Woher kommt der Hass gegen Juden?

Die Kirche hatte eine machtvolle Stellung im Leben der Menschen des Mittelalters und bestimmte Politik und Gesellschaft auf einzigartige Weise.

Moderator: Barbarossa

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Balduin
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Per E-Mail hat mich eine Frage zu dem Artikel „ Die lange und traurige Geschichte der Verfolgung Menschen jüdischen Glaubens“ von Marianne erreicht. Der Artikel ist hier erreichbar: https://geschichte-wissen.de/blog/gesch ... erfolgung/
Mit hoher Aufmerksamkeit habe ich Ihren Ausführungen über die Verfolgung der Juden über die Jahrhunderte gelesen. Mir drängt sich dabei eine Frage auf, warum wurde diese Religionsgruppe und Ihre Menschen über die Jahrhunderte so vehement verfolgt und bekämpft? Darüber habe ich nichts gefunden, was haben diese Menschen angestellt das Sie derart verfolgt wurden…

Ich bin gespannt auf Ihre Antwort hierzu…den dieser Hass gegen diese Religionsgruppe muss ja irgendwo herkommen? Da ich Geschichtlich weder eine Ausbildung noch viel Erfahrung habe frage ich jetzt einfach mal nach…
Ich möchte dies zur allgemeinen Diskussion stellen.
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He has called on the best that was in us. There was no such thing as half-trying. Whether it was running a race or catching a football, competing in school—we were to try. And we were to try harder than anyone else. We might not be the best, and none of us were, but we were to make the effort to be the best. "After you have done the best you can", he used to say, "the hell with it". Robert F. Kennedy - Tribute to his father
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Barbarossa
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Der Artikel lässt offen, warum sich der Antisemitismus in Europa wie ein rotes Band durch annähernd 2000 Jahre Geschichte zog.
Ich glaube, es gibt da auch nicht den einen Grund. Fangen wir am besten von vorne an:

Die Römer wollten Judäa unterwerfen und die Hebräer waren nicht in der Lage, sich wirksam zu verteidigen. Das wiederfuhr auch anderen Völkern, wie den Galliern, Iberern (Hispanien), Ägyptern u. a. Prinzipiell waren die Römer bis zur Annahme des Christentums in religiösen Fragen bei den unterworfenen Völkern tolerant. Sie durften weiter ihren Göttern huldigen, solange sie die Kaiser ebenfalls huldigten und sie als ihre Herrscher akzeptierten. Da sich die Hebräer jedoch immer wieder gegen Rom erhoben, griffen die Römer durch, schlugen die Aufstände nieder, verstreuten die Hebräer in alle Provinzen und tilgten auch den Namen „Judäa“ von der Landkarte. Die Provinz hieß fortan „Palaestina“ – benannt nach den Philistern.
Bei den vorchristlichen Römern war es also vor allem der Machtanspruch, den sie durchsetzten. Auch Karthago wurde 200 Jahre zuvor dem Erdboden gleichgemacht, weil es sich nicht unterwerfen wollte.

Bei den Christen war es nach meiner Einschätzung wohl vor allem die Suche nach dem wahren Glauben, der zu einer strikten religiösen Intoleranz führte. Alles von der Linie der Katholischen Kirche Abweichende wurde verteufelt. So auch die erste große Abspaltung – die Arianische Kirche. Bei den Juden kam noch hinzu, dass ihnen der Verrat bei der Kreuzigung und damit der Mord an Jesus, dem Sohn Gottes vorgeworfen wurde. Das schien wohl besonders unverzeihlich. Und wer schon ein ,,Gottesmörder'' war, dem unterstellt man schnell auch andere Taten, wie etwa Brunnen vergiften oder die Verbreitung von Krankheiten, wie die Pest oder die Blattern (Pocken) u. a. Das Papsttum förderte diesen religiös motivierten Antisemitismus besonders.

Nicht nur in Deutschland gab es eine lange antisemitische Tradition, aber eben auch. Wobei festzuhalten ist, dass der Antisemitismus in Deutschland meist vom gemeinen Volk ausging – noch nicht einmal von den Machthabern, den Königen und Kaisern. Das hatte im späten Mittelalter und frühen Neuzeit (also 15.-17. Jh.) nach meiner Einschätzung vor allem folgende Gründe:
Juden durften (eigentlich in ganz Europa) weder als Handwerker noch als Bauern arbeiten. Als Kaufleute oder Ärzte konnten sich viele jedoch einen gewissen Wohlstand erarbeiten. Sie waren oft auch Kreditgeber für die einfachen Leute. Das wurde allerdings zu einem Problem, wenn die Schulden nicht bezahlt werden konnten. Im Zuge der Progrome entledigte man sich auch der Schuldscheine.
Die römisch-deutschen Könige und Kaiser versuchten dagegen, die Juden durch spezielle Privilegien unter ihren persönlichen Schutz zu stellen, denn sie waren aufgrund ihrer Stellung gute Steuerzahler.
Bereits der fränkische Kaiser Karl „der Große“ stellte die Juden als gleichwertige Bürger unter seinen Schutz. Auch Kaiser Heinrich IV. stellte die Juden im Wormser Privileg 1090 unter seinen Schutz. Mit Beginn der Kreuzzüge 1096 verschlechterte sich die Situation der Juden in Deutschland trotz immer neuer kaiserlicher und fürstlicher Schutzprivilegien zunehmend.
Ab dem 19 Jh. entwickelte sich der Antisemitismus zu einer rassistischen Ideologie, bis Hitler die Macht in Deutschland übernahm. Dessen Antisemitismus und Mordlust an den Juden übertraf alles bis dahin gekannte.

Auch auf der spanischen Halbinsel ist als weitetes Beispiel eine lange Geschichte des Antisemitismus festzustellen.
Schon im Westgotenreich waren Juden von der übrigen Gesellschaft isoliert. Sie durften keine öffentliche Ämter bekleiden, ja jeglicher Umgang mit anderen Mitgliedern der Gesellschaft war ihnen durch ein Gesetz König Reccareds (586-601) verboten, geschweige denn, dass sie Christen als Sklaven halten durften. Verstießen Juden gegen Gesetze, erwartete sie eine extrem harte Bestrafung. Auf dem IV. Konzil von Toledo (633) wurde die judenfeindliche Gesetzgebung noch weiter verschärft.
Nach der Eroberung der spanischen Halbinsel durch die Araber 711 entspannte sich die Situation für die Juden für einige Jahrhunderte – die Araber waren in religiösen Angelegenheiten toleranter, als die Christen. Doch mit dem Ende der Reconquista, wurden die Juden durch das 1492 erlassene Alhambra-Edikt dazu gezwungen, entweder zum Christentum zu konvertieren oder das spanische Königreich zu verlassen. Mehr als 100.000 Juden gingen danach ins Exil. Seit dem war in Spanien die Ausübung der jüdischen Religion für Jahrhunderte bis weit ins 20. Jh. hinein nicht mehr möglich.
Die Diskussion ist eröffnet!

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Balduin
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Wirklich gut zusammen gefasst lieber Gilbert
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He has called on the best that was in us. There was no such thing as half-trying. Whether it was running a race or catching a football, competing in school—we were to try. And we were to try harder than anyone else. We might not be the best, and none of us were, but we were to make the effort to be the best. "After you have done the best you can", he used to say, "the hell with it". Robert F. Kennedy - Tribute to his father
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