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Moderator: Barbarossa

 
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Re: 11. September 1973: Blutiger Putsch gegen Salvador Allen

16.09.2013, 16:47

Barbarossa hat geschrieben:
dieter hat geschrieben:
Lieber Barbarossa,
aber ein privater Unternehmer nutzt die Resourcen bis auf geht nicht mehr aus und zahlt nur Hungerlöhne. :roll:

Ja, weil er gezwungen ist, mindestens kostendeckend zu arbeiten. Ein Staatsunternehmen muß das nicht und darum ist das in den wenigsten Fällen so. Das bekommt im Notfall Zuschüsse vom Staat - von Steuergeldern. Das hatten wir alles schon und zwar nicht nur im Ostblock, sondern auch in Frankreich. Es führte immer in die roten Zahlen und belastete die Staatshaushalte.
Die Lösung kann nur eine staatlich gut regulierte Privatwirtschaft sein. Allerdings darf man an sowas keine Stümper ran lassen.
:roll:


Die Arbeiter in den amerikanischen Kupferminen gehörten zu den am besten verdienenden Arbeitern in Chile vor Allende. Nachdem 1971 die Firmen verstaatlicht wurden und nun zu dem Unternehmen Codelco zusammengefasst wurden, ging die Produktion wohl vorübergehend zurück und die einsetzende Inflation senkte den Lebensstandard der Arbeiter. Diese wehrten sich dagegen mit massiven Streiks. Es ist interessant, dass gerade die Arbeiter der Kupferminen erbitterte Gegner der Allende Regierung waren und durch ihre Streiks und Demonstrationen sein Regime destabilisierten.

Die Junta hat die Verstaatlichung nicht rückgängig gemacht. Die Minenarbeiter haben weiterhin ein für Chile sehr hohes Einkommen und besitzen zahlreiche Vergünstigungen. Mietfreies Wohnen in Werkshäusern, gute Schulen und Krankenhäuser, viel besser als im übrigen Chile. Allerdings ist die Arbeit sehr hart und gesundheitsschädlich. Die Minen verursachen zudem gewaltige Umweltzerstörungen.

Die staatlichen Minen werden sehr effizient genutzt und im Jahre 2004 stammten 45% der Exporterlöse Chiles aus dem Verkauf von Kupfer.
 
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dieter
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Re: 11. September 1973: Blutiger Putsch gegen Salvador Allen

17.09.2013, 10:06

Karlheinz hat geschrieben:
Barbarossa hat geschrieben:
dieter hat geschrieben:
Lieber Barbarossa,
aber ein privater Unternehmer nutzt die Resourcen bis auf geht nicht mehr aus und zahlt nur Hungerlöhne. :roll:

Ja, weil er gezwungen ist, mindestens kostendeckend zu arbeiten. Ein Staatsunternehmen muß das nicht und darum ist das in den wenigsten Fällen so. Das bekommt im Notfall Zuschüsse vom Staat - von Steuergeldern. Das hatten wir alles schon und zwar nicht nur im Ostblock, sondern auch in Frankreich. Es führte immer in die roten Zahlen und belastete die Staatshaushalte.
Die Lösung kann nur eine staatlich gut regulierte Privatwirtschaft sein. Allerdings darf man an sowas keine Stümper ran lassen.
:roll:


Die Arbeiter in den amerikanischen Kupferminen gehörten zu den am besten verdienenden Arbeitern in Chile vor Allende. Nachdem 1971 die Firmen verstaatlicht wurden und nun zu dem Unternehmen Codelco zusammengefasst wurden, ging die Produktion wohl vorübergehend zurück und die einsetzende Inflation senkte den Lebensstandard der Arbeiter. Diese wehrten sich dagegen mit massiven Streiks. Es ist interessant, dass gerade die Arbeiter der Kupferminen erbitterte Gegner der Allende Regierung waren und durch ihre Streiks und Demonstrationen sein Regime destabilisierten.

Die Junta hat die Verstaatlichung nicht rückgängig gemacht. Die Minenarbeiter haben weiterhin ein für Chile sehr hohes Einkommen und besitzen zahlreiche Vergünstigungen. Mietfreies Wohnen in Werkshäusern, gute Schulen und Krankenhäuser, viel besser als im übrigen Chile. Allerdings ist die Arbeit sehr hart und gesundheitsschädlich. Die Minen verursachen zudem gewaltige Umweltzerstörungen.

Die staatlichen Minen werden sehr effizient genutzt und im Jahre 2004 stammten 45% der Exporterlöse Chiles aus dem Verkauf von Kupfer.

Lieber Karlheinz,
Danke für diese Information, :) also lohnte es sich schon in einem staatlichen Betrieb zu arbeiten. :wink:
Was Du nicht willst, dass man Dir tu, das füg auch keinem Andern zu.
 
Katarina Ke
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Re: 11. September 1973: Blutiger Putsch gegen Salvador Allen

10.12.2014, 17:43

Ich habe Ralph mal einen Beitrag für das Magazin mit dem Titel "Die Unidad Popular" überspielt. Man kann ihn aber auch auf meiner Homepage nachlesen:

http://www.katharinakellmann.de (Internationale Entwicklungen)

Meiner Meinung nach scheiterte an Allende an eigenen Fehlern und am politischen Druck der USA. Dass er in der DDR geehrte wurde, bedeutet nur, dass er Beifall von der falschen Seite bekam.

Salvador Allende wurde 1908 geboren. Seine Familie sympathisierte mit den linksliberalen Radikalen. Allende studierte Medizin und wurde Berufspolitiker. Er bekannte sich zum Marxismus, lehnte aber den real existierenden Sozialismus oder das 'kubanische Modell' ab. Sein Ziel war die Durchsetzung einer sozialistischen Politik im Rahmen der bestehenden Verfassung mit dem Ziel, Armut und Fehlentwicklung in Chile zu überwinden. Er wollte die Demokratie nicht missbrauchen, um sie abzuschaffen.

Allende wagte 1970 seine vierte Kandidatur für das Präsidentenamt. Sein Sieg war knapp und musste vom Kongress, der Versammlung von Abgeordneten und Senatoren, bestätigt werden.

Die Unidad Popular (UP) begann ihre Arbeit unter günstigen Bedingungen. Der Vorgänger von Allende, der Christdemokrat Eduardo Frei, hatte von 1964 bis 1970 (Präsidenten wurden nach der Verfassung von 1925 für eine einmalige Amtszeit von sechs Jahren gewählt) bereits eine „Revolution in Freiheit“ gestartet – so der Name seines Regierungsprogramms. 1967 wurde eine Agrarreform verabschiedet, die es ermöglichte, Land an die Bauern zu verteilen, dass von Großgrundbesitzern nicht bewirtschaftet wurde.

Allende konnte bei einem seiner wichtigsten Reformvorhaben – der Nationalisierung des Kupfers – sogar auf die Unterstützung der konservativen Nationalpartei rechnen.

1971 gewann die UP die Kommunalwahlen und das Land erlebte einen Wirtschaftsaufschwung. Das wäre der Zeitpunkt gewesen, um mit der stärksten chilenischen Partei, den Christdemokraten (PDC), einen Kompromiss über eine Verfassungsreform zu schließen. Die Christdemokraten hatten sich nach links entwickelt, definierten sich als Partei des „christlichen Sozialismus“ und boten Allende einen Kompromiss an: In Chile sollte es fortan einen staatlichen Wirtschaftssektor, einen gemischten Wirtschaftssektor und einen reinen kapitalistisch organisierten Teil der Wirtschaft geben. Der rechte Flügel der stärksten chilenischen Partei unter Frei lief Sturm dagegen. Die Scharfmacher in den eigenen Reihen hinderten Allende daran, auf das Angebot einzugehen.

1972 verschlechterten sich die Rahmenbedingungen. Die Landwirtschaftsreform konnte aufgrund des Gesetzes von 1967 fortgeführt werden; bei der Verstaatlichung von Industriebetrieben bediente sich die Regierung Allende eines zweifelhaften Tricks. Nach einem Dekret aus den dreißiger Jahren konnte ein Betrieb unter staatliche Kontrolle gestellt werden, wenn er für die Wirtschaft des Landes wichtig war und die Produktion gefährdet schien. Anhänger der Unidad Popular riefen einen Streik aus, und die Regierung intervenierte. Die Investitionstätigleit der noch freien Unternehmer ging zurück. Das Reformpaket der Christdemokraten hätte es ermöglicht, einen Teil der Wirtschaft legal in Staatseigentum zu überführen.

1972 setzten sich in der PDC die Gegner einer Zusammenarbeit mit der UP durch. Innerhalb der Regierungskoalition kam es ebenfalls zu Auseinandersetzungen. Gerade die Sozialisten, die Partei Allendes, bereitete dem eigenen Präsidenten Schwierigkeiten. Die Kommunisten wollten die planlose Verstaatlichungspolitik einschränken, während die Radikalen, eine linksliberal-sozialdemokratische Partei, die bei den Wahlen 1970 bürgerliche Wähler für Allende gewonnen hatte, auseinanderbrach.

Allende wusste, wie wichtig die Radikale Partei war, aber an der Basis der UP hatte sich eine Dynamik und Begeisterung entwickelt, die den Präsidenten unter Druck setzte. Mehrmals musste der „Genosse Allende“ bei illegalen Betriebsbesetzungen einschreiten, denn nur er besaß die Autorität, diese rechtswidrigen Maßnahmen zu beenden. Die Polizei wollte er nicht einsetzen.

Einer der größten Gegner Allendes befand sich in der eigenen Partei: Carlos Altamirano, der Generalsekretär der Sozialisten. Er redete unentwegt von Revolution (aber einer marxistischen) und schürte dadurch Revolutionsängste, die der Rechten in die Hände spielten. Allende hatte nie den Bürgerlichen angedroht, ihnen die Villa oder den Tennisplatz wegzunehmen. Aber in Chile entstand ein Klima der Konfrontation. Die wirtschaftlichen Probleme wuchsen, und die Wirtschaftspolitik der UP hatte daran ihren Anteil.

Nun traten die USA auf den Plan. Sie unterstützten 1972 die Streiks von Fuhrunternehmern. Bei der geographischen Lage Chiles musste sich ein solcher Streik verheerend auf die Versorgung der Bevölkerung auswirken. Allerdings löste der Streik im Regierungslager einen Mobilisierungsschub aus, und die Regierung überstand die Krise.

Trotz schlechter Wirtschaftsdaten konnten die Parteien der UP bei den Parlamentswahlen 1973 im Vergleich zu den Wahlen von 1969 acht Prozent gewinnen (von 36% auf 44% der Stimmen). Die Opposition – Christdemokraten und Nationale – erreichten zwar 56 %, aber diese einfache Mehrheit reichte nicht dazu, Allende seines Amtes zu entheben.

In den nächsten Monaten bis zum Putsch der Militärs am 11. September 1973 verschärfte sich die Krise und beide Seiten waren dafür verantwortlich. Ab August 1973 steuerten die Christdemokraten unverhohlen auf den Putsch zu in der Hoffnung, dass die Militärs nach dem Sturz Allendes Neuwahlen ausschreiben würden, die aller Wahrscheinlichkeit mit einem Sieg der PDC geendet hätten.

Am 11. September 1973 geschah das Unglück. Die Militärs übernahmen die Macht und gaben sie bis 1989 nicht ab. Folter und Gewalt gegen politische Gegner waren an der Tagesordnung. Zuerst wurden die Parteien der UP verboten; später auch die Christdemokraten. Die Nationalpartei löste sich freiwillig auf.

Zweifellos hat Allende Fehler gemacht. Aber sein Versuch, Sozialismus und Demokratie zu verbinden, stieß auch in Moskau auf Misstrauen. Angeblich soll die Führung der Sowjetunion Nixon gegenüber erklärt haben, dass man einen von der USA unterstützen Militärputsch in Chile nicht als unfreundlichen Akt interpretieren würde. Wenn die Geschichte so stimmt - war man in Moskau froh, dass es keinen zweiten „Prager Frühling“ gab?

Man sollte Allende nicht zum Helden verklären. Der ökonomische Druck der USA wirkte sich erst aus, als die UP im eigenen Land in die Defensive geriet. Die Unterstützung für die Putschisten ist eine Schande für Amerika.

Doch eine Tatsache bleibt erwähnenswert: Bis zum 11. September 1973 gab es in Chile keine Gulags und keine politischen Gefangenen.
Geschichte sollte so geschrieben werden, wie man eine Geschichte erzählt - lebendig und an den Fakten orientiert. Meine Homepage: http://www.katharinakellmann-historikerin.de/
 
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1973: Putsch in Chile-Haltung der Sowjetunion (Breschnew)

10.12.2014, 19:21

Katarina Ke hat geschrieben:
Zweifellos hat Allende Fehler gemacht. Aber sein Versuch, Sozialismus und Demokratie zu verbinden, stieß auch in Moskau auf Misstrauen. Angeblich soll die Führung der Sowjetunion Nixon gegenüber erklärt haben, dass man einen von der USA unterstützen Militärputsch in Chile nicht als unfreundlichen Akt interpretieren würde. Wenn die Geschichte so stimmt - war man in Moskau froh, dass es keinen zweiten „Prager Frühling“ gab?


Die Frage ist, ob das wahr ist, aber ich kann mir das gut vorstellen. Ein Prager Frühling irgendwo in Südamerika dürfte Breschnew egal gewesen sein. Eher war es einfach die Akzeptanz des Status Quo, dass man sich in Südamerika nicht einmischen würde - das war ja machpolitisch ohnehin nicht real, eine weitere Krise a la Kuba 1963 wollte man nach den Erfahrungen sicher nicht mehr. Schliesslich soll Brežněv den in die Sowjetunion verschleppten Regierungsmitglieder der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei gesagt haben, Johnson hätte ihm zugesichert, "die Tschechoslowakei gehört" Euch.

Öffentlichkeitswirksame Rhetorik war von solchen Absprachen nicht betroffen, ebenso Gesten, wie die Weigerung der Sowjetunion, im Stadion von Chile das WM Qualifikation Spiel zwischen Chile und Sowjetunion auszutragen. Die FIFA wertete dann das nicht ausgetragene Spiel zu Gunsten Chiles, die dann an der WM in der BRD 1974 teilnahm.

Man sollte Allende nicht zum Helden verklären.


Held oder Märtyrer, das ist hier die Frage. Aber ganz bestimmt jemand, der so nicht sein Schicksal verdient hat.
 
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Re: 11. September 1973: Blutiger Putsch gegen Salvador Allen

10.12.2014, 19:57

Katarina Ke hat geschrieben:
Ich habe Ralph mal einen Beitrag für das Magazin mit dem Titel "Die Unidad Popular" überspielt. Man kann ihn aber auch auf meiner Homepage nachlesen:


Voilà: http://geschichte-wissen.de/zeitgeschic ... lende.html
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He has called on the best that was in us. There was no such thing as half-trying. Whether it was running a race or catching a football, competing in school—we were to try. And we were to try harder than anyone else. We might not be the best, and none of us were, but we were to make the effort to be the best. "After you have done the best you can", he used to say, "the hell with it". Robert F. Kennedy - Tribute to his father
 
Katarina Ke
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Re: 11. September 1973: Blutiger Putsch gegen Salvador Allen

11.12.2014, 00:05

Marek: Da stimme ich dir zu; er hat politische Fehler gemacht, aber die Junta versuchte erst gar nicht, ihm Bestechung oder Bereicherung vorzuwerfen - da gab es nichts.

Da Allende aus dem gehobenen Bürgertum kam, versuchte man es zu Lebzeiten mit dem Vorwurf des Salonbolschewismus. So berichtete eine einflussreiche Tageszeitung, eine seiner Töchter hätte auf ihrer Geburstagsparty die Nacht durchgetanzt. Die junge Dame war aber gehbehindert; das Tanzvergnügen also eine Erfindung der Presse. Allende soll sehr wütend gewesen sein.

Die Information über den vermeintlichen Deal zwischen Nixon und der sowjetischen Führung entnahm ich einer Dokumentation bei Arte. In meinem Aufsatz habe ich nichts darüber geschrieben, einfach weil mir die Quellen fehlen.

Zur Idealisierung Allendes trug auch die Linke bei. Castro verbreitete die These, dass Allende ermordert worden sei. Jede Diskussion über Fehler der Unidad Popular war "Verrat an der guten Sache".

Und man muss fairerweise sagen, dass nicht wenige Chilenen den Putsch 1973 begrüßten, glaubten sie doch, die Militärs würden nach wenigen Wochen Neuwahlen abhalten. Und wer kaufte schon bald chilenisches Kupfer? Die DDR.

Das Geld floss in die Taschen der Militärs - offiziell in den Haushalt der Streitkräfte. Pinochet gab die Kupferminen meines Wissens nicht den Amerikaneren zurück.
Geschichte sollte so geschrieben werden, wie man eine Geschichte erzählt - lebendig und an den Fakten orientiert. Meine Homepage: http://www.katharinakellmann-historikerin.de/