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Wallenstein

Solschenizyn – Russischer Dichter im Zwielicht

06.11.2015, 11:13

Die Werke von Solschenizyn, wie z.B. „Krebsstation“, „Der erste Kreis der Hölle“ oder „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ habe ich früher sehr gerne gelesen. Der Leser erhält dadurch einen guten Eindruck über das Leben in der UDSSR zu Zeit von Stalin.

1974 wurde er aus der Sowjetunion ausgebürgert und lebte vorübergehend in der BRD bei Heinrich Böll. Hier fiel er bald durch eigenartige Bemerkungen auf. Die Schlussakte von Helsinki 1975 bezeichnete er als Kapitulation des Westens vor der Sowjetmacht. Kritische Äußerungen über das politische System im Westen und seine Bewunderung für die Diktaturen in Chile und Spanien ließen in mir den Verdacht aufkommen, das er eigentlich kein Demokrat war, sondern nur den Kommunismus durch ein anderes totalitäres System ersetzen wollte. Hier ein späteres Statement von ihm:

„Die westliche Gesellschaft nähert sich einer Grenze, hinter der das System unstabil wird und zerfallen muss. Immer weniger beschwert von vielhundertjähriger Legalität, marschiert die Gewalt schamlos und siegreich durch die ganze Welt.“

Die nächsten 17 Jahre lebte er in Vermont (USA) und es wurde still um ihn. Die Veränderungen nach 1989 in seiner Heimat sah er kritisch. Gorbatschow war für ihn naiv.
„Gorbatschow war sechs Jahre lang damit beschäftigt, alles zu zerstören, doch er errichtete nichts Neues.“

Auch für Jelzin empfand er keine Sympathien. Unter ihm entwickelte sich Russland zu einem räuberischen System. Seine Meinung: „Russland ist ein krimineller Staat.“

Jelzin: „ließ Beschlüsse verabschieden, die den russischen Staat in Stücke zerreißen sollten. Damit wurde Russland seiner wohlverdienten historischen Rolle und seiner Stellung auf dem internationalen Parkett beraubt. Was vom Westen mit lautstarkem Applaus quittiert wurde.“

Unter Jelzin gab es weder echte Demokratie noch Marktwirtschaft:

„Der Westen lebte mit einer durch nichts begründeten Legende, unter Boris Jelzin sei in Russland die Demokratie eingekehrt, seien marktwirtschaftliche Reformen verwirklicht worden.“

Anders hingegen war seine Beziehung zu Putin. Die Beiden haben sich öfters getroffen und erwiesen sich bald als Brüder im Geiste. Er teilte mit Putin die Meinung, dass Russland ein autoritäres Regime braucht:

„Die wahre Lösung für Russland liegt gegenwärtig in einer vernünftigen Verbindung der mehr oder weniger etablierten Zentralmacht, die von einer starken Präsidentenmacht ausgeht, mit der lokalen Selbstverwaltung.“

Auch sollte das Land wieder zu seiner wahren Größe zurückfinden. Tiefe Sorge bereitete Solschenizyn der Zerfall des Landes in Einzelstaaten und die vielen Russen außerhalb der neuen Grenzen sollten wieder zurückfinden in die Heimat. Schuld an der jetzigen Situation ist zu einem großen Teil der Westen:

„Dazu kamen die Versuche der Nato, Teile der zerfallenen UdSSR in ihre Sphäre zu ziehen, vor allem – was besonders schmerzlich war – die Ukraine, ein mit uns eng verwandtes Land, mit dem wir durch Millionen familiärer Beziehungen verbunden sind. Diese könnten durch eine militärische Bündnisgrenze im Nu zerschnitten werden.“

Die russisch besiedelten Gebiete sollten wieder zu Russland gehören. Dann könnte das Land wieder Bedeutung erhalten:

„Wir dürfen nicht zulassen, dass die Russen als Nation aussterben. Unser Abstieg währte mehr als 70 Jahre unter den Kommunisten und auch die 10 Jahre danach. Der Aufstieg ist immer schwieriger, er wird mindestens 100 Jahre in Anspruch nehmen.“

Die wahren Ursachen für das Dilemma unserer Zeit liegen seiner Meinung nach im Atheismus:

„Die Menschen haben Gott vergessen, und das ist der Grund für die Probleme des 20. Jahrhunderts. Wir werden keine Lösungen finden ohne die Umkehr des Menschen zum Schöpfer aller Dinge. Atheismus ist das Grundübel unserer Zeit.“

Bei so vielen Gemeinsamkeiten zwischen dem jetzigen Kremlmachthaber und dem inzwischen verstorbenen Schriftsteller ist es nicht verwunderlich, dass Solschenizyn inzwischen komplett von Putin vereinnahmt wurde. Der Präsident richtete bei dessem Tode 2008 ein pompöses Staatsbegräbnis aus. Eine Straße wurde nach ihm benannt, es gibt Solschenizyn-Stipendien, er gilt als einer der größten russischen Dichter überhaupt und steht in einer Reihe mit den anderen großen Schriftstellern dieses Landes. In gewisser Weise ist dies wohl auch richtig. Er gehört gleichfalls zu den Personen, die dem Westen kritisch gegenüberstanden und an das urrussische Wesen appellierten.
Wie dem auch sei, Putin hat jetzt seinen eigenen Dichter gefunden und schafft um ihn einen neuen Personenkult.