, sicherlich.
Dann gilt das gleiche auch für Muslime im Mittelalter.
Mal abgesehen von kriegerischen Auseinandersetzungen haben Teile Europas dem Austausch nun wahrlich viel in Wissenschaft und Kultur zu verdanken. Bis hin zu Friedrich II. von Staufen, der an seinem Hof Gelehrte und Künstler aller Religionen beherbergte.
Abseits der Kreuzzüge: Gab es allzeit lebhaften Handel und Kulturaustausch, wobei in vielem der Orient mehr bieten konnte als der Okzident.
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LG Ruaidhri
 
Wallenstein

Re: Waren Kreuzzüge "christlich"?

30.03.2016, 17:17

Dem Kreuzzug der Ritter ging der Kreuzzug der Armen unter dem Mönch Peter dem Einsiedler voran, der im Februar 1096 von Nordfrankreich aufbrach mit mehreren tausend Teilnehmern , ein wilder Haufen unorganisierter und kampfunerfahrener Menschen. Im Sommer 1096 erreichten sie Köln und waren auf 15.000 angewachsen. Sie plünderten das Judenviertel, erschlugen und beraubten sie. Weitere Pogrome folgten in Mainz, Speyer und Regensburg. Die Zahl der Opfer wird auf 5.000 Juden geschätzt.

An der ungarischen Grenze war der Kreuzzug der Armen zwischenzeitlich auf 40.000 Teilnehmer angewachsen. Diese riesige Menschenmenge konnte nicht ernährt werden, es kam zu wilden Plünderungen. In Semlin erschlugen sie 4.000 Ungarn, anschließend verwüsteten sie Belgrad. Es kam bald zu heftigen Kämpfen mit den byzantinischen Truppen. Kaiser Alexios hatte nicht mit so einem wilden Haufen gerechnet. Er führte sie nach Kleinasien herüber, wo sie eine weitere Blutspur in den christlichen Gebieten hinterließen. Schließlich wurden sie von den Seldschuken vernichtet.

Der vierte Kreuzzug ging gar nicht mehr gegen die Moslems, sondern gegen Byzanz. Die christliche Stadt wurde geplündert und erobert und ein Lateinisches Kaiserreich errichtet. Dieser Kreuzzug hat das christliche Bollwerk gegen die Moslems erheblich geschwächt und diesen dann den weiteren Vormarsch nach Europa wesentlich erleichtert. Spätestens jetzt zeigte sich, dass die Kreuzzüge vor allem ein Eroberungsfeldzug der feudalen europäischen Oberschicht waren, unterstützt von den Führungsschichten in den italienischen Stadtrepubliken und deren kommerziellen Interessen.

Später hat der Papst noch viele weitere Kreuzzüge aufgerufen. Die gingen dann aber gegen abtrünnige Christen: Albigenser, Hussiten usw.
 
Dietrich
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Re: Waren Kreuzzüge "christlich"?

31.03.2016, 14:46

Ruaidhri hat geschrieben:
Der Titel des Threads lautet:
Waren die Kreuzzüge "christlich"?
Je nach Standpunkt waren sie das.


Ich habe ja schon in meinem Eröffnungsbeitrag geschrieben, dass wir uns zur Beantwortung dieser Frage zunächst in die Vorstellungs- und Gedankenwelt des mittelalterlichen Menschen hineinversetzen müssen. Danach war der Krieg gegen den Islam ethisch gerechtfertigt, da er dazu diente, das Christentum zu beschützen. Auf der anderen Seite stand der islamische Dschihad, der die kriegerische Expansion des Islam gemäß den Geboten des Korans bejahte. Allerdings stand die winzige Ausdehnung der Kreuzfahrerstaaten an der Levante in keinem Verhältnis zu dem riesigen Gebiet, das muslimische Heere einige Jahrhunderte zuvor vom Indus bis zum Atlantik erobert hatten.

Die Basis dieser christlichen und islamischen Expansion war ursprünglich eine religiöse, doch knüpften sich daran in der Praxis schon bald machtpolitische und gewinnbringende Überlegungen. Ein gutes Beispiel ist der oben bereits erwähnte Vierte Kreuzzug, der mit der Eroberung des christlichen Byzanz und einer Orgie der Plünderung und Verwüstung Konstantinopels endete.

Dass sowohl Kreuzzüge als auch der frühmittelalterliche Dscihad aus heutiger Sicht inakzeptabel sind, steht auf einem anderen Blatt. Allerdings darf man heutige moralische Maßstäbe nicht auf das Mittelalter übertragen, sondern muss die Menschen aus ihrer Zeit heraus beurteilen.

Ruaidhri hat geschrieben:
Mal abgesehen von kriegerischen Auseinandersetzungen haben Teile Europas dem Austausch nun wahrlich viel in Wissenschaft und Kultur zu verdanken. Bis hin zu Friedrich II. von Staufen, der an seinem Hof Gelehrte und Künstler aller Religionen beherbergte.


Dieses Argument wird immer wieder gern vorgebracht, doch ist das differenziert zu sehen. Auf das spanische al-Andalus trifft das sicher zu, denn die wirtschaftliche und kulturelle Blüte begann erst nach Eroberung der Iberischen Halbinsel durch die Araber, die neue Kenntnisse der Kultivierung des Landes mitbrachten und bislang unbekante Früchte und Pflanzen anbauten. Den Boden bearbeiteten allerdings nicht die arabischen Eroberer, sondern die altansässige spanische Bevölkerung. Die Araber stellten die Elite und die Herren, forderten von den Christen eine Kopfsteuer, drückten allerdings ihrerseits die minder angesehenen muslimischen berber in eine untergeordnete Position. Das führte dann mehrfach zu Aufständen der Berber, während sich die christliche Bevölkerung der islamischen Gebiete - die Mozaraber - und die zum Islam konvertierten Christen in der Regel friedlich verhielten. Die spanischen Juden hatten die Araber sogar als Befreier begrüßt, da sie unter westgotischer Herrschaft vielfacher Bedrückung und Repression ausgesetzt waren.

Anders sieht das hingegen bei den christlichen Völkern Südosteuropas aus, die rund 450 Jahre unter muslimisch-osmanischer Fremdherrschaft standen. Diese Christen konnten keine namhaften Positionen in der Verwaktung oder im Heer erlangen, mussten die Kopfsteuer zahlen, erlebten weder Aufklärung, noch Industrialisierung oder Parlamentarisierung und fielen im Vergleich zu den Staaten Westeuropas in jeder Hinsicht weit zurück. Hastige Reformen der Osmanen in der zweiten Hälfte des 19. Jh. konnten die gravierenden Mängel nicht mehr beheben, sodass es zu gewaltsamen Freiheitsbestrebungen kam.
 
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Barbarossa
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Re: Waren Kreuzzüge "christlich"?

31.03.2016, 15:54

Dietrich hat geschrieben:
...
Allerdings stand die winzige Ausdehnung der Kreuzfahrerstaaten an der Levante in keinem Verhältnis zu dem riesigen Gebiet, das muslimische Heere einige Jahrhunderte zuvor vom Indus bis zum Atlantik erobert hatten.
...

Dafür war es aber das sogenannte "Heilige Land", welches sie den Arabern da wieder entrissen. Darauf kam es ihnen an und das tat den Arabern aus religiösen Gründen auch tatsächlich weh. Das ist nicht zu unterschätzen.
Die Diskussion ist eröffnet!

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Re: Waren Kreuzzüge "christlich"?

31.03.2016, 18:03

Barbarossa hat geschrieben:
Dafür war es aber das sogenannte "Heilige Land", welches sie den Arabern da wieder entrissen. Darauf kam es ihnen an und das tat den Arabern aus religiösen Gründen auch tatsächlich weh. Das ist nicht zu unterschätzen.


Von größerer "Heiligkeit" waren sicher Mekka und Medina, die allerdings nie unter christliche Herrschaft fielen.
Im Gegenzug eroberten die Muslime mit Antiochia, Alexandria und Konstantinopel gleich drei Patriarchensitze.
 
Ruaidhri
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Re: Waren Kreuzzüge "christlich"?

31.03.2016, 18:44

Dieses Argument wird immer wieder gern vorgebracht, doch ist das differenziert zu sehen. Auf das spanische al-Andalus trifft das sicher zu, denn die wirtschaftliche und kulturelle Blüte begann erst nach Eroberung der Iberischen Halbinsel durch die Araber, die neue Kenntnisse der Kultivierung des Landes mitbrachten und bislang unbekante Früchte und Pflanzen anbauten. Den Boden bearbeiteten allerdings nicht die arabischen Eroberer, sondern die altansässige spanische Bevölkerung. Die Araber stellten die Elite und die Herren, forderten von den Christen eine Kopfsteuer, drückten allerdings ihrerseits die minder angesehenen muslimischen berber in eine untergeordnete Position.

Das ist eine der beiden Seiten ein und derselben Medaille. Geistiger Austausch war möglich und fand statt, gewiss unter muslimischer Führung, aber eben auch mit Wertschätzung.
Und wo Christen die Herrschaft und das Geld hatten, ließen sie andere für sich arbeiten- christliche Leibeigene z.B.
Wo ist der große moralische Vorsprung?
Es ist fahrlässig, das gedeihliche Mit- und Nebeneinander der drei verwandten Religionen so an die Seite zu schieben statt die Zeiten, in denen alle in gegenseitiger Toleranz und Achtung mit gemeinsamen Zielen statt in Krieg und Terror lebten, als fernes Beispile für Möglichkeiten viel mehr zu betonen.
Dietrich hat geschrieben:
Dass sowohl Kreuzzüge als auch der frühmittelalterliche Dscihad aus heutiger Sicht inakzeptabel sind, steht auf einem anderen Blatt. Allerdings darf man heutige moralische Maßstäbe nicht auf das Mittelalter übertragen, sondern muss die Menschen aus ihrer Zeit heraus beurteilen.

Hatte ich nicht anders gehandhabt als die Kreuzzüge aus mittelalterlicher Sicht als " christlich" zu bezeichnen- so wie der Dschihad es aus islamischer Sicht war. Oder eben beides nicht, aus heutiger Sicht.
Beide tun sich wenig in ihren Machtbestrebungen und Grausamkeiten.
Aufrechnen ist ziemlich sinnlos, zumindest, was das Mittelalter betrifft.
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Wallenstein

Re: Waren Kreuzzüge "christlich"?

01.04.2016, 12:04

Die Eroberung von Jerusalem

Nach dem Kreuzzug der Armen folgte ein diszipliniertes Ritterheer unter Gottfried von Bouillon, es erreichte Weihnachten 1096 Konstantinopel. Aus Italien kommen per Schiff einige Tausend Ritter und Fußsoldaten, ebenso aus Frankreich, zumeist normannischer Abstammung. Ihre Marschsäule dringt durch Anatolien und Antiochien nach Palästina vor. Immer wieder kommt es zu Kämpfen, Belagerungen und längeren Unterbrechungen. Erst im Sommer 1099 erreichen sie Jerusalem, welches damals zu dem Reich der Fatimiden in Ägypten gehörte und von rund tausend Söldnern verteidigt wird. Nach sechswöchiger Belagerung wird die Stadt am 15. Juli 1099 erobert. Die Kreuzritter verfallen in einen Blutrausch und schlachten die Bevölkerung fast vollständig ab, Moslems, Juden, aber auch Christen, obwohl von denen viele vorher Jerusalem verlassen hatten.

Die anonyme Gesta Francorum berichtet: „das Gemetzel so groß war, dass unsere Männer in Blut bis zu ihren Knöcheln wateten“ Nach Raimund von Aguilers „ritten die Männer in Blut bis zu ihren Knien und ihrem Zaumzeug hinauf“. Wilhelm von Tyrus berichtet:

„Schauerlich war es anzusehen, wie überall Erschlagene umherlagen und Teile von menschlichen Gliedern, und wie der Boden mit dem vergossenen Blut ganz überdeckt war. Und nicht nur die verstümmelten Leichname und die abgeschnittenen Köpfe waren ein furchtbarer Anblick, den größten Schauder mußte das erregen, daß die Sieger selbst von Kopf bis Fuß mit Blut bedeckt waren.“
https://de.wikipedia.org/wiki/Belagerun ... %281099%29

Über die Zahl der Opfer gibt es keine näheren Angaben. Man schätzt sie zwischen 30.000 bis 70.000. Die genaue Einwohnerzahl Jerusalems war nicht bekannt. Anschließend lebten nur noch wenige hundert Menschen in der Stadt. Der erste König von Jerusalem Balduin I (1100 – 1118) residierte in einer leeren Trümmerlandschaft.

(Nachfolger wurden Balduin II. (1118–1131), Fulko von Anjou (1131–1143) und Balduin III. (1143–1162), Amalrich I. (1162-1174), Balduin IV (1174–1185), Balduin V (1174–1185) Guido von Lusignan (1186-1192), der von Saladin bei Hattin besiegt wurde. 1187 eroberte Saladin die Stadt für die Moslems zurück).

Die Struktur des Kreuzfahrerstaates

Die Herrscher von Jerusalem regierten über ein entvölkertes Land. Ein Großteil der Muslime und Juden war in die Nachbarländer geflüchtet und führte von dort aus wie heute die Palästinenser einen erbitterten Kleinkrieg. Doch glücklicherweise gab es noch genug christliche Araber, die nun für die neuen Herren arbeiten mussten. Balduin I teilte das eroberte Land an seine Gefolgsleute auf, es entstand eine neue Klasse von zumeist französischsprachigen Großgrundbesitzern. Beliebt waren als Wohnsitze die Villen der geflüchteten arabischen Oberschicht an der Küste, die einen für europäische Verhältnisse hohen Komfort besaßen.

Für die neue Klasse kam der Begriff Outremer auf (die jenseits des Meeres). Einige begannen sich bald arabisch zu kleiden und passten sich der Umgebung zumindest äußerlich an. Dem Frauenmangel half man ab, in dem auch Eheverhältnisse mit einheimischen Frauen geduldet wurden, aus denen viele Mischlingskinder hervorgingen (die Poulins). Diese Beziehungen gab es aber nur beim Kleinadel, der Hochadel blieb unter sich. Die Poulins bildeten die militärische Basis des Kreuzfahrerstaates und lebten in den Städten in eigenen Vierteln.

Doch der Mangel an Arbeitskräften blieb ein großes Problem. Man warb um arabische Christen aus Nachbarländern, von denen auch viele kamen, aber übermäßig mit Steuern konnte man sie nicht belasten.

Gleichzeitig kamen auch Siedler aus Westeuropa ins Land, die dort Grundstücke bekamen oder ein Handwerk betrieben. Diese waren von Anfang an rechtlich frei. So bildete sich neben der adligen Oberschicht eine zweite, freie fränkische Klasse, die burgenses, die aus einer kontinuierlich anhaltenden Einwanderung hervorgingen.

Der allein mit politischen Rechten ausgestatteten , an der Spitze ziemlich reinblütigen Schicht der fränkischen Adligen und burgenses stand ein buntes Völkergemisch ohne politische Rechte als unteres Stratum der Gesellschaft gegenüber. Damit ähnelte das Königreich Jerusalem den europäischen Verhältnissen. Ganz ähnlich ging es auch später in den Kolonien der europäischen Kolonialmächte ab dem 16. Jahrhundert zu.

Das Königreich litt ständig unter Geldnot. Raubzüge in die muslimischen Nachbarstaaten bildeten eine wichtige Einnahmequelle.

Die Kreuzfahrerstaaten gerieten in eine starke Abhängigkeit von den italienischen Stadtstaaten, die den Transport über das Mittelmeer organisierten, weil der Landweg zu gefährlich war. Nachfolgende Ritter aus Europa bekamen kein Land mehr, da alles aufgeteilt war. Abhilfe schuf die Gründung von Ritterorden, die als kommerzielle und militärische Unternehmen gegründet wurden, um die Bedürfnisse der landlosen Adligen zu befriedigen.
 
Dietrich
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Re: Waren Kreuzzüge "christlich"?

01.04.2016, 12:35

Ruaidhri hat geschrieben:
Es ist fahrlässig, das gedeihliche Mit- und Nebeneinander der drei verwandten Religionen so an die Seite zu schieben statt die Zeiten, in denen alle in gegenseitiger Toleranz und Achtung mit gemeinsamen Zielen statt in Krieg und Terror lebten, als fernes Beispile für Möglichkeiten viel mehr zu betonen.


Man muss das Miteinander und auch Gegeneinander der Bevölkerungsgruppen in al-Andalus objektiv und nüchtern analysieren. Die positiven Seiten habe ich geschildert, dazu kommen negative Aspekte, die ich ebenfalls benannt habe. Es ist doch unsinnig, alles in einem romantisierenden Glanz zu sehen. Ich empfehle dir hierzu die Lektüre des Buchs "Von Burgos nach Cuzco. Das Werden Spaniens 530-1530" von René Alexander Marboe, erschienen 2006 im Magnus-Verlag. Ebenfalls lesenswert das Buch "Das maurische Spanien. 800 Jahre islamische Hochkultur in Al-Andalus" von André Clot, erschienen 2010 im Albatros-Verlag. Diese Bände informieren sehr objektiv über die Lage der Bevölkerung im maurischen Spanien und analysieren positive und negative Entwicklungen.

Wie ich bereits oben schrieb, erlebte die Iberische Halbinsel nach der arabischen Eroberung und Einwanderung eine kulturelle und wirtschaftliche Blüte. Die Christen in al-Andalus - die Mozaraber - konnten ihre Religion ungehindert ausüben, mussten allerdings eine Kopfsteuer zahlen und es war ihnen verwehrt, in namhafte Positionen der Verwaltung und des Heers aufzusteigen. Insofern blieb das Verhältnis von Herren und Unterworfenen erhalten. Was die Juden betrifft, so begrüßten sie die Araber als Befreier, da sie unter der vormaligen westgotischen Herrschaft vielfacher Bedrückung und Repression ausgesetzt waren.

Repressive Maßnahmen gegenüber der christlichen Bevölkerung in al-Andalus erfolgten im 11.-13. Jh. durch die fundamentalistischen Berberdynastien der Almoraviden und Almohaden. In dieser Zeit neigte sich die Herrschaft der Araber in Spanien bereits dem Ende zu, denn die christlichen Königreiche stießen im Verlauf der Reconquista bereits weit nach Süden vor. Das erklärt die antichristlichen Maßnahmen der Berberfürsten.

Ruaidhri hat geschrieben:

Beide tun sich wenig in ihren Machtbestrebungen und Grausamkeiten.
Aufrechnen ist ziemlich sinnlos, zumindest, was das Mittelalter betrifft.


Von "Aufrechnen" kann keine Rede sein. Aber Historiker haben die Pflicht, geschichtliche Entwicklungen und Ereignisse zu verfolgen und zu benennen - sowohl auf islamischer als auch auf christlicher Seite.
 
Wallenstein

Re: Waren Kreuzzüge "christlich"?

03.04.2016, 12:10

Jerusalem wird wieder moslemisch

Mit dem Niedergang der Fatimiden in Ägypten setzte sich der kurdische General Salahaddin ibn Aiyub (1137-1193), im Westen als Saladin bekannt, als neuer Herrscher durch und begründete die Dynastie der Aiyubiden in Kairo. In blutigen Kämpfen besiegte er die verschiedenen islamischen Staaten im Nahen Osten, schuf somit ein neues Großreich und begann anschließend mit dem Angriff auf das Königreich Jerusalem. Bei Hittin werden die Kreuzritter vernichtend geschlagen und die Überlebenden in die Sklaverei verkauft. Saladin stellt zweihundert Ritter der Johanniter- und Templerorden vor die Wahl: Übertritt zum Islam oder Tod. Die Ritter entscheiden sich für den Tod. Ihr Anführer Rainold von Chatillon wird von Saladin eigenhändig geköpft.

Im Oktober 1187 ist Jerusalem bereit zu kapitulieren. Der sonst gnadenlose Saladin beweist unerwartete Milde. Hatte Gottfried von Bouillon 1099 die Bevölkerung abgeschlachtet, können sich die Einwohner gegen ein Lösegeld freikaufen und dann die Stadt verlassen. Niemand verliert sein Leben. Doch wer kein Geld hat, kommt in die Sklaverei. Das goldene Kreuz auf dem höchsten Turm der Stadt wird heruntergenommen und durch die Straßen geschleift. Die Stadt gehört wieder den Moslems. Saladin gilt als einer der größten Helden des Islam.

Richard Löwenherz will Jerusalem zurückerobern, doch er scheitert damit. In Akko lässt er 3.000 Kriegsgefangene hinrichten. Saladin zeigt sich erneut großzügig. Er tötet seine Gefangenen nicht.

Obwohl Saladin alles andere als ein „Gutmensch“ ist, wird er in Zukunft sowohl im Abendland als auch im Morgenland zu einer Heldenfigur stilisiert. Er wird in Europa zum „edlen Heiden“ erhoben, Dante erwähnt ihn wohlwollend in der „Göttlichen Komödie“, er spielt später in Lessings „Nathan der Weise“ eine wichtige Rolle. Erstmals erscheint ein „Ungläubiger“ nicht mehr als Antichrist.

Jerusalem wird internationale Stadt

Für die Christen ist die Stadt verloren, doch nun passiert ein in der Weltgeschichte seltener Zufall. Sowohl auf christlicher als auch auf islamischer Seite kommen zwei ungewöhnlich tolerante und weitblickende Männer an die Macht: Der Hohenstaufe Friedrich II und al-Kamil, der vierte Herrscher der Ayyubiden Dynastie und Neffe von Saladin. 1229 handeln sie einen Vertrag aus, der den Christen die Verwaltung und alle Rechte in der Stadt gibt. Gleichzeitig ist sie auch für alle Moslems offen. In der Grabeskirche wird Friedrich II zum König von Jerusalem gekrönt. Friedrich II, der selbst wie ein orientalischer Potentat auftritt, soll gesagt haben: „ Nicht um euer Land zu erobern, sind wir übers Meer gefahren, denn Länder besitzen wir mehr, als irgendein Herrscher auf der Erde. Wir wollen die heiligen Stäten übernehmen, dass ihr Ruhe habt vor den Christen und nicht gezwungen seid, das Blut eurer Untertanen gegen uns zu vergießen.“ Diese Logik hatte al-Kamil verstanden, ausnahmsweise triumphierte die Vernunft.

Doch lange sollte das Glück nicht währen. Nach dem Tod von al-Kamil 1138 brachen heftige Kämpfe unter seinen Nachfolgern auf. Aber das Unheil kam aus dem Osten. 1220 hatte Dschingis-Khan das Reich der Choresmier (östlicher Iran) zerschlagen, aber Reste des choresmischen Heeres, die sich Khwarezmiyya nannten, zogen seitdem mordend und plündernd durch den Orient. Unfähig zur Gründung eines Staates hinterließen sie überall eine blutige Spur. 1244 eroberten sie Jerusalem, plünderten und zerstörten die Stadt. Die ägyptischen Ayyubiden eroberten sie zurück, aber die christliche Herrschaft war nun unwiderruflich vorbei. Die Kreuzritter kontrollierten nur noch einen schmalen Küstenstreifen, bis auch die letzte Stadt Akko 1291 fiel.

Nachwirkungen


Der Kreuzfahrerstaat blieb im Nahen Osten eine Episode. In den 200 Jahren hatten sich die „Outremer“ acht Generationen lang weitgehend von der einheimischen Gesellschaft abgeschottet und isoliert. Missionierungen von Moslems unterblieben oder waren ohne Erfolg. Mit Ausnahme der etwa 5.000 – 6.000 Poulins (Mischlinge) kam es zu keinen Verbindungen. Viele Ritter hielten sich auch häufig nur vorübergehend in Palästina auf und schlugen keine Wurzeln. Die islamischen Einflüsse, so die Forschung, gelangten über Italien und Spanien nach Europa, aber nicht über Palästina. Die islamische Welt hat von den Christen ihrerseits so gut wie nichts übernommen.
 
Dietrich
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Re: Waren Kreuzzüge "christlich"?

03.04.2016, 14:12

Wallenstein hat geschrieben:

Der Kreuzfahrerstaat blieb im Nahen Osten eine Episode ... Die islamischen Einflüsse, so die Forschung, gelangten über Italien und Spanien nach Europa, aber nicht über Palästina. Die islamische Welt hat von den Christen ihrerseits so gut wie nichts übernommen.


Wegen der dauerhaften demografischen und damit auch militärischen Schwäche der Kreuzfahrerstaaten entwickelten sich die geistlichen Ritterorden zur eigentlichen Militärmacht. Dynastische Probleme schwächten das anfänglich starke Königtum, sodass der Adel und die italienischen Seerepubliken eine starke Stellung gewannen. Es zeigte sich jedoch nach einiger Zeit, dass das Land auf Dauer nicht gegen die benachbarten muslimischen Herrscher zu halten war, da sowohl die Bevölkerungsressourcen als auch die militärische Kraft dafür nicht ausreichten.

Für die islamische Staatenwelt hatten die Kreuzzüge in keiner Weise die Bedeutung wie für Westeuropa und Byzanz. Natürlich war die Errichtung der fränkischen Kreuzfahrerstaaten eine Tatsache, die vor allem Herrscher und Beherrschte der unmittelbar bewtroiffenen Gebiete nicht übershen konnten. Aber die Kolonien des europäischen Adels erlangten nur etwa ein Jahrhundert lang größeren Umfang und ein aktiver Faktor in der Politik Vorderasiens waren sie auch da nur selten. Der eigentlichen Machtzentren des alten Kalifats konnte sich die Kreuzzugsexpansion - trotz gelegentlicher Anläuife - nie bemächtigen.

Die Züge nach dem Orient bedeuteten für die Adelsfamilien Westeuropas einen ungeheuren Aderlass, da auch die kleinsten Erfolge mit riesigen Opfern erkauft werden mussten. Somit versiegte der Zustrom im Laufe der Zeit, sodass das demografische Missverhältnis zur angrenzenden muslimischen Bevölkerung immer dramatischer wurde. Als dann noch Rivalitäten innerhalb des Adels und der geistlichn Ritterorden die Kreuzfahrerstaaten unterhöhlten, war es Ende des 13. Jh. um sie geschehen.

Der kulturelle Einfluss des Islams auf das Abendland erfolgte weniger über die Brücke der Kreuzzüge, was an der kurzen Lebensdauer der Kreuzfahrerstaaten gelegen haben mag (nur ezwa 130 Jahre). Erheblich stärker war ein islamischer Kulturstrom vom maurischen Spanien und muslimisch besetzten Sizilien ins christliche Europa. Immerhin gab es in Spanien eine mehr als achthundertjährige islamische Präsenz, was sich messbar auswirkte,