Matzenbach

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Moderator: Barbarossa

siegfried lechler
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hallo,
Der Herkunftsort meines Großvaters heißt Matzenbach in BW: Dazu muss man wissen, das dies ein Jenischer Ort ist und das Wort Matz im Dialekt = Weib bedeutet. Dieses Wort ist keltisch und schon 3000 Jahre alt. Es steckt   schon im Wort Amazonen.  
servus siggi 
Marianne E.
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Hallo siegfried,
kannst Du etwas mehr über den Jenischen Ort Deines Großvaters schreiben?
Meine Kenntnisse zu den und über die Jenischen ist dürftig. Vermutlich geht es bei vielen Menschen auch nicht über das hinaus, was so ganz allgemein in den Medien geschrieben wird.
Gruß
Marianne E.
siegfried lechler
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Hallo....
Tja, mein Großvater hatte wie viele Jenische einen Wagen mit Pferd, damit fuhr er als Händler übers Land, 1920. So waren sie damals alle, sie fuhren als Händler und Scherenschleifer und wurden als weiße Zigeuner bezeichnet. Was allerdings nicht stimmt. so wie mein Großvater ein Haus gebaut hat, sind Jenische eigentlich fleißig. Heute sind viele Jenische als Schausteller auf Jahrmärkten unterwegs.In BW gibt es noch einige Jenische Orte, z B: Pfedelbach. Man merkt da keinen Unterschied zu anderen Orten. Das Problem, das wir Jenische haben ist der Freiheitsdrang, wir wollen selbstständig sein, keinen Chef über uns haben, so war mein Vater, so bin ich. Mein Vater war selbständig , fünfmal musste er neu anfangen. Macht nichts  wir sind fleißig. Das Wort Zigeuner ist völlig daneben. im Holocaust wurden 75000 Jenische getötet, weil wir scheinbar nicht Arisch genug sind.  Leider gibt es nur noch wenige die die Jenische Sprache beherrschen. Ich kann nur 10 Worte. Einer der letzten aus Matzenbach , der die Sprache noch beherrscht, ist Jakob Kronewetter, der hat ein Buch geschrieben :Das sind Jenische - Eine Minderheit erzählt 
servus siggi
Marianne E.
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Danke für diesen Bericht und den Hinweis auf das Buch von Kronewetter.
Die Ermordung der jenischen Menschen wurde mitgezählt bei den Sinti und Roma. Der Blutzoll der Menschen, die Zigeuner genannt wurden und teilweise noch heute werden, war hoch und darf nicht vergessen werden.
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Balduin
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Danke für die Info. Warum ließen sich die Jenischen gerade dort nieder?
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He has called on the best that was in us. There was no such thing as half-trying. Whether it was running a race or catching a football, competing in school—we were to try. And we were to try harder than anyone else. We might not be the best, and none of us were, but we were to make the effort to be the best. "After you have done the best you can", he used to say, "the hell with it". Robert F. Kennedy - Tribute to his father
siegfried lechler
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Hallo...
Der Landstrich zwischen Bayern und BW zwischen Dinkelsbühl und Rothenburg zwischen Tauber und Jagst war seit dem dreißigjährigen Krieg entvölkert. Die Jenischen waren zuerst im Schwarzwald angesiedelt , durch Unwetter wurde deren neue Siedlung zerstört. Dann hat man ihnen unsere Gegend angewiesen um dort nochmal anzufangen. In 20 km Entfernung in Bayern entstand Schillingsfürst, ebenfalls eine Jenische- Rotwelsch Siedlung. Dort sind die Straßennamen noch https://www.welt.de/regionales/muenchen/article118162436/Alte-Geheimsprache-Jenische-droht-auszusterben.html Jenisch bezeichnet. Daneben in Schopfloch wurden auch Juden angesiedelt. Unser heutiger Dialekt ist einen Mischung aus Fränkisch, Jenisch, Jiddisch genannt Lachoutisch.
SERVUS SIGGI
Aexlina

Ich habe auch jenische Vorfahren aus Matzenbach und Unterdeufstetten. Die Großmutter meiner Oma hat dann einen Jenischen aus Würmersheim in Baden geheiratet, auch ein Dorf, wo sich viele Jenische niedergelassen haben. Meine Oma hat immer erzählt, dass sie in einer Art Internat war. Gab es dort eine Einrichtung, wo die Kinder der Jenischen unterrichtet wurden, während die Eltern auf Reise waren? Ich würde gerne mehr darüber erfahren. Mit Herrn Kronenwetter hatte ich vor einigen Jahren auch Kontakt und habe auch seine Bücher. Es ist schade, wenn auch nachvollziehbar, dass die meisten, die die Sprache noch gut sprechen, sie nicht weitergeben wollen. Ich selbst verstehe auch nur noch wenige Worte und möchte zumindest diese an meinen Sohn weitergeben.
NurIch

In Unterdeufstetten gibt es (auch heute noch) „St. Raphael“, eine Jugendhilfeeinrichtung. Früher war es eine Art Waisenhaus. Auch die fahrenden haben ihre Kinder oft dort bei den Ordensschwestern gelassen, während sie auf der Reise waren.
Skeptik
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Registriert: 06.06.2022, 17:50

Ein interessantes Wörterbuch des Jenischen von 1832. Der Verfasser arbeitete bei der Gendarmerie und hatte natürlich nur den engen Blick auf seine Klientel aus dem Gaunermilieu:
https://books.google.de/books?id=bmUSAA ... &q&f=false

Eine Kostprobe:
"Ihr jost schon b’kulle Jamm bekahn, während jet von emminer Baldoverei kodem eacher Schih schemmgeboet bin. Noch hab’ jet lau g’spannt, wie harbe emmin Schabol vom Kettenschub beim grünwalder Kaim ausnosent, unb will doch lensen, ob ihr mich lau bekaspert habt."

"Ihr liegt schon den ganzen Tag herum, während ich von meiner Kundschafterei erst vor einer Stunde zurückgekommen bin. Noch habe ich nicht gesehen, wie viel mein Anteil vom Einbruch beim grünwalder Juden ausmacht, und will doch sehen, ob ihr mich nicht betrogen habt.“
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